Kapitel 42
Lacey tastete sich Schritt für Schritt in der kompakten Dunkelheit vorwärts. Sie hörte dabei Nicks schlurfende Schritte hinter sich und sein abgehacktes Atmen, das noch mehr als seine großen, ängstlichen Augen verriet, wie sehr ihm die Schwärze zusetzte. Sie wünschte, es würde ihr etwas mehr einfallen, als ihn lediglich zur Belohnung für ein weiteres Stück des Weges zu küssen. Sie hätte ihm gerne seine Angst genommen, doch leider müsste sie ihn dafür zurück in die Sonne führen und das ging nun mal leider nicht.
Also strebte sie immer weiter vorwärts. Der Strahl der Lampe erhellte immer nur die nächsten zwei Meter ihres Weges, die Wände des Ganges glänzten vor Feuchtigkeit, ihre Füße stolperten ab und an über die unebenen Schienen und es schien ihr, als dehne sich die Dunkelheit vor ihr ins Endlose. Einige Wegbiegungen hatten sie inzwischen schon passiert und Nick hatte jedes Mal, wie versprochen, seinen Kuß bekommen. Sie konnte nicht sagen, ob ihm dies tatsächlich irgendwie weiterhalf, aber immerhin waren sie immer noch in Bewegung und das war schon mehr, als sie nach seinem abrupten Anhalten zu hoffen gewagt hatte. Außerdem musste sie zugeben, dass sie selbst das immer wiederkehrende Gefühl seiner Lippen auf ihren genoss, was in Anbetracht ihrer Situation schon etwas seltsam anmutete.
Tatsächlich gegabelt hatte sich der Weg bisher noch nicht, so dass sich die Gummibärchen immer noch fest verschlossen in ihrer Tasche befanden und Lacey hatte auch rein gar nichts dagegen, wenn dies die nächste Zeit so blieb. So lange es nur einen Weg hinein gab, würden sie auch ohne Probleme wieder hinaus finden. Seltsamer Weise war die Angst davor, sich hier unten zu verlaufen in Lacey wesentlich größer, als die Angst vor dem nächsten Spielzug des Game of Life.
Bisher war also alles wesentlich besser gelaufen, als sie befürchtet hatte, doch natürlich hatte das G-o-L Komitee noch einige Überraschungen für sie vorgesehen.
Sie spürte die Veränderung, bevor sie sie tatsächlich sehen konnte. Der Strahl der Lampe traf nicht mehr auf feste Erde, sondern verlor sich in der undurchdringlichen Dunkelheit vor ihr und der Klang ihrer Schritte veränderte sich. Zwei Schritte weiter hörte sie schließlich ein leises Summen und im selben Moment flammte plötzlich Licht über ihnen auf. Die Lampen benötigten eine Weile, bis sie tatsächlich brannten, und so stand sie mit Nick an der Hand, der dem hektischen Keuchen nach zu urteilen kurz vor einem Herzinfarkt stand, für einen Moment regungslos in dem flackernden Licht, während ihre Augen blinzelnd versuchten, in den kurzen Helligkeitsphasen alles gleichzeitig in sich aufzunehmen.
Schließlich standen sie in gleißendem Licht, die Neonröhren an der hohen Decke gaben ein stetiges, tiefes Brummen von sich und sie spürte, wie Nick neben ihr hörbar aufatmete Auch ihre Anspannung löste sich ein wenig. Noch war ihnen nichts passiert, sie waren in kein tiefes Loch gestürzt, es wartete keine bösartige Bestie auf sie und alles in allem waren sie unversehrt. Inzwischen hatten sie sogar wieder Licht, was selbst für Lacey eine ungeheure Erleichterung darstellte.
Eine luftige Höhle war aus der Dunkelheit vor ihnen aufgetaucht. Die Wände waren hier aus massivem Stein von denen das Wasser tropfte, der Boden bestand aus gestampfter Erde und die Schienen, die sie bis hier her begleitet hatten, endeten genau in der Mitte an einem hölzernen Rammbock.
Doch das wirklich erstaunliche befand sich links von ihnen. Zögerlich steuerte Lacey darauf zu, während sie Nick neben sich immer wieder Oh Mann. hervorstoßen hörte.
