Kapitel 39
Sie hatten sich umgezogen und den Ast vom Wagendach entfernt. Als Nick nun den Zündschlüssel ins Schloss steckte um den Wagen zu starten, betete er inständig, dass dieser anspringen möge. Er hatte jedenfalls keine Lust, die restliche Strecke zu Fuß zurück zu legen. Doch, welch Wunder, der Motor startete auf Anhieb und klang dabei ganz normal. Wertarbeit eben.
Vorsichtig lenkte er den Wagen vom Straßenrand, während er im Rückspiegel sah, wie sich ein Feuerwehrwagen und ein Polizeifahrzeug dem Schulgebäude näherten. Er hatte sich sowieso schon gewundert, dass noch niemand aufgetaucht war um die Schäden am Gebäude zu begutachten, aber vielleicht hatten die Rettungskräfte im Moment einfach zu viel mit den restlichen Straßenzügen und Wohnhäusern zu tun.
Dies bestätigte sich, als sie schließlich den dünn besiedelten Randbezirk verließen und Richtung Innenstadt fuhren. Überall waren Menschen auf den Straßen. Teilweise waren die Wege schon wieder frei geräumt, während die Feuerwehr alle Hände damit zu tun hatte, Keller auszupumpen oder gefährlich lockere Ziegel von Dächern zu entfernen.
Im Radio jagte eine Sondermeldung die nächste, und so erfuhren sie nach und nach, dass Jacksonville noch mit einem blauen Augen davon gekommen war, da sich das Zentrum des Hurrikans weiter an der Küste befunden hätte. Dort war der Strom ausgefallen, ganze Straßenzüge waren dem Erdboden gleich gemacht worden und es gab zahlreiche Verletzte und sogar einige Tote.
Als sie in die Hauptstraße einbogen, schien hier das Leben weiter zu gehen, als sei nichts gewesen. Die meisten Geschäfte hatten bereits wieder geöffnet, wenn auch einige Schaufenster immer noch mit Brettern vernagelt waren. Die Straßen waren frei geräumt und nur die verstümmelten Reste der Bäume waren Zeuge der Zerstörung, die hier stattgefunden hatte.
Fahr hier links, informierte ihn Lacey gerade und er setze vorschriftsmäßig den Blinker.
Natürlich hatten sie bereits versucht, die CD des G-o-L Komitees im Player des BMW abzuspielen, doch das Display hatte ihnen gleich darauf verkündet, dass es sich hierbei um ein nicht lesbares Format handelte. Lacey hatte daraufhin noch einmal den Hinweis aus dem Baseballstadion vorgelesen und dabei festgestellt, dass es sich bei dem Rohling durchaus auch um eine DVD handeln könnte, da das Komitee von einer Nachricht in Bild und Ton sprach.
Also benötigten sie nun einen Fernseher mit angeschlossenem Abspielgerät.
Da drüben ist es, verkündete Lacey gerade und deutete auf ein riesiges Einkaufszentrum, das sich in einiger Entfernung vor dem strahlend blauen Himmel erhob.
Einen Parkplatz zu finden stellte kein größeres Problem dar, da die Bevölkerung von Jacksonville im Moment wohl besseres zu tun hatte, als einkaufen zu gehen. Und so betraten sie wenig später die Elektro-Abteilung des Kaufhauses. Sie schoben sich durch verwaiste Gänge, vorbei an Handys, Kameras, Toastern und Kühlschränken, bis sie im hinteren Teil endlich auf eine ganze Reihe von Flachbildfernsehern stießen. Über sämtliche Mattscheiben flimmerten die neusten Bilder der Hurrikan-Berichterstattung und kein Verkäufer war weit und breit zu sehen.
Aufmerksam besah er sich die Geräte, konnte aber auf Anhieb keinen angeschlossenen DVD-Player ausmachen. Also streiften sie weiter durch die Gänge und blieben schließlich vor einem überdimensionalen Fernseher stehen, der gerade einen Disney-Film zeigte.
Hiermit könnte es gehen, hörte er Lacey neben sich flüstern.
Das hoffe ich, gab er genau so leise zurück.
Ein letztes Mal sah er sich aufmerksam nach allen Seiten um, bevor er die CD aus seiner Jackentasche zog und die glänzende Scheibe entnahm. Während er den König der Löwen zum Verstummen brachte, die DVD aus dem Gerät entfernte und seine eigene einlegte, sah er kurz zu Lacey auf. Sie schien sich nicht sonderlich wohl in ihrer Haut zu fühlen, während sie ihren Blick immer wieder den Gang hinauf und hinunter schweifen ließ. Er fühlte, wie sich sein Herzschlag beschleunigte, als er flüchtig an die vergangene Nacht dachte, dann drückte sein Finger auf Play und er versuchte sich auf das Geschehen auf dem Bildschirm zu konzentrieren.
