Kapitel 41

Nick wartete geduldig, bis Lacey sich von alleine von ihm löste und zwei Schritte zurücktrat. Ihr Gesicht wirkte blass und ihre Miene war angespannt, doch sie strahlte wesentlich mehr Entschlossenheit aus, als noch vor fünf Minuten. Mit Nachdruck schloss er schließlich den Kofferraumdeckel, wobei sein Blick noch einmal auf die blaue Aluminiumflasche fiel, die beinahe unschuldig in einer Ecke lag.
Er war sich tausendprozentig sicher, dass sich darin die Tabletten befanden, von denen sie gestern geredet hatte. Doch das Zeug einfach ohne ihre Erlaubnis wegzuschütten, traute er sich dann doch nicht. Das waren ihre Dämonen und sie musste sich von diesen selbst befreien. Auch wenn es ihm unglaublich schwer fiel versuchte er also, die Gedanken an die Flasche und was Lacey damit vorgehabt hatte zu verdrängen und sich auf das zu konzentrieren, was jetzt vor ihnen lag.
Sein Blick glitt über das weitläufige Bahngelände. Beinahe endlos dehnten sich die Gleise nach rechts und links aus, einige Waggons standen verlassen in der gleißenden Sonne, während Unkraut zwischen den Bahnschwellen hervor spross. Weiter hinten konnte er mehrere, flache Gebäude erkennen. Wahrscheinlich war darin die Verwaltung untergebracht. Noch ein Stück weiter schließlich, erhoben sich die von Lacey erwähnten, halbrunden Wellblechlager in den Himmel. Es schien, als sei an diesem Tag keine Menschenseele unterwegs, doch wahrscheinlicher war eher, dass sich hier hinten bei den Abstellgleisen selten jemand her verirrte.
Unbehaglich fragte er sich was wohl passieren würde, wenn sie entdeckt wurden. Würde man sie verjagen? Und was sollten sie dann tun? Aarons Rettung hing davon ab, ob sie den Eingang zu den Stollen fanden und wie sollten sie das anstellen, wenn ihnen die Sicherheitskräfte auf den Fersen waren?
„Ich denke, wir sollten da drüben anfangen,“ erklärte Lacey gerade und deutete dabei nach links. In der Ferne konnte Nick einen niedrigen, von Gras überwachsenen Wall ausmachen. Dahinter erhob sich das Gerippe eines gelben Krans wie ein prähistorisches Tier und ein langer Maschendrahtzaun trennte dort die Gleise von den umliegenden Feldern.
„In Ordnung,“ nickte er und folgte Lacey, die sich ohne ein weiteres Wort in Bewegung setzte.
Er brauchte nicht lange um festzustellen, dass sie sich so weit wie möglich von den Schienen entfernt hielt. Ihre Augen huschten dabei hektisch immer wieder die Gleise entlang, was dazu führte, dass sie sich immer wieder herum drehte und den Horizont absuchte. Gerade so, als könne plötzlich ein Zug aus dem Nichts auftauchen und sie unter sich zermalmen. Aber war damals nicht genau das passiert? Nick erschauerte bei dem Gedanken und trat unwillkürlich einen Schritt zur Seite als er bemerkte, dass er sich viel zu nahe an den von Rost überzogenen Gleisen aufhielt.
Er wollte sie gerne fragen, wo das Unglück damals passiert war, doch er traute sich nicht so recht. Im Endeffekt brachte diese Frage ihnen beiden nichts, trotzdem wäre ihm wohler gewesen wenn er gewusst hätte, ob sie sich gerade auf diese Stelle zu bewegten, oder der Ort irgendwo hinter ihnen lag.
Sie liefen bestimmt zehn Minuten, bis sie den ersten Ausläufer des Walls erreichten. Jede Menge Müll hatte sich am Fuße der Erhebung angesammelt, in einiger Entfernung stand ein verlassenes, blaues Dixi-Klo, das den Sturm warum auch immer unversehrt überstanden zu haben schien, und zu ihrer Rechten verliefen immer noch die Schienen. Allerdings standen hier kaum noch Waggons herum.
Mit dem nächsten Schritt prallte er unvermittelt gegen Lacey. Ein geqäultes Stöhnen kam über seine Lippen und während er sich mit schmerzverzerrtem Gesicht seine lädierten Rippen rieb, folgte er ihrem Blick, der irgendeinen Punkt vor ihnen fixierte.
„Da drüben ist es passiert,“ hörte er sie flüstern.
„Möchtest du ... hin gehen?“ fragte er vorsichtig.
„Nein,“ gab sie kopfschüttelnd zu. „Und dann doch irgendwie. Es ist ... ,“ sie seufzte laut und schüttelte erneut den Kopf. „ ... seltsam.“ Vollendete sie dann ihren Satz.
