Kapitel 46
Der Rückweg gestaltete sich wesentlich einfacher als ihr Abstieg in die Dunkelheit. Zwar waren die langen Stollengänge immer noch undurchdringlich dunkel, doch die grünen Leuchtstreifen wiesen ihnen zuverlässig den Rückweg und dies ohne, dass sie unterwegs immer wieder eine Münze in ein Kästchen werfen mussten und ohne, dass sie Angst haben mussten, dass das Bisschen Licht jeden Moment verlöschen könnte.
In der großen Höhle legten sie schließlich die Regenmäntel und Schutzhelme zurück auf den Tisch und verließen dann in einträchtigem Schweigen und Hand in Hand das Höhlensystem, das ihnen ihre Vergangenheit so farbenfroh näher gebracht hatte.
Als sie schließlich wieder hinaus ins Freie und damit zurück an die frische Luft traten, blendete sie die bereits tief stehende Sonne so sehr, dass sie für einen Moment die Augen schließen mussten und erst nach und nach und heftig blinzelnd ihre Sehfähigkeit zurück erlangten.
Lacey atmete ein paar Mal tief ein und wieder aus und stellte dabei etwas verwundert fest, dass selten etwas so gut gerochen und sich angefühlt hatte, wie dieser späte Nachmittag in Highfields. Und das ausgerechnet hier, wo die Dämonen ihrer Vergangenheit beinahe lebendig vor ihren Augen tanzten. Mehr als alles andere zeigte ihr dies, wie schnell und gründlich ihr Heilungsprozess vonstatten gegangen war und es viel ihr seltsam schwer, dieser Geschwindigkeit zu folgen.
Ganz automatisch hefteten sich ihre Augen auf einen Punkt in einiger Entfernung. Sie konnte die Stelle, an der das Unglück damals passiert war, von hier nicht direkt einsehen, doch ihre gesamten Sinne schienen wie eine Kompassnadel darauf ausgerichtet zu sein. Ihr Blick ruhte unverwandt und bohrend auf einem rostbraunen Güterwaggon, der ihr die Sicht auf die dahinter verlaufenden Gleise versperrte, und sie fragte sich nervös, ob sie diese letzte Barriere tatsächlich niederreißen konnte und wollte.
Sie versuchte sich vorzustellen, wie sie über das unebene Gelände zu der Stelle hinüber ging, wie ihre Augen den Boden rund um die Schienen absuchten und dabei wahrscheinlich nichts finden würden. Doch ihre Vorstellung verfärbte sich augenblicklich blutrot, ein Spotlight erstrahlte über dem Ort, der jeden Grashalm und jeden Kieselstein in gnadenloses, konturloses Licht tauchte und sie wusste in diesem Moment mit absoluter Klarheit, dass sie nicht dort hinüber gehen konnte.
Sie wollte ihre momentane Ausgeglichenheit und den Frieden, der ihr tief unter der Erde wieder geschenkt worden war, nicht verlieren. Nicht jetzt. Nicht so schnell. Und nicht unter Nicks wachsamen Augen.
Sollen wir ... also ... möchtest du ... , stotterte er in diesem Moment wie aufs Stichwort und sie schüttelte sofort und nachdrücklich den Kopf.
Nein, sagte sie fest. Im Moment möchte ich mich damit noch nicht befassen.
Wie du möchtest, hörte sie ihn sagen und als sie zu ihm aufblickte, durchfuhr sie der sanfte Blick seiner blauen Augen wie ein Pfeil.
Wie lange war es wohl her, dass etwas mit solcher Leichtigkeit ihre Schutzmauern durchdrungen hatte? Dass ein Mensch ihr nur mit einem einzigen Blick so nahe sein konnte und ihr Herz berührte? Vielleicht, überlegte sie, war sie damals bereits mit ihren Freunden gestorben, nur dass dies tief unter der Oberfläche ihrer Seele abgelaufen war. Sie wurde sich plötzlich des Lebens wieder bewusst, dem Geschenk, das ihr damit gemacht worden war und wie undankbar sie Michael gegenüber hierfür bisher gewesen war.
Außerdem stellte sie fest, wie schmutzig sie beide waren. Staub, Dreck und Schlamm klebten an ihren Kleidern, ihren Schuhen, ihren verschwitzten Gesichtern und an ihren Händen. Eigentlich hätte sich Lacey jetzt liebend gerne unter eine Dusche und danach in ein Bett begeben, doch da noch eine weitere Aufgabe, nämlich die Befreiung von Aaron auf sie wartete, verschob sie dies auf einen späteren Zeitpunkt.
