Kapitel 48
Lacey tigerte in ihrem Zimmer nervös auf und ab. Sie trug das rote, bodenlange Kleid mit dem tiefen Ausschnitt und dem Schlitz an der Seite, so dass man ihre langen Beine bei jedem Schritt sehen konnte. Die passende Unterwäsche und Schuhe dazu, hatte sie schließlich nach dem Duschen neben ihrem Bett gefunden. Erneut schob sie sich nun in den riesigen, begehbaren Kleiderschrank, der allerdings nur leere Fächer, Bügel und Regale enthielt und warf einen ausgiebigen Blick in den bodenlangen Spiegel an der Wand. Augenblicklich stellte sich wieder dieses seltsame Kribbeln in ihrer Magengegend ein, das sie bereits bei ihrem ersten Blick vor einer halben Stunde empfunden hatte.
Es fühlte sich an, als starre sie in das Gesicht einer Fremden. Natürlich, an ihrem Äußeren hatte sich nicht wirklich etwas verändert, doch der Ausdruck in ihren Augen schien ein anderer geworden zu sein, ihre gesamte Körperhaltung hatte sich verändert und das ungewohnte Gefühl von Seide auf ihrer Haut und die für sie untypischen hohen Absätze der roten Sandalen taten ihr übriges.
Als sei sie buchstäblich über Nacht erwachsen geworden erkannte sie, dass sie tatsächlich an einem Wendepunkt in ihre Leben angekommen war. Die Zeit war nun eindeutig vorbei, in der sie sich zurückziehen musste um überleben zu können. Plötzlich waren die vielen anderen Dinge ihres Lebens wieder wichtig geworden, allem voran ihre Beziehung zu Nick, die ihr jetzt unglaublich zerbrechlich und fragil erschien.
Sie sah sich selbst plötzlich mit anderen Augen, Dinge, die ihr bisher relativ egal gewesen waren, erhielten eine neue Wichtigkeit. Sie fragte sich zum Beispiel, ob Nick wohl gefallen würde was er sah, wenn sie ihm die Tür öffnete. Würde er an die Narbe auf ihrem Bauch denken, die man zwar im Moment nicht sehen konnte, von der sie aber beide wussten, dass sie da war? Würde er sie immer noch so sehr brauchen und zu ihr halten, wenn sie beide zurück in ihr eigentliches Leben gekehrt waren? Was machte er gerade? Warum dauerte es so lange, bis er zu ihr zurück kam? Hatte er sie womöglich schon vergessen? War vielleicht gegangen, ohne sich von ihr zu verabschieden?
Missbilligenden schüttelte sie bei diesem Gedanken den Kopf. Das würde er ganz gewiss niemals tun. Vielleicht würde ihre Beziehung enden, bevor sie richtig begonnen hatte, aber er wäre niemals so gemein und verantwortungslos, sie einfach ohne ein Wort zurück zu lassen.
Blieb trotzdem die Frage, warum er noch nicht wieder hier war. Er hatte doch schließlich gesagt, er würde sich beeilen. Aber vielleicht war er auch schon von diesem Gerome aufgesucht worden und erfuhr gerade, was es mit diesem Game of Life tatsächlich auf sich hatte.
Das laute Klopfen an ihrer Zimmertür erlöste sie schließlich. So schnell ihre hohen Absätze sie tragen konnten, hastete sie mit gerafften Rücken zur Tür und riss diese auf. Vor ihr, in einem schwarzen Smoking mit weißem Hemd und Fliege, stand ein sichtlich entspannter Nick. Auf seinem Gesicht lag ein warmes Lächeln und sie konnte seinen Blick geradezu körperlich spüren, als dieser jetzt anerkennend über ihren Körper huschte.
Wow! stieß er gleich darauf hervor. Du siehst einfach umwerfend aus.
Uhm ... danke, murmelte sie etwas verlegen. Du aber auch.
Ach, Männer in Smokings sehen immer gut aus, winkte er grinsend ab. Was eine hervorragende Überleitung zum nächsten Thema ist, fügte er dann immer noch grinsend hinzu. Ich möchte dir nämlich jemanden vorstellen.
Hinter Nick tauchte plötzlich ein weiterer junger Mann im Smoking auf und Lacey benötigte nur den Bruchteil einer Sekunde um zu erkennen, dass es sich hierbei nur um Nicks Bruder handeln konnte.
