Kapitel 4
Nick war nach der Geschichte am Strand auf direktem Wege nach Hause gefahren.
Das Surfen hatte ihm gut getan...der Kuß weniger. Wieder und wieder fragte er sich, wie es überhaupt so weit hatte kommen können. Er wollte doch nichts weiter, als ein wenig Ruhe finden und sich für einen Moment von den Wellen, dem Salzwasser und dem feinen Sandstrand von seinen trüben Gedanken ablenken lassen.
Dass es ihn allerdings so weit ablenken würde, dass er noch nicht einmal mit bekam, dass sich dieses attraktive Mädchen ihm näherte, hätte er allerdings nicht erwartet.
Wenn er ehrlich war, hatte er den Kuß tatsächlich bis zu dem Moment genossen, als ihm Candice wieder eingefallen war...also maximal drei bis vier Sekunden.
Diese Paige faszinierte ihn irgendwie. Sie schien keinerlei Zwängen zu unterliegen. Sie fuhr mitten am Tag zum Strand, stellte sich für ein paar Stunden auf ihr Surfboard und alles andere war ihr egal.
Na ja, eigentlich konnte er sich da nicht wirklich sicher sein, genau genommen wußte er überhaupt nichts über sie. Doch sie machte auf ihn einfach diesen Eindruck: Jung und ungebunden, sie tat nur das, auf was sie wirklich Lust hatte.
Manchmal wünschte er sich, ein wenig mehr wie sie zu sein. Nicht immer auf alle hören zu wollen und trotzdem genau das zu tun, was er sich so vorstellte, zwei Umstände, die sich leider schon von vorne herein ausschlossen.
Bedrückt sah er sich in seiner Wohnung um und wurde sich mal wieder schmerzhaft bewußt, dass er hier alleine war. Er hatte sich absichtlich ein Apartment in einem der Strandkomplexe ausgesucht, da er sich in großen Häusern mit dem vielen Platz unwohl fühlte. Welcher Mensch brauchte schon sechs Schlafzimmer, wenn ein Bett doch genügte?
Aber heute konnte ihn selbst der fantastische Ausblick auf den Strand und das angeregte Treiben auf der Promenade nicht von seinem Kummer ablenken.
Ich muß hier raus, dachte er, wobei sein Blick auf einen kleinen Zettel an der Pinnwand neben seinem Computer viel.
Partytime Samstag 20.00 Uhr, Du weißt was das bedeutet, oder? hatte sein Freund Tony ihm vor ein paar Tagen hinterlassen. Der Zettel klebte an seiner Wohnungstür, als er mal wieder früh morgens aus dem Studio gekommen war, zu dem es ihn auch jetzt noch, nachdem das Album schon längst fertig und veröffentlich war, regelmäßig hin zog. Manchmal schien es ihm, als könne er nur dort er selbst sein.
Er wußte sehr wohl, was Partytime in Tonys Haus bedeutete. Bier und Frauen und das bis in die frühen Morgenstunden. Genau das, was ich jetzt brauche, murmelte Nick, während er ins Bad trat und die Dusche anstellte.
Eine Stunde später verlies er die Wohnung und machte sich auf den Weg in die Stadt. Jeder der bei Tony auftauchte, hatte seinen Mitgliedsbeitrag in Form von einem zehner Pack Bier zu entrichten.
Nicks Ziel war also das kleine Einkaufszentrum, das rund um die Uhr geöffnet hatte und zu dem auch ein Liquid-Store gehörte.
Er schüttelte leicht den Kopf als er an Europa dachte. Niemand wäre dort auf die Idee gekommen, Alkohol nur in bestimmten Geschäften und nur unter Vorlage von Ausweispapieren, die bescheinigten, dass der Kunde auch über 21 war, zu verkaufen.
Er parkte seinen Wagen auf dem im Moment beinahe menschenleeren Parkplatz vor dem Geschäft und wenig später kam er zufrieden mit zehn Flaschen Heineken Bier wieder heraus. Niemand hatte ihn angesprochen, niemand war kreischend auf ihn zugestürzt und hatte dabei laut seinen Namen geschrieen und er begann zu glauben, dass dieser Abend vielleicht doch ganz amüsant werden könnte.
Als er die Getränke im Kofferraum verstaute, fiel sein Blick auf eine schlanke Gestalt, die im kalten Licht des Schaufensters auf der Lehne einer Bank saß und gerade einen tiefen Schluck aus einer Bierflasche nahm.
