Kapitel 43
Wie hypnotisiert hingen Nicks Augen an den kleinen Lichtern, während er hinter Lacey immer weiter in das Stollensystem vordrang. In regelmäßigen Abständen von 30 Zentimetern leuchteten die Lämpchen giftgrün. Leider trugen sie nicht wirklich dazu bei, den Gang zu erhellen, vielmehr schien die Dunkelheit den sanften, grünen Schein zu verschlucken oder zu absorbieren. Das hüpfende Licht der Taschenlampe vor ihm war also die einzige Lichtquelle und er stellte erstaunt fest, dass je weiter er lief, er umso besser mit der Dunkelheit umgehen konnte. Sein Herzschlag beruhigte sich allmählich, was natürlich nicht hieß, dass er auch nur annähernd ruhig und gleichmäßig schlug, seine Hände hörten auf zu zittern und er hatte das Gefühl, endlich wieder einen klaren Gedanken fassen zu können.
Mehrere Abzweigungen hatten sie jetzt schon genommen, ohne dass er sich von Lacey seinen Beruhigungskuss hatte abholen müssen. Akribisch legte er überall eine Gummibärchenspur, während Lacey ihm mit der Lampe leuchtete.
Der Weg führte mittlerweile unübersehbar nach unten und ihr Schuhe hatten manchmal mühe auf dem glitschigen Erdboden Fuß zu fassen. Also schlidderten und stolperten sie immer tiefer in den Stollen hinein, ohne wirklich eine Ahnung zu haben, wo sie hinliefen und wo sie am Ende wohl ankommen würden.
Nach fünf Minuten, die Nick eher wie fünf Stunden vorkamen, erreichten sie schließlich das Ende der grünen Lichter. Wie abgeschnitten versickerte das Leuchten mitten in einem besonders engen Gang. Nick ließ seinen Blick umherwandern, doch er konnte auf Anhieb nicht feststellen, ob hier irgendetwas war, dass ihnen weiterhelfen konnte. Zumindest schloss er aus, dass das hier das Ende ihrer Spielstation sein sollte, denn er fand weder einen Ausgang oder ähnliches, noch irgendetwas, das auch nur im Entferntesten nach einer zu bewältigenden Aufgabe aussah. Hier war einfach nur der Gang mit seinen beängstigend engen Seitenwänden und den Wasserpfützen auf dem Boden.
Der Strahl der Taschenlampe hüpfte indessen munter von einer Seite auf die andere. Lacey leuchtete erst den Gang vor ihnen ab, dann drehte sie sich herum und leuchtete an Nick vorbei, ob sie irgendetwas übersehen hatten, bevor sie sich wieder den Tunnelwänden zuwandte. Wie der Finger einer göttlichen Hand traf der Strahl schließlich auf ein weiters Kästchen an der Wand, das genau so aussah, wie das erste in der großen Höhle, und Nick hörte, wie Lacey aufatmete.
Ich habe schon gedacht, die lassen uns ab hier wieder orientierungslos im Dunkeln stehen, sagte sie, während sie bereits eine der Münzen aus ihrer Jackentasche kramte.
Ich auch, gestand Nick.
Er beobachtete, wie Lacey ohne zu zögern die Münze in den dafür vorgesehenen Schlitz warf. Das kleine Lämpchen auf der Vorderseite wechselte blinkend von grün auf rot und augenblicklich erstrahlte vor ihnen eine weitere Reihe grüner Leuchtioden.
Im selben Moment gingen die Lämpchen hinter ihnen aus.
Shit, fluchte er, während sich die Angst erneut in seiner Körpermitte einnistete. Eigentlich war es verrückt zu glauben, dass diese grünen Wegweiser irgendetwas an ihrer Situation änderten, trotzdem empfand er das abrupte Erlöschen beinahe als persönlichen Angriff.
Die Gummibärchen werden uns den Weg nach draußen schon zeigen, versuchte Lacey ihn zu beruhigen, doch auch ihr war dabei anzuhören, dass sie das Verlöschen der Lämpchen beunruhigte.
Hoffen wir es, nickte Nick wenig überzeugt, während seine Augen immer noch wie gebannt in die Dunkelheit starrten.
Wir sollten weiter gehen, meinst du nicht? holte ihn Laceys Stimme schließlich wieder zurück in die Realität. Wer weiß, wie lange die Lämpchen dieses Mal brennen.
Hm, stimmte Nick zu, löste sich unter ungeheurer Kraftanstrengung aus seiner Erstarrung und folgte dann schnell Lacey, die bereits ein paar Schritte mit der Lampe in der Hand voraus gegangen war.
Wie zwei verirrte Kinder tasteten sie sich die nächste halbe Stunde Hand in Hand durch unzählige Gänge und Höhlen. Noch zwei Mal trafen sie auf ähnliche, kleine Kästchen und jedes Mal erloschen die Lichter hinter ihnen, während vor ihnen eine erneute Reihe an Lämpchen erstrahlte.
