Kapitel 2

Paige breitete eine karierte Decke, die sie aus ihrer Tasche hervor zog, am Strand aus und setzte sich darauf, um ihre Leinenschuhe aus zu ziehen. Danach folgten ihr T-Shirt und die abgeschnittenen Jeans. Als sie sich erhob um ihren Neoprenanzug aus der Tasche zu ziehen, stellte sie amüsiert fest, dass dieser gut aussehende, blonde Jüngling schnell zur Seite blickte. Als ob sie seinen heimlichen Blick nicht gespürt hätte.
Wenig später hatte sie sich in den engen Anzug gezwängt und versuchte nun die Lasche auf ihrem Rücken zu erwischen, mit dem sie den Reißverschluß zu ziehen konnte. Als das nicht so recht funktionierte, drehte sie ihm den Rücken zu und meinte über ihre Schulter hinweg
„könntest Du bitte mal den Reißverschluß zu machen?“
„Sicher.“ Er trat ein paar Schritte auf sie zu und während er noch an der Lasche herum fummelte, berührte er leicht mit den Fingern ihren nackten Rücken. Ein wohliger Schauer rieselte ihr von den Haarspitzen bis in die Zehen und sie mußte lächeln. Wer wußte schon, was der restliche Tag noch bringen würde?
„So...fertig,“ meldete er sich kurz darauf.
„Alles klar, ich geh dann schon mal vor. Bis später dann,“ und schon war sie auf den Weg Richtung Wasser.
Die nächsten Stunden dachte sie kaum an ihn. Nur wenn sie sich ab und zu im Wasser begegneten und sie seine Mitleid erregenden Versuche beobachtete, sich länger als fünf Sekunden auf dem Brett zu halten, drang er in ihr Bewußtsein ein. Sie bewunderte seinen Ehrgeiz. Manch einer hätte sicherlich nach den ersten mißglückten Versuchen aufgegeben, doch Nick stieg immer wieder auf das Brett, paddelte der sich auftürmenden Welle entgegen, stellte seine Füße auf das Brett und landete maximal 10 Sekunden später kopfüber im Wasser. Und das alles in seinen Boxershorts...selbst sie hätte wohl, nur in ihrem Bikini, nicht so lange durchgehalten. Es war weniger die Temperatur des Wassers der diesen Anzug erforderlich machte, als der ganze Sand, der von den Wellen aufgewirbelt wurde und drohte, in jede Körperöffnung ein zu dringen.
Schließlich hatte sie dann doch Mitleid mit ihm und winkte ihn zu sich heran. Gemeinsam schaukelten sie wenig später nebeneinander auf ihren Bretten in den sanften Ausläufern der Wellen.
„Pass auf...wenn Du oben auf der Welle stehst, versuche nicht, Dich gegen sie zu wehren. Es ist wie...beim Motorrad- oder Autofahren. Geh einfach mit der Welle mit, lass Dich von ihr treiben...nur so funktioniert es. Sie läßt sich Deinen Willen nicht aufdiktieren, egal wie sehr Du Dich anstrengst, sie wird immer die Oberhand behalten.“
„Klingt als redest Du von der Beziehung zwischen Mann und Frau,“ sagte er grinsend und als sie ihm in die Augen sah, bemerkte sie zum ersten Mal dieses tiefe Loch. Es war nur ganz kurz da, aber sie wußte, dass er wohl schon einiges in seinem Leben hatte mit machen müssen und das jede dieser Erfahrungen seine Spuren in ihm hinterlassen hatte. Für einen Moment hatte sie das Gefühl, als blicke sie in ihre eigene Seele und erkannte, dass sie vielleicht einen Fehler gemacht hatte, als sie ihn ohne darüber nach zu denken auf diesen Surftripp mitgeschleift hatte. Sie waren sich ähnlich und das konnte ihr gefährlich werden.
Doch gleich darauf schüttelte sie den Gedanken wieder ab. Jeder war für sein Handeln selbst verantwortlich...ergo...wenn sie nicht wollte, dass er ihr zu nahe kam, dann würde das auch nicht passieren.
„Wenn Du es so sehen willst...es hat wirklich etwas davon. Versuche die Welle nicht zu beherrschen und so wird sie Dich auch nicht in Stücke reißen,“ grinste sie und er nickte...er hatte verstanden.
Sie beobachtete ihn noch eine Zeit lang und stellte befriedigt fest, das er es tatsächlich begriffen zu haben schien. Dann paddelte sie selbst den Wellen entgegen und vergaß die nächsten zwei Stunden die Welt um sich herum.

