Kapitel 35

Die Panik hatte Lacey fest im Griff, während sie mit zitternden Fingern versuchte, den dicken, schweren Riegel in die dafür vorgesehenen Halterungen zu schieben. Der Hurrikan riss und zerrte immer wieder an den beiden Flügeltüren und sie hatte furchtbare Angst, dass sie gleich mitsamt den Türen und dem verdammten Riegel davon gerissen wurde.
Schließlich rutschte der breite Balken ohne nennenswerten Widerstand in die vorgesehene Öse und sperrte damit endgültig den tobenden Sturm aus. Erleichtert atmete sie auf. Für einen Moment lehnte sie sich gegen die kühle Mauer des Bunkers und schloss schwer atmend die Augen. Hinter ihren Lidern war es genau so dunkel wie in dem muffig riechenden Keller, doch das beunruhigte sie weniger. Sie kannte diesen Raum in- und auswendig. In ihrer Schulzeit hatten sie schließlich mindestens einmal im Jahr eine Hurrikan-Übung durchgeführt, die darin bestand, sich nach der entsprechenden Lautsprecherdurchsage auf dem Rasen vor dem Gebäude einzufinden und sich dann grüppchenweise auf die verschiedenen Schutzräume zu verteilen. Die Keller sahen alle ähnlich aus und sie meinte sich daran erinnern zu können, dass sie in genau dem selben Bunker, in dem sie sich jetzt befand, einmal einige Stunden während eines echten Hurrikans verbracht hatte.
Doch natürlich war heute so einiges anders und dazu gehörte der blonde, junge Mann, der am Fuße der Treppe lag, nachdem er sich mit letzter Kraft hier herein geschleppt hatte. Sie hatte furchtbare Angst nach ihm zu sehen und festzustellen, dass er nicht mehr lebte, doch genau so viel Angst hatte sie davor ihn unversehrt vorzufinden und damit buchstäblich mit ihm hier unten eingeschlossen zu sein. Diesmal gab es kein Entrinnen vor seinen neugierigen Fragen, das war ihr klar, und dieser Gedanke schnürte ihr die Kehle zu und ließ sie regungslos am oberen Treppenabsatz verharren, während über ihr der Sturm tobte.
Sie zitterte vor Kälte und Erschöpfung, doch das war noch nicht einmal das schlimmste. In sich fühlte sie eine grenzenlose Leere, ein Vakuum, das sich über sie gelegt und eine Weile dafür gesorgt hatte, dass sich ihr klarer Verstand ausklinkte. Ihre Instinkte und ihre Verzweiflung hatten die Führung übernommen, hatten dafür gesorgt, dass sie sich unter diesen Baum stellte und darauf wartete, endlich Erlösung zu finden und sie waren ebenfalls dafür verantwortlich, dass sie sich wie eine Löwin gegen Nick gewehrt hatte.
Als sie endlich wieder zu sich kam, waren sie gerade dabei den Friedhof zu verlassen und sie musste sich eingestehen, dass sie nur noch eine verschwommene Erinnerung an die letzte viertel Stunde hatte.
Ein leises Stöhnen vom unteren Treppenabsatz ließ sie unvermittelt zusammen zucken und riss sie damit aus ihrer Erstarrung. Eher widerwillig löste sie sich langsam von der Luke und tastete sich vorsichtig in der absoluten Dunkelheit die Treppenstufen hinunter, während sie darauf achtete, dass ihre Hand nie den Kontakt zu der beruhigend starken Außenmauer verlor.
„Nick?“ rief sie leise in die Dunkelheit hinein, doch sie bekam keine Antwort.
Als sie schließlich an der letzten Treppenstufe ankam, berührte ihr Fuß etwas weiches, nachgiebiges.
„Nick?“ versuchte sie es erneut.
„Ich bin ... hier,“ hörte sie ihn murmeln. Er klang, als hätte er starke Schmerzen und sie betete inständig, dass er keine größeren Verletzungen davon getragen hatte.
