Kapitel 40

Angst und Verzweiflung steigerten sich in Lacey mit jedem Meter, dem sie Highfields näher kamen. Als sie schließlich in den von Unkraut überwucherten Trampelpfad einbogen, der sie zum rückwärtigen Teil des Geländes bringen würde, war sie bereits der Meinung, keine Luft mehr zu bekommen und sich gleich übergeben zu müssen. Vor ihren Augen drehte sich alles, ihr Herzschlag raste laut und hektisch in ihren Ohren und ihre Hände waren schweißnass.
Was hatte sie sich eigentlich dabei gedacht, das hier alles mitzumachen? Zum Teufel mit Aaron und Nick. Sie würde jetzt gleich aus dem Wagen springen und so schnell sie ihre Beine tragen konnten davon rennen. Nach ihr die Sintflut!
Doch natürlich wusste sie, dass sie dies nicht tun konnte. Sie hatte eine Verantwortung Nick gegenüber und war zudem die einzige, die Aaron retten konnte. Ihr schoss plötzlich der Gedanke durch den Kopf, ob dies hier wohl eine Art Buße für ihre Vergehen war. Sie würde leiden, damit ein anderer gerettet werden konnte. Und hatte Michael nicht etwas Ähnliches getan? Nun gut ... natürlich war dies nicht wirklich miteinander vergleichbar, aber zum ersten Mal dachte sie bewusst und wirklich darüber nach, was sie wohl damals an seiner Stelle getan hätte. Hätte sie ihn mit sich sterben lassen? Oder hätte sie ihm ebenfalls einen Stoß versetzt um ihm das Leben zu retten? Und wie hätte er sich danach gefühlt?
Nein, sie hätte ihn natürlich nicht sterben lassen und ja, sie hätte versucht ihn zu retten. Aber ob er danach ähnlich verzweifelt gewesen wäre wie sie, konnte sie nicht sagen. Natürlich hätte er auch unter dem Verlust seiner Freunde gelitten, doch höchstwahrscheinlich hätte er einen Weg gefunden, diese Gefühle zu bewältigen. Er hätte aktiv daran gearbeitet die Geschehnisse zu verarbeiten anstatt sich passiv zurück zu lehnen und sich seinen Schuldgefühlen zu ergeben.
Heute bekam Lacey die Möglichkeit, etwas von damals wieder gut zu machen. Sie würde damit sicherlich weder sich selbst, Michael, Aden oder Trin helfen, aber sie konnte dafür sorgen, dass Nick und Aaron wieder glücklich vereint waren. Und wenn dies bedeutete, dass sie dafür durch die Hölle gehen musste, dann war dies wohl nur recht und billig.
Als der Wagen schließlich vor einem der verlassenen Abstellgleise zum Stehen kam, raste ihr Herzschlag zwar immer noch wie ein D-Zug, doch der Nebel hatte sich aus ihren Gedanken verflüchtigt und es durchflutete sie beinahe so etwas wie Entschlossenheit. Sie würde das hier durchziehen und nicht über das Danach nachdenken. Sollte sich anschließend der Boden unter ihr auftun und sie verschlingen, dann sollte es wohl so sein.
„Hier sind wir also,“ hörte sie Nick neben sich sagen.
„Ja,“ nickte sie überflüssigerweise.
„Hast du irgendeine Ahnung, wo dieses Tor in die Dunkelheit sein soll?“
„Nicht so direkt,“ gab sie zu. „Unter den Gleisen gibt es so eine Art Stollensystem. Ganz am Anfang haben sie dort Erz abgebaut, aber die Ader ist wohl recht schnell versiegt. Später haben sie dann die langen Gänge und Höhlen als Lager benutzt. Heute haben sie dafür große Lagerhallen, in die die Züge direkt hinein fahren können. Die Eingänge zu den Stollen wurden meines Wissens alle zugemauert oder anderweitig geschlossen. Wir müssen also ein bisschen suchen.“
„Ein Stollensystem,“ hörte sie Nick murmeln und sie konnte ihm dabei ganz deutlich anhören, wie wenig er davon hielt, sich hinunter in die Dunkelheit zu begeben.