Auf einem Tisch waren zwei gelbe Regenjacken ausgebreitet worden, daneben lagen ebenfalls gelbe Schutzhelme und ein in Folie verpackter, weißer Umschlag. Wie immer wenn die Anwesenheit des Komitees sichtbar wurde, durchlief Laceys Körper ein leichtes Frösteln. Irgendjemand war hier gewesen und hatte diese Dinge für sie hinterlassen. Vielleicht war dieser Jemand sogar noch hier, beobachtete jeden ihrer Schritte und war ihnen somit ganz nahe. Dieser Gedanke sandte eine übelkeiterregende Welle von Unbehagen durch Laceys Körper und sie hoffte, dass Nick dies nicht merkte. Er war schon verstört genug, auch ohne dass sich ihre aufgesetzte Stärke verflüchtigte.
Also schaltete sie schließlich die Taschenlampe mit Nachdruck aus und legte sie vorsichtig auf dem Tisch ab, bevor sie mit kalten Fingern über die Regenjacken strich.
Zumindest wissen wir jetzt, dass wir hier richtig sind, murmelte sie, während sämtliche ihrer Sinne immer noch Gefahr schrieen.
Irgendwie überrascht mich das nicht wirklich, gestand Nick.
Mich auch nicht, nickte Lacey mit einem gequälten Lächeln.
Gilt das hier eigentlich auch als Weggabelung? fragte er dann weiter, was sie dazu veranlasste, zu ihm aufzusehen.
Er wirkte seltsam blass, während um seine Augen dunkle Schatten lagen und sie konnte seinen rasenden Herzschlag ganz deutlich an der pulsierenden Ader an seinem Hals ablesen. Trotzdem wirkte er gefasst, was sie zumindest ansatzweise beruhigte.
Hm, könnte man durchaus so sehen, bestätigte sie lächelnd, bevor er sich zu ihr hinunter beugte und seine Lippen zärtlich die ihren streiften.
Wenn das hier vorbei ist, murmelte er dann leise mit geschlossenen Augen, was ihr einen prickelnden Schauer über den Rücken wandern lies möchte ich mit dir irgendwo hin fahren wo es warm und sonnig ist. Weit weg, wo uns keiner findet und wir ganz alleine sind.
Das klingt erstaunlich gut, hörte sie sich sagen, auch wenn sie sich gerade im Moment nicht vorstellen konnte jemals mit Nick unbeschwert zusammen sein zu können. Vielleicht hielt ihre Verbindung nur, weil das Game of Life genügend Druck auf sie beide ausübte?
Möchtest du den Brief öffnen? fragte sie deshalb schnell um ihn und sich selbst von dem Gedanken an einen weißen Sandstrand und ihren verschlungenen Körpern auf einem Handtuch abzulenken.
Ja, diesmal werde ich das wohl machen, nickte Nick, schenkte ihr noch ein sanftes Lächeln und wandte sich dann wieder dem Tisch zu. Der Umschlag wirkte beinahe unschuldig zwischen den gelben Mänteln und den schweren Helmen. Unendlich vorsichtig, so schien es Lacey zumindest, nahm Nick den Umschlag vom Tisch, entfernte die Folie und riss dann einfach ein Stück von der Schmalseite ab.
Lacey schluckte trocken, während sie ihm dabei zusah wie er ein sauberes Blatt Papier hervorzog, doch sie widerstand erfolgreich dem Drang sich zu bücken und die herunter gefallenen Schnipsel aufzuheben.
Lieber Nick, liebe Lacey, laß Nick gleich darauf vor. Seine Stimme klang seltsam hohl und fand ein unangenehmes Echo in dem hohen Gewölbe, was Lacey erneut frösteln ließ. Willkommen zu Ihrer letzten Prüfung ... na wenigstens etwas ... , kommentierte er, bevor er sich wieder dem Brief zu wandte. Wir möchten Sie aus Sicherheitsgründen bitten, die Helme aufzusetzen und die Jacken überzuziehen. Der Eingang zu ihrer letzten Spielstation befindet sich, wie sie vielleicht bemerkt haben, am anderen Ende der Höhle. Wie auf Kommando drehten sie sich beide gleichzeitig herum und suchten das Gewölbe nach einem weiteren Durchgang ab. Lacey sah es als erstes.
Da hinten, sagte sie und deutete vage in die entgegengesetzte Richtung, wo sich eine weitere, dunkle Öffnung befand, die wenig einladend wirkte.