„Bleib wo du bist, in Ordnung? Ich mache uns erst einmal Licht.“
„Klingt gut,“ hörte sie ihn aus der Dunkelheit antworten.
Sie machte einen großen Schritt um ihn herum und tastete sich gleich darauf weiter in den Raum hinein. Ihre Arme hielt sie dabei weit von sich gestreckt, während ihre durchgeweichten Schuhe einen vorsichtigen, tastenden Schritt nach dem anderen taten. Schließlich stieß sie mit der Hüfte gegen einen Gegenstand und sie hielt erschrocken inne.
Vorsichtig tasteten ihre Hände das Hindernis vor sich ab und sie erkannte einen Tisch, auf dem eine unangenehme Staubschicht lag. Langsam ging sie um die Schmalseite herum, während ihre Finger über die Lehne eines Stuhles huschten und gleich darauf ein Regal erfassten.
„Bingo,“ murmelte sie leise.
„Was hast du gesagt?“ kam es aus der Dunkelheit irgendwo hinter ihr.
„Nichts. Sag mir lieber, ob du okay bist,“ entgegnete sie, während ihre Finger weiterhin den Inhalt des Regals untersuchten. Irgendwo musste hier doch ...
„Ich glaube, ich bin einigermaßen okay,“ hörte sie Nick zu ihrer großen Erleichterung sagen. „Ich habe mir wohl auf die Zunge gebissen und das schmeckt echt widerlich. Und es könnte durchaus sein, dass ne Rippe gebrochen ist. Mann, dieser Sturm ist ja so was von fies.“
„Du glaubst hoffentlich nicht, dass der nur wegen dir da draußen bläst,“ entgegnete sie mit einem leisen Schmunzeln, während sich ihre Hände endlich um den gesuchten Gegenstand schlossen.
„Das ganz sicher nicht, aber er hat es eindeutig auf mich abgesehen, so viel kann ich dir sagen.“
Sie schüttelte grinsend den Kopf, während sie in ihre Handtasche griff, die Flasche darin zur Seite schob und auf dem Boden nach einem Feuerzeug tastete. Irgendwie fühlte sie sich seltsam leicht und beschwingt, ihre Angst war wie weggeblasen und auch die Panik hatte sich in den dunkelsten Winkel ihres Herzens zurück gezogen. Was blieb war ein leichtes, anhaltendes Pochen in ihrem Kopf und ihre raue Kehle, die ihr verriet, wie viel sie geweint und geschrieen hatte.
„So, jetzt haben wir es gleich,“ verkündete sie, während sie mit vor Kälte immer noch zitternden Fingern das Feuerzeug aufleuchten ließ und die kleine, flackernde Flamme an den Docht der Gaslampe hielt. Gleich darauf erfüllte das tanzende, warme Licht der Gasflamme den kleinen Kellerraum und erleichtert stellte sie die Lampe auf dem Tisch ab.
„Ist ja richtig gemütlich hier,“ hörte sie Nick sagen, dann verriet ihr ein Scharren und Kratzen, dass er sich wohl in die Höhe gestemmt hatte und nun langsam auf sie zukam.
Der Raum schien sich augenblicklich zusammen zu ziehen, die Wände kamen auf sie zu gekrochen und die Luft zum Atmen wurde mehr als knapp.
„Ja, man hat sich wirklich Mühe gegeben,“ nickte sie, leckte sich ein paar Mal über ihre ausgedörrten Lippen und vermied es weiterhin, sich zu ihm herum zu drehen.
„Hey.“
Wie war er ihr nur so schnell so nahe gekommen? Ihr Nacken prickelte und ihr Herz klopfte viel zu schnell.
„Selber hey,“ gab sie mit nicht ganz fester Stimme zurück.
„Bei dir auch alles in Ordnung?“ hörte sie erneut seine raue Stimme direkt hinter sich.