„Niemand hat behauptet, dass das Spiel einfach ist,“ lächelte sie sanft.
„Hm,“ nickte Nick. „Ich schwöre dir,“ sagte er dann und blickte zu ihr hinüber. „Nie wieder werde ich irgendwelche Flaschen aus dem Meer fischen und ich werde auch nie wieder irgendein Spiel spielen.“
Lacey musste gegen ihren Willen schmunzeln. „Das sehe ich genau so.“
„Na, wenigstens sind wir uns darüber einig,“ lächelte Nick nun schief und seufzte dann lange und vernehmlich. „Also wollen wir?“ fragte er dann und schlagartig verflüchtigte sich Laceys kurzzeitige Heiterkeit.
„Sicher,“ nickte sie, auch wenn sich eigentlich gar nichts „sicher“ anfühlte.
„Wir sollten auf jeden Fall gut überlegen,“ sagte Nick, während er die Wagentür öffnete „was wir alles mitnehmen.“
„Unbedingt die Taschenlampe,“ sagte Lacey sofort, trat neben Nick an den Kofferraum heran und beobachtete ihn, wie er die Lampe hervor zog.
„Die werde ich garantiert ab jetzt immer bei mir führen,“ stellte er mit leichter Selbstironie fest.
„Ja, das und trockene Klamotten,“ grinste Lacey.
„Wie wäre es mit ... ,“ Nick wühlte in seinem Rucksack und förderte schließlich eine Tüte Gummibärchen zu Tage „ ... Brotkrumen. Oder so ähnlich.“
„Gute Idee,“ nickte Lacey und musste schon wieder grinsen bei dem Gedanken, wie sie Gummibärchen als Spur auslegten, um hinterher wieder aus dem Stollenlabyrinth heraus zu finden.
Gleich darauf packte sie die Taschenlampe und die Gummibärchen in ihre Handtasche. Es folgten sämtliche Hinweise, die Münzen und Kartenfragmente, die sie bereits vom Komitee erhalten hatten, ein Sturmfeuerzeug, Kugelschreiber und ein kleiner Block. Inzwischen bekam Lacey ihre Tasche kaum noch zu und etwas unbehaglich zog sie gleich darauf die blaue Aluminiumflasche hervor.
„Wasser! Gute Idee,“ nickte Nick und förderte eine kleine Plastikflasche Evian aus den Tiefen seines Rucksackes zu Tage.
„Uhm ... nein, das ... lasse ich wohl besser hier,“ entgegnete Lacey stockend und drehte die Flasche nervös in ihren Händen.
„Ich kann auch meinen Rucksack mitnehmen,“ bot Nick sich sofort an. „Das ist überhaupt kein Problem. Am Platz soll es ja wohl nicht scheitern.“
„Nein, das ist schon in Ordnung,“ wehrte sie ab und legte die Flasche vorsichtig in den Kofferraum.
Sie fühlte dabei Nicks Blick, der förmlich auf ihrem Gesicht brannte, aber sie wollte ihm nicht sagen, was sich in der Flasche befand und warum. Vielleicht würde er dann auf die Idee kommen, den Inhalt wegzuschütten und leider musste sie zugeben, dass sie dazu noch nicht bereit war.
„Hat es Zweck dich zu fragen, was da drin ist?“ hörte sie seine ernste Stimme in ihrem Rücken.
„Nein,“ gab sie kopfschüttelnd zurück.
„Die Tabletten, oder?“ hakte er trotzdem nach.
Sie antwortete nicht. Warum auch? Er wusste es doch sowieso schon.
„Lace?“
„Hm?“
„Hab ich Recht?“
„Lass uns einfach aufbrechen,“ entgegnete sie, trat einen Schritt vom Wagen zurück und bemühte sich dabei, nicht zu Nick hinüber zu sehen.
