Kapitel 50
Als Lacey an Nicks Seite die Bibliothek verließ, hatte sie das unwirkliche Gefühl, damit einen sehr schmerzhaften, dunklen Teil ihres Lebens hinter sich zu lassen. Wie eine Schlange ihre Haut streifte sie die Verzweiflung ab und förderte damit einen beinahe vergessenen Aspekt ihrer Persönlichkeit zu Tage. Sie konnte glücklich und zufrieden sein, sich auf die Zukunft einlassen und ihr Leben wieder in Angriff nehmen. Das spürte sie in diesem Moment sehr nachdrücklich und diese Gedanken zauberten ihr ein feines Lächeln auf das Gesicht. Natürlich war da auch weiterhin eine gewisse Unsicherheit und sicherlich auch Angst vor dem noch Kommenden, aber das gehörte wohl zu jedem gesunden Leben dazu.
Gerome, Madam Esmeralda und Aaron hatten den prunkvollen, langen Gang bereits durchquert und warteten nun an dessen Ende vor einer weiteren Flügeltür auf sie.
Lacey drückte Nicks Hand etwas fester, während sie mit weichen Knien und heftigem Herzklopfen auf die drei zugingen.
Ich komme mir vor, wie in einem besonders realistischen Traum, hörte sie Nick neben sich leise sagen.
Willkommen in meiner Welt, schmunzelte sie.
Ich finds jedenfalls sehr schön in deiner Welt, gab er grinsend zurück und schenkte ihr dann einen liebevollen Blick.
In diesem Moment hatten sie die wartende Gruppe erreicht und Lacey konnte sich somit um eine Antwort herumdrücken. Was hätte sie auch sagen sollen? Dass sie es zwar schön fand, dass sie beide zusammen waren, dass aber nicht die Rede davon sein konnte, dass sie tatsächlich in einer Welt lebten? Er war ein Popstar und sie eine Studentin, die erst einmal sehen musste, dass sie ihr Leben wieder auf die Reihe bekam. Wie sollte das also funktionieren? Andererseits ... ein Leben ohne Nick konnte sie sich erst recht nicht vorstellen.
In diesem Moment schob Gerome die beiden schweren Türen nach innen auf und sämtliche Gedanken verflüchtigten sich aus Laceys Kopf.
Das warme Licht von an der Decke glitzernden Kronleuchtern flutete in den dämmrigen Gang, zusammen mit einem anhaltenden, aufgeregten Murmeln von vielen Stimmen und unüberhörbarem Stühlerücken. Am liebsten wäre Lacey einfach hier draußen stehen geblieben, doch Nick setzte sich ohne zu zögern in Bewegung und zog sie damit mit sich. Gemeinsam betraten sie einen riesigen Saal, der auf den ersten Blick mit einer unglaublichen Anzahl an Menschen angefüllt zu sein schien. Laceys Augen zuckten hektisch über die vielen, fremden Gesichter. Alle trugen teure Abendgarderobe und ein breites Grinsen zur Schau, was Laceys Mundwinkel ganz automatisch ebenfalls nach oben zucken ließ.
Noch während lauter Applaus und Jubelrufe aufbrandeten, registrierte sie die breite Glasfront, die hinaus auf eine langgezogenen Terrasse führte, hinter der ein kunstvoll angelegter Garten ganz langsam in der Dunkelheit der hereinbrechenden Nacht versank. Eine unendlich lange Tafel zog sich durch den gesamten Raum, auf der silberne, mehrarmige Kerzenständer flackerndes Licht spendeten. Der Tisch war mit weißem Porzellan und schweren Kristallgläsern gedeckt und mit ausladenden, kunstvollen Blumengestecken aus weißen Rosen und Orchideen geschmückt. Vielleicht war dies hier alles doch ein Traum?
Das Klatschen ebbte langsam ab, während Gerome und Madam Esmeralda ihnen bedeuteten, ihnen weiter in den Raum hinein zu folgen. Ehe sie es sich versahen, wurden sie von einer ansehnlichen Menschentraube umringt. Lacey schüttelte unglaublich viele Hände, lächelte, wenn sie angesprochen wurde, nannte ungefähr hundert Mal ihren Namen, vergaß dabei aber leider genau so schnell die Namen der anwesenden Gäste und drängte sich immer näher an Nick, der mit der grenzenlosen Begeisterung und dem Interesse der Umstehenden keinerlei Probleme zu haben schien.
Schließlich gewahrte sie in der Menge ein bekanntes Gesicht und ungläubig schüttelte sie gleich darauf die Hand von Archie Hammersack, dem Mann aus dem Baseballstadion, der mit keiner Silbe erwähnt hatte, dass er auch ein Mitglied dieser Game of Life Organisation war.
