Kapitel 47

Nachdem Nick die Flügeltüren hinter sich geschlossen hatte und sich herumdrehte, um diesem William weiter den Gang hinunter zu folgen, blieb das Bild von Lacey, wie sie einsam, klein und verlassen in diesem riesigen Prachtzimmer zurückblieb, wie ein besonders scharfes Foto in seinem Kopf haften. Die letzten Wochen hatte er beinahe ausschließlich mit ihr verbracht und gerade jetzt auf sich alleine gestellt zu sein, wo seine gesamten Sinne vor Angst, Nervosität und Wut vibrierten, fühlte sich eindeutig nicht besonders gut an.
Wahrscheinlich hatte er tatsächlich keine andere Wahl, als dieses letzte Stück des Game of Lifes alleine zu gehen, doch die Heftigkeit, mit der er sie jetzt vermisste und sie an seine Seite sehnte, überraschte selbst ihn. Noch nie hatte er etwas Ähnliches empfunden.
Natürlich war er schon ein paar Mal wirklich verliebt gewesen und kannte somit das Gefühl der Sehnsucht, wenn er mal wieder unterwegs war und seine Liebste damit zurück lassen musste. Doch noch nie, so kam es ihm zumindest vor, war er so sehr auf eine andere Person angewiesen gewesen und hatte er sich so dermaßen unvollkommen, unsicher und ängstlich gefühlt, wenn sie nicht bei ihm war.
Die Intensität seiner Gefühle erschreckte ihn im gleichen Maße, wie er sie genoss. Schon lange war er auf der Suche nach genau diesen Empfindungen gewesen und im Laufe der Zeit hatte er angefangen zu glauben, dass die Geschichten von der großen Liebe und einer möglichen Seelenverwandtschaft nur Märchen waren, denen er für den Rest seines Lebens hinterher jagen würde. Nun war sein Traum wahr geworden, doch genau so war ihm klar, dass er jeden Moment daraus erwachen konnte, nur um sich einsam und verlassen in seinem riesigen Haus wieder zu finden.
William unterbrach schließlich seine sich immer schneller drehenden Gedanken, als er an einer weiteren Tür stoppte.
„Und hier haben wir ihre Gemächer Mister Carter,“ lächelte er, schob die Tür nach innen auf und bedeutete Nick mit einer einladenden Geste voraus zu gehen.
Gleich darauf trat Nick in das goldene Licht der Abenddämmerung, das hier ebenfalls durch drei deckenhohe Bogenfenster herein fiel. Das riesige Bett zu seiner Linken war diesmal nicht mit einem Baldachin ausgestattet, eine erdfarbene Tagesdecke und die schwarzen Kissen darauf vermittelten einen eher maskulinen Eindruck, genau wie die Schrankwand aus dunklem Mahagoni zu seiner Rechten, die einen Flachbildfernseher und eine High-Tech Stereoanlage beherbergte.
„Ich wünsche ihnen einen angenehmen Aufenthalt,“ sagte der Butler. „Mister Sallas erwartet sie unten in seiner Bibliothek, wenn sie so weit sind.“
Mit diesen Worten zog sich der Hausangestellte zurück und zog im Rückwärtsgehen lautlos die Tür hinter sich zu.
Absolute Stille hüllte Nick augenblicklich ein und wäre das warme Licht von draußen nicht gewesen, hätte er ganz sicher augenblicklich Beklemmungen bekommen. Er war allein, er hatte keine Ahnung, was Lacey in diesem Moment tat und wo sich Aaron aufhielt.
Für einen Moment schloss er die Augen und atmete ein paar Mal tief durch. Er musste sich endlich einkriegen, so viel stand fest. Er war ein erwachsener Mann Herr Gott noch mal, Lacey war ganz nahe, nur ein Stück den Gang hinunter und Aaron ... nun ja ... den würde er hoffentlich wieder sehen, wenn er zu diesem Sallas Typen nach unten ging. So weit so gut.
Er wollte sich gerade in Bewegung setzen um in das angrenzende Badezimmer zu gehen und die schlimmsten Schlammverkrustungen abzuwaschen, als das Geräusch einer sich öffnenden Tür die Stille durchbrach.
Im nächsten Moment trat eine Fatamorgana in sein Blickfeld und Nicks Herz machte einen so heftigen Satz in seiner Brust, dass er der Meinung war, es würde gleich durch seinen Brustkorb stoßen und gegen die Scheibe des Fensters klatschen. Er benötigte tatsächlich ganze drei Sekunden um zu erkennen, dass er im Moment hellwach war und somit das alles hier nicht träumte.
