Kapitel 38

Lacey schätzte, dass es bereits Mittag war, als sie das nächste Mal die Augen aufschlug. Zu erst registrierte sie das laute Schnarchen von Nick in ihrem Rücken, dann, dass er sie nicht mehr festhielt und anschließend das strahlende Sonnenlicht, das durch die Ritzen in der Luke fiel.
Sie hatten den Sturm überstanden. Und dies in jeder Bedeutung dieses Wortes. Doch sie fühlte sich noch zu müde, um bei diesem Gedanken zu lächeln, also rollte sie sich vorsichtig auf den Rücken und warf einen Blick neben sich.
Nick hatte ihr den Rücken zugekehrt, sein blonder Haarschopf hob sich vollkommen zerzaust vor dem dunklen Stoff des Schlafsackes ab und seine tiefen Atemzüge endeten immer noch in einem lauten Gurgeln.
Ihr schoss der Gedanke durch den Kopf, wie viele seiner weiblichen Fans ihn wohl immer noch so attraktiv und liebenswert finden würden, wenn sie wüssten, dass ihr angebeteter Popstar des Nachts einen ganzen Wald zu zersägen schien. Nun zuckten Laceys Mundwinkel dann doch nach oben. Wahrscheinlich würde bei einigen der Mädchen eine schlagartige Ernüchterung einsetzen. Ihr selbst gefiel der Gedanke, dass er durch sein Schnarchen mehr denn je ein Mensch wie sie und alle anderen war, dass er genau so Schwächen und Ängste hatte und dass sie das Privileg genoss, diese sehen zu dürfen.
Vorsichtig schob sie nun ihre Füße unter dem warmen Schlafsack hervor und glitt gleich darauf aus dem Bett. Prüfend befühlte sie ihre Kleider. Sie waren immer noch klamm und fühlten sich kalt an, so dass sie sich nicht vorstellen konnte, sie wieder anzuziehen. Also nahm sie einen weiteren Schlafsack vom Bett, wickelte sich darin ein und setzte sich dann auf die Stufen unter der Luke. Leise seufzend schloss sie die Augen, als das warme Sonnenlicht ihr Gesicht streifte.
Eine ganze Weile dachte sie an gar nichts, bis nach und nach das Gespräch der vergangenen Nacht wieder in ihren Gedanken auftauchte. Immer noch konnte sie kaum fassen, dass sie Nick tatsächlich die ganze Geschichte erzählt hatte. Damals in der Therapie hatte sie immer wieder darüber sprechen müssen, doch zu einem tatsächlichen Ergebnis hatte dies nie geführt. Meist fühlte sie sich danach noch mutloser und trauriger als vorher, weil ihr immer wieder bewusst gemacht wurde, was sie verloren hatte und auf welche grausame Weise dies vonstatten gegangen war.
Man hatte versucht ihr ihre Schuldgefühle zu nehmen und ihr klar zu machen, dass es noch viele schöne Dinge gab, für die es sich lohnte weiter zu leben. Doch sie hatte ihnen nicht geglaubt, weil sie spürte, dass diese Ratschläge nichts weiter als inhaltsloses Geheuchel gewesen war. Sie alle hatten keine Ahnung, zumindest hatte sie dies damals gedacht. Niemand wusste wirklich, was sie durchgemacht hatte und wie sie sich fühlte. Sie wollten sie einfach möglichst schnell wieder loswerden und sich dem nächsten, aussichtslosen Fall zuwenden.
Doch gestern Nacht, in Nicks Armen und nach dem Besuch der Gräber ihrer Freunde, hatte es sich anders angefühlt über die Dinge von damals zu sprechen. Ihr war natürlich klar, dass zwischen Therapie und heute die Zeitspanne von einem Jahr lag und dass sie heute vielleicht gewisse Aspekte der Geschehnisse anderes bewertete, doch gleichzeitig fragte sie sich, wie es dazu gekommen war. Immerhin war sie vor nicht einmal zwei Wochen von zu Hause weggegangen um sich in Ruhe umzubringen.
Und jetzt? Jetzt spürte sie, dass sie dieses Vorhaben nicht mehr in die Tat umsetzen konnte, was nicht hieß, dass sie sich wieder vollkommen okay und im Gleichgewicht fühlte. Da war immer noch jede Menge Schmerz, Schuld und Verzweiflung, die in ihr wüteten, doch irgendwie kam dies nun nicht mehr ganz so nahe an sie heran.