„Klar,“ nickte sie sofort.
„Im Ernst, Lace,“ eine seiner riesigen Hände legte sich auf ihre Schulter und nur widerwillig wandte sie sich zu ihm um.
Er sah ein wenig blass aus, was die Beule an seiner Stirn, die bereits dabei war sich bläulich zu verfärben, noch besser hervorhob. Ansonsten sah er aber ganz normal aus. Jedenfalls deutete nichts darauf hin, dass er gerade eben noch von einer Tür bewusstlos geschlagen worden war.
„Mir geht es gut,“ wiederholte sie also noch einmal mit Nachdruck.
Seine wundervollen, blauen Augen musterten jeden Millimeter ihres Gesichts ausgiebig, seine Stirn hatte er dabei in besorgte Falten gelegt und er kaute gedankenverloren an seiner Unterlippe.
„Wirklich,“ bekräftigte sie erneut. „Mir geht es bestens.“
„Dir ist schon klar, dass du dich vor nicht einmal einer halben Stunde unter einen Baum gestellt und gerufen hast „komm und erschlag mich“, oder?“
„So ... würde ich das ... uhm ... nun nicht sagen.“
„Lacey, ich bin nicht blöd. Du wolltest da draußen sterben, auch wenn ich noch immer nicht kapiere wieso. Und das verstehe ich nicht wirklich unter „mir geht es bestens“.“
„Ich hatte ... so ne Art ... Aussetzer,“ gestand sie und fühlte dabei, wie sich ihr Magen schmerzhaft zusammen zog. Sie sah sich selbst, erst in dem Motel und dann auf ihrem Hotelzimmer sitzen, den Wein mit den Tabletten an ihre Lippen führen und dann doch nicht davon trinken. Waren das auch Aussetzer gewesen? Und hatte dort noch rechtzeitig ihr gesunder Menschenverstand wieder eingesetzt? Oder war sie einfach zu feige gewesen?
So oder so musste sie Nick dringend von sich ablenken, also trat sie einen Schritt zurück, was sie aus der Umklammerung seiner Finger rettete und sah sich für einen Moment aufmerksam um.
Der Raum maß in etwa 15 Quadratmeter. Den Tisch umstanden sechs Stühle und nahmen damit zusammen beinahe die Hälfte des Platzes ein. Dahinter zog sich ein Regal die gesamte Wand entlang, das mit einigen Konserven, gefüllten Wasserkanistern, Taschenlampen und Kissen und Decken voll gestopft war. An der gegenüberliegenden Wand stand ein Stockbett mit drei Etagen, an deren Fußenden jeweils feinsäuberlich zwei aufgerollt Schlafsäcke lagen.
„Ich weiß ja nicht wie es dir geht,“ sagte sie also „aber ich bin bis auf die Knochen nass und mir ist entsetzlich kalt.“
„Dito,“ stimmte Nick ihr zu und schlang wie zur Bekräftigung die Arme um seinen zitternden Körper.
„Also gut ... uhm ... ,“ sie trat an das Bett heran, nahm den ersten Schlafsack an sich und drückte ihn wie ein Schutzschild an ihre Brust. „Wenn du dich umdrehen könntest, dann ... also ... würde ich mich mal meiner ... ähm ... Klamotten entledigen.“
„Bist du dir sicher, dass ich mich wirklich umdrehen soll?“ entgegnete er mit einem breiten Grinsen und weit aufgerissenen Augen.
„Ja, das bin ich,“ gab sie fest zurück.
„Okay,“ entgegnete er schulterzuckend. „Aber dann gib mir vorher noch einen von den Schlafsäcken. Ich muß nämlich auch dringend aus meinen Klamotten raus. Aber du brauchst dich dabei nicht umzudrehen.“ Sein Grinsen wurde nun noch eine Spur breiter und ohne darüber nachzudenken nahm sie den Schlafsack und schleuderte ihn in Nicks Richtung. Er prallte mit voller Wucht gegen seine Brust, was ihn gequält aufstöhnen ließ.