Sie sahen sich auf eine eher unauffällige Art ähnlich: Die gleiche, gerade Nase, das selbe, kantige Kinn und das gleiche, blonde Haar. Aarons Gesichtszüge wirkten etwas härter, da sein Gesicht schmaler und länger war, trotzdem konnten sie die Verwandtschaft nicht leugnen.
Lacey? Das ist Aaron. Und wie du siehst, geht es ihm ziemlich gut, stellte Nick ihr seinen Bruder vor.
Freut mich dich kennen zu lernen, lächelte Aaron, schob sich an Nick vorbei und schüttelte ihre Hand. Ich habe in der kurzen Zeit schon so einiges über dich gehört.
Du kennst doch deinen Bruder, entgegnete Lacey nervös. Er übertreibt ganz gerne mal.
Normaler Weise würde ich dir ja zustimmen, grinste Aaron aber in deinem Fall hat er eindeutig die Wahrheit gesagt. Du bist tatsächlich so hübsch, wie er angedeutet hat.
Lacey fühlte, wie sich ihre Wangen mit einer sanften Röte überzogen und verzweifelt fragte sie sich, wo ihre Souveränität und Stärke hingekommen waren. Sie benahm sich wie ein Teenager bei ihrem ersten Rendezvous, dabei hatte sie doch gerade eben erst festgestellt, dass sie erwachsen geworden war.
Tut mir leid Bruderherz, mischte sich nun Nick in ihr Geplänkel ein. Diese Superfrau gehört mir. Such dir gefälligst eine eigene.
Im Moment herrscht gerade echter Mangel, beschwerte sich Aaron.
Dein Problem, grinste Nick, schob Aaron ohne Umschweife zur Seite und legte Lacey die Arme um die Taille. Hast du mich vermisst? flüsterte er mit einem sanften Lächeln.
Und wie! gestand sie.
Ich dich auch, entgegnete er, dann beugte er sich zu ihr hinunter und hauchte ihr einen zärtlichen Kuss auf die Lippen.
Als sie sich wieder voneinander lösten, fühlte sich Lacey leichter als Luft. Das hier war definitiv das Beste, was ihr seit langer Zeit widerfahren war und vielleicht, aber dessen war sie sich noch nicht wirklich sicher, sollte sie sich hierfür beim G-o-L Komitee bedanken.
Geht es dir gut? fragte sie an Nicks Schulter vorbei an Aaron gewandt.
Alles bestens, nickte er. Nick kann dir nachher erzählen, was hier abgegangen ist. Aber jetzt sollen wir erstmal runter in die Bibliothek kommen.
Mit fragend in die Höhe gezogenen Augenbrauen wandte sich Lacey wieder an Nick.
Das stimmt, nickt er. Dieser Butlerverschnitt hat da so was erwähnt. Scheinbar ist jetzt endlich die Stunde der Wahrheit gekommen, auch wenn ich ihnen übel nehme, dass ich mich dafür in dieses unbequeme Kleidungsstück habe zwängen müssen. Zur Bekräftigung fuhr er mit dem Zeigefinger unter den Kragen seines Hemdes und machte ein gequältes Gesicht.
Och, ich habe rein gar nichts dagegen, schmunzelte Lacey und fuhr zärtlich mit ihren flachen Handflächen über die Aufschläge seines Revers.
Okay ihr Turteltäubchen, meldete sich Aaron erneut zu Wort. Ehrlich gesagt habe ich einen mordsmäßigen Hunger, außerdem wird mir gleich schlecht, wenn ich euch noch weiter bei diesem Rumgefummel zugucken muss. Also wollen wir los, oder was?
Charmant wie immer, brummte Nick gutmütig, bevor er Lacey losließ, stattdessen nach ihrer Hand tastete und sie dann gemeinsam den langen Flur hinunter schritten.
Das Haus und das Grundstück sind wirklich riesig, erklärte Aaron auf dem Weg nach unten. Und ich meine ... ich bin da ja schon so einiges gewohnt. Aber der Typ hier stinkt geradezu nach Geld, das kann ich euch sagen.
Ich habe gehört, er hätte sein Vermögen während des Internetbooms in den Neunzigern gemacht, erklärte Lacey. Scheinbar war er einer der wenigen, die wussten, wann er aussteigen muß.