Ihr Blick fiel hinüber zu dem immer noch schlafenden Nick. Wie viel hatte er zu diesem Sinnenswandel beigetragen? Klar war wohl, dass sie etwas für ihn empfand. Etwas, das auf der einen Seite beinahe an Freundschaft grenzte und auf der anderen ihr Herz berührte. Vielleicht hatte sie gar nicht angefangen ihr Trauma zu überwinden, sondern hatte nur etwas gefunden, das sie fester an das Leben band, als ihre immer wiederkehrenden, dunklen Visionen von Highfields.
Blieb also die Frage was passieren würde, wenn er sie allein ließ. Sie konnte sich irgendwie nicht vorstellen, dass ein Mann wie Nick jemanden wie sie in seinem Leben tatsächlich gebrauchen konnte. Sie war gerade zum richtigen Zeitpunkt in seinem Leben aufgetaucht, das stand wohl außer Frage, aber wenn er seinen Bruder wieder bei sich hatte, die Geschichte mit diesem Spiel abgehakt war und zurück in sein eigenes Leben konnte, dann würde er sicherlich bald feststellen, dass sie dort nicht hinein passte. Er war ein Popstar, der sein Leben ständig in der Öffentlichkeit führte und sie jemand, der mit Menschen im Allgemeinen nicht viel anfangen konnte. Wie sollte dies also funktionieren?
Leise seufzend rieb sie sich die Augen und starrte dann hinauf zu den im Sonnenschein tanzenden Staubkörnern. Vielleicht sollte sie sich im Moment einfach noch keine Gedanken darüber machen, doch gleichzeitig wusste sie natürlich, dass das unmöglich war. Sie konnte ihren Kopf nicht abstellen, genau so wenig, wie sie sich plötzlich in einen sorglosen, fröhlichen Menschen verwandeln konnte.
Das plötzliche Verstummen von Nicks Schnarchen und das anschließende Rascheln seines Schlafsacks, ließ sie wieder zu ihm hinüber blicken. Gerade wälzte er sich schwerfällig auf den Rücken, gähnte ausgiebig und rieb sich über das Gesicht. Kraftlos sanken seine Arme gleich darauf zurück auf die Matratze. Das Licht von draußen erhellte den hinteren Teil des Kellers und damit das Bett nur notdürftig, doch sie konnte von ihrem Platz gut sehen, wie seine Hand suchend auf der freien Betthälfte herum tastete. Als er scheinbar das Gewünschte nicht fand, ruckte sein Kopf augenblicklich in die Höhe und mit zerknautschtem Gesicht und müden Augen starrte er blinzelnd für einen Moment auf das leere Bett hinunter.
„Lacey?“ hörte sie ihn dann leise krächzen, während seine Augen durch das Zimmer huschten, erst ihre Kleider registrierten und sie gleich darauf auf den Stufen hockend vorfanden. „Was machst du da?“ nuschelte er, während er sich wieder zurück in die Kissen fallen ließ und dabei leise stöhnte.
„Warten, dass du endlich aufwachst?“ lächelte sie.
„Komm gefälligst sofort wieder her,“ hörte sie ihn nörgeln, dann hob er die Decke an und entblößte damit seinen nackten Körper.
„Ich weiß nicht, ob ich das jetzt wirklich einladend finden soll,“ kicherte sie.
„Ich komm dich gleich holen,“ grinste er zurück „und das würde ich mir an deiner Stelle sehr gut überlegen. Ich bin nämlich etwas unleidlich am frühen Morgen.“
„Im Moment würdest du wahrscheinlich einen Blutsturz erleiden und direkt vor meinen Füßen zusammenbrechen,“ schmunzelte sie, erhob sich schwerfällig von ihrem Aussichtsplatz und trippelte mit raschelnden Schritten zu ihm hinüber.
„So ne ordentliche Morgenlatte kann durchaus nützlich sein,“ erklärte er, während sie aus ihrem Schlafsack schlüpfte und sich gleich darauf zu ihm unter die Decke kuschelte.
„Ach ja?“ neckte sie ihn, während in ihrem Magen tausend Schmetterlinge kribbelnd anfingen herumzuflattern.
