Kapitel 5

Das Haus, vor dem sie eine viertel Stunde später anhielten, lag in einer kleinen Vorstadtsiedlung L.A.s. Es sah aus, wie alle anderen Gebäude in dieser Straße. Zweistöckig und aus weißen Holzbalken erbaut, ein überdachter Eingang und zwei Garagen, die sich links an das Haus schmiegten.
Nick parkte den Wagen und holte die Getränke aus dem Kofferraum, während Paige neben dem Mercedes stehen blieb und das Haus betrachtete.
Das laute Wummern der Bässe hallte auf die Straße, dazwischen war lautes Gelächter zu hören. Die Party schien in vollem Gang zu sein.
Paige wurde es etwas mulmig. Normalerweise vermied sie es, sich in große Menschenmengen zu begeben, zu groß war die Gefahr, dass sie jemand erkannte und ihre Tarnung aufflog.
Doch Nick kam gerade um den Wagen herum und es gab für sie wohl keine Chance dem Ganzen zu entkommen, also beschloss sie das beste daraus zu machen.
Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie das letzte mal tanzen war.
„Wollen wir?“ fragte Nick, der wohl schon eine Weile neben ihr stand und darauf wartete, dass sie aus ihren Gedanken wieder auftauchte.
„Klar,“ gab Paige zurück und folgte Nick die kleine Auffahrt hinauf.
Sie hatten die Haustür fast erreicht, als diese schwungvoll aufgerissen wurde und ein junger Mann mit dunklen Haaren und einem breiten Grinsen im Türrahmen erschien.
„Nickey-Boy,“ rief er laut und umarmte seinen Freund „das ich das noch erleben darf. The star himselfe beehrt mich in meiner bescheidenen Hütte.“
„Hey Tony,“ lachte Nick „Du weißt doch, ich verzehre mich jede Sekunde vor Sehnsucht nach Dir.“
„Wen hast Du uns denn da mitgebracht,“ fragte Tony interessiert und streckte Paige die Hand entgegen, die diese ergriff.
„Das ist Paige,“ stellte Nick vor „und das ist mein bester Freund Tony.“
„Hallo Tony,“ sagte Paige und versuchte ihr Gesicht nicht vor Schmerz zu verziehen, da Tony unglaublich fest ihre Hand drückte „und es wäre nett, wenn Du noch etwas von meiner Hand übrig lassen könntest,“ fügte sie deshalb gequält lächelnd hinzu.
Tony lachte und lies sofort ihre Hand los „tut mir leid, bin etwas überdreht im Moment. Aber jetzt kommt erst einmal herein.“
Paige betrat hinter Tony das Haus und blieb erst einmal nahe der Eingangstüre stehen.
Das Haus quoll förmlich über vor Menschen. Von ihrem Platz aus konnte sie einen Blick in das Wohnzimmer zu ihrer Linken werfen. Im ersten Moment sah sie nur Arme, Beine und Köpfe, die sich im Takt der unglaublich lauten Musik bewegten.
Im Flur standen die Leute dicht gedrängt und unterhielten sich, tranken dabei Bier oder undefinierbare Flüssigkeiten aus Plastikbechern.
Eine Treppe führte von hier in den ersten Stock und auch dort saßen überall Leute auf den Stufen und waren in mehr oder weniger angeregte Unterhaltungen vertieft.
Zu ihrer rechten führte ein schmaler Gang in die Küche. Dort schien noch am ehesten Platz zu sein. Sie wollte sich schon in diese Richtung wenden, als Nick unvermittelt ihre Hand nahm und sie mit einem „dann stürzen wir uns mal ins Getümmel,“ hinter sich her in Richtung Wohnzimmer zog.
Als sie sich durch die erste Menschentraube an der Tür gezwängt hatten, Nick fast jede Hand geschüttelt und unzählige Male auf die Schulter geklopft bekommen hatte, verteilten sich die Menschenmassen etwas großzügiger in dem großen Raum und Paige hatte das Gefühl endlich wieder atmen zu können.
Sofort wurde sie von der dröhnenden Musik davon gerissen. Nelly sang davon, dass er die unangefochtene Nummer eins sei und Paiges Beine bewegten sich von ganz alleine. Ungeduldig zog sie sich ihren Pullover über den Kopf und warf ihn unbeachtet in eine Ecke, dann sah sie auffordernd zu Nick hinüber und ein breites Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Tony war irgendwo in den tiefen des Hauses mit Nicks Bier verschwunden und so langsam verblassten alle anderen Gesichter um Paige herum.