Lass uns lieber zu diesem Gerome fahren, entgegnete Lacey also. Ich bin nämlich sehr gespannt darauf die Hintergründe zu diesem seltsamen Spiel zu erfahren.
Gleichfalls, nickte Nick. Ich möchte nur, dass du weißt, dass ... nun ja ... ich zu allem bereit bin, verstehst du? Was auch immer gut für dich ist und dir helfen kann ... ich ... ich bin dabei.
Danke, lächelte Lacey und drückte kurz seine Hand. Irgendwann würde sie sich mal mit ihm darüber austauschen müssen, welche Veränderungen dieses Spiel in ihm bewirkt hatte, doch jetzt drängte alles in ihr danach, zum Anwesen dieses selbst ernannten Spielführers zu fahren und damit die letzten Puzzleteile an ihren Platz zu rücken.
Gemeinsam gingen sie also zurück zu ihrem Wagen, der verlassen und einsam auf dem schlammigen Parkplatz auf sie wartete. Als sie die verbeulte Karosserie des BMWs sah, hatte Lacey das Gefühl, als sei sie nach Jahren der Wanderschaft wieder nach Hause zurückgekehrt. Alle Farben, sämtliche Gerüche und Empfindungen schienen plötzlich um ein Vielfaches verstärkt zu sein und eine Leichtigkeit hatte sich ihres Körpers bemächtigt, die sie in dieser Form schon Ewigkeiten nicht mehr empfunden hatte. Sie war sich noch nicht einmal sicher, ob sie diesen Zustand überhaupt schon einmal erlebt hatte und sie gab sich in diesem Moment das Versprechen, weiterhin daran zu arbeiten, dass sich dieses Gefühl nicht all zu schnell wieder verflüchtigte.
Als Nick den Wagen schließlich langsam zurücksetzte und dann auf den holprigen Feldweg lenkte, streiften ihre Gedanken kurz die blaue Aluminiumflasche im Kofferraum. Doch auch dieses Bild schob sie in den hintersten Winkel ihres Bewusstseins. Es gab sicherlich noch einiges zu tun und aufzuarbeiten, aber im Moment gönnte sie sich eindeutig eine Pause von all diesen verwirrenden, schmerzhaften Gedanken.
Nachdem sie das Bahngelände wieder umrundet hatten, lotste Lacey Nick auf eine breite Umgehungsstraße, die sich an diesem späten Nachmittag gut befahren um Jacksonville herumschlängelte. Interessiert blickte sie aus dem Fenster, nahm die ihr so vertrauten Straßenzüge, Häuserblocks und Fabrikgebäude wahr und konnte nicht verhindern, dass ihr Herz bei diesem Anblick ein paar Takte schneller zu schlagen begann. Sie war nach Hause zurückgekehrt. Wer hätte das gedacht?
Einige Meilen weiter nahmen sie eine Ausfahrt, die sie hinter Jacksonville und vorbei an einem riesigen Park und einem weitläufigem Waldgebiet, einen kleinen Hügel hinauf führte. Hier begegneten sie kaum noch irgendwelchen Autos, der Lärm und die Geschäftigkeit der Stadt zogen sich zurück und machten damit Platz für das ruhige Pulsieren der Natur.
Sie kamen an mehreren Einfahrten zu Grundstücken vorbei, die versteckt hinter hohen Mauern und Hecken lagen und nur erahnen ließen, welcher Reichtum sich dahinter verbarg. Die Straße endete schließlich in einer Sackgasse, die nach einer letzten Biegung schnurgerade auf ein schmiedeeisernes Eingangstor zuführte, hinter dem sich ein kunstvoll angelegter Park ausdehnte. In der Ferne blitzte der Giebel eines rotgedeckten Daches durch die Wipfel einiger Bäume, die ebenfalls von dem Sturm in Mitleidenschaft gezogen worden zu sein schienen.
Nick verlangsamte den Wagen und schließlich rollten sie beinahe lautlos auf das kunstvoll verzierte Tor zu. Nicks Hand zuckte bereits zum elektrischen Fensterheber, um die Gegensprechanlage erreichen zu können, als sich das Tor wie von Geisterhand vor ihnen öffnete. Die riesigen, imposanten Flügel glitten wie eine stumme Einladung auseinander und nun verspürte Lacey doch einen Anflug von Angst. Was würde sie dahinter wohl erwarten? Hatte Gerome die Wahrheit gesagt, als er davon sprach, dass Aaron hier auf sie wartete und dass sie alle Antworten auf ihre Fragen erhalten würden? Oder war dies nur ein weiterer Trick, eine weitere Spielstation, die es galt zu bewältigen?