„Hm,“ bestätigte er, schlang seine Arme fest um ihren schmalen Körper und hauchte ihr einen Kuß auf die Stirn. „Schon besser,“ stellte er dann fest und seufzte leise.
„Wir sollten aber bald los,“ gab Lacey zu bedenken.
„Ich weiß.“
„Warum liegen wir dann noch hier?“
„Weil ich zum einen noch nicht richtig wach bin,“ kam es wie aus der Pistole geschossen „und du zum anderen noch etwas gegen meinen Blutsturz unternehmen musst.“
„So hat sich der feine Herr das also vorgestellt?“ entgegnete sie in gespielter Entrüstung.
„So und nicht anders,“ bestätigte er, bevor er sich aufrichtete, sich erstaunlich flink auf sie rollte und sie damit unter seinem Körper begrub.
„Hey, ich bekomme keine Luft mehr,“ beschwerte sie sich kichernd.
„Wer braucht schon Luft?“ kam es von ihm augenblicklich zurück.
Das nächste was sie fühlte, waren seine Hände, die sich um ihre Brüste schlossen und sie beschloss, dass ihr neues Leben und die Außenwelt ruhig noch ein bisschen warten konnten.

Als sie eine ganze Weile später mit vereinten Kräften die Flügeltüren der Luke aufstießen, fühlte sich Lacey wie ein neuer Mensch. Die kräftigen Strahlen der Sonne fluteten augenblicklich über sie hinweg und wärmten ein wenig die feuchten Kleider, in die sie schließlich doch noch hatten schlüpfen müssen. Und ihr Herz, das immer noch glücklich und etwas zu schnell in ihrer Brust klopfte, tat sein übriges. Vielleicht hätte ihr vorher mal jemand sagen sollen, dass Sex diese entspannende Hochstimmungs-Wirkung auf sie hatte. Dann hätte sie das vielleicht schon früher einmal ausprobiert.
Im selben Moment sah sie Michael vor sich, spürte beinahe seine Hände auf ihrem Körper und seinen Mund auf ihren Lippen. Unbehaglich trat sie hinter Nick in den vollkommen verwüsteten Schulgarten und versuchte dabei das Gefühl abzuschütteln, dass sie in dieser Nacht ihre große Liebe betrogen hatte. Michael war tot und konnte ihr seine Liebe, Nähe und Wärme nicht mehr geben. Aber war dies eine ausreichende Entschuldigung für das, was in diesem Schutzraum geschehen war?
„Wow. Das nenne ich mal einen ordentlichen Sturm,“ hörte sie Nick in diesem Moment sagen und so bemühte sie sich blinzelnd, wieder in die Realität zurück zu finden.
Es schien, als sei kein einziger Grashalm unversehrt geblieben. Sämtliche Büsche und kleinere Bäume waren entwurzelt worden und lagen nun in einem unordentlichen Chaos um sie herum verstreut. Dazwischen konnte Lacey ein altes Fahrrad, zwei Verkehrsschilder und jede Menge Unrat und Müll ausmachen. Scheinbar war das gesamte Universum einmal kräftig durchgeschüttelt worden und sie betete in diesem Moment inständig, dass ihr Wagen noch dort stand, wo sie ihn gestern verlassen hatten. Nick hatte ihr nämlich erklärt, dass sich ihre Sachen im Kofferraum befanden und die Aussicht auf trockene, frische Klamotten schien Lacey wie eine Erlösung.
„Lass uns nach dem Auto sehen,“ sagte sie deshalb und setzte sich in Bewegung.
„Ich befürchte, das wird auch einiges abbekommen haben,“ stellte Nick fest, während sie fühlte, wie er ihre Hand ergriff.
„So lange er noch da ist und wir den Kofferraum öffnen können, ist mir alles andere egal,“ gestand Lacey, die trotz der warmen Außentemperaturen in ihren feuchten Kleidern fröstelte.
Langsam gingen sie an der langen Backsteinfassade entlang. Fast die Hälfte der Fenster war zerborsten. Glasscherben sammelten sich im Gras und das darauf scheinende Sonnelicht blendete sie. Ab und an mussten sie auch einem dicken Ast oder einem umgestürzten Baum ausweichen und Lacey war erneut froh darum, dass sie es gestern mehr oder weniger unversehrt bis in den Schutzraum geschafft hatten.