Du kennst den Typen? fragte Aaron entgeistert, während sie die letzte Stufe hinunter stiegen und damit in der luftigen Empfangshalle ankamen.
Flüchtig, entgegnete sie ausweichend.
Ich bin wirklich gespannt, was dieser Typ uns zu sagen hat, bemerkte Nick, während sie Aaron folgten, der sich hier bestens auszukennen schien. Sie wandten sich nach links, gingen vorbei an etlichen, geschlossenen Türen und gelangten dann in einen langen Gang, der von einer halbrunden Glaskuppel hoch über ihren Köpfen überspannt wurde. Die Sonne hatte gerade begonnen am Horizont unterzugehen und so tauchten die blutroten Schatten die gesamte Szenerie in ein unwirkliches Licht.
Auf ihrem Weg kamen sie an weit offen stehenden, weißen Sprossentüren vorbei, die in einen weitläufigen Garten führten. Vorbei an weiteren, geschlossenen Türen, hindurch durch einen kreisrunden Raum, in dem ausladende Sofas vor einem offnen Kamin zum Verweilen einluden, endete der Gang schließlich vor einer weiteren, mit dunklem Holz getäfelten Doppeltür.
Die Bibliothek, verkündete Aaron überflüssiger Weise und klopfte dann laut und vernehmlich an die dicke Tür.
Das Herein dahinter, war nicht viel mehr als ein dumpfes, undeutliches Gemurmel, trotzdem drückte Aaron gleich darauf die Tür auf und trat, gefolgt von Nick und Lacey, in einen ebenfalls überdimensioniert wirkenden Raum ein.
Lacey wusste gar nicht, wo sie zu erst hinsehen sollte. Der Raum zog sich über zwei Etagen, jedes freie Fleckchen an der Wand war mit Büchern voll gestopft, eine Wendeltreppe führte zu ihrer Rechten zur nächsten Ebene hinauf, auf der sich eine Galerie in schwindelerregender Höhe um den gesamten Raum herumzog, die weitere, unzählige Regale mit Büchern beherbergte. Über ihnen fiel das samtene Abendlicht durch eine gläserne Kuppel bis zu ihnen herunter, trotzdem brannten einige Lampen, die an langen Kabeln von der Decke schwebten und zum einen über zwei Lesetischen endeten, die so groß wie Tischtennisplatten zu sein schienen, und zum anderen eine gemütliche Sitzgruppe mit zwei Ohrensesseln und einem, mit teuerem Kalbsleder bezogenen Diwan beleuchteten.
Von eben diesem Diwan erhoben sich nun zwei Personen, nachdem sie ihre zierlichen Porzellantassen auf dem niedrigen Ebenholztisch abgestellt hatten.
Die Frau erkannte Lacey sofort wieder. Madam Esmeralda trug heute, scheinbar zur Feier des Tages, einen gold durchwirkten Kaftan, der elegant um ihre Brust und Taille gewickelt worden war. Auf ihrem Kopf thronte ein ebenfalls goldener Turban, der das meiste ihres dichten, krausen Haares verdeckte.
Bei dem Mann handelte es sich ohne Zweifel um Gerome Sallas. In Natura wirkten seine braunen Augen noch um einiges sanfter und goldene Sprenkel funkelten in dem warmen Licht auf, als er nun an sie heran trat. Auch er trug einen Smoking, was seiner Erscheinung zusätzlich eine gewisse Gediegenheit und Würde verlieh.
Nick! Lacey! Ich freue mich sehr, dass wir uns endlich persönlich gegenüberstehen, begrüßte er sie überschwänglich und mit einem breiten Lächeln.
Lacey schüttelte stumm seine dargebotene Hand, während sich Nick mit verschlossener Miene weigerte, sich auch nur eine Winzigkeit von der Stelle zur rühren.
Ich sehe, sie sind verärgert, stellte Gerome, immer noch mit diesem Lächeln auf dem Gesicht, fest.
Nick schwieg weiterhin und funkelte sein Gegenüber lediglich böse an. Die Arme hatte er fest vor der Brust verschränkt und seine gesamte Körperhaltung schrie gerade zu komm mir ja nicht zu nahe, während sich sein Blick unnachgiebig in Geromes warme Augen bohrte.
Ich verstehe, nickte Gerome in diesem Moment, als hätte ihm Nick gerade eine äußerst wichtige Botschaft per Telepathie übermittelt.
