Kapitel 49
Momentan wusste Nick überhaupt nicht wohin mit seinen widersprüchlichen Emotionen, die in seinem Herzen wüteten. Da war Freude darüber, dass er Aaron wieder hatte und da war Liebe für Lacey, die so atemberaubend in diesem roten Kleid aussah, dass ihm ganz schwindlig geworden war als sie die Tür öffnete. Doch da war auch Wut und Hass auf die beiden anderen Menschen, die hier seelenruhig mit ihnen an einem Tisch saßen. Wie konnten die beiden im Angesicht der Strapazen, die sie ihm und Lacey aufgebürdet hatten, so ruhig da sitzen und Champagner trinken? Er hätte ein bisschen mehr Bedauern erwartet, etwas mehr Schuldgefühle in den Augen seines Gegenübers, einfach ... nun ja ... nicht diese Gleichgültigkeit und heitere Gelassenheit, die ihm wie ein Schlag ins Gesicht vorkam.
Er war wirklich gespannt darauf, was dieser Gerome ihnen zu sagen hatte und danach, so viel war sicher, würde er diesem unmöglichen, stinkreichen Weichei ziemlich deutlich klar machen, was er von ihm hielt. Aber zu erst benötigte er so viele Informationen, wie er kriegen konnte.
Also versuchte er äußerlich so ruhig wie möglich zu wirken, legte Lacey eine Hand aufs Knie, um etwas zu haben, das ihn daran erinnerte, dass nicht alles in diesem Raum schlecht und verdorben war, und genoss dabei das kühle Gefühl der Seide unter seinen Fingern und die Wärme ihrer Haut, die ganz langsam zu seiner Handfläche durch drang.
Ich weiß, dass sie eine ganze Menge Fragen haben, begann Gerome schließlich, bevor er einen kurzen Schluck aus dem langstieligen Glas nahm, das William gerade gebracht hatte. Und ich würde vorschlagen, dass wir ihnen erst einmal die grundlegenden Dinge erklären und sie uns danach löchern dürfen. In Ordnung?
In Ordnung, hörte er Lacey sagen, während Nick in sich den Impuls unterdrücken musste, einfach nur aus Prinzip zu widersprechen.
Das Game of Life existiert nun seit gut zwanzig Jahren, begann Gerome mit seinem Vortrag. Damals entstand das Ganze aus einer Trinklaune heraus. Irgendeiner hatte die Idee, so eine Art Schnitzeljagt zu veranstalten. Am Anfang gestalteten wir das Spiel allerdings lediglich für uns selbst. Also ... einer organisierte die Jagd und wir anderen mussten ihr folgen. Doch das wurde uns bald zu langweilig. Also tüftelten wir so lange herum, bis wir einen vollkommen ahnungslosen Menschen auf die Reise schicken konnten.
Natürlich war das Spiel damals nicht wirklich ausgereift und im Grunde hatte es auch keinen tieferen Sinn, außer den Spaß, den sowohl wir, als Erfinder der Idee, als auch die ahnungslosen Mitspieler hatten.
Außerdem waren die Dimensionen vollkommen andere. Damals ging es um solche Dinge wie das unbemerkte Klettern über den Zaun des hiesigen Freibades oder einen Kinobesuch, während wir zwei Reihen hinter dem Mitspieler saßen und unseren Spaß dabei hatten. Gerome nippte erneut an seinem Glas und lächelte dabei versonnen, bevor er fort fuhr. Wir fanden schnell Gefallen an der ganzen Sache. Die Planung forderte unsere gesamte Kreativität und es machte uns einfach Spaß, uns immer wieder neue Aufgaben auszudenken.
Eines schönen Tages schließlich, schickten wir ein junges Mädchen auf die Reise durch das Game of Life. Wir hielten es für äußerst komisch, sie in der Nacht auf den Friedhof zu schicken, weil sie durchaus etwas ängstlich war und wir gerne gesehen hätten, wie sie zitternd zwischen den Gräbern herumschleicht. Ich gebe zu, das war nicht wirklich nett von uns, aber wie gesagt hielten wir es damals für eine gute Idee.