Nicks Zusammenprall mit der Tür hatte auf seinem Brustkorb einen dicken, blauen Bluterguss hinterlassen, aber so wie es aussah, war nichts gebrochen. Die Beule an seinem Kopf leuchtete im strahlenden Sonnelicht dunkelviolett, während eine kleine Kerbe in seiner Unterlippe darauf hindeutete, dass er sich wohl ziemlich fest darauf gebissen hatte. Doch er hatte beteuert, dass es ihm gut ging und er sich fühle, als könne er Bäume ausreißen, was, wie er gleich anschließend bemerkte, wahrscheinlich nicht mehr nötig sein würde, da der Sturm ihm die Arbeit bereits abgenommen hatte.
Schweigend erreichten sie nun die Ecke des Schulgebäudes und als sie darum herum die Vorderfront erreichten, stieß Lacey einen entsetzten Laut aus.
Hier sah es noch schlimmer aus. Zwei riesige Bäume hatten dem Sturm nicht standhalten können. Die zersplitterten Stämme wirkten wie geborstene Knochen, die mahnend in den Himmel ragten, während die Baumkronen die Hälfte des geteerten Weges versperrten. Zwei riesige Müllcontainer waren umgestürzt und deren stinkender Inhalt hatte sich gleichmäßig über die Rasenfläche verteilt. Dazwischen lagen jede Menge anderer Unrat, umgerissene Zäune und Dachziegeln herum und Lacey ahnte schlimmes, was den BMW betraf.
Vorsichtig umrundeten sie die umgestürzten Bäume und abgerissene Äste, bevor sie endlich einen Blick an den Straßenrand und somit auf ihren Wagen werfen konnten.
Immerhin – er war noch da. Das war schon mal mehr, als Lacey gedacht hatte. Allerdings war ein riesiger Ast auf das Dach gestürzt und hatte es tief eingedrückt. Als hätte ein Riese Lust bekommen, ihr Auto zusammen zu falten und es sich auf der Hälfte des Weges anders überlegt.
„Das nenne ich doch mal deutsche Wertarbeit,“ verkündete Nick grinsend, während sie näher an den Wagen herantraten. „Einen mickrigen Toyota hätte der Ast bestimmt in zwei Teile zerteilt.“
„Auf jeden Fall gut, dass wir nicht mehr drin saßen,“ bemerkte Lacey trocken, die ihre Augen gar nicht von dem gesprungenen Lack und der verbeulten Karosserie abwenden konnte.
Nick neben ihr blieb still, so dass sie irgendwann etwas irritiert zu ihm hinüber blinzelte. Sein Blick ruhte sanft aber unverwandt auf ihrem Gesicht, während ein unergründliches Lächeln auf seinen Lippen lag.
„Was?“ fragte sie dann auch etwas barscher als beabsichtigt.
„Ach, ich finde es einfach nur erstaunlich, dass du dich gestern Abend noch freiwillig unter einen Baum gestellt hast, damit er dich erschlägt und heute froh darüber bist, dass er es nicht getan hat. Es ... ist irgendwie ... sehr ... erleichternd.“
Schnell wandte Lacey wieder den Blick von ihm ab. Das schlimmste an seiner Feststellung war noch nicht einmal, dass sie das Ganze ähnlich sah, sondern dass es auch sie erleichterte. Was für ein Chaos!
„Lass uns lieber nachsehen, ob unsere Klamotten noch da sind,“ sagte sie schließlich ohne auf ihn einzugehen. „Wenn ich nämlich nicht gleich aus diesem nassen Zeug rauskomme, fange ich an zu schreien.“
„Und das wollen wir ja nicht,“ schmunzelte Nick, der den Autoschlüssel aus der Hosentasche zog und damit zum Heck des BMW ging.
Für einen winzigen Moment fühlte Lacey so etwas wie Panik in ihrer Brust erblühen. Sie waren auf dem Weg nach Highfields. Der Horror war somit noch nicht zu Ende.
Doch als ihr Blick auf Nicks blaue Augen traf und das Lächeln darin bemerkte, zog sich ihre Angst in den hintersten Winkel ihres Bewusstseins zurück. Sie war nicht allein. Das musste sie sich nur immer wieder sagen. Dann würde es schon irgendwie gehen.
Hoffte sie.

Kapitel 39