Kapitel 6

Paige hielt vor dem schmiedeeisernen Tor ihres zu Hauses und stellte den Motor ab. Sie wußte, dass sie nicht ewig der Konfrontation mit ihrem Vater aus dem Weg gehen konnte, aber für einen kurzen Moment wolle sie noch die Stille und das allein sein genießen.
Sie hatte die Party ohne großes Aufsehen verlassen. Nachdem sie in das Wohnzimmer zurück gekehrt war um ihren Pullover zu holen, der immer noch auf dem Boden in einer Ecke lag, hatte sie sich suchend nach Nick umgesehen. Sie wollte sich verabschieden und dann auf dem schnellsten Weg zu ihrem Auto.
Doch als sie ihn schließlich entdeckte, tanzte er eng umschlungen mit einer rothaarigen Schönheit. Sie hatte vertraulich ihren Kopf an seine Schulter gelegt und Nick flüsterte ihr etwas ins Ohr, was sie zum Lachen brachte.
Für einen Moment starrte Paige auf diese Szene und konnte sich nicht entscheiden, ob sie nun enttäuscht war oder froh, dass er sie so schnell vergessen hatte. Sie entschied sich schließlich, das es gar nicht schaden konnte, wenn seine Aufmerksamkeit von ihr abgelenkt wurde und war ohne Verabschiedung gegangen. Er würde sie wohl kaum vermissen.
Jetzt saß sie hier in ihrem Wagen, den Blick fest auf das Armaturenbrett gerichtet um nicht die triste Villa anschauen zu müssen und überlegte, was sie ihrem Vater erzählen sollte.
Schließlich entschied sie, dass keine Ausrede der Welt gut genug sein würde und so startete sie den Motor um sich dem Unvermeidlichen zu stellen.

Als sie das Haus betrat war alles ruhig und dunkel. Für einen kurzen Moment keimte Hoffnung in ihr auf. Vielleicht war ihr Vater schon im Bett und sie konnte sich im Licht des neuen Tages seiner Moralpredigt stellen.
Paiges Hochgefühl hielt genau so lange an, bis sie leise ihre Zimmertür öffnete. Das erste was sie bemerkte, war die Schreibtischlampe die brannte und einen unregelmäßigen Kreis von Helligkeit in die Dunkelheit schnitt.
In dem Moment in dem sie das Zimmer betreten hatte, sah sie eine Bewegung knapp außerhalb des Lichtkreises und sie zuckte erschrocken zusammen.
„Wo kommst Du jetzt her?“ hörte sie die gefährlich leise Stimme ihres Vaters und sie begann augenblicklich zu zittern. Hätte er sie angebrüllt, wäre alles halb so schlimm, aber die mühsam unterdrückte Wut in seinen wenigen Worten lies sie das Schlimmste vermuten.
„Ich ... habe Mum besucht,“ brachte sie irgendwie heraus und blieb weiterhin unbeweglich mit der Hand an der Türklinke stehen.
„So weit ich mich erinnern kann hatte ich Dir gesagt, dass Raven vorbei kommt um Dich zu sehen, richtig?“ fuhr ihr Vater fort.
„Ich weiß, aber ... ,“
„Ist das richtig?“ donnerte ihr Vater und Paige machte unwillkürlich einen Schritt zurück.
„Das ist richtig,“ sagte sie leise und mußte ihre gesamten Kräfte aufbieten um nicht einfach auf dem Absatz kehrt zu machen und davon zu laufen.
„Warum also, frage ich Dich, warum zum Teufel warst Du nicht hier?“
Er hatte sich von ihrem Bett erhoben und trat nun in den Lichtkegel, der seiner massigen Gestalt das Aussehen eines Dämonen gab und Paige spürte die ersten Tränen in ihrer Kehle aufsteigen.
Jetzt bloß nicht heulen dachte sie verzweifelt nur nicht losheulen.