Gerome stockte kurz, während sein Blick abwesend auf einen Punkt auf dem dunklen Teppich gerichtet war. Das erste Mal mussten wir mit ansehen, was dieses Spiel auslösen kann. Es stellte sich nämlich heraus, dass der Vater des Mädchens auf eben diesem Friedhof begraben lag und dass sie seit der Beerdigung nicht mehr dort gewesen war.
Nick spürte, wie sich Lacey bei Geromes Worten immer mehr anspannte. Zärtlich streichelte er über ihr Knie und schenkte ihr einen mitfühlenden Blick, während er innerlich kurz davor stand, an die Decke zu gehen. Mit Dramen auf Friedhöfen kannten sie sich inzwischen schließlich aus.
Um es kurz zu machen ... das Mädchen überwand mit unserer Hilfe die Angst vor dem Grab ihres Vaters. Sie erzählte uns hinterher, dass sie es als Befreiung empfunden hatte, von einer höheren Macht - wie sie sich ausdrückte - an eben diesen Ort geschickt worden zu sein und sich damit ihren Ängsten stellen zu müssen.
Nach dieser Geschichte beschlossen einige von unserer Gruppe, das Spiel nicht mehr weiter zu führen. Ihnen wurde bewusst, wie groß die Verantwortung ist, die wir tragen und wie schnell eine solche Aktion auch in die Hose gehen kann. Wir anderen, und davon sind heute gerade mal noch vier Leute übrig, entschieden uns dazu, das Game of Life weiter zu spielen, allerdings unter anderen Voraussetzungen.
Wir begannen, ganz gezielt Menschen auszusuchen, denen wir mit dem Spiel helfen wollten gewisse Dinge in ihrem Leben klarer zu sehen. Wir erkannten, welche Möglichkeiten sich uns boten. Ab diesem Zeitpunkt veränderte sich der Charakter des Spiels grundlegend. Die Organisation wurde umfangreicher, wir holten vorher Erkundigungen über die Mitspieler ein und versuchten das Spiel auf die Probleme dieser Menschen abzustimmen.
Wie sie sich sicherlich denken können, erfordert dies eine ganze Menge Zeit und Arbeit. Mittlerweile führen wir deshalb maximal zwei Spiele pro Jahr durch.
Gerome räusperte sich, während nun Nick nach seinem Bierglas griff und einen kräftigen Schluck davon nahm. Er stopfte sich sozusagen selbst den Mund, was ihn beinahe sarkastisch auflachen ließ. Doch Gerome fuhr unbeeindruckt fort.
Inzwischen kann ich mit Fug und Recht behaupten, dass das Game of Life zu einer Art Organisation geworden ist. Wir haben ganz andere technische Möglichkeiten als früher. Ach, in dem Zusammenhang fällt mir ein ... , bemerkte Gerome, stand auf und durchquerte das Zimmer. Aus einer kleinen Schatulle entnahm er gleich darauf etwas, was Nick nicht genau sehen konnte. Doch nachdem Gerome zurück an ihren Tisch gekehrt war, erkannte er Laceys Kette, die sie in den Everglades an ihrer ersten Spielstation gefunden hatten.
Die hier haben sie in Atlanta vergessen, lächelte Gerome, während Lacey zögernd nach dem Schmuckstück griff. Nick, würden sie mir bitte auch ihre Kette kurz überlassen? Ich möchte den Sender daraus entfernen.
Sender? Der Mann hatte eben nicht wirklich Sender gesagt, oder? Zu verwirrt um tatsächlich wütend zu sein oder sich irgendwie zur Wehr zu setzen, löste Nick den Knoten in seinem Nacken und zog die Kette mit dem lila Anhänger hervor.
Gerome bedankte sich nickend, zauberte aus einem weiteren Regal einen spitzen Brieföffner hervor und löste mit einiger Mühe ein kleines, rundes Holzplättchen von der Rückseite des Steins. Darunter befand sich ein kleines, schwarzes Etwas, das nur halb so groß wie der Nagel seines kleinen Fingers war und nun einfach in Geromes Jackentasche verschwand. Wenig später hatte er die Verkleidung wieder geschlossen und Nick die Kette in die Hand gedrückt.
Wir waren ganz schön in Sorge, als wir sie in Atlanta nicht vorfanden, sagte Gerome an Lacey gewandt, während er wieder hinüber zu seinem Sessel ging und sich darin nieder ließ.
Sie ... waren ... dort? stammelte sie und Nick bemerkte aus den Augenwinkeln, wie sie blass wurde.
