Kapitel 1

Er fuhr schnell durch die Innenstadt L.A.s. Seine Gedanken waren weit weg und sein Körper übernahm automatisch die verschiedenen Ausweichmanöver.
Wieder einmal war seine Beziehung in die Brüche gegangen. Er fragte sich langsam, ob auf seiner Stirn Achtung! Idiot! Nimm mich aus und lass mich dann fallen geschrieben stand Jetzt war er schon nach seinen Erfahrungen in der Vergangenheit unheimlich vorsichtig geworden und war eigentlich der Meinung, dass er sich genug Zeit lies um die Frauen erst einmal richtig kennen zu lernen, bevor er sie zu nahe an sich heran lies. Und trotzdem war es ihm wieder passiert.
Langsam lies er sich an einer roten Ampel ausrollen und starrte weiterhin gedanken verloren vor sich hin.
Sie hatten sich in einem Club kennen gelernt. Er war sofort Feuer und Flamme gewesen, als er sie in der Mitte der Tanzfläche tanzen sah...eigentlich so, wie die restliche Männerwelt in diesem recht kleinen Raum.
Wenig später hatte er seinen ganzen Mut zusammen genommen und sie angesprochen. Sie verstanden sich auf Anhieb, wobei er jetzt nicht mehr sicher war, ob das nicht auch schon damals eine Masche von ihr gewesen war. Sie hatten die gleiche Art von Humor, liebten beide den Ozean und die Natur. Nach vier Wochen in denen sie sich fast jeden Tag sahen, gab er schließlich seine Vorsicht auf und stürzte sich mit Haut und Haaren in diese Beziehung.
Doch als ihre Kreditkarte schließlich mehr Belastungen aufwies, als seine eigene und als Krönung dann ein neues Auto vor der Tür stand, mußte er einsehen, dass es wieder nur der Ruhm und das Geld gewesen war, das sie angezogen hatte.
Nicht er selbst hatte sie beeindruckt - Nick Carter, der Junge aus Tampa/Florida, der einfach nur jemanden suchte, der ihn so nahm, wie er war, noch nicht wirklich erwachsen und mit einem Hang zu manchmal recht albernen Scherzen und Streichen, sondern Nick Carter, das Mitglied der Backstreet Boys, mit einer mittlerweile recht erfolgreichen Solokarriere und einem unbestreitbaren Erfolg bei Frauen.
Er stütze sich mit dem Ellbogen auf dem Fensterrahmen seines Mercedes Cabriolet und fuhr sich traurig durch sein blondes Haar. Manchmal fragte er sich, ob der Ruhm und der Erfolg das alles wert war.
Plötzlich erregte ein Geräusch seine Aufmerksamkeit. Er hörte, wie sich ein Auto auf der rechten Fahrspur langsam näherte und mit ihm kam seine eigene Stimme immer näher.

And I will blow your mind
This girl was crazy
Completely out of line
But how she amazed me
I should've seen her blind
I guess she blew my mind

Überrascht blickte er zur Seite und das erste Mal an diesem verkorksten Tag erschien ein zaghaftes Lächeln auf seinem Gesicht.
Neben ihm stand ein altes, verbeultes BMW Cabriolet. Darin saß ein Mädchen von vielleicht 19 Jahren. Sie wickelte eine Strähne ihres blonden Haares um den Finger und ihr verführerisch geschwungener Mund sang leise den Text SEINES Songs mit. Mit den Händen trommelte sie im Takt auf das Lenkrad und starrte geistesabwesend auf die Ampel über ihnen. Von der Rückbank ragten zwei Surfbretter auf, was ihn sofort begeisterte. Er hatte das Surfen erst zwei Mal ausprobiert, aber er liebte es schon jetzt heiß und innig.
Die Ampel sprang auf grün und das Mädchen brauste los. Schnell legte er einen Gang ein und folgte ihr. Bis zur nächsten Ampel hatte er sie wieder eingeholt. Wieder standen sie nebeneinander und warteten darauf, dass die Ampel auf grün sprang.
Er konnte nicht anders, als immer wieder zu ihr hinüber zu blicken. Es faszinierte ihn, jemandem beim Hören seiner Songs zu zu sehen. Dafür gab es viele Gründe. Zum einen war das sein erstes Soloalbum, dass er ohne die Hilfe der anderen Backstreet Boys auf die Beine gestellt hatte. Darin steckte so viel von ihm, dass es ihm jetzt fast peinlich war, seine eigene Stimme aus dem Auto eines anderen Menschen zu hören, noch dazu, da es exakt zu seiner momentanen Situation passte.