Immer weiter folgten sie dem Leuchtstrahl, der ohne erkennbares Muster mal nach links und mal nach rechts abbog. Ganz allmählich schmolz auch Nicks Vorrat an Gummibärchen dahin und mit jedem weiteren Schritt den er tat fragte er sich panisch, was sie machen sollten, wenn er das letzte Bärchen ausgesetzt hatte. Konnten sie dann überhaupt noch weiter gehen?
Doch die Antwort auf diese Frage wurde ihm Gott sei Dank vorher abgenommen, denn ihr Leitstrahl machte noch einen letzten Knick um eine Biegung herum und führte danach direkt auf eine massive Holztür zu.
Äußerst vorsichtig näherten sie sich dem Durchgang, während Nick dabei das Gefühl nicht los wurde, dass die Tür gleich aufspringen und sie irgendetwas Gewaltiges, Furchtbares anspringen würden.
Sein Herz schlug mittlerweile zum Zerspringen, als Lacey zögerlich nach dem Türknauf griff. Doch sie drehte ihn nicht sofort, sondern wandte sich stattdessen ihm zu.
Sollen wir wirklich? Ich meine ... irgendwie ... habe ich Angst, was wohl dahinter ist, gestand sie.
Geht mir ganz genau so, pflichtete er ihr gequält bei. Aber ... ich befürchte uns bleibt gar nichts anderes übrig. Das Licht hat uns schließlich bis hierher geführt.
Ein weiterer Gedanke tauchte plötzlich und mit solcher Kraft in seinem Kopf auf, dass er hörbar nach Luft schnappte. Aaron! Vielleicht wartete er hinter der Tür auf ihn.
Mach sie auf, stieß er also aufgeregt hervor, während seine Augen an der unebenen Maserung des Holzes festzukleben schienen.
Okay, nickte sie, dann drehte sie endgültig den Türknauf und drückte die Tür nach innen auf.
Undurchdringliche Dunkelheit tauchte dahinter auf. Natürlich. Wie hatte er auch nur eine Sekunde annehmen können, dass sich sein Bruder tatsächlich hier befand? Höchstwahrscheinlich würde er ihn sowieso nie wieder sehen und dieses beschissenen Komitee führte ihn die ganze Zeit an der Nase herum und ...
In diesem Moment traf der Strahl der Taschenlampe auf etwas, was er hier unten am wenigsten erwartet hatte. Das Licht tanzte weiter durch den Raum und enthüllte dabei nach und nach die Rückenlehne eines Stuhles, gefolgt von einer Tischplatte mit einer Vase darauf, zwei weiteren Stühlen und etwas, das aussah wie ein Regal.
Willkommen zu Hause, hörte er Lacey murmeln, bevor sie einen Schritt über die Schwelle trat.
Er folgte ihr zögerlich, während sie versuchte mit der Taschenlampe so viel wie möglich des Raumes zu beleuchten. Schließlich fiel der Strahl der Lampe auf die Wand neben der Tür und hob damit ein weiteres Kästchen aus der Dunkelheit.
Eine Münze ist noch übrig, hörte er Lacey sagen, während sie wie versteinert mitten im Raum stand und das Kästchen anleuchtete.
Wahrscheinlich ist sie genau hierfür vorgesehen, gab Nick zu bedenken und streckt dann die Hand nach ihr aus. Laceys Finger fühlten sich eiskalt an, als sie die kleine Münze in seine Handfläche gleiten ließ, was ihn dazu veranlasste, ihre Finger kurz und, wie er hoffte, aufmunternd zu drücken, bevor er sich dem Kästchen zuwandte. Die Münze verschwand auch hier ohne Widerstand in dem dafür vorgesehenen Schlitz und als das Lämpchen an der Vorderseite diesmal von grün zu rot wechselte, erstrahlte eine Lampe mitten im Raum.
Die unerwartete Helligkeit brannte in ihren Augen und ließ sie beide gequält aufstöhnen. Blinzelnd versuchte Nick sich zu orientieren. Direkt über dem Tisch hing eine Lampe von der Decke. Der beige Schirm wurde von braunen Fransen eingefasst und sah ein bisschen so aus wie die Wohnzimmerlampe seiner Großmutter. Nachdem sich seine Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten stellte er außerdem fest, dass das Licht warm und golden über die Möbel floss und dem Raum damit ein wenig von seinem Schrecken nahm.
Der Lehmboden wurde hier von einem dicken, rotgemusterten Perserteppich verdeckt, darauf stand der Tisch mit vier Stühlen darum herum und dahinter erhob sich ein riesiges Buffet an der Wand, hinter dessen Glasscheiben er Porzellangeschirr und Kristallgläser ausmachen konnte. Direkt daneben befand sich eine weitere, dicke Holztür.