Gerome nickte. Wir haben einen Spielführer entsandt, also eine Person die geschult im Umgang mit Menschen ist, die den psychischen Belastungen des Spiels vielleicht nicht gewachsen sind.
Psychischen Belastungen, echote sie und Nick stand kurz davor einfach aufzuspringen und diesem Gerome sein dämliches, falsches Lächeln aus dem Gesicht zu prügeln.
Ja, manchmal ist dies tatsächlich nötig, nickte Gerome. Natürlich hat nicht jeder, der an diesem Spiel teilnimmt, so viel durchgemacht wie sie, das gebe ich zu, aber ab und an kam es doch vor, dass wir der Meinung waren, dass ein bisschen Beistand nicht schaden könnte.
Anfänglich haben wir uns bemüht, die Mitspieler auf Schritt und Tritt zu beschatten, was sich manchmal, wie sie sich vielleicht denken können, recht mühsam und aufwendig gestaltete. Doch vor zwei Jahren kam uns dann der Zufall zu Hilfe. Die richtigen Kontakte und eine entsprechende Geldsumme und wir waren in der glücklichen Lage unsere Spieler mit Hilfe eines Peilsenders im Auge zu behalten.
Das hört sich jetzt sicherlich schlimmer an, als es tatsächlich ist, ergriff nun das erste Mal Madam Esmeralda das Wort und Nick stellte überrascht fest, dass die Worte aus ihrem Mund wesentlich aufrichtiger klangen. Sie müssen sich das so vorstellen, dass wir eine Karte des Landes haben und darauf ein blinkendes Licht an der Stelle sehen, an der sie sich gerade befinden. Wir haben also keine Kameras auf sie gerichtet und wir können auch nicht sehen, was genau sie tun. Deshalb wird jede Station zusätzlich von einer Gruppe von Leuten überwacht.
Inserieren sie dafür in der Zeitung? meldete sich Aaron nun glucksend zu Wort. Suchen Mitarbeiter zu Beschattungszwecken oder so ähnlich?
Nein, das nicht, entgegnete Gerome mit einem nachsichtigen Kopfschütteln. Alle Mitspieler des Game of Life können nach Beendigung des Spiels entscheiden, ob sie unserer Organisation beitreten möchten, um die kommenden Spiele zu begleiten. Unser Netzwerk erstreckt sich mittlerweile über eine weite Fläche des Landes und es werden jedes Jahr mehr.
Nun platzte Nick endgültig der Kragen. Was bildete sich dieser Schnösel eigentlich ein? Saß da selbstgefällig in seinem Sessel und redete von diesem Spiel wie von irgendeiner wohltätigen Organisation!
Jetzt reicht es aber! fuhr er auf. Sie haben uns also einfach so unkalkulierbaren Risiken ausgesetzt? Wahrscheinlich macht es ihnen auch noch Spaß andere Menschen zu quälen, huh? Aber nicht mit mir, verdammt noch mal. Haben sie überhaupt eine Ahnung davon, was wir durchgemacht und wie viel Angst wir ausgestanden haben?
Ich kann ihnen versichern ... , setzte Gerome an, doch Nick hörte ihm gar nicht mehr richtig zu. Er war nun so richtig in Fahrt und alles, was sich im Laufe dieses elendigen Spiels in ihm aufgestaut hatte, drängte nun nach draußen.
Halten sie die Klappe, fuhr er diesen selbst ernannten, selbstgerechten Idioten an und sprang von dem Diwan in die Höhe. Sie haben überhaupt keine Ahnung, stieß er hervor und funkelte dabei Gerome von oben herab aufgebracht an. Sie haben meinen Bruder entführt und mich in dem Glauben gelassen, dass sie ihm etwas antun werden. Sie schicken uns durch das halbe Land, ohne wirklichen Sinn und Zweck. Wir verbringen eine wirklich ätzende Nacht in den beschissenen Sümpfen, sie schicken uns halb krank vor Sorge in diesen ätzenden Zug, lotsen uns durch einen HURRIKAN auf einen Friedhof, obwohl sie genau wissen, wie schmerzhaft das für Lacey ist und wagen es nun, uns hier in ihrem feinen Anzug und in diesem beschissenen, riesigen Haus gegenüber zu treten und uns zu sagen, dass das alles gar nicht gefährlich war und sie nur unser bestes wollten? Wo leben sie eigentlich? Er musste Luft holen, sonst hätte er vielleicht noch stundenlang weiter geschimpft. Leider gab dies auch Gerome die Gelegenheit, wieder das Wort zu ergreifen.