Zum anderen war es das erste Mal, dass er die Reaktion auf sein Album direkt live und in Farbe beobachten konnte und ohne dass es sich hierbei um einen Menschen handelte, der in irgendeiner Weise an dem Album beteiligt war. Von jemandem gesagt zu bekommen, wie toll doch seine Musik war, war etwas ganz anderes, als hier zu sitzen und die Mimik des Mädchens zu beobachten. Er hatte das Gefühl, als würde sie verstehen, von was er da eigentlich sang.
Was ihn wieder zu dem heutigen Nachmittag zurück brachte und zu der Tür, die von Candice wütend zugeschlagen worden war. Sie war endgültig gegangen und er war noch zu betäubt, um wirklichen Schmerz darüber zu empfinden.
Plötzlich sah das Mädchen neben ihm zu ihm herüber. Für einen Moment neigte sie den Kopf, so als überlege sie, wo sie ihn schon einmal gesehen hatte. Dann huschte ein wissendes Lächeln über ihr Gesicht und die Ampel sprang auf grün.
Wieder war sie etwas schneller und fuhr ihm davon. Sein Ehrgeiz wurde geweckt. Er schwor sich, das ihm das an der nächsten Ampel nicht mehr passieren würde. Kaum einen Kilometer weiter standen sie wieder nebeneinander an der Ampel und diesmal sah sie gleich zu ihm hinüber.
Er spielte ein wenig mit dem Gas und das Mädchen hob spöttisch eine Augenbraue so als wolle sie sagen „Du willst Dich also mit mir anlegen?“.
Sie nickte unmerklich und beide konzentrierten sich auf die Ampel. Sie sprang auf Gelb und die beiden Wagen schossen mit quitschenden Reifen vorwärts.
Natürlich hatte sie keine Chance. Sein Wagen hatte sicherlich mehr PS unter der Haube und außerdem...sie war eben ein Mädchen. Erneut stoppte sie eine rote Ampel. Verwundert stellte er fest, dass ihm noch nie aufgefallen war, wie viele Ampeln es eigentlich auf dem Weg aus der Stadt hinaus gab.
Plötzlich drehte sie neben ihm die Musik leiser und beugte sich etwas zu ihm hinüber.
„Du willst ein Rennen?“
„Für so etwas bin ich immer zu haben.“
„Gut, dann lass es uns auf der Küstenstraße austragen. Schnell geradeaus fahren kann jeder.“
„In Ordnung.“
„Fahr mir nach, ich gebe Dir dann ein Zeichen und dann geht es los, o.k.?“
Er nickte.
Sie drehte sich auf ihrem Sitz herum und überprüfte ihre Surfboards. Scheinbar war sie soweit zufrieden, denn sie drehte sich wieder herum und als die Ampel diesmal auf grün sprang, bog sie nach rechts ab.
Wie ausgemacht folgte er ihr aus der Stadt hinaus und als sie die offene Küstenstraße erreicht hatten machte sie ihm ein wenig Platz, so dass er neben sie fahren konnte. Die Straße verlief hier nur einspurig, so dass sie keine Angst vor Gegenverkehr haben mußten. Dafür war sie ziemlich eng und verwinkelt, vorbei zu kommen würde hier nicht einfach werden.
Das Mädchen hob die Hand und zählte mit den Fingern von drei Rückwärts. Als sie die Hand zu einer Faust ballte, schoß sie davon und er konnte erst einmal nichts anderes tun, als sich hinter ihr ein zu ordnen.
Nach den ersten Kurven war er noch dicht an ihr dran. Einmal dachte er, es würde reichen um sie zu überholen, doch dann näherte sich ein Tunnel aus behauenem Fels in rasender Geschwindigkeit und es blieb ihm nichts anderes übrig, als sich wieder hinter sie zu setzen.
Doch mit der Zeit merkte er, dass sie nach und nach einen kleinen Vorsprung heraus fuhr. Noch weiter aufs Gas zu treten traute er sich nicht. Eine falsche Bewegung und er würde die Klippen hinunter stürzen und man würde hinterher sicherlich kein Krümelchen mehr von ihm finden.
Und so fuhr er wenig später geschlagen hinter ihr auf einen kleinen Parkplatz. Unter ihnen rauschte das Meer und man hatte einen fantastischen Blick die Küste entlang.