„T-Tut mir leid,“ entschuldigte sie sich sofort und ärgerte sich dabei über ihre Gedankenlosigkeit und ihr Schamgefühl, das sie genau zum falschen Zeitpunkt überkommen hatte.
„Geht schon,“ presste er zwischen zusammen gebissenen Zähnen hervor, während er sich vorsichtig über die Rippen rieb. Dann hob er den Schlafsack auf, drehte ihr tatsächlich den Rücken zu und öffnete ohne weitere Verzögerung den Reißverschluss seiner Jacke.
Für einen Moment beobachtete sie ihn noch, nur um sicher zu gehen, dass er sich nicht gleich wieder herumdrehte und sie doch begaffte, doch er entledigte sich in aller Seelenruhe seiner Kappe und gleich darauf unter leisem Ächzen seines Pullovers, so dass sein muskulöser Rücken und das Tattoo auf seiner Schulter im warmen Schein der Lampe sichtbar wurde.
Augenblicklich wandte sie sich ab und begann nun ihrerseits sich ihrer Kleider zu entledigen. Sie überlegte nur einen winzigen Moment, ob sie ihre Unterwäsche anbehalten sollte, doch nachdem auch diese beiden winzigen Fetzen klatschnass waren, entschied sie sich dagegen.
Als sie schließlich in den angenehm trockenen und flauschigen Schlafsack stieg, entfuhr ihr ein wohliges Seufzen. Gott, wie wunderbar!
Sie musste ein paar Mal auf der Stelle hopsen, um den Schlafsack bis zu ihren Schultern hinauf ziehen zu können, dann tasteten ihre Finger nach dem Reißverschluss und zogen ihn bis oben hin zu. Als sie wieder aufsah, stand Nick immer noch am Tisch, doch er hatte sich inzwischen zu ihr herum gedreht und war genau so in seine Schlafsack gepackt, wie sie selbst.
„Du siehst lustig aus,“ bemerkte er leise kichernd.
„Und du nicht oder wie?“ gab sie spitz zurück.
„Mir steht alles,“ gab er mit fester Überzeugung in der Stimme zurück und ließ dann sein unheimlich anziehendes, kratziges Lachen hören. „Oh Mann. Das glaubt mir kein Mensch.“
„Ist auch besser so,“ schnaubte sie, dann drehte sie sich unter einiger Mühe herum, hüpfte auf das Bett zu und nahm einen weiteren Schlafsack von der Matratze. Erst als sie nach einigem Hin und Her ausgestreckt auf dem Bett lag, den Schlafsack als Kissen unter ihrem Kopf und in die angenehme Wärme der Daunen gehüllt, wagte sie es wieder, zu ihm hinüber zu sehen.
Er schien sich keinen Millimeter gerührt zu haben, doch seine Augen fixierten sie immer noch mit diesem durchdringenden Blick, unter dem sie sich mehr als unwohl zu fühlen begann.
„Willst du da weiterhin blöd herumstehen? Hier gibt es noch zwei weitere Betten wie du siehst,“ sagte sie also etwas schroffer als beabsichtigt.
„Eins genügt mir schon,“ lächelte er, dann näherte er sich ihr mit trippelnden Schritten, während sein Schlafsack auf dem harten Betonboden raschelte.
Als sie schließlich erkannte was er vorhatte, war es bereits zu spät.
„Ooooooh nein Mr. Carter,“ wehrte sie ab, doch da ließ er sich bereits zu ihr auf die Matratze sinken.