Doch sie kam nicht mehr dazu, ihre Bedenken in Worte zu fassen, denn Nick gab unvermittelt Gas und fuhr die geschwungene Auffahrt hinauf, die sich durch eine Allee von hohen Bäumen wand. Hier und da ragten die hellen Stümpfe von abgerissenen Ästen in den Himmel, Laub wurde von den Rädern des BMWs aufgewirbelt und schwebte dadurch durch die Luft und die Sonne malte wilde Muster auf den Asphalt, der sich am Ende in einen gekiesten Vorplatz verwandelte, dessen Halbrund sie folgten, bevor sie vor einer imposanten Freitreppe zum Stehen kamen.
Zu ihrer Linken plätscherte ein Springbrunnen, der in Lacey den Eindruck erweckte, als habe der Sturm vor den Mauern dieses Anwesens Halt gemacht. Alles wirkte hier so normal und aufgeräumt, dass sie sich kaum vorstellen konnte, dass auch hier ein Orkan gewütet und alles verschlungen hatte, was nicht niet- und nagelfest gewesen war.
Willkommen im Wunderland, hörte sie Nick neben sich murmeln und als sie zu ihm hinüber blickte, ruhte sein Blick ebenfalls auf der kleinen Statur einer Meerjungfrau in mitten des Brunnens, aus deren Krug eine Wasserfontäne hervorplätscherte.
Ja, sehr seltsam oder? bestätigte Lacey.
Ich hoffe der Typ weiß, was er tut. Im Moment kann ich jedenfalls für meine Taten nicht mehr garantieren.
Aaron geht es sicherlich gut, beeilte Lacey sich zu sagen, während sie ihm beschwichtigend eine Hand auf den Arm legte.
Hoffen wir es, nickte Nick, dann schenkte er ihr noch ein halbherziges Lächeln, bevor er die Wagentür öffnete und ausstieg.
Lacey bemerkte sein schmerzverzerrtes Gesicht, als er sich zum wiederholten Mal und ohne dass ihm dies bewusst zu sein schien, über den schmerzenden Bluterguss über seinen Rippen rieb, dann stieß sie ebenfalls ihre Tür auf und trat hinaus in einen angenehm warmen, sonnigen Abend.
Die Sonne stand nun tief in ihrem Rücken und malte lange, tanzende Schatten auf die weiße Steintreppe, als sie langsam die Stufen hinauf stiegen. Vor der massiven Eingangstür hielten sie einen Moment inne. Ein Türklopfer aus Messing befand sich in der Mitte, während neben der Tür ein ebenfalls messingfarbener Klingelknopf prangte.
Doch sie mussten sich gar nicht entscheiden, in welcher Form sie auf sich aufmerksam machen sollten, denn urplötzlich schwang die Tür vor ihnen auf und im Türrahmen erschien ein, in eine schwarze Uniform gekleidetes Hausmädchen und begrüßte sie mit einem unverbindlichen Lächeln.
Guten Abend Mister Carter. Miss Jenkins, nickte sie. Herzlich Willkommen in Gardenpark. Schön, dass sie da sind. Bitte folgen sie mir.
Lacey tastete unbehaglich nach Nicks Hand, während sie an seiner Seite über die Schwelle schritt und damit eine helle, schwindelerregend hohe Eingangshalle betrat. Zu ihrer Linken führte ein bogenförmiger Durchgang scheinbar in eine Art Wohnzimmer, zumindest konnte Lacey einen flüchtigen Blick auf einen dicken, taubengrauen Teppich, dunkle, filigrane Antiquitäten und die Armlehne einer ebenfalls taubengrauen Couchgarnitur erhaschen. Zu ihrer Linken versperrten mehrere Türen den Blick in die Räume dahinter.
Direkt vor ihnen führte eine Treppe ins obere Stockwerk, die sich ab der Hälfte nach links und rechts verzweigte. Das dunkle, polierte Holz schimmerte sanft und einladend in der Abendsonne, die durch ein riesiges, ovales Fenster über der Eingangstür fiel. Am Fuße der Treppe wartete ein weiterer Angestellte in einer ebenfalls dunklen Livree auf sie. Sein schwarzes Haar trug er zu einem akkuraten Scheitel gekämmt, seine dunklen Augen wirkten aufmerksam und angenehm freundlich in dem länglichen Gesicht, während seine aufrechte Haltung eine gewisse Würde ausstrahlte.