Das mit dem Hurrikan war so nicht geplant, sagte er in beschwichtigendem Tonfall, während Nick fühlte, wie Lacey nach seiner Hand griff, die zu einer kompakten Faust geballt an seiner Seite schwebte. Glauben sie mir, so weit sind wir noch nicht, dass wir Naturkatastrophen herauf beschwören können. Und ich verstehe sehr wohl ihren Ärger darüber, dass sie diese ganzen Strapazen eher unfreiwillig auf sich genommen haben.
Aber ich möchte sie trotzdem bitten nur für einen kurzen Moment darüber nachzudenken, wie sich ihr Leben und ihr Denken bereits jetzt, so kurz nach Beendigung des Spiels, verändert hat. Und wenn sie dies bei sich vielleicht nicht feststellen können, dann sehen sie sich Lacey an.
Ohne dass Nick es gewollt hätte, wanderte sein Blick zu dem Mädchen hinunter, das die letzten Wochen an seiner Seite gestanden hatte und jetzt mit großen Augen und angespannten Gesichtzügen zu ihm aufsah.
Denken sie wirklich, sie wäre von ganz alleine dieser Mensch geworden, der jetzt neben ihnen sitzt? Haben sie das Leuchten in ihren Augen nicht gesehen und die Zufriedenheit, die sie erfasst hat? Was glauben sie, wie lange sie diesen Zustand nicht mehr gefühlt hat? Und meinen sie nicht auch, dass alleine dies unser Spiel rechtfertigt?
Er hatte ihn genau da getroffen, wo es weht tat. Das wusste Nick und das wusste wahrscheinlich auch Gerome. Natürlich hatte das Spiel auch sehr viel Gutes bewirkt. Nicks Blick viel erneut auf Lacey, die zusammen gesunken in den dunklen Lederpolstern saß und immer noch mit großen Augen zu ihm aufblickte. Ja, in ihrem Fall war die Reise zwar schmerzhaft, aber trotzdem erfolgreich gewesen. Er dachte an die blaue Flasche, die immer noch im Kofferraum des BMW lag, sah noch einmal die Fotowände in dem Stollensystem vor sich, spürte ihren nackten Körper an seinem in dem Bunker, während über ihnen der Sturm tobte und fühlte tief in sich, wie langsam eine wohltuende Ruhe von ihm Besitz ergriff. Ganz langsam gaben seine Knie nach und er ließ sich leise stöhnend zurück neben Lacey auf den Diwan sinken.
Das Spiel war tatsächlich beendet. Er musste nicht mehr stark sein, er brauchte auf niemanden mehr aufzupassen und er musste sich keine Sorgen mehr um Aaron, Lacey oder sein eigenes Wohlergehen machen.
Und dann war da auch noch dieses Glücksgefühl, das trotz seinem inneren Aufruhr nie ganz verschwunden war. Die Gewissheit, wie viel Gutes ihn eigentlich umgab und wie undankbar er in den letzten Jahren gewesen war, wie sehr er seine Familie und Freunde vernachlässigt hatte, obwohl sie doch eigentlich an erster Stelle stehen sollten, wie wichtig ihm solch unnötige Dinge wie Geld, Verträge und Erfolg geworden waren ... dies alles erkannte er in diesem Moment mit brutaler Klarheit. Und diese Erkenntnis hatte er tatsächlich und einzig und alleine dem Game of Life zu verdanken.
Da half es leider gar nichts, dass er immer noch auf Gerome wütend sein wollte. Seine Aggressionen waren verraucht, seine Wut hatte sich zurückgezogen und einer beinahe betäubenden Ruhe Platz gemacht. Er war jetzt hier, er hatte das Spiel überlebt und dabei die Frau seines Lebens gefunden. Was regte er sich also eigentlich auf?
Er seufzte laut und anhaltend, schüttelte dann den Kopf und spürte im gleichen Moment, wie sich Laceys warme Hand über seine auf seinem Knie schob.
Er hat Recht, sagte sie leise.