„Was immer du möchtest, ich bin dabei,“ bekräftigte er und fasste vorsichtig wieder nach ihrer Hand, die zu einer Faust geballt an ihrer Seite herab hing.
Als sei es das natürlichste von der Welt verschlangen sich automatisch ihre Finger ineinander, während Lacey immer noch vor sich hin starrte.
„Später vielleicht,“ sagte sie dann. „Lass uns lieber nach dem Eingang zum Stollen suchen.“
„In Ordnung,“ nickte er.
Langsam setzten sie sich wieder in Bewegung, wobei er sich nicht so recht traute neben ihr zu gehen, weil er so den Gleisen viel zu nahe kam. Stattdessen stolperte er also hinter ihr her, ohne ihre Hand dabei los zu lassen.
„Hier geht es los,“ verkündete sie dann und trat ein paar Schritte an den Grashügel heran.
Im ersten Moment wusste er nicht so genau, was sie meinte, doch dann entdeckte er die zugewucherte Backsteinmauer. Holzbalken hatten irgendwann einmal das Erdreich über dem Eingang abgestützt, inzwischen waren sie allerdings beinahe komplett verwittert und nur die roten Ziegel erinnerten daran, dass hier irgendwann einmal ein Durchgang gewesen war.
Langsam gingen sie weiter, schritten bedächtig jeden Meter der langen Erhebung ab und kamen dabei an immer mehr verschlossenen Türen und Mauern vorbei. Mit jedem Mal schwand in Nick ein Stück seiner Zuversicht. Hier war man definitiv systematisch vorgegangen, warum sollten sie also einen Eingang übersehen oder vergessen haben?
Tatsächlich hatten sie fast den gesamten Hügel hinter sich gelassen, als sich plötzlich vor ihnen ein dunkles Loch auftat.
„War ja klar,“ hörte er Lacey murmeln.
„Was war klar?“ fragte Nick nach.
„Dass das Komitee dafür sorgen würde, dass wir da rein können,“ gab sie zurück und deutete auf den unordentlichen Haufen Backsteine, die offensichtlich vor nicht all zu langer Zeit aus dem Eingang gebrochen worden waren und sie damit daran erinnerten, dass ein menschliches Vordringen in die Dunkelheit nicht wirklich vorgesehen gewesen war.
„Irgendwie sieht das wirklich gefährlich aus,“ stellte Nick fest.
„Hm,“ nickte Lacey. „Das erste Mal habe ich wirklich das Gefühl, dass selbst das Komitee nicht sicher ist, ob wir da heil wieder raus kommen.“
„Macht das Sinn?“ gab er zu bedenken.
„Ergibt überhaupt irgendetwas an diesem Spiel einen Sinn?“
„Auch wieder wahr.“
„Also gut,“ seufzte Lacey schließlich und begann dann in ihrer Handtasche zu kramen. Gleich darauf förderte sie die Taschenlampe zu Tage und streckte sie ihm entgegen. „Willst du der Held sein, der voraus geht?“
„Habe ich eine andere Wahl?“
„Nicht wirklich,“ gestand sie mit einem schiefen Grinsen.
Als er nach der Taschenlampe griff, zitterten seine Hände beinahe unmerklich und er ärgerte sich über seine so offensichtliche Schwäche. Was sollte Lacey jetzt nur von ihm denken? Sie benahm sich wie eine Löwin, weil sie trotz ihrer schmerzhaften Vergangenheit hier herumturnte und er bekam beim bloßen Gedanken an die Dunkelheit in dem beschissenen Stollen eine Gänsehaut.
„Ich bin bei dir,“ hörte er sie unvermittelt sagen und als er auf sie hinunter blickte, lächelte sie sanft zu ihm auf. „Denk immer daran, dass die Dunkelheit unser Freund ist. Sie verbirgt die Dinge, die wir nicht sehen sollen und wird uns da hin führen, wo wir hin sollen.“
„Das klingt total dämlich,“ gestand er, fühlte sich aber erstaunlicher Weise schon wesentlich besser.
„Ich weiß,“ schmunzelte sie. „Aber vertrau mir, es wird genau so sein.“
Er zuckte lediglich mit den Schultern, drehte einen Moment die Taschenlampe in seinen Händen, schaltete sie schließlich ein und leuchtete für einen Moment in den dunklen Eingang hinein. Doch wirklich viel konnte er nicht erkennen. Da war ein gerader Gang, die Wände bestanden aus fester Erde, schmale Schienen wucherten daraus hervor und endeten knapp vor dem hellen Streifen aus Sonnenlicht.