„Ich war bei Mum,“ wiederholte sie und war fast etwas stolz darauf, dass ihre Stimme fest und beherrscht klang.
„Bis um drei Uhr morgens?“ fragte ihr Vater und seine Stimme troff vor Sarkasmus.
„Ich brauchte danach etwas Zeit für mich,“ gab Paige stur zurück.
„Zeit für mich ... ,“ murmelte ihr Vater als könne er es nicht glauben „wann wirst Du endlich begreifen, dass es hier nicht um Dich geht? Verdammt noch mal, hast Du denn gar nichts gelernt?“
„Dad ich ... ,“ doch er lies sie nicht ausreden. Er trat noch einen Schritt auf sie zu, packte ihren Arm und zog sie in das Zimmer. Hilflos stolperte sie hinter ihm her und landete schließlich unsanft auf dem Bett.
„Jetzt hör mir mal zu mein Fräulein,“ sagte er, wieder gefährlich leise, zog sich ihren Schreibtischstuhl heran und setzte sich Paige gegenüber. Ihr Fluchtweg war abgeschnitten - um zur Tür zu kommen mußte sie an ihm vorbei.
Nicht, das er ihr etwas tun würde. Kyle Robinson hatte es nicht nötig sich mit Gewalt Gehör zu verschaffen. Er hatte andere Mittel.
„Du ... bist eine Robinson, die Erbin von Allem, was ich aufgebaut habe. Ich werde mir mein Lebenswerk nicht kaputt machen lassen nur weil meine Tochter irgendwelche Flausen im Kopf hat.
Ich zahle Deine Ausbildung und Deine Rechnungen und das Einzige was ich dafür verlange ist Loyalität.“
Paige senkte den Blick. Sie wußte genau, dass es ihm nicht um Loyalität ging. Hier ging es um Kontrolle und bedingungslosen Gehorsam, aber sie würde sich hüten ihrem Vater gegenüber irgendetwas davon zu erwähnen.
„Weißt Du überhaupt was Loyalität ist?“
Sie wußte, er erwartete keine Antwort. Dies hier war sein Spiel, seine Art, sein Gesicht zu wahren, seine Methode sie klein zu halten.
„Loyalität ... ,“ er schien sich das Wort auf der Zunge zergehen zu lassen „heißt, dass Du hier an meiner Seite bist, dass Du Dich für die Firma engagierst und Dich um Raven kümmerst. Er ist Deine Zukunft. Er und die Firma. Alles andere ist unwichtig und hat Dich nicht zu kümmern.
Manchmal wünschte ich Deine unfähige Mutter hätte mir einen Sohn geschenkt.“
„Lass Mum da raus,“ fuhr Piage auf und erreicht nur, dass ihr Vater sich zu seiner vollen Größe aufrichtete und sich drohend zu ihr hinüber beugte.
„Ich sage was und wann ich es will und Deine Mutter ist nicht viel besser als Du. Auf keinen von Euch beiden kann man sich verlassen. Was soll nur aus Euch werden, wenn ich nicht mehr bin, hast Du Dir darüber einmal Gedanken gemacht?
Nein, natürlich nicht. So weit denken die Frauen in der Robinson Familie nicht. Um es noch einmal ganz deutlich zu sagen. Zu erst kommt die Firma und dann lange, lange nichts. Nicht Du und schon gar nicht Deine Mutter.
Und wenn ich das sage, dann meine ich das auch genau so.“
Er lehnte sich wieder zurück und Paige versuchte den Druck ihrer Zähen auf ihre Zunge zu verringern. Der Geschmack von Blut breitete sich in ihrem Mund aus, doch sie starrte weiterhin in das wutverzerrte Gesicht ihres Vaters.
„Du wirst die nächsten zwei Wochen ins College gehen und danach auf direktem Wege nach Hause kommen. Keine Ausflüge, keine Lernkreise und schon gar keine Partys oder heimliche Vergnügungen mitten in der Nacht. Haben wir uns verstanden?“
Paige antwortete nicht.