Irgendetwas an den Bewegungen des Mädchens, wie sie den Kopf nach hinten lehnte und sich dabei mit einer Hand an der Bank fest hielt, erinnerte ihn an etwas. Langsam schloß er den Kofferraumdeckel. Wenn sie Pech hatte, würde gleich die Polizei auftauchen und sie im schlechtesten Fall direkt mit auf die Wache nehmen. Auf offener Straße Alkohol trinken war selbst hier, im relativ aufgeschlossenen L.A., strengstens verboten. Andererseits...was gingen ihn fremde, biertrinkende Menschen an?
Gerade als er um seinen Wagen herum ging um sich endlich auf den Weg zu Tonys Party zu machen, blickte die Fremde zu ihm herüber.
Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht und Nick erkannte Paige, die jetzt die Hand hob und zu ihm herüber winkte.
Gott, wie konnte man so viel Pech auf einmal haben? Gleich zweimal an einem Tag! Ob das Absicht war? Für einen kurzen Moment überlegte er tatsächlich, ob er einfach so tun sollte, als hätte er sie nicht erkannt, doch dann siegte sein schlechtes Gewissen. Er hatte sie einfach mit den ganzen Sachen am Strand sitzen lassen und das nur, weil er zu doof gewesen war zu merken, auf was das alles hinaus lief. Nein, er sollte zu hier hinüber gehen und wenigstens freundlich Hallo sagen.
Also schlenderte er zu der Bank hinüber, auf der Paige saß und ihm entgegen blickte.
Was ein Zufall, oder? fragte sie ihn, als er sie fast erreicht hatte.
Das habe ich mir eben auch gerade gedacht, entgegnete er und suchte dabei in ihrem Gesicht nach einem Hinweis, ob sie eventuell sauer auf ihn war, weil er so Hals über Kopf verschwunden war.
Doch sie wirkte, als hätte sie das alles schon längst vergessen.
Was machst Du denn hier? fragte er und setzte sich neben sie auf die Bank.
Ach...ich hatte keine große Lust nach Hause zu fahren. Also sitze ich hier, bis mir etwas besseres einfällt, antwortete sie leichthin, nahm einen weiteren Schluck von ihrem Bier und hielt ihm dann die Flasche entgegenen auch einen Schluck? fragte sie.
Er schüttelte den Kopf ich habe keine Lust den restlichen Abend auf einer Polizeiwache zu verbringen, antwortete er und dachte dabei an seine letzte Begegnung mit den Hütern des Gesetzes. Damals hatte ihm das einige Stunden Sozialdienst eingebracht und er hatte keine Lust, das noch einmal zu wiederholen.
Paige zuckte lächelnd mit den Schultern dann eben nicht.
Für eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander.
Warum... Ich dachte mir... begannen sie beide gleichzeitig und lachten dann.
Du zu erst, sagte Paige.
Ich habe gerade überlegt...also...wenn Du nichts anderes vor hast...ich bin auf dem Weg zu einer Party...vielleicht hast Du ja Lust mit zu kommen? Im selben Moment fragte er sich, warum er das jetzt gesagt hatte. Eigentlich verspürte er keine besondere Sehnsucht, sie auch noch den restlichen Abend um sich zu haben.
Bist Du Dir ganz sicher, dass Du das willst? fragte sie auch prompt und er sah sie etwas verdutzt an.
Wieso sollte ich fragen, wenn es anders wäre? Innerlich schlug er sich gegen die Stirn. Da gab sie ihm schon die Möglichkeit aus dieser Nummer heraus zu kommen und er rannte einfach weiter in sein Verderben.
Doch irgend etwas schien sich seit heute Nachmittag verändert zu haben. Vielleicht war es auch nur der Alkohol, aber sie wirkte, als könne sie heute Abend ein wenig Ablenkung vertragen.
Na gut, dann nehme ich Dein Angebot gerne an, lächelte sie und sprang von der Bank wollen wir?
Du bist von der ganz schnellen Truppe, oder? fragte er amüsiert und stand ebenfalls auf.
Man sollte keine Sekunde unnütz verstreichen lassen, grinste sie.
Ich verstehe, nickte er und ging ihr voraus zu seinem Wagen.
Wie bist Du denn überhaupt hier? fragte er, da er sich nicht sicher war, ob sie bei ihm mit fahren würde.
Für den Bruchteil einer Sekunde huschte ein Ausdruck von Unsicherheit über ihr hübsches Gesicht, doch dann schien sie wieder voll und ganz die alte zu sein.
Ich bin mit einem Taxi hier her gekommen. Dont drink and drive! sagte sie und schwenkte dabei ihre Bierflasche vor seiner Nase.
Na dann...steig ein, sagte er und öffnete ihr die Beifahrertür.
Wow, ein Mann mit Manieren, lächelte sie und lies sich in die Polster gleiten.