Nick beschlich ein seltsam unwirkliches Gefühl. Dieser Raum wirkte, als hätte man das Zimmer eines gemütlichen Wohnhauses mal eben unter die Erde gebeamt. Dieser Eindruck wurde noch von den Ölgemälden an den Wänden und der robusten Schrankwand zu seiner Rechten unterstrichen.
Das ist abgefahren, hörte er Lacey murmeln.
Und wie, nickte Nick.
Nun da sie genug Licht hatten, knipste Lacey die Taschenlampe aus und trat dann mit vorsichtigen Schritten auf den Tisch zu. Als hätte sie Angst, das Möbelstück könne sich vor ihren Augen in Luft auflösen oder zusammenbrechen, legte sie vorsichtig die Lampe darauf ab und entledigte sich gleich darauf ihres Helms.
Auch Nick nahm seinen Helm ab und fuhr sich dann ein paar Mal mit gespreizten Fingern durch das Haar. Erst jetzt merkte er, wie unbequem der Helm eigentlich gewesen war und vor allen Dingen wie schwer.
Nachdem sie einen weiteren, genauen Blick durch das Zimmer geworfen hatten, näherten sie sich schließlich langsam der nächsten Tür. Nick sah Lacey dabei zu, wie sie lauschend ein Ohr an den Türrahmen drückte, doch scheinbar drang von der anderen Seite kein Laut zu ihr herüber. Stattdessen legte sie ihre Hand also auf die Türklinke und drückte sie unendlich langsam hinunter. Nick hielt die Luft an. Was würde wohl als nächstes auf sie zukommen? Diese Ungewissheit machte ihn beinahe rasend, sein Herz klopfte laut und hektisch in seinem Brustkorb und seine Hände waren erneut von einem feinen Schweißfilm überzogen. Gott, hoffentlich hatte dieses Spiel bald ein Ende.
Lacey hatte inzwischen die Klinke komplett herunter gedrückt und stemmte sich nun gegen die Tür, die allerdings keinen Millimeter nachgab.
Ich glaube, sie ist verschlossen, stellte sie fest.
Lass mich mal, entgegnete er, trat an ihr vorbei und versuchte nun ebenfalls die Tür zu öffnen. Doch auch er hatte keinerlei Erfolg damit.
Langsam strich er mit der Hand über das raue Holz. Was wollte das Komitee nur von ihnen? Er versuchte das Problem logisch an zu gehen, während er sich in die Hocke sinken ließ und einen ausgiebigen Blick durch das Schlüsselloch warf. Allerdings konnte er auf der anderen Seite nur undurchdringliche Schwärze ausmachen, so dass er sich gleich darauf wieder erhob.
Was sollte das hier alles? Sie waren doch dem Weg bis hierher gefolgt, sie konnten also unmöglich am falschen Ort sein. Doch so wie es aussah, waren sie in eine Sackgasse gelotst worden, was wiederum keinen Sinn ergab.
Wir brauchen den Schlüssel, stellte Lacey plötzlich nüchtern fest und er hätte sich ohrfeigen können, dass er darauf nicht selbst gekommen war.
Na klar! rief er aus und drehte sich augenblicklich einmal um sich selbst. Erschrocken stellte er fest, dass es in diesem Raum unendlich viele Möglichkeiten gab, um so etwas Kleines wie einen Schlüssel zu verstecken. Alleine um die Schrankwand zu untersuchen würden sie eine Ewigkeit brauchen.
Ich fange mit dem Buffet an, in Ordnung? sagte Lacey, dann schob sie sich ohne Umschweife an ihm vorbei und zog einen Stuhl unter dem Tisch hervor. Sie stellte ihn vor den riesigen Schrank, kletterte auf die Sitzfläche und stellte sich dann auch noch auf die Zehenspitzen, um die oberste Kante erreichen zu können. Für einen Moment sah Nick ihr noch dabei zu, wie sie oben auf dem Schrank herumtastete, dann wandte er sich leise seufzend der gegenüberliegenden Wand zu.
Der riesige Schrank bestand aus mehreren Elementen. Da waren unzählige Schubladen, Schranktüren, eine Glasvitrine in der Mitte und einige Regalböden an der Seite. Na das konnte ja heiter werden.
Missmutig wandte er sich also nach links und begann mit der ersten Schublade. Sie war ziemlich schwer und durch die Feuchtigkeit hier unten wohl etwas verzogen, denn er hatte einige Mühe, sie tatsächlich aufzuziehen. Als er es endlich geschafft hatte, sah er sich einer unglaublichen Flut von Krimskrams gegenüber. Da waren altes Holzspielzeug, Streichholzschachteln, kleine Kästchen und Döschen, Stofftaschentücher, Büroklammern und allerlei anderer Kram. Man konnte jedenfalls nicht behaupten, dass ihnen das Komitee die Suche leicht machte.
Mit einem tiefen, lauten Seufzer machte er sich an die Arbeit und betete dabei innerlich, dass sie diesen verdammten Schlüssel schnell fanden.