Kapitel 3
Wie gewohnt parkte sie den BMW in einer gemieteten Garage mitten in der Stadt. Sie tauschte das T-Shirt und die kurzen Jeans gegen einen beigen Rock und eine weiße Bluse, kämmte ihr Haar zurück und steckte es mit einer Spange nach oben. Zum Schluß schlüpfte sie in ein paar luftige Sandalen und überprüfte ihr Aussehen durch einen kurzen Blick in den fast blinden Spiegel, der hinter dem Wagen an der Wand lehnte. Aus Paige dem Surfergirl wurde Paige Robinson, Tochter von Kyle und Shona Robinson, Erbin des Robinson-Imperiums, Insassin des engsten, goldenen Käfigs, den man sich vorstellen konnte.
Sie verlies die Garage aus einem Seitenausgang und durch eine schmale Seitengasse gelangte sie wieder auf die Hauptstraße, wo der dunkelgrüne Jaguar im abendlichen Dämmerlicht stand und auf sie wartete. Als sie sich in die hellbraunen, weichen Lederpolster sinken lies und den Wagen startete, stellte sie sich innerlich bereits auf das Donnerwetter ein, das sie zu Hause mit Sicherheit erwarten würde. Sie war länger als beabsichtig am Strand geblieben. Ihr Vater würde fuchsteufels wild sein, das er sie den ganzen Tag weder zu Gesicht bekommen, noch auf ihrem Handy erreicht hatte.
Mit der rechten Hand zog sie das kleine Telefon aus der Handtasche hervor, die sie im Handschuhfach verstaut hatte. Zehn Anrufe in Abwesenheit. Das schien schlimmer zu sein, als sie zunächst angenommen hatte.
Nichts Gutes ahnend fuhr sie schließlich durch das schmiedeeiserne Tor, das Jack der Wachmann dienst beflissen für sie öffnete und fuhr die Kiesauffahrt zu dem Herrenhaus hinauf, das sich drohend vor dem Abendhimmel abzeichnete. Mit seinen kleinen Türmchen an den vier Ecken und der breiten Treppe, die zu dem riesigen Eingangsportal führte, wirkte das Haus eher wie ein Schloß als wie eine Villa. Ein Luxusgefängniss, schoss es Paige durch den Kopf, während sie ausstieg und der Haustür zu strebte. Sie wappnete sich innerlich gegen das, was dahinter auf sie wartete und betrat die Eingangshalle.
Maria, das Hausmädchen, kam ihr mit ängstlichem Gesichtsausdruck entgegen.
Miss Robinson, Gott sei Dank sind sie endlich da. Ihr Herr Vater macht sich schon seit einigen Stunden riesige Sorgen um sie.
Wieso? Hat er Angst ich könnte durchbrennen und ihn mit seiner heißgeliebten Firma alleine sitzen lassen?
Reden Sie doch nicht so über ihren Vater. Er arbeitet Tag und Nacht um....,
Ist schon gut Maria, hörte Paige plötzlich die Stimme ihres Vaters und fuhr herum. Er stand in der Tür zu seinem Arbeitszimmer. Sein Jacket hatte er durch eine feine und bestimmt sündhaft teure Kaschmirhausjacke vertauscht, trug aber immer noch Krawatte und Hemd. Das typische ich-arbeite-zu-Hause-Outfit. Sein stahlgraues Haar, das an der Stirn langsam licht wurde, stand ungewohnt unordentlich von seinem Kopf ab. Seine Lesebrille baumelte an einem goldenen Kettchen um seinen Hals und alles in allem sah er müde und ausgelaugt aus. Zum ersten Mal überlegte Paige, ob vielleicht etwas passiert war.
Wo ist Mum? fragte sie deshalb auch alarmiert, aber sie bekam wie so oft keine Antwort. Statt dessen bedeutete ihr ihr Vater, ihm in sein Arbeitszimmer zu folgen.
Paige sah sich nach Maria um, um von ihr eventuell eine Antwort zu erhalten, doch diese war bereits lautlos in den Tiefen des Hauses verschwunden. Ihr blieb also nichts weiter übrig, als ihrem Vater zu folgen.
Schließ die Tür, sagte er in gewohntem Befehlston, als sie hinter ihm eintrat und automatisch folgte sie ihm aufs Wort. Als sie sich wieder herum drehte, saß ihr Vater bereits hinter seinem wuchtigen Schreibtisch und sah sie druchdringend an.
Wo warst Du ?
In der Stadt unterwegs.
Mit Mia oder Ashley? Nein, die beiden langweiligen Kühe hätte ich heute nicht ertragen dachte sie, laut sagte sie Nein. Sie wußte genau, hätte sie gelogen, hätte er sofort den Telefonhörer in die Hand genommen und sich bei den beiden erkundigt, ob seine Tochter die Wahrheit sagte.