Ich weiß, gab er beinahe flüsternd zu. Und ich befürchte, das passt mir ganz und gar nicht.
Wissen sie, warum wir sie ausgesucht haben? fragte Gerome in diesem Moment unvermittelt und überrascht ruckte Nicks Kopf in die Höhe. Sie hatten ihn tatsächlich ausgesucht? Aber wie war das möglich? Er schüttelte langsam den Kopf, während er fühlte, wie sich seine Magenwände unangenehm zusammen zogen.
Von außen betrachtet haben sie alles, was sich ein Mensch nur wünschen kann: Familie, Freunde, Geld und Erfolg. Trotzdem wirkten sie damit nicht glücklich. Meine Tochter hat mich eigentlich darauf gebracht. Sie ist 26 und seit Jahren ein Fan ihrer Musik. Eines Abends erzählte sie mir, dass sie den Eindruck hätte, dass sie nicht mehr sie selbst seien. Die unzähligen Frauengeschichten, die niemals gut ausgingen, die Vorstrafe wegen Trunkenheit am Steuer ... da kam so einiges zusammen.
Es hat mich gereizt zu sehen, wie jemand, der alles hat damit umgeht, wenn ihm etwas davon genommen wird. Ich wollte ihnen bewusst machen, wie gut es ihnen eigentlich geht und wie stolz sie auf das sein können, was sie erreicht haben. Außerdem, aber das hat sich erst etwas später heraus gestellt, haben wir sie damit auch dazu gezwungen, sich ihren Ängsten zu stellen.
Ja, die Sache mit dem Stollen war ne Superidee, schnaubte Nick ironisch und verdrehte die Augen.
Ich weiß, grinste Gerome. Lernprozesse, die eine Veränderung in unserem Verhalten bewirken sollen, sind meist sehr schmerzhaft und arbeitsintensiv, denn es fällt schwer, alte Gewohnheiten zu durchbrechen. Das fängt schon bei dem Versuch an, mit dem Rauchen aufzuhören, und endet bei Verhaltensmustern, die sie über die Jahre kultiviert und gepflegt haben.
Das Verhältnis zu ihrem Bruder zum Beispiel ... ,
Nick warf einen schnellen Blick zu Aaron hinüber, der allerdings wie gebannt an Geromes Lippen hing.
... wenn meine Informationen stimmen, dann führten Diskussionen mit ihm bisher grundsätzlich zu einer Auseinandersetzung. Ich sage jetzt nicht, dass dies nicht mehr passieren wird, es ist sogar ziemlich wahrscheinlich, dass sie bald wieder im Streit liegen, wenn ich mir ihre beiden hitzigen Charaktere so ansehe, aber vielleicht hat ihnen das Spiel dabei geholfen zu erkennen, wie wichtig er ihnen eigentlich ist und das ein Streit es nicht immer wert ist, sich beleidigt und schmollend zurückzuziehen.
Könnte schon sein, gab Nick widerstrebend zu.
Und ich? meldete sich unvermittelt Lacey zu Wort. Ich meine ... wie passe ich in das Bild? Haben sie mich auch ausgesucht?
Ich wünschte, es wäre so gewesen, lächelte Gerome traurig. Dann wären wir besser darauf vorbereitet gewesen.
Als wir erfuhren, dass Nick mit seinem Boot den Hafen verlässt, sorgten wir dafür, dass er die erste Nachricht erhält. Da klar war, dass er zu diesem Zeitpunkt ... nun ja ... sagen wir mal, nicht gerade eine große Auswahl an Begleitpersonen zur Verfügung hatte, schickten wir ihn zum Paradise Motel und zu einem Zimmer, das ganz sicher bewohnt ist. Das hat in der Vergangenheit schon ein paar Mal geklappt. Hätte er dort niemanden getroffen, der ihn begleitet, hätten wir eine weitere Station eingebaut, bei der er ganz sicher einen Mitspieler gefunden hätte.
Als ich allerdings die ersten Bilder von der Überwachungskamera des Motels und später aus Flicks Taverne erhielt, traf mich beinahe der Schlag.
Geromes Gelassenheit hatte sich sichtlich verflüchtigt und gespannt beugte Nick sich ein Stück weiter vor. Ein Teil seines Verstandes konnte immer noch nicht glauben, was da tatsächlich hinter den Kulissen des Game of Lifes abgegangen war, der andere, weit größere Teil allerdings, war gespannt wie ein Flitzebogen noch mehr zu erfahren.
