Kapitel 36

Nick fühlte sich, als befände er sich unter Wasser. Sämtliche Geräusche schienen seltsam gedämpft. Das anhaltende Rütteln der Türflügel, das Heulen des Hurrikans und Laceys leises Schluchzen schien unter einer Art Glocke zu liegen und nur gefiltert zu ihm durchzudringen.
In seinem Kopf jagten sich Gedanken und Bilder. Laceys Worte, die am Anfang noch sehr stockend über ihre Lippen gekommen waren, hatten sich mehr und mehr zu einem grausamen Szenario vor seinem geistigen Auge entfaltet und er konnte immer noch nicht ganz glauben, dass ihr dies alles tatsächlich zugestoßen war. Ein bisschen fühlte er sich, als hätte sie ihm die Handlung eines besonders gruseligen Horrorschockers wiedergegeben. Die Vorstellung jedenfalls, dass die drei jungen Menschen, die begraben auf dem Friedhof von Jacksonville lagen, tatsächlich dies alles durchlebt hatten und vor allen Dingen, dass Lacey dies alles mit- und überlebt hatte, schien zu monströs zu sein, als dass sein Gehirn dies wirklich fassen konnte.
Als Laceys flüsternde, tränenerstickte Stimme erneut die Stille zwischen ihnen durchbrach, war er versucht sie aufzuhalten. Eigentlich wollte er gar nicht mehr wissen. Doch für solche Art von Bedenken war es nun wohl zu spät.
„Der Zug war mit der vorgeschriebenen Geschwindigkeit unterwegs. 20 Meilen pro Stunde, was eigentlich lächerlich ist,“ sagte sie leise. „Trotzdem hatte er einen unglaublich langen Bremsweg. Sie haben mir gesagt, dass der Fahrer nie wieder in eine Lock gestiegen ist, aber dieser Umstand beruhigt mich irgendwie kein Bisschen.“
„Kann ich verstehen,“ würgte er irgendwie hervor.
„Ich bin erst vier Wochen später wieder zu mir gekommen,“ fuhr sie dann beinahe flüsternd fort. „Zu diesem Zeitpunkt hatte sich der Sturm über die Geschehnisse in Highfields schon fast wieder gelegt, meine Freunde waren tot und begraben und ich konnte mich somit nicht einmal richtig von ihnen verabschieden. Erst viel später ließen sie mich auf den Friedhof. Ich kann bis heute überhaupt nicht begreifen, warum ausgerechnet ich überlebt habe.“
„Michael hat dich geliebt,“ sagte Nick mit rauer Stimme. „Er hat das einzig richtige getan und dich gerettet.“
Sie schüttelte langsam den Kopf. „Er hätte mich mit ihnen sterben lassen sollen.“
„Aber ... ,“ setzte er an, doch sie unterbrach ihn.
„Es ist meine Schuld, verstehst du? Wenn ich mich nicht so sehr über diese Tussi aufgeregt hätte, was im Übrigen total überflüssig war, dann wäre Michael nie vor mir davon gelaufen und er hätte sich nicht in dieser Weiche verheddert. Wir hätten einen schönen Abend miteinander verbracht, uns weiterhin geliebt, irgendwann geheiratet und Kinder bekommen. Doch jetzt ... ,“ sie seufzte, was eher nach einem Schluckauf klang, und sprach dann weiter. „Jetzt bin ich allein und muß irgendwie mit der Schuld fertig werden. Aber das klappt leider nicht.“
„Es ist nicht deine Schuld,“ sagte Nick eindringlich, stemmte sich neben ihr in die Höhe und beugte sich über sie, sodass sie gezwungen war, in seine Augen aufzusehen. „Genau so gut könntest du sagen, dass er dich doch schließlich so sehr geliebt haben müsste, dass er nicht einfach davon rennt wenn es mal etwas schwierig wird. Oder dass er dieses Mädchen nicht auf der Party hätte anbaggern sollen, oder, oder, oder. Es war ein Unfall Lacey. Daran hat niemand Schuld.“
„Ja, das haben sie in der Therapie auch versucht mir klar zu machen. Aber es hilft nichts. Wie kann ich ... noch weiter atmen, während meine Freunde unter der Erde liegen? Das ist nicht fair. Das habe ich nicht verdient. Ich habe es nicht verdient weiterhin am Leben und glücklich zu sein.“
Nicks Herz zog sich während ihren Worten schmerzhaft zusammen. Sie war eine so wundervolle Frau, wenn sie ihren Schmerz für kurze Zeit vergaß, er wusste nur nicht, wie er ihr dies begreiflich machen sollte.