Ich fasse es nicht, stieß sie immer wieder hervor, während sich Archie leicht beschämt über seinen breiten Schädel strich.
Es tut mir wirklich leid, aber ich konnte ihnen leider in Atlanta nicht helfen, gestand er.
In diesem Moment hatte ihn wohl auch Nick entdeckt, denn er verstummte mitten im Satz und starrte mit großen Augen zu dem Mann hinüber.
Archie? Bitte sagen sie mir, dass das nicht wahr ist, stöhnte er und griff dann bereitwillig nach der ihm dargebotenen Hand.
Doch, es ist wahr, nickte Archie, immer noch sichtlich angespannt. Sie haben mein Spiel gespielt ... sozusagen. Das Baseballspiel war meine Idee und die Gelegenheit für mich, sie einmal aus der Nähe zu sehen. Es tut mir wirklich leid, dass ich ... ,
Aber Archie, schaltete sich Madam Esmeralda in diesem Moment mit sanfter Stimme ein. Sie haben nichts Falsches getan. Jeder hat die Möglichkeit, eine eigene Spielstation zu bestimmen und es hätte Nick und Lacey nicht geholfen, wenn sie sie bei ihrer Suche unterstützt hätten.
Aber die beiden hatten noch nicht einmal Interesse an Baseball, erklärte Archie in beinahe verzweifeltem Tonfall.
Und selbst wenn wir uns für dieses Spiel begeistern würden, stellte Nick fest hätten wir zu diesem Zeitpunkt keine Sekunde davon genießen können.
Es tut mir wirklich sooo leid, das müssen sie mir ... ,
Ist schon okay Archie, besänftigte Lacey ihn und schenkte ihm ein aufrichtiges, warmes Lächeln. Es hat wohl so kommen müssen. Sie trifft doch keine Schuld. Immerhin weiß ich jetzt, was ein Inning und ein Out und eine Homeplate ist.
Archie schien nur leidlich beruhigt, doch nachdem auch Nick ihm noch einmal versicherte, dass sie ihm ganz gewiss nicht böse waren, entspannt er sich sichtlich.
Wenig später dirigierte Gerome sie alle auf ihre Plätze. Lacey schätzte, dass etwa fünfzig Menschen an der langen Tafel platz nahmen. Sie, Nick und Aaron wurden neben Gerome am Kopfende platziert und auch Madam Esmeralda gesellte sich zu ihnen. Als schließlich im hinteren Teil des Ballsaals die Türen geöffnet wurden und eine Heerschar an Hauspersonal hereinschwärmte, klopfte Laceys Herz immer noch zum Zerspringen und am liebsten hätte sie sich die ganze Zeit in den Arm gekniffen um sicher zu gehen, dass sie tatsächlich vollkommen wach war und nicht etwa halluzinierte. Doch der warme Druck von Nicks Fingern um ihre Hand unter dem Tisch, fühlte sich erstaunlicher Weise ziemlich real an.
Das Essen schien sich über Stunden zu ziehen. Zumindest kam es Lacey so vor. Dabei wurde ihr keine Sekunde langweilig, denn jeder Anwesende an diesem Tisch hatte seine eigene Game of Life Geschichte zu erzählen. Der junge Mann ihnen gegenüber zum Beispiel, war nach einem Badeunfall im Alter von sechs Jahren Wasser nie wieder näher als zehn Meter gekommen. Und ausgerechnet ihn hatten sie zu einem Tauchkurs geschickt. Er sagte, dass es ihn unglaublich viel Überwindung gekostet hätte und dass er auch heute noch eine gewisse Scheu vor Wasser empfinde, dass ihm aber das G-o-L Komitee dabei geholfen hatte, seine Panik vor diesem feuchten Element zu überwinden.
Zudem habe er sich auf der Reise in die junge Frau verliebt, die lächelnd neben ihm saß und hinzufügte, dass sie sich wohl niemals begegnet wären, wenn der junge Mann seine Angst vor Wasser nicht überwunden hätte. Sie trafen sich nämlich das erste Mal zufällig am Strand, wo er sie in Tränen aufgelöst vorfand, weil ihre letzte Beziehung gerade in die Brüche gegangen war.
Ein anderer Mann erzählte, dass er mit einem Fallschirm aus einem Flugzeug abgesprungen sei, obwohl er sein ganzes Leben lang an Höhenangst gelitten habe.