In diesem Moment hatte Madam Esmeralda ihre kleine Gruppe erreicht.
Hallo Lacey, begrüßte sie sie und Lacey ließ es zu, dass die rundliche, schwarze Frau sie in die Arme zog. Ich freue mich, sie zu sehen, lächelte diese schließlich, als sie sich wieder voneinander gelöst hatten. Wie ich sehe, haben sie gerade noch rechtzeitig einen Schritt aus der Welt der Geister heraus getan.
Lacey nickte langsam. Ja, das stimmt. Auch wenn ich mich noch nicht so recht an diesen Gedanken gewöhnen kann.
Das kommt noch, versicherte die Wahrsagerin mit einem bekräftigenden Nicken und wandte sich dann Nick zu.
Nick, es ist mir eine Freude, sie wieder zu sehen, begrüßte sie ihn.
Kann ich nicht behaupten, grummelte Nick mit gerunzelter Stirn, brachte es aber tatsächlich über sich, die ihm entgegen gestreckte Hand zu ergreifen und kurz zu schütteln.
Ich kann verstehen, dass sie nicht gerade gut auf uns zu sprechen sind, lächelte Madam Esmeralda aber glauben sie mir, wenn sie alle Einzelheiten kennen, werden sie anders darüber denken.
Ist das wieder eine ihrer übernatürlichen Wahrnehmungen oder begründet sich das diesmal auf Tatsachen? fragte Nick spitz.
So wohl als auch, grinste Madam Esmeralda.
Nehmen sie doch erst einmal Platz, sagte nun Gerome und deutete auf die Sitzgruppe. Was möchten sie trinken? Ich fände ja Champagner angemessen, aber wenn ihnen etwas anderes lieber ist, können wir damit sicherlich auch dienen.
Für mich ein Bier bitte, sagte Aaron, während er an Gerome vorbei ging und sich gleich darauf in einen der Ohrensessel fallen ließ.
Und Nick, für sie?
Für mich auch ein Bier, entgegnete dieser nach kurzem Zögern.
Lacey?
Champagner klingt hervorragend, gab sie zu.
Wunderbar, lächelte Gerome, ging dann hinüber zu einem der Lesetische und drückte auf einen unauffälligen Knopf, der in die Tischplatte eingelassen war.
Keine zwei Sekunden später wurde die Tür geöffnet und William trat herein.
Sie wünschen Sir? fragte er.
Zwei Bier für die beiden junge Herren hier und drei Gläser Champagner für Miss Jenkins, Madam Esmeralda und mich.
Kommt sofort, entgegnete William und zog sich gleich darauf mit einer kurzen, angedeuteten Verbeugung zurück.
Lacey sah zu Nick auf um zu ergründen, was nun als nächstes passieren würde. Wollte er hier stehen bleiben, oder sich lieber setzen? War er kurz davor zu explodieren, oder blieb er weiterhin abweisend aber ruhig?
Sollen wir uns setzen? fragte sie schließlich, nachdem sie seinen Gesichtsausdruck nicht deuten konnte.
Hm, nickte er und setzte sich gleich darauf in Bewegung. Dabei zog er Lacey an seiner Hand hinter sich her und sie ließ sich gleich darauf leise aufatmend neben ihm auf den Diwan sinken. Gerome nahm ihnen gegenüber in einem der Ohrensessel platz, während sich Madam Esmeralda zu Nick und Lacey gesellte.
Für einen Moment legte sich tiefes Schweigen über den Raum, das lediglich durch das laute Ticken einer Uhr unterbrochen wurde und unruhig rutschte Lacey auf den samtweichen Lederpolstern hin und her. So groß ihre Neugier auch war zu erfahren, was dieses Game of Life tatsächlich zu bedeuten hatte, so große Angst hatte sie auch vor der Enthüllung.
Vielleicht verhielt es sich hierbei genau so wie mit einem wirklich überzeugenden Zaubertrick: Wenn erst einmal heraus war, wie der Trick funktionierte, verlor er jegliche Magie und zurück blieb ein fader Geschmack von etwas, das einmal ein Wunder gewesen war. Wenn es sich mit dem Spiel genau so verhielt, würde Lacey vielleicht am Ende wieder zurück in ihre Lethargie, in ihre Verzweiflung und in ihre Einsamkeit stürzen und dieser Gedanke ließ ihr Herz hektisch in ihrer Brust höher schlagen.