Sie machte noch ein paar Schritte in die Mitte des Raumes hinein um etwas mehr Platz zu haben und überlies sich dann ganz der Musik.
Am Rande nahm sie wahr, dass sich Nick zu ihr gesellt hatte und gemeinsam bewegten sie sich zu den schnellen Rhythmen der Musik, während der Bass ihre Herzen und Mägen zum vibrieren brachte.
Nelly wurde von Destiny’s Child abgelöst, danach folgten B2K und Eminem. Paige fühle, wie die ganze Last des vergangenen Tages von ihr abfiel. Sie dachte weder an ihren Vater, noch an ihre Mum, sie verdrängte den Gedanken an ihre Heimkehr und sie konnte sogar für einen Augenblick vergessen, wer sie wirklich war.
Als Toni Braxten schließlich mit ihrer rauchigen Stimme anfing zu singen, rückte Nick ein Stück näher. Er umfasste Paiges Taille und zog sie zu sich heran.
Sie konnte sich nicht erinnern, jemals mit einem so hervorragenden Tänzer zusammen getanzt zu haben. Er vereinte Rhythmusgefühl und Eleganz, schien schon im Voraus zu wissen, wie und in welche Richtung sie sich bewegen würde und für einen endlos scheinenden Augenblick schien zu schweben.
Unvermittelt beugte er sich zu ihr hinunter, hauchte ihr einen Kuss auf die Wange und flüsterte dann in ihr Ohr „ich habe, glaube ich, noch nie jemanden so glücklich strahlen sehen.“
Er richtete sich wieder auf um ihre Reaktion zu betrachten. Tatsächlich leuchtete ihr Gesicht, ihre Wangen waren sanft gerötet und ihre Lippen waren leicht geöffnet.
Für einen kuzen Augenblick war er versucht sie zu küssen. In diesem Augenblick erschien sie ihm so schön wie ein Engel. Ihre blonden, langen Haare strichen ihm bei jeder Bewegung über die Finger und ein angenehmes Prickeln breitete sich von seinen Fingerspitzen über seinen gesamten Körper aus.
Er mußte zugeben, das nicht einmal Candice, nur mit einem Augenaufschlag oder einer Bewegung ihrer schmalen Hüften, diese Empfindungen in ihm hatten hervorrufen können.
Doch dieses Gefühl verflüchtigte sich sofort, als Paige lediglich verbindlich lächelte, sich auf die Zehenspitzen stellte und ihm „ich hole mir mal etwas zu trinken, möchtest Du auch etwas?“ über die Musik hinweg ins Ohr brüllte.
Er nickte automatisch, formte mit den Lippen das Wort „Bier“ und schon war sie in der Menschenmenge verschwunden.
Für einen Moment hielt er noch nach ihr Ausschau, mußte dann aber feststellen, dass das keinen Sinn machte und wollte sich gerade aus der Menge der Tanzenden herauswinden, als er von hinten umschlungen wurde und ihm eine weibliche Stimme „Hallo Nick,“ ins Ohr hauchte.
Er drehte den Kopf etwas zur Seite, sah aus den Augenwinkeln ein ihm unbekanntes weibliches Gesicht und drehte sich dann ganz zu ihr herum.
„Kennen wir uns?“ rief er um die laute Musik zu übertönen.
„Nein, aber was nicht ist kann ja noch werden,“ lächelte sie.
Sie war ausgesprochen hübsch, ohne Zweifel. Ihre roten Haare standen modisch gestylt von ihrem Kopf ab, ihre tiefblauen Augen leuchteten angriffslustig und ihre schmalen Hüften bewegten sich nahe an seinen.
„Eine Jägerin auf der Jagd“ schoß es ihm durch den Kopf und komischer Weise störte ihn das im Moment in keinster Weise.
„Hast Du auch einen Namen,“ fragte er nahe an ihrem Ohr.
„Miranda,“ flüsterte sie und ihre Lippen streiften dabei aufreizend seinen Hals.