Sie haben damals das Unglück hautnah miterlebt, sagte Lacey beinahe flüsternd.
Gerome nickte. Der Unfall geschah auf meinem Gelände. Noch immer mache ich mir Vorwürfe, dass es zu dieser Zeit keine ausreichenden Sicherheitsvorkehrungen gegeben hat. Heute ist das natürlich anders, aber das bringt uns leider ihre Freunde auch nicht wieder zurück.
Das stimmt, entgegnete Lacey gepresst.
Ich habe oft darüber nachgedacht, ob ich ein Spiel für sie kreieren soll. Aber am Anfang war es beinahe unmöglich an sie heran zu kommen und später wusste ich nicht so recht, ob ich wirklich das Risiko auf mich nehmen und sie nach ihrem Aufenthalt in der Klinik auf diese schmerzhafte Reise schicken sollte.
Als ich dann mitbekam, dass Nick sich ausgerechnet sie als Spielpartnerin ausgesucht hatte, war ich erst einmal vollkommen geschockt.
Gleichfalls, bemerkte Lacey trocken, was Gerome ein leises Schmunzeln entlockte.
Es stellte sich allerdings nach einer Weile heraus, dass sie beide ... nun ja ... wie soll ich das ausdrücken? Sie harmonieren erstaunlicher Weise unheimlich gut. Es schien fast so, als füllten sie die Defizite des anderen auf. Also entschied ich, dass wir sie im Spiel belassen und ihnen wenn nötig einen Spielführer zur Seite stellen. Doch den haben sie, wie man sieht, gar nicht benötigt. Das ist zum größten Teil Nicks Verdienst und ich hoffe, dessen ist er sich auch bewusst.
Gerome lächelte nun zu Nick herüber und er begann sich unter dem gütigen Blick des Mannes augenblicklich unwohl zu fühlen. Hatte er wirklich irgendetwas dazu beigetragen, dass Lacey ihr Trauma überwunden hatte? Das konnte er sich nicht so recht vorstellen.
Es stimmt was er sagt, lächelte Lacey unvermittelt zu ihm herüber. Ohne dich hätte ich das alles niemals geschafft.
Aber meinst du nicht, dass du ganz alleine dafür verantwortlich bist, dass es dir jetzt besser geht? Was habe ich denn schon groß getan? entgegnete er zweifelnd.
Du warst da, sagte sie schlicht. Mehr brauchte ich seltsamer Weise nicht. Und ich glaube, niemand hätte diese Position zu diesem Zeitpunkt besser ausfüllen können. Nicht meine Eltern, Verwandte oder andere Freunde. Ich ... sie ... ich habe ihnen wohl die Fähigkeit abgesprochen, mich zu verstehen. Bei dir war das anders. Vielleicht weil ... na ja ... weil du manchmal auch deine Angst gezeigt hast.
Oh ja, und wie er die gezeigt hatte. Wenn er daran dachte, dass sie hautnah miterlebt hatte, wie er sich wie ein Baby aufführte, sobald es dunkel wurde, wurde ihm regelrecht übel.
Ich denke, sie haben noch jede Menge Zeit um das gemeinsam erlebte zu verdauen, lächelte Gerome nun. Wichtig ist nur, dass sie es bis hierher geschafft und damit erfolgreich am Game of Life teilgenommen haben. Was mich wiederum zu dem Thema und was machen wir jetzt führt, grinste Gerome.
Essen wäre nicht schlecht, bemerkte Aaron augenblicklich, während seine Aussage von lautem Magenknurren begleitet wurde.
Gleich, nickte Gerome. Vorher noch ein paar letzte Dinge. Ich möchte sie darum bitten, mit niemandem über das Spiel zu sprechen. Ich weiß, dass das schwer fällt, da sie ja nun in den letzten Wochen einige Abenteuer erlebt haben, aber es ist unerlässlich für unsere Gemeinschaft, dass nichts über das Spiel und seine Regeln nach außen dringt. Es gibt noch jede Menge Menschen, die am Game of Life teilnehmen sollten und wenn sie die Informationen dazu auf jeder beliebigen Seite im Internet aufrufen können, macht das Ganze wenig Sinn. Verstehen sie das?