Nick nickte und sah wieder auf das Blatt Papier in seinen Händen hinunter.
Wir wünschen Ihnen viel Glück bei der Bewältigung der letzten Spielstation. Seien Sie gewiss, dass Sie unsere Augen und Ohren begleiten werden und dass am Ende dieser beschwerlichen Reise eine fürstliche Belohnung auf Sie wartet. Ihr G-o-L Komitee.
Nick ließ den Brief sinken und blickte mit großen Augen zu Lacey hinüber. Glaubst du, Aaron ist hier? fragte er mit leichtem Zittern in der Stimme.
Ich habe keine Ahnung, gestand sie. Aber je schneller wir uns auf den Weg machen, umso schneller werden wir das erfahren.
Erneut nickte er, dann verstaute er den Umschlag mit samt Brief in der Gesäßtasche seiner Jeans und griff dann ohne weitere Verzögerung nach dem größeren der beiden Anoraks. Schweigend zogen sie sich an und setzten zum Schluß auch noch die Helme auf. Alles passte wie angegossen, was Lacey nicht wirklich verwunderte. Über dieses Stadium war sie scheinbar seit einer Ewigkeit hinaus.
Bauarbeiter Lacey, grunzte Nick schließlich und kicherte leise.
Danke, du siehst ähnlich unvorteilhaft aus, kommentierte sie mit einem schwachen Grinsen.
Eigentlich habe ich überhaupt keine Lust noch weiter zu gehen, gestand Nick und sah mit einer Miene, die gleichzeitig Unbehagen und Wut ausdrückte, zu dem Durchgang hinüber.
Ich auch nicht. Aber da müssen wir jetzt wohl durch, nickte Lacey und strich ihm dabei mitfühlend über den Arm. Für einen Moment trafen sich ihre Blicke und die Zeit schien still zu stehen.
Hier waren sie nun: Mit Helmen ausgestattet, tief unter der Erde und bereit, dem nächsten Spielzug des Game of Life zu folgen. Lacey verspürte Angst bei dem Gedanken, was wohl noch auf sie wartete und sie konnte in Nicks Augen lesen, dass es ihm ähnlich ging.
Wir schaffen das, hörte sie sich schließlich flüstern.
Natürlich schaffen wir das, gab Nick zurück, doch das Lächeln erreichte dabei seine Augen nicht.
Sie nickten beide, dann beugte Nick sich zu ihr hinunter, küsste sie noch ein letztes Mal und richtete sich dann wieder auf.
Na, dann werden wir dem G-o-L Komitee mal gehörige in den Arsch treten, oder?
Eye, eye Captain, grinste Lacey, straffte sich und nahm die Taschenlampe wieder vom Tisch.
Gemeinsam näherten sie sich gleich darauf dem dunklen Loch in der Tunnelwand. Lacey kam es dabei so vor, als wären sie auf direktem Wege unterwegs in das Maul eines wilden Tieres. Vielleicht eine Schlange oder ähnliches. Die Reißzähne waren nicht zu sehen, aber wenn das Vieh das Maul erst einmal schloss, gab es für sie beide kein Entrinnen mehr.
Was ist das? fragte Nick in diesem Moment und deutete auf eine kleine Apparatur direkt neben der Öffnung.
Gute Frage, entgegnete Lacey, während ihr Magen einen überraschten Hüpfer vollführte.
Im ersten Moment wirkte das längliche Gebilde wie eines dieser Schlösser an Toilettentüren, in die man Münzen einwerfen musste, um die Kabine betreten zu können. Ein Münzschlitz befand sich auf der Vorderseite, darüber prangte ein kleiner Aufkleber, den sie allerdings nicht entziffern konnte, da es hier im rückwärtigen Teil der Höhle zu dunkel dafür war. Bei näherer Betrachtung entdeckte sie zudem ein leuchtendes, grünes Licht unter dem Münzschlitz und mehrere Knöpfe an der Seite des Kästchens, die für sie wenig bis gar keinen Sinn ergaben.
Entschlossen hob sie die Taschenlampe, schaltete sie ein und richtete den Strahl auf den Aufkleber. Das Bild einer G-o-L Münze leuchtete ihnen sofort in mausgrau entgegen, darunter deutete ein Pfeil auf den Münzschlitz.
Ich fasse es nicht, murmelte Nick neben ihr.
Das kannst du laut sagen.