Guten Abend Mister Carter, nickte er guten Abend Miss Jenkins. Mein Name ist William und ich bin ihr Ansprechpartner für alle Belange, die ihren Aufenthalt in Gardenpark betreffen. Bitte scheuen sie sich nicht, mir ihre Wünsche diesbezüglich jederzeit mitzuteilen. Sein Blick huschte dabei zwischen Nick und Lacey hin und her und er machte eine kunstvolle Pause, als erwarte er tatsächlich, dass sie ihm nun eine Liste mit ihren Wünschen übergaben. Als sie allerdings weiterhin stumm blieben, fuhr William in seiner Begrüßung fort. Vielen Dank, dass sie der Aufforderung von Mister Sallas nachgekommen sind. Wenn es ihnen recht ist, möchte ich ihnen nun gerne ihre Gemächer zeigen. Dort können sie sich etwas frisch machen und sich von den Strapazen der letzten Tage erholen.
Wir möchten uns nicht frisch machen, entgegnete Nick prompt und der grimmige Unterton in seiner Stimme entging Lacey dabei auch nicht. Ich will sofort meinen Bruder sehen, wie es Mister Sallas versprochen hat.
Alles zu seiner Zeit, entgegnete der Butler mit einem freundlichen Lächeln. Dem jungen Mister Carter geht es prächtig und er kann es ebenfalls kaum erwarten, sie zu sehen. Aber, wenn sie mir die Bemerkung gestatten, sie wirken etwas ... nun ja ... derangiert. Ich denke, auch ihr Bruder würde es begrüßen, wenn sie ihm äußerlich unversehrt und sauber gegenübertreten.
Lacey spürte, wie Nick sich bei Williams Worten immer weiter anspannte. Wenn der Hausangestellte nicht aufpasste, würde er ihm im nächsten Moment an die Gurgeln gehen, so viel war sicher.
Nick, sagte sie also sanft. Tun wir einfach was er sagt, in Ordnung? Ich könnte mir vorstellen, dass ein Aufstand jetzt mehr Zeit kostet, als sich schnell die Hände zu waschen, hm?
Sie sah, wie er fest die Zähne aufeinander biss und die Augen schloss. Sie konnte sich nur ansatzweise vorstellen, was gerade in ihm vorgehen musste, immerhin war er seinem Bruder so nahe wie nie zuvor, aber sie wusste auch, dass es Stunden dauern würde, bis sie das gesamte Haus auf der Suche nach Aaron durchkämmt hätten. Da erschien ihr ein kurzer Aufenthalt in einem Badezimmer wie das geringere Opfer.
Also gut, presste Nick durch seine zusammengebissenen Zähne hervor. Ich gebe ihnen zehn Minuten. Wenn ich meinen Bruder bis dahin nicht in die Arme schließen kann, werde ich systematisch damit beginnen, dieses Anwesen hier auseinander zu nehmen, haben sie mich verstanden?
William nickte. Ja, das habe ich verstanden. Sehr schön, dann folgen sie mir bitte nach oben.
Vollkommen unbeeindruckt von Nicks Drohung wandte sich William von ihnen ab und stieg die Treppe hinauf. Nick und Lacey folgten ihm, wobei es Nick wichtig zu sein schien, dass sie nicht weiter als eine Treppenstufe zurückfielen. Am ersten Treppenabsatz angekommen, wandte sich der Butler nach links und erklomm auch noch die restlichen Stufen, die in einem langen Flur mündeten, der von kleinen, in die Decke eingelassenen Strahlern erhellt wurde. Auch hier säumten teure Antiquitäten ihren Weg. Riesige Ölgemälde hingen an den mit Seidentapete bespannten Wänden und unter ihren Füßen schluckte ein cremefarbener, dicker Läufer ihre Schritte. Außerdem nahm Lacey einen schwachen Duft nach Vanille wahr, der sie wie eine samtige, wohlriechende Decke einhüllte.
Sie hatten bereits einige geschlossene, weiß lackierte Türen passiert, als William schließlich inne hielt. Miss Jenkins? Dies hier ist ihr Zimmer, verkündete er, ergriff die beiden Klinken der Flügeltüren und stieß sie nach innen auf.