„Und sieh mich doch an,“ fuhr sie fort, nachdem er immer noch stumm und hilflos auf sie hinter blickte. „Ich bin entstellt, für den Rest meines Lebens. Was natürlich nur fair ist. Aber ... jedes Mal, wenn ich ... in den Spiegel sehe schreit mir meine Narbe mein Verbrechen laut und deutlich ins Gesicht. Ich hätte in dieser Nacht sterben sollen und ich versuche nur, mein Schicksal zu erfüllen.“
„In dem du dich unter Bäume stellst?“ fragte Nick entgeistert. „Lacey, hast du schon mal darüber nachgedacht, dass es durchaus einen Sinn hat, dass du noch lebst? Dass dieser Selbstmordversuch nicht geklappt hat war vielleicht auch ein Wink des Schicksals.“
Ihre Lider begannen hektisch zu zucken und ihre Augen nahmen einen eigentümlichen Glanz an. Er fragte sich gerade, was jetzt schon wieder in ihrem Kopf vorging, als sie unvermittelt sagte „das war nicht das erste Mal.“
Einige quälende Sekunden lang versuchte er dahinter zu kommen, was sie ihm damit sagen wollte, doch er kam einfach nicht drauf. „Wie ... uhm ... das verstehe ich jetzt nicht,“ gab er also zu.
„Ich habe es schon zwei Mal versucht ... also ... mich umzubringen.“ Ihre Wangen überzog dabei eine leichte Röte und er wertete es als gutes Zeichen, dass ihr dies zumindest ein wenig peinlich war.
„Wann?“ hakte er nach und fragte sich dabei, ob sie gerade wirklich dieses Gespräch führten.
„Als du mich im Paradise Motel ... aufgesucht hast,“ erklärte sie kaum hörbar. „Und ... nachdem ich nach dem Baseballspiel in Atlanta abgehauen bin.“
„Wie?“
„Mit Tabletten.“
Er war wie vor den Kopf gestoßen. Wie konnte es sein, dass sie die ganze Zeit darüber nachdachte, sich das Leben zu nehmen und er nichts, aber auch rein gar nichts davon mitbekommen hatte? „Wo sind sie jetzt?“ fuhr er also mit seiner Befragung fort.
Ihr Blick huschte über den Bettrand zu ihrer Handtasche hinüber, die über einer der Stuhllehnen hing und munter vor sich hin tropfte, und dann wieder zurück zu ihm.
„In Sicherheit,“ sagte sie dann. Scheinbar war ihr ihr verräterischer Blick gar nicht bewusst.
„In deiner Tasche,“ stellte er also fest.
Ihre Augen wurden groß, sie presste die Lippen fest aufeinander und runzelte die Stirn.
„Ich kümmere mich darum,“ sagte er dann und war bereits dabei, sich unter einiger Mühe aufzurichten.
„NEIN!“ Sie schrie beinahe, ihre Hände krallten sich in seine Schultern und der Schmerz fuhr erneut wie ein Blitz durch seine lädierten Rippen.
„Lacey im Ernst,“ versuchte er es also mit gepresster Stimme. „Das ist nicht gut. Du kannst doch nicht den Rest deines Lebens mit Schlaftabletten durch die Gegend laufen. Das ist nicht die Lösung.“
„Es ist MEINE Lösung die niemanden etwas angeht,“ fuhr sie hektisch fort und schlug dann die Hände vor das Gesicht. „Goooott, ich hätte dir das gar nicht sagen sollen. Warum ...“
„Es ist gut, dass du es mir gesagt hast,“ sagte er schnell, ließ sich aber wieder zurück auf das Bett sinken. „Reden hilft immer. Und wenn es nur ein kleines Bisschen ist.“
„Pfh,“ schnaubte es unter ihren Händen hindurch. „Du hast keine Ahnung.“
„Da wäre ich mir an deiner Stelle nicht so sicher,“ murmelte er leise.
Sie nahm die Hände vom Gesicht, verpackte sie wieder sicher und warm in ihrem Schlafsack und blickte dann wieder zu ihm auf. „Ich habe ein halbes Jahr in einer geschlossenen Therapie verbracht. Ich habe geredet und geredet und geredet und es hat rein gar nichts genützt. Sieh mich doch an. Ich bin ein Wrack.“
„Bist du nicht,“ widersprach er. „Du warst für mich auf dieser seltsamen Reise unglaublich wichtig. Ohne dich wäre ich niemals so weit gekommen.“
„Ja klar. Und ohne mich wäre dein Bruder niemals entführt worden und dich hätte auch keine Tür erschlagen. Du hättest nicht komplett durchnässt durch die Gegend fahren müssen, du hättest in den Everglades keine Todesängste ausgestanden und du wärst jetzt nicht hier. Mit mir. Einer vollkommen durch geknallten Verrückten.“
Zwei Dinge passierten in ihm gleichzeitig während ihren Worten. Zum einen fiel ihm urplötzlich der Hinweis wieder ein, den er von Michaels Grab mitgenommen hatte und den er bis zu diesem Zeitpunkt komplett vergessen hatte und zum anderen spürte er, wie sich sein Herz weitete und ihn das dringende Bedürfnis überkam, seine Lippen auf Laceys zu drücken und sie nie wieder gehen zu lassen. Er konnte sich beides nicht so recht erklären, aber es führte dazu, dass sein Körper gleichzeitig aus dem Bett und zu Lacey hin strebte. Gerade so, als würde ihn etwas in der Mitte auseinander reißen.