Ein weiteres, älteres Ehepaar, die sich als Maria und Antonie vorstellten, erklärten, das Game of Life hätte ihnen wieder vor Augen geführt, wie sehr sie sich eigentlich liebten. Bevor ihr Mann die Einladung gefunden hatte, erklärte Maria, hätten sie eigentlich nur noch nebeneinander her gelebt. Ihr Mann sei eigentlich jeden Morgen nur deshalb aufgestanden, um in seiner Firma zu arbeiten, die er jetzt ihrem gemeinsamen Sohn überschrieben hätte. Eines schönen Tages fand er die Einladung zum Game of Life auf seinem Schreibtisch vor mit der Anweisung, sich zu einer bestimmten Uhrzeit in einem Restaurant einzufinden. Dort wurde ihm von der Bedienung ein Rucksack übergeben, der unter anderem Regenkleidung, einen Kompass, eine Karte von einem Waldgebiet in der Nähe und drei Flaschen Wasser enthielt. Antonie hatte nicht gewusst, was er damit anfangen sollte und war bald darauf leicht enttäuscht, wie er zugeben musste, zu seiner Arbeit zurückgekehrt.
Am nächsten Morgen fand sich das Ehepaar dann unvermittelt und ohne einen blassen Schimmer, wie sie dort hingekommen waren, mitten im Wald wieder.
Ein Albtraum, berichtete Maria. Stellen sie sich das mal vor: Sie gehen abends ins Bett und wachen morgens auf einer Lichtung im Wald auf.
Lacey bekam während Marias Ausführungen immer größere Augen und im Stillen war sie heilfroh, dass sie trotz des unwirklichen Charakters des Spiels, immer noch das Gefühl gehabt hatte, Herr ihrer selbst zu sein.
Natürlich haben wir uns die ersten Stunden lautstark gegenseitig beschuldigt, fuhr Antonie fort. Danach kamen die ganzen Vorwürfe zu Tage, die schon Ewigkeiten in uns schlummerten. Tja ... und dann waren wir irgendwie gezwungen, zusammen zu arbeiten. Wir mussten Nahrung und Wasser finden und natürlich den Weg zurück nach Hause.
Vier Tage sind wir durch den Wald geirrt, nickte Maria. Und wie sie sich vorstellen können ist das mit Anfang fünfzig wesentlich schwerer, als in ihrem jungen Alter, dabei schenkte sie Nick und Lacey ein warmes Lächeln.
Aber das alles hat ihnen gezeigt, dass sie sich doch noch lieben? fragte Nick interessiert, während er an seinem Rotwein nippte.
Ja, genau so ist es, nickte Antonie und schenkte seiner Frau ein liebevolles Lächeln, bevor er sie zärtlich auf die Schläfe küsste.
Es war wie eine Reise in uns selbst, fügte Maria hinzu. Wir haben über die Jahre vollkommen vergessen, dass wir mehr sind als Eltern, Ernährer oder Mitglieder der Gesellschaft. Wir haben uns einfach komplett aus den Augen verloren. Wenn ich mir heute überlege, wie unglücklich wir eigentlich beide waren, ohne es wirklich zu merken, wird mir noch im Nachhinein ganz schlecht.
Unser Sohn hat vor ein paar Monaten geheiratet, erklärte Antonie weiter. Und glauben sie mir, sollte ich irgendwann der Meinung sein, dass er vergessen hat, wer er ist, er unglücklich ist oder gar den Sinn seines Lebens nicht mehr erkennt, würde ich ihn ohne zu zögern für dieses Spiel vorschlagen.
Er weiß demnach gar nicht, dass sie das Spiel gespielt haben? fragte Lacey ungläubig.
Nein, Maria schüttelte lächelnd den Kopf. Und es war gar nicht so einfach uns eine Geschichte für ihn auszudenken, warum wir vier Tage wie vom Erdboden verschluckt waren und Antonie deshalb die Firma komplett vernachlässigt hat. Schließlich war das bis dahin sein einziger Lebensinhalt.
Aber heute ist alles anders, lächelte Antonie und legte seiner Frau einen Arm um die Schulter.
Ja, das ist es. Gott sei Dank. Wenn du jetzt noch aufhören könntest zu schnarchen, wäre ich wirklich die glücklichste Frau auf der Welt, neckte sie ihn und küsste ihren Mann dann leise lachend auf den Mund.
Laceys Magen verknotete sich beim Anblick dieser so offensichtlich mehr als glücklichen Menschen. Würde sie jemals ähnlich entspannt sein und in sich selbst ruhen? Irgendwie konnte sie sich das nicht wirklich vorstellen.