Zu erst blieb alles schwarz, dann begann das Bild zu flimmern und gleich darauf erschien Aarons Gesicht in Großaufnahme.
Mein Gott, hauchte Nick bestürzt und fühlte sich augenblicklich mehr als schuldig.
Während er hier herum rannte, dieses blöde Spiel spielte und sich dabei mit Lacey vergnügte, wurde sein Bruder von diesen gemeinen Leuten gefangen gehalten und ihm nun so zu sagen Auge in Auge gegenüber zu stehen, war beinahe mehr als er ertragen konnte. Mit einem Schlag waren alle seine Sorgen wieder da und dies auch noch um ein Vielfaches verstärkt.
Hallo Bruderherz, sagte Aaron gerade, während die Kamera ein Stück aufzoomte und damit seine schmale Gestalt zeigte, die vor einer weißen Wand stand.
Undeutlich fühlte Nick, wie Lacey ihm einen Arm um die Taille schlang, während sein Blick an Aarons großen, verängstigten Augen festklebte.
Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, was hier gerade abgeht, fuhr Aaron fort. Aber es wäre echt cool, wenn du mich so schnell wie möglich hier rausholen könntest. Ich bin ... ,
Das Bild flackerte erneut. Offensichtlich war ein Stück des Films herausgeschnitten worden, denn als das Geschehen auf dem Bildschirm wieder zu erkennen war, hatte Aaron seine Position verändert und saß nun zusammen gekauert auf einem zerschlissenen, braunen Ledersofa.
Ich soll dir sagen, dass ihr dieses Spiel unbedingt bis zum Ende spielen müsst und dass ... , sein Bruder hob den Blick und sah haarscharf an der Kamera vorbei, so als erhielte er von dort seine Instruktionen. .... und dass ihr euch beeilen sollt. Mir wird ... , er schluckte sichtlich, blinzelte dann kurz und fuhr dann fort. ... mir wird nichts passieren ... sagen die zumindest. Aber ganz ehrlich Bro ... hier ist es beschissen und ... , wieder wurde der Film abrupt unterbrochen, bevor wieder Aarons Gesicht erschien. Diesmal schienen seinen Wangen mit Tränen benetzt und Nick fühlte gleichzeitig eine grenzenlose Wut und endlose Traurigkeit in sich aufsteigen.
Ich kapiers zwar nicht, aber scheinbar hast du dir mit ner Braut ein Baseballspiel angesehen und ihr sollt nun tun, was in dem Hinweis steht. Er wird euch, leider wohl auf Umwegen, zu mir führen und wenn ihr beide hier ankommt, werde ich freigelassen.
In dem großen Flachbildfernseher wischte sich ein offensichtlich vollkommen verängstigter und verwirrter Aaron die Tränen von den Wangen, zog hörbar die Nase hoch und blickte dann wieder direkt in die Kamera.
Es tut mir leid, dass wir uns gestritten haben, sagte er dann kaum hörbar. Du hattest Recht. Irgendwie.
Nein, hatte ich nicht, hörte Nick sich flüstern und schloss für einen Moment gequält die Augen.
Jedenfalls ... beeil dich, ja? Ich liebe dich.
Das Bild flackerte ein letztes Mal, dann wurde der Schirm wieder dunkel und die DVD stoppte.
Ich liebe dich auch, murmelte Nick, auch wenn ihn Aaron natürlich nicht hören konnte.
Und das weiß er, hörte er plötzlich Lacey leise sagen.
Irgendwie hatte er sie beinahe vergessen, obwohl sie so dicht neben ihm stand und immer noch ihren Arm um ihn geschlungen hatte.
Ich bin mir da nicht so sicher, gestand Nick.
Dann werden wir eben dafür sorgen, dass er es erfährt und danach nie wieder vergisst, entgegnete Lacey mit einem sanften Lächeln.
Kann ich ihnen helfen? zerriss plötzlich eine männliche Stimme ihre Zweisamkeit und erschrocken zuckten sie beide zusammen.
Uhm ... nein, danke, beeilte Nick sich zu sagen, während sich Lacey ganz unverblümt vorbeugte und das Schubfach des DVD-Players öffnete. Wir haben uns nur ein bisschen umgesehen.
Ein tolles Teil, nicht wahr? bemerkte der Verkäufer und deutete lächelnd auf den riesigen Bildschirm.
Ja, wirklich toll, gab Nick wenig begeistert zurück.
Dann ergriff Lacey seine Hand, nickte dem verdutzten Verkäufer noch einmal zu und zog Nick gleich darauf hinter sich her durch den Laden auf den Ausgang zu.