„Mir ist immer noch kalt,“ beschwerte er sich. „Und da soll Körperkontakt sehr hilfreich sein.“
„Bei dir tickt es wohl nicht ganz ... ,“ setzte sie an, doch da hatte er sich bereits unter gequältem Ächzen und Stöhnen über sie hinweg gerollt, seinen Kopf neben ihren auf ihr provisorisches Kissen gebettet und einen Arm um ihre Taille geschlungen.
„Nick wirklich, ich glaube nicht ... ,“ versuchte sie es erneut, doch er schnitt ihr einfach das Wort ab.
„Halt die Klappe Lacey Schlaumeier, okay? Ich komme gerade von einem Friedhof, wurde dabei komplett durchnässt, musste eine junge, hübsche Frau vor herunter fallenden Bäumen retten, bin mit knapper Not einem Hurrikan entkommen und zu allem Überfluss auch noch von einer Tür erschlagen worden. Ich finde, da solltest du wirklich mal ein bisschen Mitgefühl zeigen.“
„Mitgefühl? Was ist das?“ gab sie zurück und fühlte ein Kichern aus den Tiefen ihres Bauches aufsteigen, das sie mit aller Macht zu unterdrücken versuchte.
„Das bedeutet,“ entgegnete er ganz ernst „dass du mich jetzt lieb haben musst und mich nicht aus deinem Bett wirfst. Ich werde einfach hier liegen, mich dabei ein bisschen an dich kuscheln und das war es. Mitgefühl ... mit fühlen ... so zusagen ... verstehst du?“
„Ich denke schon,“ entgegnete sie leise.
„Na dann ist ja gut,“ seufzte er, während sein Kopf vom Kissen rutschte und sich an ihre Schulter kuschelte.
Lacey lag ganz still, während sie versuchte das ungewohnte Gefühl seiner Nähe irgendwo in sich unter zu bringen. Das hier war verrückt. Das war mehr als verrückt.
Sie dachte zurück an das Hotelzimmer in Atlanta, die Bilder, die sie kurz vor ihrem Selbstmordversuch heimgesucht hatten. Nicks Lächeln, seine blauen Augen und das Gefühl von Geborgenheit, das er ihr seltsamer Weise vermittelt hatte. Genau dieses Gefühl hatte sie jetzt auch wieder und trotzdem beunruhigte es sie zutiefst. Sie wusste nicht mehr, was sie denken oder fühlen sollte. Sie spürte die Verzweiflung wieder in sich aufflammen, die sie auf dem Friedhof empfunden hatte. Sie dachte an Aden, Trin und Michael und sah wieder ihre Gräber vor sich. Ihre Glieder verkrampften sich augenblicklich und ihre Atmung ging stoßweise. Sie fühlte ihren Herzschlag mit Nachdruck gegen ihren Brustkorb hämmern, während ihr gesamter Körper wieder zu zittern begann. Diesmal allerdings nicht vor Kälte.
„Schhhhh,“ hörte sie plötzlich Nicks Stimme ganz nahe an ihrem Ohr, bevor er ihr einen sanften Kuss auf die Wange hauchte. „Es ist alles gut. Du bist in Sicherheit.“
„Nein,“ widersprach sie mit tränenerstickter Stimme. „Ich bin nirgendwo mehr sicher.“
„Doch,“ entgegnete er bestimmt. „Bei mir.“
„Du hast doch überhaupt keine Ahnung, wer ich bin,“ fuhr sie auf und versuchte ihn von sich zu schieben.
„Das stimmt nicht,“ widersprach er sofort und zog sie wieder näher zu sich heran. „Ich weiß, dass du sehr oft sehr traurig bist und ich weiß, dass du lustig und lebendig sein kannst, wenn du willst. Außerdem bist du mutig und abenteuerlustig und du bringst mich manchmal zur Weißglut. Du bist eine leidlich gute Krankenschwester und leider eine sehr stille Beifahrerin. Oh ... und du hast keine Ahnung von Baseball, aber mit zwielichtigen Kerlen nimmst du es jederzeit auf. Reicht das fürs erste?“
Er hob den Kopf um sie anzusehen und sie überlegte fieberhaft wie sie ihm begreiflich machen sollte, dass sie durch und durch verdorben war. Sie war hässlich. Von innen und von außen, nur wollte er dies scheinbar nicht sehen.