Sicher, das Game of Life hatte auch ihr wieder die Sonnenseite des Lebens gezeigt und ihr dabei geholfen, ihre Vergangenheit zumindest ansatzweise zu verarbeiten. Trotzdem hatte sie das Gefühl, dass sie diese innere Ruhe, wie sie Maria und Antonie ausstrahlten, niemals in sich spüren würde.
Langsam erhob sie sich von ihrem Stuhl und erklärte auf Nicks fragenden Blick hin ich muß mal für kleine Mitspielerinnen.
Den Flur entlang und die letzte Tür links, informierte sie Gerome.
Vielen Dank, nickte sie, drückte Nick noch einmal die Schulter und durchquerte dann den Raum. Dabei hatte sie das unwirkliche Gefühl, dass alle Augen auf sie gerichtet waren, doch wahrscheinlich war dies nur Einbildung. Hoffte sie zumindest.
Im Flur angekommen blieb sie unschlüssig stehen. Eigentlich musste sie gar nicht auf die Toilette. Alles was sie im Moment brauchte, war ein Augenblick der Ruhe. Einmal kräftig durchatmen und damit das Summen in ihrem Kopf abstellen, dass durch die vielen Stimmen an der langen Tafel hervorgerufen wurde und an ihren Nerven zerrte.
Kann ich ihnen helfen?
Wie aus dem Boden gewachsen war plötzlich William neben ihr aufgetaucht und zu Tode erschrocken presste sie stöhnend eine Hand aufs Herz.
Ganz ehrlich William. Wenn sie das noch einmal machen, erleide ich nen Herzinfarkt.
Entschuldigen sie bitte, entgegnete William sichtlich bestürzt. Das wollte ich nicht. Sie sahen nur so aus, als ... nun ja ... suchten sie etwas oder jemanden.
Mit großen Augen starrte sie den Butler an. Endlich wusste sie, was ihre Unruhe bedeutete und dass ausgerechnet er ihr die Augen geöffnet hatte, empfand sie als seltsam tröstlich.
Sie haben gar nicht mal so unrecht, nickte sie also. Ich müsste mal telefonieren, ginge das?
Aber natürlich, nickte er sofort. Hier entlang bitte.
Sie folgte dem Butler den Flur hinunter und betrat an dessen Ende eine Art Arbeitszimmer. Ein wuchtiger Schreibtisch stand vor einer breiten Sprossenschiebetür, die auch hier auf eine Terrasse hinaus führte, eine kleine Sitzgruppe, die aus einem runden, niedrigen Tisch und vier Stühlen mit geschwungenen Füßen bestand, befand sich zu ihrer Linken, während die Wände hinter Aktenschränken und Regalen verschwanden. Ein dicker Perserteppich schluckte auch hier die Geräusche ihrer Schritte, als sie William durch das Zimmer folgte. Er knipste die Schreibtischlampe an, die damit einen warmen Lichtkreis in die Dunkelheit malte, und überreichte ihr gleich darauf den Hörer eines schnurlosen Telefons.
Lassen sie sich so viel Zeit wie sie brauchen, lächelte er. Finden sie alleine wieder zurück oder soll ich sie abholen kommen?
Danke, nickte Lacey lächelnd. Ich denke, den Rückweg schaffe ich alleine. Immerhin habe ich am Game of Life teilgenommen, da werde ich doch wohl noch einen Ballsaal wieder finden.
Da haben sie recht, nickte William lächelnd, zog sich dann mit einer letzten, knappen Verbeugung zurück und schloss im Hinausgehen die dicke, gepolsterte Tür hinter sich.
Für einen Moment starrte Lacey noch auf den Hörer in ihrer Hand hinunter. Vielleicht sollte sie bis morgen warten, immerhin war es schon spät und wahrscheinlich würden sie alle schon schlafen.
Andererseits ... die Sehnsucht in ihre wurde beinahe übermächtig und wenn sie eines aus der Vergangenheit gelernt hatte dann wohl, dass man wichtige Dinge nicht verschieben sollte, egal wie unpassend sie in diesem Moment erschienen.
Also wählte sie die ihr so vertraute Nummer und während sie mit dem Hörer am Ohr dem Freizeichen lauschte, schob sie die Terrassentür auf und trat hinaus in eine laue Sommernacht, die von Rosenduft und Grillenzirpen erfüllt war.
Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis am anderen Ende abgehoben wurde, doch schließlich meldete sich eine verschlafene, weibliche Stimme. Hallo?
Mom? Ich bins, entgegnete Lacey und fühlte sich zum ersten Mal seit langer, langer Zeit wieder vollkommen in Ordnung und im Gleichgewicht.