Yep, etwas von meiner guten Erziehung scheint dann doch hängen geblieben zu sein.
Sie kicherte immer noch, als er eingestiegen war und den Wagen langsam vom Parkplatz lenkte.
Während sie schweigend durch die Stadt fuhren, fragte sich Paige, ob es eine gute Entscheidung gewesen war, zu Nick in den Wagen zu steigen und auf diese Party zu gehen.
Ihr Vater war sicherlich jetzt schon am Rande eines Wutanfalls und wenn sie noch später nach Hause kam, würde es das sicherlich nicht besser machen.
Andererseits verspürte sie nicht die geringste Lust jetzt nach Hause zu gehen. Wenn sie Pech hatte, war Raven sogar noch da und seine schleimigen Komplimente und die versteckten Tadel, die sie manchmal ungemein an die ihres Vaters erinnerten, würde sie jetzt nicht ertragen können.
Wieder sah sie das Bild ihrer Mutter vor sich. Blass und schmal hatte sie in ihrem Bett gelegen und war auch nicht aufgewacht, als Paige vorsichtig ihre Hand genommen hatte.
Die Ärzte hatten ihr versichert, dass es ihrer Mutter schon besser ginge und sie einfach etwas Ruhe brauchte. War ja klar, dachte Paige grimmig alles was mehr als einen Kilometer von meinem Vater entfernt ist, tut ihr gut.
Ist alles in Ordnung? fragte Nick plötzlich in ihre Gedanken hinein und sie zuckte leicht zusammen.
Klar. Was sollte denn nicht in Ordnung sein?
Ich weiß nicht. Du sahst so...keine Ahnung...traurig aus.
Ach Du liebe Zeit dachte sie auch noch sensibel, das hat mir ja gerade noch gefehlt.
Laut sagte sie nein, nein, alles in bester Ordnung.
Für einen Moment blickte er noch unschlüssig zu ihr hinüber, schien sich dann aber zu entscheiden, dass es ihre Sache war und konzentrierte sich wieder auf die Straße.
Bei wem findet die Party denn statt? frage sie, um Nick von den Gedanken über sie ab zu lenken.
Bei meinem besten Freund Tony, gab er zurück und so etwas wie ein Lächeln spielte dabei um seine Lippen.
Kennt ihr Euch schon lange? fragte Paige weiter.
Schon eine Ewigkeit. Schon bevor..., er stockte.
...Du reich und berühmt warst, vollendete Paige den Satz und Nick warf ihr einen kurzen Seitenblick zu.
Ja, entgegnete er knapp.
Hey, ich habe damit kein Problem, o.k.?
Das sagen sie alle, gab er zurück und umfasste das Lenkrad fester.
Paige seufzte ich versteh Dich sehr gut. Es ist nicht leicht, wenn der Erwartungsdruck von allen Seiten so hoch ist und sich jeder an Deinen Rockzipfel hängt.
Erstaunt blickte Nick zu ihr hinüber wie meinst Du das?
Ich habe nur laut gedacht, beeilte Paige sich zu sagen so stelle ich es mir zumindest vor.
Sie tat so, als interessiere sie ein nicht vorhandener Fussel auf ihrer Jeans und betete dabei inständig, dass ihm diese Antwort genügen würde.
Ja, komischer Weise scheint sich das jeder zu denken, entgegnete er und eine gewisse Enttäuschung war deutlich aus seiner Stimme heraus zu hören.
Gut, er hatte es ihr abgekauft. Sie mußte vorsichtig sein. Er durfte auf keine Fall erfahren wer sie wirklich war. Am Ende würde er noch ihrem Vater begegnen und das war das Letzte, was sie wollte.
Jeder ihrer wahren Freunde hatte irgendwann vor diesem Mann kapituliert. Es war einfach nicht möglich, mit Paige befreundet zu sein, wenn ihr Vater einen nicht leiden konnte. Und da er grundsätzlich jeden ablehnte, der nicht auf eine Elite-Uni ging und einen entsprechenden Hintergrund auf zu weisen hatte, lagen für Paige die Chancen gleich bei Null mit jemandem Vernünftigen ihre Freizeit zu verbringen. Ein Musiker, auch wenn er noch so berühmt war, würde ganz sicher auf der untersten Stufe der Akzeptanzleiter ihres Vater stehen.
Also würde sie weiter ihre Rolle des einfachen Surfergirls spielen, das weder Familie noch einen Job hatte und trotzdem irgendwie ganz gut zurecht kam. Bei ihren wenigen anderen Freunden funktionierte das seit Jahren ausgesprochen gut.
Kapitel 5