Er hatte die Tür, die sich am Ende der Schrankwand befand, von seinem Platz aus nicht sehen können, doch es war eindeutig Aaron, der jetzt mit einem breiten Grinsen in der Mitte des Zimmer stehen blieb, die Hände in den Hosentaschen versenkte und den Kopf leicht schief legte.
„Du siehst scheiße aus Bro,“ lächelte er.
„Danke. Kann ich von dir nicht behaupten,“ entgegnete Nick mit vollkommen ausgetrockneter Kehle und wie wild hämmernden Herzen.
Nichts und niemand hätte Nick in diesem Moment aufhalten können. Mit drei schnellen, ausgreifenden Schritten hatte er das Zimmer durchquert und zog gleich darauf seinen Bruder in eine feste, beinahe verzweifelt wirkende Umarmung.
„Ist schön dich zu sehen,“ murmelte Aaron an seiner Schulter, während er ihn ebenfalls fest an sich drückte.
Nick stöhnte leise auf, da der Schmerz in seinen lädierten Rippen augenblicklich explodierte, doch er brachte es einfach nicht fertig seinen Griff zu lockern.
„Ich kann es immer noch nicht ganz glauben,“ flüsterte Nick.
„Es tut mir leid, dass wir dir so eine Angst eingejagt haben,“ hörte er Aaron sagen und augenblicklich begann ein knallrotes Alarmlämpchen in Nicks Kopf zu leuchten.
„Was meinst du damit?“ fragte er irritiert, schob Aaron ein Stück von sich, ohne ihn dabei wirklich loszulassen, und musterte aufmerksam das schmale Gesicht seines Bruders.
Er wirkte vollkommen unversehrt, da lag keinerlei Angst oder Nervosität in seinem Blick und das erste Mal fragte Nick sich, was hier eigentlich gerade gespielt wurde.
„Die Entführung war nur ein Fake,“ bestätigte Aaron in diesem Moment Nicks Befürchtungen. „Also ... am Anfang natürlich nicht, das kann ich dir sagen ... ,“ Nick war mittlerweile einen Schritt zurück getreten und starrte Aaron fassungslos an. „Sie haben mich zu Hause erwischt, mir nen schwarzen Sack über den Kopf gezogen und mich hierher gebracht. Ich sag dir, noch nie hatte ich so ne Scheißangst wie in diesem Moment.“
„Aber ... die Videobotschaft ... das alles war ... nicht echt?“ Nick konnte es immer noch nicht fassen. Die ganze Zeit war er vor Sorge um seinen Bruder beinahe verrückt geworden und jetzt stellte sich heraus, dass es Aaron gut gegangen war. Einfach unglaublich!
„Nein, das war nicht echt,“ bestätigte Aaron und man konnte ihm ansehen, wie unangenehm ihm das Ganze war. „Ich wollte aussteigen, das schwöre ich dir,“ sagte er also und die Worte sprudelten nun nur so aus ihm heraus. „Ich hab ihnen gesagt, was sie mich mal können, hab die Möbel demoliert und rumgetobt. Hat aber leider nichts genützt. Sie sagten, ich müsse mitspielen, weil das dir helfen würde. Das habe ich allerdings bis heute nicht kapiert. Wo warst du nur die ganze Zeit Mann?“
Nick konnte nicht antworten. Seine Kehle fühlte sich an wie zugeschnürt, er schluckte ein paar Mal heftig, doch auch das nützte nichts. Seine Hände hatten unbemerkt zu zittern angefangen und in seinen Augen sammelten sich ungeweinte Tränen.
„Hey, ist alles ... in Ordnung?“ fragte Aaron unsicher und machte zwei zögerliche Schritte auf ihn zu.
„Ja ... nein ... ich ... ,“ stammelte Nick, dann schüttelte er den Kopf und zog Aaron erneut in eine feste Umarmung. „Ich bin einfach nur froh, dass es dir gut geht,“ murmelte er dann.
„Mir würde es besser gehen, wenn du mich nicht gleich zerquetschen würdest,“ hörte er Aaron stöhnen.
„Sorry, aber da musst du jetzt durch,“ schmunzelte Nick, der immer noch hin und her gerissen war zwischen Wut, grenzenloser Erleichterung, Freude und Verwirrung.
Er hatte Aaron wieder! Vielleicht sollte das alles sein, was zählte.
Andererseits ... er würde diesem Sallas nachher den Hals herum drehen, so viel war sicher!

In einer neuen Rekordzeit hatte Nick geduscht und sich danach in einen weichen Bademantel gehüllt. Dabei ignorierte er den schwarzen Smoking in der durchsichtigen Plastischutzhülle genau so, wie die cremefarbene Karte, die daran geheftet war. Als er schließlich einigermaßen erfrischt und im Rahmen seiner Möglichkeiten leidlich beruhigt wieder zurück in sein Zimmer kam, saß Aaron mit untergeschlagenen Beinen auf dem Bett und lächelte ihm entgegen.