Mit wem dann?
Mit niemandem Dad. Ich bin einfach ein wenig durch die Stadt geschlendert und habe die Zeit vergessen. Ist das so schlimm?
Und das Handy hattest Du wahrscheinlich im Wagen gelassen, sagte er sarkastisch.
Nein, das hatte ich ausgeschaltet...ich wollte einfach ein bißchen meine Ruhe.
Deine Ruhe ja? Und das, wo die Abschlußprüfungen in nicht einmal zwei Monaten sind.
DAD!!...ich bin schon jetzt besser vorbereitet als alle anderen meiner Kommilitoninnen, also beruhige Dich wieder.
Mir ist egal, was die Anderen machen. Meine Tochter wird auf jeden Fall keinen mittelmäßigen Collegeabschluß machen, nur weil die Anderen nicht so viel lernen oder sie einen netten Tag mit wer weiß wem in der City vertrödelt hat. Habe ich mich klar genug ausgedrückt?
Klar...wie immer Dad.
Jetzt werde nicht frech...das Leben ist kein Wunschkonzert..., an diesem Punkt schaltete Paige auf Durchzug. Diese Rede kannte sie von ihrem Vater schon zur Genüge. Seit ihrem vierten Lebensjahr, als sie in die Vorschule kam, predigte ihr Vater Ehrgeiz, Disziplin und Fleiß. Sie hatte sich in all den Jahren so sehr bemüht und mußte schließlich einsehen, das sie für ihn niemals gut genug sein würde.
...und machst Deiner Mutter damit nur noch mehr unnötigen Kummer. Die Worte ihres Vaters drangen wieder zu ihr durch und alarmiert horchte sie auf.
Was ist mit Mum?
Wir mußten sie heute morgen ins Krankenhaus bringen. Sie hatte wieder einen ihrer Anfälle und ich hielt es für besser, sie der Obhut der Ärzte zu überlassen.
Shona war schon immer etwas zart besaitet gewesen. Genau das war es wohl auch, was den lebenslustigen und selbstbewußten Kyle damals zu ihr hingezogen hatte. Sie lernten sich auf einem Ball kennen, den Kyles Vater zu dessen 21. Geburtstag gegeben hatte. Shona war fasziniert von diesem galanten Mann mit den Funken sprühenden Augen und sie war der Meinung, dass es auf der Welt keinen zweiten wie ihn gab. Sie verliebten sich Hals über Kopf und ein halbes Jahr später heirateten sie. Genau neun Monate später wurde Paige geboren.
Kyle entwickelte sich zu einem aufstrebender Geschäftsmann, der die Computerfirma seines Vaters in nie geahnte Sphären puschte. Doch der Erfolg hatte auch seine Schattenseiten. Kyles Temperament und Herrschsucht, hatte die schüchterne Shona nichts entgegen zu setzen. Sie verblasste neben ihm, bis sie zu einem kleinen Nervenbündel zusammen geschrumpft und von der wunderschönen, sanften Frau nicht mehr viel übrig geblieben war.
Paige hatte eine Weile gebraucht um zu verstehen, was da im Hintergrund zwischen ihren Eltern ab lief. Irgendwann mußte sie allerdings erkennen, dass alleine ihr Vater Schuld an dem Zustand ihrer Mutter war. Wenn das überhaupt noch möglich war, hasste sie ihn dafür nur noch um so mehr.
Mein Gott...Mum geht es schlecht und das sagst Du mir erst jetzt? Paige sah ihren Vater ungläubig an, doch er reagierte auf die übliche Art.
Hättest Du Dein Handy bei Dir gehabt, wüßtest Du es schon seit Stunden, also mache mich nicht für Deine Vergehen verantwortlich. Jetzt geh und zieh Dich um. Raven wird gleich hier sein.
Für einen Moment starrte Paige ihren Vater noch entsetzt an. Ihre Mutter lag im Krankenhaus und ihr Vater verlangte, dass sie an so einem Abend nett zu Raven war...dem Musterschwiegersohn, den ihr Vater für sie ausgesucht hatte.
Schließlich machte sie wortlos auf dem Absatz kehrt und eilte die Treppe zu ihrem Zimmer hinauf.
Nicht mit mir, flüsterte sie, als sie aus ihrem Kleiderschrank ein paar Jeans und einen Pullover angelte.
In Windeseile hatte sie sich umgezogen und stieg leise die Treppe in die Eingangshalle hinunter. Sie hörte ihren Vater in seinem Arbeitszimmer telefonieren und schnell schlich sie zur Eingangstür.
Wenig später raste sie mit ihrem Wagen durch die Stadt. Ihr Ziel war das Krankenhaus, in dem ihre Mutter, sicherlich mit Medikamenten ruhig gestellt, in ihrem Bett lag.
Kapitel 4