Dahinter tauchte ein lichtdurchfluteter, riesiger Raum auf und Lacey klappte buchstäblich die Kinnlade herunter, als sie zögerlich über die Schwelle trat. Direkt gegenüber führten drei deckenhohe Bogenfenster hinaus auf einen prachtvollen Garten, breite Fensterbänke mit voluminösen, geblümten Kissen luden darunter zum verweilen ein. Zu ihrer Linken stand ein riesiges Himmelbett, das mit einer cremefarbenen Tagesdecke und Unmengen von flauschigen Kissen bedeckt war. Zu ihrer Rechten führte eine weitere Tür in ein Badezimmer, dessen riesige, runde Badewanne sie bereits von hier aus sehen konnte.
Mister Carter? Ihr Zimmer befindet sich am Ende des Flures. Wenn sie mir bitte folgen wollen?
Die Stimme des Butlers riss Lacey augenblicklich zurück in die Realität und erschrocken fuhr sie auf dem Absatz herum. Erst jetzt realisierte sie, dass William vorhatte sie und Nick zu trennen und dieser Gedanke versetzte sie beinahe in so etwas wie Panik.
Nein! Dieses Zimmer ist groß genug für uns beide, stieß sie also hervor und warf Nick dabei einen flehenden Blick zu, der immer noch im Flur stand und misstrauisch jede Bewegung des Butlers verfolgte.
Das sehe ich genau so, nickte Nick zu ihrer großen Erleichterung, trat nun ebenfalls in den Raum hinein, gesellte sich zu ihr und legte ihr beschützend einen Arm um die Schulter.
Ich kann verstehen, dass sie nach all den Strapazen zusammen bleiben möchten, entgegnete William mit einem verständnisvollen Nicken. Aber Mister Sallas hat sich in diesem Punkt unmissverständlich ausgedrückt.
Es ist mir scheißegal was ihr Mister Sallas gesagt hat, knurrte Nick. Wir werden zusammen hier bleiben. Punkt.
Es hat einen Grund, warum sie zwei getrennte Zimmer bekommen, beharrte William. Ihre Räumlichkeiten liegen keine zehn Meter voneinander entfernt. Alles worum ich sie bitte ist, mit mir mitzukommen und sich ihr Zimmer anzusehen. Danach können sie tun und lassen was sie wollen. Sie sind schließlich unsere Gäste.
Eigentlich klang das was er sagte logisch und aufrichtig, doch Lacey wurde das mulmige Gefühl in der Magengegend einfach nicht los und so verstärkte sie den Druck ihrer Finger auf Nicks Hüfte noch ein bisschen. Dieser schien angestrengt über Williams Worte nachzudenken, dann nickte er langsam.
In Ordnung. Wir werden also mit ihnen gehen und uns das andere Zimmer ansehen. Dann haben wir hoffentlich unsere Schuldigkeit getan.
Entschuldigen sie bitte, aber Miss Jenkins kann gerne hier warten, beeilte sich der Butler zu sagen.
Das will sie aber nicht, giftete Lacey.
Das werden sie aber leider müssen, gab William unbeeindruckt zurück. Wie gesagt, ich habe hierzu klare Anweisungen von Mister Sallas. Wenn sie Aaron gerne wieder sehen möchten, dann muß mich Mister Carter begleiten und zwar allein.
Die Erwähnung von Aarons Namen ließ Nick neben ihr merklich zusammen zucken. Und sie stöhnte innerlich frustriert auf. So lange es um seinen Bruder ging, hatte sie zurück zu stecken, so viel war leider klar. Um Nick also die unangenehme Entscheidung abzunehmen seufzte sie laut und vernehmlich und nickte dann langsam. Also bitte. Wenn es so sein muß.
Ich werde nicht ohne dich gehen, beharrte Nick, doch selbst William war wahrscheinlich klar, dass dies nur ein halbherziges Angebot war. Und wer konnte ihm dies auch verdenken?
Nein, geh du nur, entgegnete Lacey mit einem, wie sie hoffte, aufrichtigen Lächeln. Ich werde hier auf dich warten.
Bist du dir sicher?
Ganz sicher.
Wirklich?
Wirklich, nickte sie, ließ ihn los und trat einen Schritt zur Seite.
Sie konnte in seinem Gesicht lesen, wie sehr er mit sich kämpfte, doch schlussendlich überwog die Sorge um seinen Bruder.
Ich bin gleich wieder da, versprach er.