Als es langsam Abend wurde stieg sie schließlich aus dem Wasser und bohrte ihr Surfbrett neben der Decke in den Sand. Sie schälte sich aus ihrem Neoprenanzug und streckte sich dann auf der Decke aus. Für einen Moment schloß sie die Augen. Das Leben könnte so schön sein...
Etwas kaltes tropfte auf ihren Bauch und sie fuhr erschrocken auf. Da stand er über ihr, breit grinsend und immer noch mit dem Surfbrett unter dem Arm.
„Aufgegeben?“ fragte Nick, während er sich des Brettes entledigte und sich wie ein nasser Hund die Wassertropfen aus dem Haar schüttelte.
„Was heißt hier aufgegeben? Das Beste habe ich mir für den Schluß aufgehoben...setz Dich,“ und damit klopfte sie neben sich auf die Decke. Zögernd ließ er sich neben ihr nieder, scheinbar wußte er nicht so recht, was er davon halten sollte.
„Keine Sorge, ich tue Dir nichts...aber schau mal da.“ Sie deutete vor sich über das Wasser, wo die Sonne langsam als roter Feuerball unter ging. Der Himmel färbte sich rot und violett und das Wasser glitzerte, als würden tausende kleine Diamanten in ihm schwimmen.
„Das ist wirklich wunderschön,“ flüsterte Nick neben ihr und sein Tonfall lies sie zu ihm hinüber blicken. Er hatte die Stirn gerunzelt und sah gedanken verloren hinaus aufs Meer. Immer wieder ließ er eine Hand voll Sand zwischen seinen Fingern hindurch rieseln. Paige hätte zu gerne gewußt, an was er wohl gerade dachte. Angenehme Gedanken schienen es jedenfalls nicht zu sein. Um ihn wieder ins Hier und Jetzt zurück zu holen sagte sie leise „und jetzt kommt das Beste...Du mußt aber ganz genau hin hören, sonst verpaßt Du es.“
„Hören?“
„Ja...schau...gleich berührt die Sonne das Wasser.“ Von ihrer Faszination angesteckt, folgte er ihrem ausgestreckten Finger und beobachtete die Sonne, die fast unmerklich immer tiefer sank. Schließlich schien sie in das Wasser ein zu tauchen und Nick sah zu Paige hinüber. Sie hatte die Augen geschlossen und flüsterte „hast Du es gehört?“
„Was gehört?“
„Das Zischen...,“ sie schlug die Augen auf und lächelte sanft „das Zischen mit dem das Wasser die Sonne für die Nacht willkommen geheißen hat.“
Er erwiderte ihr Lächeln „das schönste Geräusch auf Gottes weiter Welt.“
„Nicht wahr?“ Sie lächelte immer noch und ihr Gesicht war dem seinen ganz nahe. Für einen verwunderten Augenblick fragte er sich, was er hier eigentlich machte, dann berührten ihre Lippen die Seinen und er hörte für einen Moment auf zu denken. Er schmeckte das Salz des Wassers, ihre Lippen waren wundervoll weich und warm und er wünschte sich, das dieses Gefühl nie enden würde.
Doch dann hatte er plötzlich wieder das laute Türknallen von heute morgen im Kopf und Candices wütendes Gesicht, als er ihr sagte, dass ihre Beziehung beendet war. Erschrocken zuckte er zurück.
„Was ist?“ fragte Paige verwirrt.
„Nichts...ich...das ist wohl nichts für mich...tut mir leid,“ und schon war er aufgesprungen und suchte seine Kleider zusammen.
„Du brauchst jetzt aber auch nicht gleich die Flucht zu ergreifen. Tut mir leid wenn ich Dich überrumpelt habe...es hat nur einfach...so...gepaßt.“
„Ist nicht Deine Schuld...wirklich...ich...verdammt, wo ist mein Schuh?“
„Nimm den hier,“ Paige zog einen Turnschuh unter der Decke hervor und warf ihn zu Nick hinüber.
„Danke...ich....es tut mir leid,“ und schon stapfte er zurück Richtung Klippen, zwischendurch schlüpfte er in seine Turnschuhe, wobei er sich beinahe der Länge nach in den Sand gelegt hätte und kletterte dann den steilen Abhang zu seinem Auto hinauf.
Paige sah ihm kopfschüttelnd hinterher. Hatte sie etwas falsch gemacht? Sie hätte wohl wissen müssen, das er nicht der Typ für eine kuschelige Nacht am Strand war. Trotzdem hatte sie irgend etwas unwiderstehlich zu ihm hin gezogen. Vielleicht war es diese Verletzlichkeit, die ihm aus jedem Knopfloch zu kommen schien und doch war da dieser Ehrgeiz, das Bedürfnis etwas zu schaffen und sich dem mit Herz und Seele zu verschreiben. Sie dachte an seine Musik. So viel Gefühl und so viel Schmerz...sie hätte es wirklich besser wissen sollen.
Ärgerlich über sich selbst und enttäuscht darüber, dass sie diesen Abend so gründlich ruiniert hatte stand sie auf und suchte ihre Sachen zusammen. Na toll...das Surfbrett hatte er in seiner Hektik auch hier stehen lassen. Das bedeutete wohl, das sie zwei Mal laufen musste. Sie seufzte, das geschah ihr wohl ganz recht. Kleine Sünden bestrafte der Herr eben sofort.

Kapitel 3