„Du hast keine Ahnung,“ wiederholte sie deshalb beinahe flüsternd.
„Dann erklär es mir,“ gab er genau so leise zurück und sie hätte schwören können, dass seine blauen Augen dabei eine Spur dunkler wurden. „Klär mich auf über das, was da auf dem Friedhof passiert ist. Warum sind diese drei Menschen am selben Tag gestorben und was hast du damit zu tun?“
Natürlich hatte sie gewusst, dass dieser Moment irgendwann kommen würde, doch nun wo er da war, fühlte sie, wie sich ein Tonnengewicht auf ihre Brust senkte und ihr damit die Luft zum Atmen nahm.
„Ich weiß nicht, ob ich das kann,“ gab sie also gepresst zu.
„Ich wäre schon damit zufrieden, wenn du es wenigstens versuchst,“ entgegnete er. „Erzähl mir zum Beispiel von ... uhm ... Aden? Dem Jungen aus dem ersten ... na ja ... du weißt schon.“
Für einen Moment schloss sie die Augen und sie wunderte sich nicht wirklich darüber, dass sie Aden sofort und glasklar vor sich sah.
„Aden war ein Freund. Einer meiner besten Freunde um genau zu sein,“ begann sie also flüsternd und hatte keine Ahnung, was sie als nächstes sagen sollte.
„Wie lange kanntet ihr euch?“ fragte Nick weiter und es erleichterte sie ein wenig, dass er dabei ein Stückchen von ihr abrückte. Sein Arm lag immer noch locker über ihrer Taille, aber sie spürte das Gewicht seines Kopfes nicht mehr.
„Seit der dritten Klasse. Er war der beste Freund von Michael, spielte Basketball und war ... hm ... unglaublich ... sanftmütig.“
„Was meinst du mit sanftmütig?“
„Na ja ... Michael hat ihn gerne vorgeschoben, wenn es um irgendwelche Streitereien ging. Er sagte immer „wenn ihr nicht gleich aufhört, hole ich meinen Freund Aden“ und da der schon immer einen ganzen Kopf größer als alle anderen war, zog diese Drohung jedes Mal. Dabei hätte Aden niemals einer Fliege etwas zu leide getan. In seinem Sport konnte er hart sein, wenn es darauf ankam, aber ansonsten war er eher der Taktiker und regelte seine Auseinandersetzungen lieber mit Worten als mit den Fäusten.“
„Klingt nach einem sympathischen Kerl,“ stellte Nick fest.
„Ja, das war er,“ nickte Lacey. „Mehr als das. Ich habe ihn geliebt. Also ... eher so wie einen großen Bruder, verstehst du?“ Sie sah zu Nick hinüber, nur um festzustellen, dass sie dies besser nicht getan hätte. Er lag auf der Seite und sein Kopf ruhte in seiner Handfläche. Der Blick seiner blauen Augen war ernst, aber auch liebevoll. Diese Mischung grub sich wie ein bösartiges Geschwür in ihre Magengegend und nistete sich dort schmerzhaft ein.
Also wandte sie den Blick wieder von ihm ab und richtete ihn stattdessen an die Decke des Stockbettes.
„Er war mit Trinity zusammen. Irgendwie waren sie das perfekte Paar. Ich habe sie ganz selten streiten sehen und selbst dann haben sie es irgendwie fertig gebracht, sich ruhig und besonnen zu verhalten. Ganz im Gegenteil zu Michael und ... mir.“
Sie schluckte krampfhaft und fühlte schon wieder heiße Tränen in ihrer Kehle aufsteigen. Wenn sie nur an Michael dachte hatte sie bereits das Gefühl, dass ihr das Herz aus dem Leib gerissen wurde. Wie sollte sie dann ausgerechnet Nick von ihm erzählen?