Der Anblick seines unversehrten Bruders zauberte Nick augenblicklich tausend kribbelnde Schmetterlinge in den Bauch. Wann hatte er sich eigentlich das letzte Mal so sehr gefreut, Aaron zu sehen? War ihm eigentlich jemals wirklich klar gewesen, wie viel ihm sein Bruder bedeutete?
Leise seufzend ließ Nick sich gleich darauf auf die Bettkante sinken, drehte sich so, dass er Aaron ansehen konnte und legte ein Knie auf das Bett, während sein anderer Fuß fest auf der Erde stand. Hätte er es sich auf der angenehm festen Matratze gemütlich gemacht, wäre er wahrscheinlich innerhalb von Sekunden eingeschlafen und das musste er natürlich auf jeden Fall verhindern.
„Jetzt erzähl mal,“ begann er also „was ist genau passiert?“
„Was genau passiert ist? Eigentlich hatte ich gehofft, du könntest mir das sagen,“ gab Aaron leicht irritiert zurück.
„Das erzähle ich dir gleich,“ nickte Nick. „Ich möchte nur wissen, was mit dir geschehen ist, weil ich dann vielleicht auch besser verstehe, was dieser Mistkerl uns angetan hat.“
„Uns?“ hakte Aaron breit grinsend nach. „Du meinst dich und die Schnecke, die mit dir die letzten Tage unterwegs gewesen ist?“
„Ja,“ nickte Nick. „Und sie heißt Lacey.“
„Oh, also Lacey,“ grinste Aaron wissend.
„Du wirst sie sicherlich bald kennen lernen, aber bitte sag mir jetzt einfach, was hier abgegangen ist.“ Nick wunderte sich über die Geduld, die jede seiner Blutbahnen zu durchdringen schien. Normaler Weise empfand er in der Nähe seines Bruders immer eine Art Grund-Gereiztheit. Er konnte selbst nicht sagen, woher das wirklich kam, doch jetzt hier in diesem Zimmer, war davon nichts zu spüren, was er als unglaublich wohltuend empfand.
„Also gut,“ nickte Aaron schließlich. „Vor drei Tagen sind irgendwelche dämlichen Kerle in mein Haus eingebrochen und haben mich gekidnappt. Ich dachte eine Zeit lang wirklich, die sperren mich irgendwo ein und vermöbeln mich oder so.“
„Das haben sie aber nicht getan, oder?“ hakte Nick nach.
„Sie haben mich nicht wirklich angerührt,“ bestätigte Aaron. „Aber sie haben mich trotzdem hier festgehalten. Sie haben ... ,“
„Wer sind denn „sie“?“ unterbrach ihn Nick.
„Sie? Hm ... Gerome, dem gehört das Haus hier,“ erklärte Aaron. „Und dann so ne komische Schwarze, die kam aber erst gestern. Und dann noch so ein, zwei seltsame Bodyguardtypen. Mehr Muskeln als Hirn, du verstehst?“
Nick nickt und bedeutete seinem Bruder fortzufahren.
„Jedenfalls ... sie müssen mir wohl irgendwas gegeben haben, denn ich bin in meinem Haus zu Boden gegangen und erst hier wieder zu mir gekommen. Und ich weiß noch nicht einmal, wo „hier“ eigentlich ist, das musst du dir mal vorstellen!“
„Jacksonville,“ sagte Nick knapp.
„Oh. Na, dann ist es wenigstens nicht ganz so weit bis nach Hause. Uhm ... jedenfalls ... sie haben mich in das Zimmer neben diesem hier gesperrt und dann gewartet, bis ich mich so richtig ausgetobt habe. Ehrlich Mann, ich habe ernsthaft darüber nachgedacht aus dem Fenster zu springen, hab es aber dann doch lieber gelassen. Wer will schon nen Pop-Star mit zwei gebrochenen Beinen?“
„Kann ich verstehen,“ nickte Nick erneut.
„Irgendwann kam dann Gerome zu mir,“ fuhr Aaron fort. „Er hat mir erklärt, dass ich nicht sehr lange hier bleiben müsste, vielleicht zwei oder drei Tage. Er meinte, dass du und diese Lacey eine Art Spiel spielen und dass ich dabei helfen könnte, den Spielverlauf voran zu treiben.
Ehrlich gesagt hab ich nur Bahnhof verstanden, aber mehr wollte er mir dazu nicht sagen.