Sie schwiegen, bis sie den BMW erreicht hatten, der mit seinem eingedrückten Dach und auf dem verlassenen Parkplatz seltsam deplaziert wirkte. Andererseits, befand Nick während er sich auf den Fahrersitz gleiten ließ, passte dies hervorragend zu der seltsamen Situation, in der sie sich gerade befanden.
Bevor er den Wagen startete verharrte er noch einen Moment mit den Händen auf dem Steuer, während sein Blick starr geradeaus gerichtet war. Immer wieder liefen die Bilder von Aaron vor seinem geistigen Auge ab. Es kam ihm so vor, als sei er seinem Bruder ganz nahe gewesen, obwohl sie höchstwahrscheinlich viele Kilometer trennten, und dann war jemand daher gekommen und hatte ihn ihm wieder entrissen. Unerreichbar schien er jetzt, so weit weg, dass er ihn nie erreichen würde, egal wie sehr er sich auch anstrengte.
Es ist schon komisch, dass Aarons Befreiung an Highfields geknüpft ist, findest du nicht? sagte Lacey in seine rasenden Gedanken hinein.
Ich weiß nicht, gab er schulterzuckend zurück. Mir kommt es so vor, als wollten sie uns beide auf eine ziemlich hässliche Art quälen.
Na, das ist ihnen auf jeden Fall gelungen, schnaubte Lacey und der seltsame Unterton in ihrer Stimme veranlasste ihn dazu, zu ihr hinüber zu blicken.
Sie wirkte unglaublich klein und ängstlich auf ihrem Sitz, ihre Hände hatte sie in ihrem Schoß so fest verschränkt, dass die Knöchel weiß hervortraten und ihre Augen zuckten hektisch hin und her. Sie blickte nicht zu ihm hinüber, doch auch so konnte er die Verzweiflung, die von ihr ausging, beinahe mit Händen greifen.
Lace? sagte er deshalb sanft und legte ihr eine warme Hand auf den Oberschenkel. Ihre Muskeln schienen aus Granit zu bestehen, doch sie drehte anstandslos den Kopf und sah ihn mit ihren großen, blauen Augen an. Wir schaffen das. Gemeinsam. Verstehst du?
Das hört sich in der Theorie ja ganz nett an, gestand sie aber im Endeffekt ... bin ich trotzdem alleine damit.
Er seufzte leise und streichelte zärtlich mit dem Daumen über ihre immer noch angespannten Muskeln. Ich würde gerne sagen, dass du das alles nicht tun musst, aber wie du gerade gesehen hast, kann ich das leider nicht.
Ich weiß, nickte sie. Im Übrigen würde ich es auch nicht machen wenn ... na ja ... wenn es nicht um dich und Aaron ginge.
Aus einem Impuls heraus beugte er sich vor und küsste sie zärtlich auf den Mund. Danke, murmelte er dann nahe an ihren Lippen.
Dafür nicht, gab sie ebenso leise zurück und küsste ihn nun ihrerseits.
Ich werde immer bei dir sein, okay? Irgendwie ... werden wir es schon schaffen, sagte er und merkte selbst, wie wenig überzeugend seine Worte klangen. Im Grunde hatte er nur eine sehr verschwommene Vorstellung davon wie es für Lacey sein musste, sich auf diese Art und Weise ihrer Vergangenheit zu stellen.
Wenn es für ihn schon unerträglich war, den gefangenen Aaron auf einem Fernsehbildschirm zu sehen, wie musste es dann für sie sein, in der Realität an dem Ort zu stehen, an dem ihre Freunde auf solch grausame Weise umgekommen waren? Für ihn und Aaron bestand noch Hoffnung, für Michael, Aden und Trin leider nicht mehr.
Lass uns also fahren, durchbrach Lacey ihr Schweigen. Ich möchte es ... schnell hinter mich bringen ... also ... von wollen kann keine Rede sein, aber ... ,
Ich verstehe schon, nickte er, als sie wieder verstummte.
Also startete er den Motor und setzte langsam rückwärts aus der Parklücke. War es vielleicht das, was man als heldenhaft bezeichnete? Sich seinen Problemen und Ängsten stellen, obwohl man genau wusste, dass einen dies umbringen konnte?
Plötzlich sehnte er sich zurück auf sein Boot. Vor nicht einmal zwei Wochen hatte er dort am Bug gesessen und sein Leben als nutzlos und leer empfunden, doch jetzt erschien ihm dieser Zustand absolut erstrebenswert. Wie immer war also alles nur eine Art der Betrachtungsweise und er fragte sich verzweifelt, ob es wohl eine Perspektive gab, die ihre derzeitige Situation weniger bedrohlich und schmerzhaft erscheinen ließ. Doch leider fiel ihm dazu gerade gar nichts ein.