„Michael war also dein Freund?“ hakte er nach.
„Ja,“ hauchte sie.
„Wie war er so?“
„Er war ... ,“ sie seufzte und schüttelte den Kopf. „Er war perfekt. Für mich jedenfalls. Er war ein Träumer, immer mit dem Kopf in den Wolken. Er hat kleine Geschichten geschrieben und war gerade dabei einen Band mit Kurzgeschichten zu veröffentlichen. Und er liebte mich. Ich meine ... er liebte mich wirklich. Mit Leib und Seele. So sehr, dass er ... ,“ sie schluckte erneut und verstummte dann. Nein, sie konnte es einfach nicht. Sie konnte nicht von Highfields erzählen. Sie brachte einfach die Worte nicht über ihre Lippen.
Plötzlich spürte sie Nicks Finger auf ihrer nackten Schulter und sie erschauerte. Was tat sie hier nur, verdammt noch mal?
„Wie sind ... sie ... gestorben?“ fragte Nick und sie schüttelte verzweifelt den Kopf.
„Bitte,“ flüsterte sie. „Bitte zwing mich nicht dazu es dir zu erzählen. Ich kann ... es tut so weh und ich kann nicht ... ,“ sie biss sich verzweifelt auf die Unterlippe und versuchte mit aller Macht die Tränen zurück zu halten, doch genau so gut hätte sie versuchen können mit bloßen Händen den Mississippi zu stauen.
Sie fühlte überdeutlich Nicks warme Hand auf ihrer Schulter und seinen bohrenden Blick auf ihrem Gesicht und ohne dass sie etwas dagegen hätte tun können sprudelten die nächsten Worte über ihre Lippen, während vor ihrem geistigen Auge die Geschehnisse jener Nacht überdeutlich auftauchten.
„Es gibt da einen Güterbahnhof. Highfields. Er liegt etwas oberhalb von Jacksonville und wir vier hielten uns ziemlich oft dort auf. Auch ... an diesem Abend. Wir kamen von einer Party und ich habe mich wegen irgend so einer blöden Schlampe mit ... Michael ... gestritten.“
Sie sah wieder den hell erleuchteten Bahnhof vor sich, fühlte die laue Nachtluft, die ihr Gesicht streichelte und hörte wieder das laute Fluchen von Michael, gefolgt von Adens „Lacey? Trin? Schnell!“
Sie sah sich selbst, wie sie gefolgt von Trin über das unebene Gelände des Bahnhofs hastete. Ihre Füße schienen kaum den Boden zu berühren, während sie über Gleise, Bahnschwellen und Unkraut hinweg setzte. Das Rufen kam von links, hinter einigen abgestellten Wagons hervor.
Als sie um die Ecke bog und mit einem Blick das Szenario erfasste, hatte sie im ersten Moment angefangen zu lachen.
„Gott Michael, wie kann man nur so blöd sein?“ fragte sie immer noch kichernd und näherte sich ihrem Freund, der sich an der Schulter seines Freundes Aden festhielt und verzweifelt versuchte seinen Fuß freizubekommen, der sich hoffnungslos in einer der unzähligen Weichen des Geländes verkeilt hatte.
„Lach nicht sondern hilf mir lieber,“ hörte sie ihn zwischen zusammen gebissenen Zähnen hervorpressen und erst dann sah sie das helle Licht, das sich in einiger Entfernung, aber unaufhaltsam näherte.
Das Lachen blieb ihr buchstäblich im Halse stecken und eine nie gekannte Angst erfasste sie.
„Oh mein Gott,“ hörte sie im selben Moment Trinity flüstern, bevor sie beide wie von Furien gehetzt auf Michael und Aden zustürmten.
„Mach die Schnürsenkel auf,“ rief sie, noch bevor sie Michael wirklich erreicht hatte.