Also haben wir diese komischen Videoaufnahmen gemacht. So richtig mit falscher Tränenflüssigkeit und allem. Wenn sogar du darauf reingefallen bist, muß ich ja schon ziemlich gut gewesen sein,“ grinste Aaron mit stolzgeschwellter Brust.
„Ja, das warst du,“ bestätigte Nick. „Aber glaub mir, du warst zu gut. Ich habe seitdem Todesängste um dich ausgestanden. Ich dachte wirklich, sie tun dir irgendetwas an.“
„Das tut mir leid,“ gab Aaron zerknirscht zu. „Ich meine ... im Grunde war das ja Sinn und Zweck der Aufnahmen, das ist mir schon klar, aber ich hatte keine Ahnung, dass es dich wirklich so sehr treffen würde.“
„Wieso? Was hattest du denn erwartet?“ fragte Nick verwundert.
„Na ja ... also ... ,“ Aaron senkte den Blick hinunter auf seine Hände, die nervös begonnen hatten mit dem Zipfel eines Kissens zu spielen. „Das letzte Mal, als wir uns gesehen haben,“ fuhr er dann fort ohne Nick dabei anzusehen. „Haben wir uns ja schon ziemlich gezofft. Ich war mir einfach nicht sicher ob ... also ... du bist manchmal so ... so ... ätzend einfach. Ich war mir deshalb nicht ganz sicher, ob es dich wirklich interessiert, dass ich entführt wurde.“
Nick starrte mit großen Augen zu seinem Bruder hinüber. Konnte es wirklich sein, dass er ihn in der Vergangenheit so schlecht behandelt hatte, dass Aaron an ihm zweifelte? Dieser Gedanke grub eine flammende Welle aus Schmerz in seine Eingeweide und er schluckte heftig.
„Aaron, hör mir zu. Das ist jetzt ganz wichtig, okay?“ begann er also und rückte ein Stück an seinen Bruder heran, um ihm eine Hand aufs Knie legen zu können. „Du bist mein Bruder, verstehst du? Und ich liebe dich.“
Aaron hob nun endlich den Blick und sah unsicher zu ihm hinüber.
„Und wenn wir uns noch so laut anschreien und uns Gemeinheiten an den Kopf werfen ... du bist und bleibst das Wichtigste für mich. Ganz egal was passiert, ich werde immer zu dir halten und ich werde mir wohl mein Leben lang Sorgen um dich machen, weil du eben mein kleiner Bruder bist. Und niemals, ich wiederhole, niemals werde ich mit ansehen, wie dir jemand weh tut. Klar?“
„Deine Taten sprechen aber manchmal eine andere Sprache,“ entgegnete Aaron leise.
„Und das tut mir aufrichtig leid,“ nickte Nick. „Ich weiß, dass ich in der Vergangenheit nicht gerade der einfachste Mensch war und ich kann dir auch nicht versprechen, dass sich das jetzt alles mit einem Schlag ändern wird. Ich weiß nur, dass ich in den letzten Wochen mehr über mich gelernt habe, als in den ganzen Jahren davor. Und eins weiß ich mit Sicherheit: Du wirst für immer und ewig mein kleiner Bruder bleiben und ich werde dich auch immer lieben. Das ist ein Versprechen!“
Für einen qäulenden, endlos erscheinenden Moment blieb Aaron noch stumm und mit skeptischen Blick auf seinem Platz sitzen, dann erstrahlte ein zaghaftes Lächeln auf seinem Gesicht und er rückte näher an Nick heran, um ihn umarmen zu können. „Ich liebe dich auch Mann. Und so ganz unmöglich, wie du jetzt vielleicht denkst, bist du auch wieder nicht.“
„Vielen Dank,“ grinste Nick und genoss für einen Moment das Gefühl, dass sich sein Leben wieder vollkommen im Gleichgewicht befand.
„Gott, das ist ja hier wie in einer dieser billigen Soaps,“ hörte er Aaron schließlich kichern.
„Wovon du ausgehen kannst Bro,“ schmunzelte nun auch Nick, bevor er sich von Aaron löste und ihm einmal kurz durch das Haar wuschelte.
„So viel also zu der tränenreichen Versöhnung,“ grinste Aaron, ordnete mit gespreizten Fingern seine Frisur, rückte wieder ein Stück zurück in die Mitte des Bettes und stützte dann die Ellenbogen gespannt auf die Knie. „Und jetzt erzähl mir gefälligst, was hier abgeht. Sonst sterbe ich vor Neugier.“
Also holte Nick tief Luft und begann damit seinem Bruder zu berichten, was er in den letzten Wochen mit dem Game of Life alles erlebt hatte.

Kapitel 48