Du bist dir aber schon sicher, dass wir wach sind, oder? hakte Nick nach und so absurd diese Frage klingen mochte, so logisch erschien sie ihr doch in diesem Moment.
Ich denke schon. Zur Bekräftigung fasste sie nach seiner Hand und drückte sie kurz. Spürst du das?
Ja, aber heißt das auch, dass ich wach bin? gab er zu bedenken.
Falls dem nicht so sein sollte, werden wir es hoffentlich irgendwann erfahren.
Hm, nickte Nick und blickte wieder zu dem Kästchen hinüber.
Probieren wir also aus, was es mit diesem Kästchen auf sich hat, sagte Lacey und begann in ihrer Handtasche nach den Münzen zu kramen. Es dauerte eine Weile, bis sie alle fünf gefunden hatte, dann steckte sie vier davon in die Jackentasche ihres Regenmantels und näherte sich mit der verbliebenen in ihren zitternden Fingern dem Münzschlitz.
Wenn uns hier gleich alles um die Ohren fliegt, möchte ich nur, dass du weißt, dass es wirklich toll war, dich gekannt zu haben, hörte sie Nick murmeln.
Danke, ich habe dich auch sehr gern, entgegnete Lacey.
Ehrlich? kam es prompt von Nick zurück und sie hielt einen Moment inne.
Glaubst du wirklich, ich wäre sonst noch hier? fragte sie sanft.
Ehrlich gesagt ... , er stockte und schluckte sichtbar. Ehrlich gesagt war ich mir nicht so ganz ... ähm ... sicher.
Lacey schüttelte missbilligend den Kopf. Darüber sollten wir diskutieren, wenn wir hier wieder raus sind, in Ordnung?
In Ordnung, nickte er.
Also gut. Ich stecke jetzt die Münze in den Schlitz. Drück die Daumen, dass wir damit nicht irgendeinen Selbstzerstörungsmechanismus oder so etwas ähnliches auslösen.
Alles klar, hörte sie Nick sagen, dann näherte sich ihre Hand unaufhaltsam dem seltsamen Kästchen.
Die Münze passte ohne weiteres in den Schlitz. Für einen Moment hielt sie noch inne, versuchte dabei ihr Bauchgefühl zu überhören, dass ihr vehement und ziemlich nachdrücklich zu schrie, dass das hier alles andere als gut gehen konnte und drückte dann die Münze vollends in den Schlitz. Sie hörte, wie sie klappernd in dem Kästchen verschwand, dann begann das grüne Licht auf der Vorderseite plötzlich zu blinken und verfärbte sich gleich darauf blutrot. Im selben Moment erstrahlten in der dunklen Öffnung kleine, grüne Lämpchen in einer akkuraten Reihe. Sie zogen sich wie an der Schnur gezogen an der Wand entlang und führten ganz eindeutig immer tiefer in die Dunkelheit hinein, bevor sie irgendwann einfach aufzuhören schienen.
Sieht aus wie so ne Art Leitstrahl, stellte Nick mit hörbarer Anspannung in der Stimme fest.
Hm, nickte Lacey und brachte ihr Ohr etwas näher an das Kästchen heran. Und wir sollten uns beeilen, denn so wie es sich anhörte, tickt da drin ne Bombe.
Zeitschaltuhr?
Möglich.
Dann aber husch, husch.
Und ohne noch einmal darüber nachzudenken, setzten sie sich augenblicklich in Bewegung.
Lacey ließ die Taschenlampe eingeschaltet, damit sie sehen konnte, wohin sie ihre Füße setzten mussten, während die kleinen Leuchtioden ihnen den Weg wiesen. Nach wenigen Metern gabelte sich der Weg das erste Mal. Die grünen Lichter wandten sich nach rechts, während der Gang zu ihrer Linken unbeleuchtet blieb.
Trotz ihres Wegweisers zog Lacey nun die Tüte Gummibärchen hervor und drückte sie Nick in die Hand.
Wir sollten trotzdem den Rückweg sichern, findest du nicht? antwortete sie auf das Fragezeichen in seinem Gesicht und er nickte zögerlich.
Nachdem er ein kleines Häufchen bunter Bärchen in dem Gang hinterlassen hatte, aus dem sie gekommen waren, bogen sie ab und folgten den kleinen, grünen Lichtern weiter in die Dunkelheit hinein.