Er fasste sie etwas fester und begann mit ihr zu tanzen. Im selben Moment stellt er fest, das er Paiges geschmeidige Bewegungen vermisste. Er schüttelte den Kopf um sich von diesem Gedanken zu befreien. Irgendwie war er sich sicher, das sie so schnell nicht mehr auftauchen würde. Aus irgendeinem Grund hatte er sie erschreckt und er nahm sich vor, sich dieses Mädchen ein für alle mal aus dem Kopf zu schlagen.
Das letzte was er jetzt gebrauchen konnte war ein neues weibliches Wesen an das er sein Herz hängte. Da war ihm Miranda doch um einiges lieber. Ein Abenteuer ohne Verpflichtung.

Paige hatte sich mit einiger Mühe bis zur Küche vorgekämpft und öffnete den Kühlschrank. Ein Schwall kalter Luft schlug ihr entgegen und genüsslich schloss sie die Augen.
„Hallo hübsche Frau,“ ertönte es plötzlich hinter ihr und erschrocken zuckte sie zusammen. Langsam drehte sie sich herum. Mit einem schnellen Blick stellte sie fest, dass sie den Mann noch nie vorher gesehen hatte und Erleichterung breitete sich in ihr aus.
„Hallo betrunkener Mann,“ gab sie zurück als sie bemerkte, dass sich ihr Gegenüber nur schwer gerade halten konnte.
„So ganz alleine hier,“ nuschelte der Typ und stütze sich dann schwer neben sie auf die Arbeitsplatte auf.
Schnell griff sich Paige zwei Flaschen Bier aus dem Kühlschrank und schloss diesen dann mit Nachdruck.
„Sehe ich so aus, als wäre ich alleine unterwegs?“ fragte sie mit einem nachsichtigen Lächeln und lies den verblüfften Kerl einfach stehen.
Im Flur wurde sie erneut aufgehalten. Diesmal von zwei jungen Männern, die wesentlich nüchterner und vertrauenerweckender aussahen.
„Hi, ich bin Collin,“ sagte der eine und deutete dann mit der Bierflasche in seiner Hand auf seinen Freund „und das hier ist Harvey, aber er mag seinen Namen nicht besonders.“
Harvey sah etwas verlegen aus, während Collin freundlich auf Paige hinunter lächelte.
„Ich bin Paige,“ gab sie zurück „und ich mag meinen Namen auch nicht besonders,“ fügte sie an Harvey gewandt hinzu, der sich darauf hin schon etwas wohler in seiner Haut zu fühlen schien.
„Wir haben eine Wette auf Deinen Namen abgeschlossen,“ sagte Collin „aber so wie es aussieht haben wir jetzt beide verloren.“
„Auf was hattet ihr denn getippt?“ während sie das sagte schaute sie unentschlossen auf die Beiden Flaschen in ihrer Hand hinunter. Kaltes Kondenswasser lief über ihre Finger und Nick war sicherlich schon halb am Verdursten.
Andererseits hatte sie keine große Lust zu ihm zurück zu gehen. Er hatte vorhin so einen Ausdruck in den Augen gehabt ... sie konnte es schlecht beschreiben. Eine Mischung aus Neugier und echter Bewunderung. Das konnte ihr gefährlich werden.
Es ging ihn nichts an wer oder was sie war. Er brauchte nicht zu wissen, wie sie normalerweise ihre Tage und Nächte verbrachte und sie wollte schon gar nicht, das sie irgendwann feststellen mußte, dass sie ihn genau so sehr begehrte, wie er sie.
Kurz entschlossen stellte sie eine Flasche auf einen kleinen Sekretär der neben ihr im Flur stand und drehte von der anderen den Verschluß auf. Wenn er Durst hatte, sollte er sich doch selbst eine Flasche holen.
„Ich hatte auf Christina getippt,“ sagte Harvey gerade und schaute dabei wieder etwas verlegen drein.
Paige beschloss, sich so bald wie möglich von dieser Party ab zu setzen. Sie brauchte ein Telefon um sich ein Taxi zu rufen, damit sie ihren Jaguar von dem Parkplatz vor dem Einkaufszentrum abholen konnte und dann würde sie wohl oder übel nach Hause fahren müssen.
„Also ich habe ja schwer mit Calista gerechnet, weißt Du ... wie Ally ... also in Echt ... Du verstehst?“ sagte Collin und fand sich dabei scheinbar unwiderstehlich.
Plötzlich fand Paige den Gedanken nach Hause zu fahren gar nicht mehr so schlecht.

Kapitel 6