Lass dir ruhig Zeit, entgegnete sie zu ihrer eigenen Verblüffung. Du bist ja nicht weit weg. Wenn irgendwas sein sollte, fange ich einfach an zu schreien.
Sehr beruhigend, schmunzelte Nick, dann trat er auf sie zu und schloss sie in die Arme. Keine Sorge, flüsterte er dann nahe an ihrem Ohr. Ich lass dich nicht im Stich. Nie mehr. Versprochen.
Dito, gab sie zurück und fühlte, wie sich ihr angespanntes Lächeln ausweitete und sich damit beinahe gut auf ihren wie eingefroren wirkenden Gesichtszügen anfühlte.
Schließlich löste Nick sich endgültig von ihr, hauchte ihr noch einen Kuss auf die Lippen und drehte sich dann zu William herum.
Dann also mal los guter Mann. Und beeilen sie sich gefälligst.
Wie sie wünschen, nickte der Butler und machte sich ohne weitere Verzögerungen auf den Weg.
Nick folgte ihm. An der Tür hielt er allerdings noch einmal inne und blickte sich zu Lacey um. Ich bin gleich wieder da, in Ordnung? Schließ die Tür und lass niemanden rein bis ich wieder da bin.
Nun musste Lacey doch schmunzeln. Klingt, als würden mich dunkle Gestalten im nächsten Moment holen kommen und entführen.
Das wäre nicht das erste Mal, dass uns das bei diesem Spiel passiert, gab Nick lediglich zurück und zog dann im Hinausgehen die Flügeltüren hinter sich zu.
Lacey schluckte angestrengt und schlang die Arme um ihren Körper. Nicks letzte Worte klangen beinahe wie eine Prophezeiung und sie hoffte inständig, dass sich seine Befürchtungen nicht bewahrheiteten.
Um sich von diesen beängstigenden Gedanken abzulenken sah sie sich einen Moment aufmerksam um und steuerte dann auf das Badezimmer zu. Auf dem Weg dort hin fühlte sie erneut, wie erschöpft, müde und verdreckt sie war und sie beschloss, sollte es hier eine Dusche geben, sie keine zehn Sekunden benötigen würde, um sich unter den heißen Wasserstrahl zu stellen.
Als sie durch die breite Badezimmertür trat stellte sie fest, dass es tatsächlich eine Dusche gab: Ebenerdig, so groß wie vier Telefonzellen und mit milchigen Glaswänden versehen. Im selben Moment registrierte sie auch das dunkelrote Abendkleid, das auf einem Bügel und unter einer Plastikhülle neben der Tür an einem Haken hing.
Vorsichtig, als könne sie das unschuldige Kleidungsstück jeden Moment anspringen und in tausend Stücke reißen, näherte sie sich dem Kleid. Eine cremefarbene Karte war mit einer Stecknadel an die durchsichtige Schutzhülle geheftet worden und mit flatternden Magenwänden nahm sie sie gleich darauf an sich.
Sie war nicht wirklich überrascht als sie die Karte schließlich aufklappte und auf die gleichen, geschwungenen Buchstaben hinunter blickte, die sie schon das gesamte Game of Life über begleitet hatten.
Liebe Lacey,
herzlich willkommen in Gardenpark. Fühlen sie sich hier wie zu Hause und erholen sie sich von dem Stress und der Aufregung, denen ich sie in letzter Zeit ausgesetzt habe.
Nehmen sie zum Beispiel ein Bad oder eine heiße Dusche und erweisen sie mir danach die Ehre, mit ihnen zu speisen. Ich hoffe die Garderobe die ich hierfür ausgewählt habe, trifft ihren Geschmack.
Ich freue mich darauf, ihnen bald persönlich gegenüber zu stehen.
Gerome Sallas
Ganz langsam ließ Lacey die Karte sinken. So ganz hatte sie wohl noch nicht begriffen, dass das Spiel nun zu Ende war und so wirklich wollte sie auch nicht glauben, dass damit die vielen, manchmal schmerzhaften Überraschungen der letzten Wochen ebenfalls der Vergangenheit angehörten.
Andererseits sehnte sich jede Faser ihres geschundenen Körpers nach einer heißen, belebenden Dusche und das Kleid war ein Traum, auch wenn es aus dem Besitz dieses rätselhaften Mannes stammte.
Und so begann sie, ihre Kleider abzustreifen und dabei nicht darüber nachzudenken, was Nick wohl gerade machte und was in den nächsten Stunden noch auf sie zukommen mochte.