Nick, Lacey und sogar Aaron nickten andächtig.
Sie haben die Möglichkeit, der Organisation beizutreten und somit aktiv an den kommenden Spielen teilzunehmen. Wir würden sie dann rechtzeitig über ein neues Spiel informieren und ihnen erklären, welche Aufgabe für sie angedacht ist. So oder so werden sie, wenn sie das möchten, das nächste Game of Life anstoßen und zumindest theoretisch begleiten. Wir werden sie über sämtliche Schritte unterrichten und sie werden die Gelegenheit bekommen, ihren Mitspielern Auge in Auge gegenüber zu treten. Diese Methode hat sich als nachträgliche Reflektionsmöglichkeit sehr bewährt und bisher hat noch jeder Mitspieler diese Möglichkeit wahrgenommen.
Nick nickte automatisch, wenn er sich auch noch nicht wirklich entschieden hatte, ob er tatsächlich dabei helfen wollte, ein weiteres, armes Würstchen auf die Reise des Game of Life zu schicken.
Diese Entscheidung müssen sie natürlich nicht sofort treffen, meldete sich erneut Madam Esmeralda zu Wort. Wir wollen ihnen nur ihre Möglichkeiten aufzeigen.
Verstehe, nickte Nick.
Haben sie noch irgendwelche Fragen? Irgendetwas, was ihnen noch nicht ganz klar ist? Keine Sorge, wir stehen jederzeit zu ihrer Verfügung, wenn sich im Nachhinein noch etwas ergebe sollte.
Nick und Lacey sahen sich für einen Moment an, dann schüttelte sie beinahe unmerklich den Kopf und er zuckte mit den Schultern. Auch Aaron blieb weiterhin stumm. Fürs erste waren wohl alle Fragen geklärt.
Sehr schön, bemerkte Gerome schließlich. Da hiermit der offizielle Teil beendet ist, kommen wir nun zum angenehmen Part.
Essen? fragte Aaron hoffnungsvoll.
Genau, lachte Gerome und erhob sich langsam aus seinen Sessel. Es ist übrigens Tradition, fuhr er fort, während er Madam Esmeralda seinen Arm anbot, die sich sofort bei ihm unterhakte. Das nach Beendigung eines Spiels alle Mitglieder der Organisation zusammen kommen, um dieses freudige Ereignis gebührend zu feiern. Demnach erwartet sie äußerst interessante Gesellschaft heute Abend.
Sie meinen, sagte Lacey, die gemeinsam mit Nick aufgestanden war und ihm jetzt einen Arm um die Taille schlang. Wir werden mit lauter Menschen essen, die dieses Spiel auch schon gespielt haben?
Genau das will ich damit sagen junges Fräulein. Und natürlich dürfen sie heute Abend so viel wie sie möchten über ihr Spiel reden. Wenn sie dieses Anwesen allerdings verlassen, bitte ich um strickte Geheimhaltung.
Ja, ja, schmunzelte Madam Esmeralda und tätschelte Geromes Arm. Das haben die drei jetzt begriffen. Lass uns endlich gehen.
Selbstverständlich, lächelte er und marschierte dann ohne weitere Verzögerung auf eine Tür im rückwärtigen Teil der Bibliothek zu.
Für einen Moment war sich Nick nicht sicher, ob er sich überhaupt jemals wieder würde bewegen können. Wie festgefroren stand er auf seinem Platz, während seine Augen Aaron folgten, der sich beeilte Gerome und Madam Esmeralda hinterher zu kommen.
Was denkst du? Laceys sanfte Stimme löste schließlich seine Erstarrung und mit einem liebevollen Lächeln blickte er gleich darauf auf sie hinunter.
Nichts ... ich ... also ... irgendwie war das gerade ganz schön viel auf einmal.
Das stimmt, nickte sie. Aber ich bin froh, dass wir nun endlich wissen, was hier tatsächlich gespielt wurde.
Nettes Wortspiel, grinste Nick, was Lacey schmunzeln ließ.
Schließlich holte er tief Luft und atmete langsam wieder aus. Gott, es fühlte sich tatsächlich gut an, Nick Carter zu sein. Surreal, aber schön, wie Hugh Grant sicherlich gesagt hätte.