Er schwieg und er schloss auch nicht den Kofferraum. Als sei die Zeit stehen geblieben verharrten sie vor dem geöffneten Wagen und sie begann sich von Sekunde zu Sekunde unwohler zu fühlen. Sie wollte hier endlich weg, nur um sich gleich einem noch unangenehmeren Ort zuzuwenden. Wenn das mal nicht verrückt war.
„Lacey, versprichst du mir etwas?“ hörte sie Nick leise sagen und sie seufzte leise. Gab er denn nie auf? Sie beschloss, einfach nicht zu reagieren und starrte stattdessen weiterhin ihre Schuhspitzen an, die immer noch vollkommen durchgeweicht waren und bereits im schlammigen Untergrund zu versinken schienen.
„Hey, ich rede mit dir,“ versuchte es Nick erneut sanft, während sie seine Hand auf ihrer Schulter fühlte.
„Nick, können wir das nicht später ... ,“ setzte sie an, doch er unterbrach sie.
„Gleich. Ich möchte nur, dass du mir versprichst, den Inhalt dieser Flasche wegzuschütten, wenn wir wieder zurück sind.“
Ohne darüber nachzudenken schüttelte sie den Kopf. „Nein, das kann ich nicht.“
„Aber warum nicht? Ich dachte ... ich meine ... willst du denn immer noch ... ,“ sie konnte förmlich vor sich sehen, wie er angestrengt schluckte, bevor er „sterben“ hervorquetschte.
„Ehrlich gesagt bin ich mir noch nicht ganz sicher. Abgesehen davon ist das für mich ... hm ... so was wie ... für dich die Taschenlampe. Es ändert nicht wirklich etwas an meiner Situation, aber ich fühle mich besser, wenn ich sie bei mir habe.“
„Das ist vollkommen verrückt Lacey,“ hörte sie ihn schnauben.
„Na und?“ begehrte sie auf, hob nun endlich den Kopf und funkelte ihn böse ein. „Das ist immer noch mein Leben, in dem ich tun und lassen kann was ich will. Also vergiss die blöde Flasche und lass uns endlich losziehen. Immerhin muß ich mir gleich ansehen, wo meine Freunde gestorben sind und da habe ich keinen Nerv ... keinen Nerv mich mit ... mit ... ,“ sie blinzelte heftig, während ihre Atmung davon preschte und sich Tränen in ihren Augen sammelten. Was tat sie hier nur verdammt noch mal?
„Ist okay,“ sagte Nick sanft und streichelte vorsichtig über ihren Arm.
„Nein, es ist nicht okay,“ gab sie gepresst zurück und schloss gequält die Augen.
Sie fühlte, wie er sie sanft an sich zog und widerstand ihrem ersten Impuls, sich gegen ihn zur Wehr zu setzen. Stattdessen ließ sie sich gegen seine breite Brust sinken und registrierte mit einiger Verwunderung, wie gut es tat, wenn er sie fest an sich drückte. Als sei die Welt um sie herum plötzlich nur noch halb so aggressiv und bedrohlich.
„Wie machst du das bloß?“ flüsterte sie leise.
„Was meinst du?“ gab er offensichtlich verwirrt zurück.
„Als würdest du mich nicht nur umarmen, sondern gleichzeitig auch ein paar Schrauben in meinem Kopf festziehen. Das ist beängstigend.“
Sie hörte, wie er leise schmunzelte. „Vielleicht liegt es daran, dass diese Geste wirklich von Herzen kommt und vielleicht auch daran, dass du mich an deine Schrauben heran lässt.“
„Das halte ich für ein Gerücht,“ schnaubte sie, fühlte sich aber bereits um Welten besser. Also schlang sie nun ebenfalls ihre Arme um seine Körpermitte und genoss für einen Moment mit geschlossenen Augen die Ruhe vor dem Sturm. Was blieb ihr auch anderes übrig?

Kapitel 41