„Was ist los?“ fragte sie alarmiert, während ihre Hände fahrig damit begannen, die Tränen von ihren Wangen zu wischen. Allerdings mit wenig Erfolg. Ihre Nase lief, die Tränen hatten sogar schon ihren wunderschönen Hals benetzt und alles in allem wirkte sie wie ein verwundetes Tier, das es zu schützen galt.
„Ich muß zwei Dinge tun und das am besten gleichzeitig,“ erklärte er also lächelnd. „Und ich kann mich nicht entscheiden, womit ich anfangen soll.“
„Das Gefühl kenne ich,“ gab sie schnaubend von sich und gab die Bemühung, ihr Gesicht zu säubern, wieder auf. „So lebe ich schon mein gesamtes Leben lang.“
„Hm,“ machte er leise, während sich seine Hand selbständig machte und ihr sanft über die Wange streichelte.
„Und was wird das jetzt?“ hauchte sie und starrte mit großen Augen zu ihm auf.
„Im Moment wäre es vielleicht doch ganz gut, wenn du nicht redest,“ bemerkte er lächelnd, dann senkte er sein Gesicht zu ihr hinunter und wartete gleichzeitig ängstlich darauf, dass sie ihm gleich einen ordentlichen Tritt verpasste. Denn eines hatte er bisher über Lacey gelernt: Man kam ihr niemals ungestraft zu nahe.
Als seine Lippen schließlich tatsächlich die ihren berührten, ohne dass sie ihn geschlagen, gebissen oder getreten hatte, konnte er es kaum glauben. Vorsichtig strich er über ihre weichen Lippen, hauchte kleine Küsse auf ihre Mundwinkel und ihre Unterlippe und strich dann unendlich langsam und zärtlich mit der Zunge über die kleine Kerbe in ihrer Oberlippe. Sie musste ihm einfach Einlass gewähren, sonst würde er hier auf der Stelle sterben.
„Nick,“ flüsterte sie, während seine Zunge in ihren Mund huschte.
„Hm?“ gab er genau so leise zurück, während sich sein freier Arm wieder fest um ihre Taille legte und er das süße Aroma ihres Mundes kostete.
Er seufzte leise, als seine Zungenspitze auf ihre traf. Eine elektrisierende Feuerwalze raste augenblicklich durch seine gesamten Körper und nistete sich heiß und pulsierend in seiner Körpermitte ein. Irgendwie schaffte er es seinen anderen Arm aus dem Schlafsack zu befreien und so strichen seine Finger nun durch ihr langes Haar, das immer noch nass war, sich aber trotzdem unglaublich weich unter seinen tastenden Händen anfühlte.
Er wartete eigentlich auf einen weiteren Protest von Lacey, ein Wort, eine Geste, irgendetwas, das ihn zurückhalten würde, doch dieser Moment kam einfach nicht. Stattdessen fühlte er, wie sie ihm ein Stück entgegen kam, nun ebenfalls mit ihrer Zunge über seine strich, ihre Lippen dann kurz von seinen löste, nur um sich gleich darauf an ihm festzusaugen.
Noch nie, so schien es ihm zumindest, hatte er einen Kuß so intensiv gespürt. Als würde sich sein gesamtes Denken und seine Empfindungen ausschließlich auf seine Lippen konzentrieren.
Das Rascheln von Laceys Schlafsack verriet ihm, dass sie nun ebenfalls einen Arm befreit hatte und gleich darauf legte sich ihre warme, feingliedrige Hand in seinen Nacken, während ihre Finger bereits in seinem Haar verschwanden.
„Was tun wir hier?“ hörte er sie nahe an seinen Lippen murmeln.
„Das sage ich dir, wenn mir das selbst klar wird,“ entgegnete er leise.
„Okay,“ war das letzte was sie sagte, dann erfüllte plötzlich das reißende Geräusch eines sich öffnenden Reißverschlusses die Stille. Noch bevor ihm klar wurde, was sie da gerade tat, folgte das gleich Geräusch noch einmal und er fühlte, wie die kühle Luft aus dem Keller seinen nackten Bauch umschmeichelte. Im selben Moment spürte er ihre Hände, die sich samtweich und warm um seine Körpermitte schlangen und er verdrängte jeden Gedanken an das Spiel, Aaron, seine Zukunft, die vielen Probleme, mit denen er sich eigentlich auseinander setzten sollte und sogar den tobenden Hurrikan. Alles was er wollte, war Lacey ganz nahe bei sich zu spüren und dieses Vorhaben setzte er auch unverzüglich in die Tat um.

Kapitel 37