„Haben wir uns verstanden?“ brüllte er nun und packte dabei ihr Handgelenk.
„Ja Dad, ja, ich habe verstanden,“ entgegnete Paige und versuchte den Schmerz in ihrem Arm zu ignorieren.
„Gut. Lance wird dafür sorgen, dass Du meine Regeln endlich befolgst.“
„Was soll das heißen?“ zum ersten Mal fühlte Paige wirkliche Angst.
„Ich muß morgen früh für zwei Wochen nach Tokio zu einem Kundengespräch. Lance wird Dich zur Uni fahren und Dich dort auch wieder abholen. Ich will keine Eskapaden, haben wir uns verstanden? Wenn ich wieder zurück bin werden wir uns über Deine Zukunft unterhalten.“
Wer zum Teufel war Lance?
„Ich werde jetzt ins Bett gehen und Dir empfehle ich das Gleiche.“
Mit diesen Worten lies Kyle endlich ihren Arm los und erhob sich. An der Zimmertür drehte er sich noch einmal zu ihr herum.
„Mit dem Herumlungern ist jetzt ein für alle Mal Schluß. Es wird Zeit, dass Du erwachsen wirst. Raven hat um Deine Hand angehalten. Wenn ich zurück bin sollten wir uns gemeinsam Gedanken um die Hochzeit machen.“
Und schon hatte er die Tür hinter sich zu gezogen und die völlig entsetzte Paige alleine zurück gelassen.
„Zukunft?“ flüsterte sie leise, während sie sich ihr schmerzendes Handgelenk rieb „welche Zukunft?“
Sie schaute zur Decke immer noch bemüht die Tränen zurück zu halten. Gab es denn niemanden, der auf ihrer Seite stand? Irgendjemand der kommen würde um sie aus diesem Gefängnis zu befreien?
Die Wahrheit traf sie wie ein Guß eiskaltes Wasser. Da war niemand. Die, die wußten wer sie war, gingen ihr aus dem Weg und die, die sie zu ihren Freunden zählte, konnten ihr nicht helfen.
Sie steckte fest. Sie sah sich an Ravens Arm vor dem Traualtar stehen und schüttelte den Kopf. Er würde die Firma übernehmen, sie würde nur ihren Namen geben und dafür sorgen, dass sie weiterhin in der Hand ihrer Familie blieb. Ansonsten würde sie zu Hause sitzen, Wohltätigkeitsveranstaltungen organisieren, Teegesellschaften geben und irgendwann würde sie enden wie ihre Mutter.
Verzweifelt, hoffnungslos, klein und unbedeutend.
„Nein,“ sagte sie laut in die Stille ihres Zimmers hinein „damit muß Schluß sein.“
Sie stand auf, zog eine rote Sporttasche aus ihrem Schrank hervor und begann wahllos einige Kleidungsstücke hinein zu werfen.
Obenauf packte sie einige persönliche Dinge ... ein Bild ihrer Mutter, ihr Tagebuch, Discmann, ein paar CDs, Toilettenartikel und oben auf ihren alten, abgenutzten Teddy, den ihre Großmutter ihr geschenkt hatte, als sie noch ganz klein war.
Ein letztes Mal sah sie sich in ihrem Zimmer um, stellte fest, dass sie nichts vermissen würde und öffnete leise die Tür.
Zum zweiten Mal heute floh sie aus diesem kalten Haus, aber diesmal würde sie nicht zurück kommen.
Flüchtig schoß ihr der Gedanke an ihre Mutter durch den Kopf. Konnte sie sie wirklich mit ihrem Vater alleine lassen?
Hatte sie eine andere Wahl?
Der Kies knirschte leise, als sie mit schnellen Schritten die Auffahrt hinunter lief und gleich darauf verschmolz sie mit den Schatten der Straße.

Kapitel 7