Sie stiegen beide aus, sie mit einem triumphierenden Grinsen im Gesicht, er mit einem anerkennenden Blick in ihre Richtung. Sie lehnte sich mit verschränkten Armen an ihr Auto, während er um seinen Mercedes herum ging. Was er sah gefiel ihm ausgesprochen gut. Groß, schlank, blond. Doch sie wirkte keineswegs blond und blöd sondern eher so, als wüßte sie genau was sie wollte und auch wie sie das bekam. Ihr augenscheinliches Selbstbewußtsein machte ihn ein wenig nervös und unsicher und als er jetzt in ihre blauen Augen aufsah, schrumpfte er innerlich noch ein wenig mehr zusammen. Darin lag ein Feuer, das er bisher selten gesehen. Obwohl...ein paar Leute aus seiner Plattenfirma fielen ihm da schon ein.
„Du warst gar nicht schlecht,“ sagte sie nun, stieß sich vom Wagen ab und streckte ihm die Hand entgegen.
„Ich bin Paige und wenn ich nicht ganz blind bin bist Du...Nick?!?“
„Richtig...,“ er wußte nicht so recht, was er sagen sollte. Dass sie weder ihren noch seinen Nachnamen genannt hatte, verblüffte ihn etwas. Normalerweise schien es ihm so, als sei sein Vor- und Nachname eins. Nickcarter...so wurde er meistens von Außenstehenden genannt und vorgestellt.
„Machst Du das öfter?“ fragte sie.
„Was?“
„Mal kurz ein Rennen auf der Landstraße fahren.“
„Das gleiche könnte ich Dich fragen.“
Sie lachte „eins zu null für Dich.“
Dann standen sie sich eine Weile schweigend gegenüber, bis sie sich innerlich einen Ruck zu geben schien.
„Also, ich werde mich dann mal auf mein Surfboard schwingen. War nett mit Dir um die Wette zu fahren...wie gesagt, ich hatte schon lange keinen so guten Gegner mehr,“ und damit wandte sie sich ihrem Auto zu und hievte eines der Surfbretter vom Rücksitz.
„Ähm...ist das zweite da schon irgendwie verplant?“ fragte er und deutete auf das andere Brett, dass immer noch vom Rücksitz aufragte.
Sie schaute einen Moment darauf, so als sei ihr erst jetzt aufgefallen, dass da noch eins war und dann wieder zurück zu ihm.
„Nein...ich nehme nur immer gerne zwei mit. Je nach dem wie die Wellen laufen ist das eine besser als das andere. Wieso fragst Du?“
„Nun ja...,“ er rieb sich verlegen den Nacken. Ob sie etwas dagegen hatte, wenn er sich das andere auslieh? Er spürt die alt bekannte Anziehungskraft des Ozeans und das Surfbrett schien gerade zu nach ihm zu schreien, so dass er seine Bedenken einfach über Bord warf und sie direkt fragte „also, wenn Du nichts dagegen hättest, würde ich gerne mit Dir ein bißchen raussurfen. Ich bin zwar noch nicht wirklich gut, aber ich denke, ich würde auch ganz gut alleine zurechtkommen. Und ich verspreche auch, nichts kaputt zu machen und...,“ hier unterbrach sie ihn.
„Du kannst das zweite Board gerne nehmen, kein Problem. Allerdings habe ich nur einen Anzug dabei, d.h. Du müsstest wohl in Deiner Unterwäsche surfen...ich meine, ich habe nichts dagegen...aber...,“ sie kicherte, hob dabei das zweite Board vom Rücksitz und drückte es ihm in die Hand.
„Glaubst Du, Du könntest meinen Anblick auch so ertragen?“ grinste er zurück und jetzt lachte sie.
„Ich denke, damit kann ich leben.“
Sie öffnete den Kofferraum und hob eine Kühlbox und eine große, beige Basttasche heraus.
„Hier,“ damit drückte sie ihm die Kühlbox in die Hand „mach Dich nützlich und folge mir unauffällig. Aber Vorsicht, der Abstieg ist nicht gerade ungefährlich.“
Sie klemmte sich ihr Brett unter dem Arm, hängte sich die Tasche über die Schulter und ging ihm voraus direkt auf die Klippe zu. Beim Näherkommen sah er einen schmalen Pfad, der in Serpentinen zum Strand hinunter führte. Er fasste das Board und die Kühlbox etwas fester und kletterte hinter ihr den steilen Abhang hinunter.

Kapitel 2