„Na dann mal los,“ murmelte er, warf noch einen Blick zu Lacey hinüber und beugte sich dann zu ihr. Ihre Lippen fanden sich mit schlafwandlerischer Sicherheit und für einen winzigen Moment konnte er beinahe alles vergessen, was ihm gerade so schwer und schmerzhaft auf der Seele lag. Doch dann löste sie sich wieder von ihm, drückte seine Hand noch einmal etwas fester und lächelte ihm aufmunternd zu. Jetzt gab es also wohl keinen Aufschub mehr.
Mit klopfendem Herzen wandte er sich also dem Eingang zu und ging einige zögerliche Schritte darauf zu. Er musste den Kopf einziehen, um unter den ausgebleichten Holzbalken hindurch treten zu können, doch dahinter weitete sich der Gang zumindest so weit, dass er aufrecht stehen konnte. Wenigstens etwas.
Mit Lacey an seiner Hand tastete er sich weiter vorwärts, während die Lampe mit jedem Schritt einen weiteren Abschnitt des Weges aus der Dunkelheit hob. Das Sonnenlicht von draußen schwand für seinen Geschmack fiel zu schnell und als der Gang schließlich auch noch einen Knick nach rechts machte, fühlte er sich endgültig, als hätte man ihn lebendig begraben. Sein Herzschlag hämmerte in seiner Brust, seine Hände wurden feucht und seine Knie weich wie Pudding. Außerdem wurde die Luft zum Atmen knapp. Worauf hatte er sich hier nur eingelassen?
„Ich glaube, ich kann das nicht,“ hörte er sich flüstern, während seine Füße noch zwei zaghafte Schritte machten und dann wie fest zementiert inne hielten.
„Hey,“ hörte er Lacey hinter sich und alleine der Klang ihrer Stimme schien einen kleinen Teil seines inneren Aufruhrs zu beruhigen. Leider reichte dies nicht, um sich wieder in Bewegung setzten zu können.
„Gib mir die Lampe, okay?“ sagte sie, während er spürte, wie sie sich an ihm vorbei schob.
„Lacey im Ernst. Ich kann ... kaum atmen und ... ich fühle mich wie ... in einem Sarg .... das ist doch nicht normal!“
„Natürlich ist das nicht normal,“ sagte sie sanft, während der Strahl der Taschenlampe ihre Beine erfasste. Vorsichtig entwand sie ihm die Lampe aus seinen klammen Fingern, dann griff sie mit der freien Hand nach ihm und ließ währenddessen den Lichtstrahl umherwandern.
„Der Gang führt schnurgeradeaus,“ erklärte sie. „Es gibt also keinen Ort, wo sich irgendjemand oder irgendetwas verstecken könnte.“
„Das beruhigt mich nicht wirklich,“ gab er zu. Die Dunkelheit begann bereits vor seinen Augen zu tanzen und er fragte sich beklommen, ob dies das erste Anzeichen einer waschechten Panikattacke war.
Unvermittelt drehte Lacey sich zu ihm herum. Er konnte ihr Gesicht nur schemenhaft erkennen, doch ihre Augen schienen selbst in der Dunkelheit zu leuchten und irgendwie beruhigte ihn ihr Anblick ungemein.
„Komm her,“ flüsterte sie, zog ihn etwas dichter zu sich heran, stellte sich dann auf die Zehenspitzen und hauchte ihm einen Kuß auf die Lippen. Er seufzte leise, während sich ihre Zungen berührten und plötzlich war alles um ihn herum vergessen.
„Für jede Weggabelung die wir erreichen,“ hörte er sie gleich darauf sagen „gibt es einen Kuß. Was hältst du davon?“
„Könntest du mir noch ein paar auf Vorrat geben? Vielleicht wird es dann leichter,“ bettelte er.
„Nein,“ hörte er sie schmunzeln. „Weggabelung, okay?“
„Okay,“ gab er zurück, auch wenn sich seine Eingeweide immer noch anfühlten, als würden sie in ihm Samba tanzen.
„Gut. Dann also weiter.“ Und ohne noch einmal inne zu halten, setzte sie sich in Bewegung. Ihre Hand zog ihn einfach hinter sich her und irgendwie befand er, dass es wesentlich angenehmer war, ihr blind zu folgen als in dieser beschissenen Dunkelheit voraus zu gehen. Eindeutig war sie also der größere Held von ihnen beiden und dass sie sich darüber nicht lustig machte, erstaunte ihn mit jedem Schritt mehr und erfüllte ihn mit so etwas wie Stolz, auch wenn er nicht sagen konnte, warum ihn ausgerechnet dieses Gefühl mit solcher Macht überflutete. Wie konnte er stolz auf ein Mädchen sein, nur weil sie ihn nicht auslachte? Gott, er brauchte dringen mehr Licht, bevor er noch vollends durchdrehte.

Kapitel 42