„Hab ich schon,“ schnaubte Michael verzweifelt und tatsächlich hatte er die Schleife an seinen Boots bereits gelöst, doch so sehr er auch zerrte und zog, sein Fuß wollte sich einfach nicht aus dem schweren Stiefel lösen.
„Das gibt es doch nicht,“ hörte sie Trin sagen, die sich gleich darauf herunter beugte und an Michaels Bein zu ziehen begann.
Laceys Blick huschte hektisch zurück zu der sich nähernden Lichtquelle. Augenblicklich sackte ihr Magen in die Tiefe und ihr Herz schien in ihrer Brust förmlich zu explodieren. Der Zug näherte sich eindeutig auf diesem Gleis und wegen der Dunkelheit, die hier zwischen den Waggons herrschte, würde er sie viel zu spät sehen um noch rechtzeitig bremsen zu können.
Doch noch blieben ihnen einige Minuten.
„Trin,“ wandte sich Lacey an ihre Freundin „lauf nach vorne und mach den Lockführer auf uns aufmerksam.“
„Klar,“ nickte diese sofort, sprang auf und hastete auf den Gleisen dem sich nähernden Zug entgegen.
„Aden? Wir schnappen uns Michaels Bein und ziehen was das Zeug hält, in Ordnung?“
„Hm,“ nickte dieser, auch wenn ihm anzusehen war, dass er nicht viel von dieser Idee hielt.
„Es tut mir leid Baby,“ wandte sie sich dann an Michael, dem bereits Schweißperlen auf der Stirn standen und der kreidebleich geworden war. „Ich ... ich hätte das alles nicht sagen sollen. Ich liebe dich nämlich und ... ,“
„Ja, er liebt dich auch,“ unterbrach Aden die beiden. „Aber wir sollten uns jetzt erst einmal um sein Bein kümmern, in Ordnung Lace?“
„Klar,“ nickte diese sofort und beugte sich tief über Michaels dunkle Khakihose.
„Ich liebe dich auch Kleines,“ hörte sie Michael leise sagen und sie schenkte ihm ein breites, aufrichtiges Lächeln. „Wir schaffen das,“ bekräftigte sie noch einmal, dann blickte sie zu Aden auf. „Auf drei, okay?“
„Okay,“ nickte dieser.
„Eins .... zwei ... DREI!“
Sie zogen und zerrten alle drei mit vereinten Kräften, dann hörte sie Michael plötzlich brüllen, als sich sein Fuß schmerzhaft verrenkte und augenblicklich hielten sie in ihren Bemühungen inne.
„Alles klar mein Schatz?“ fragte Lacey besorgt, dann warf sie einen Blick zurück.
Trin stand mitten auf den Gleisen und winkte was das Zeug hielt, doch der Lockführer ließ nicht erkennen, ob er sie überhaupt gesehen hatte. Der Zug verlangsamte nicht ein kleines Bisschen und raste damit unaufhaltsam näher. Trin begann bereits langsam rückwärts zu gehen und als sie einsehen musste, dass sie gleich überfahren werden würde, wenn sie sich nicht in Sicherheit brachte, fuhr sie herum und rannte wieder auf sie zu, im Nacken die riesige Lock, deren V-förmigen Kuhfänger überdimensional groß und bedrohlich wirkte.
„Noch mal,“ herrschte Lacey schließlich die beiden Jungs an. „Tut mir leid Michael, aber das wird vielleicht ein bisschen wehtun.“
„Hauptsache ihr holt mich hier raus,“ entgegnete er durch seine zusammen gebissenen Zähne.
Erneut bückten sich Aden und Lacey und griffen sich jeweils eine Seite von Michaels Hosenbein.
„Auf drei. Eins ... zwei ... DREI!“
Michael schrie augenblicklich auf, doch diesmal ließ sich Lacey davon nicht abhalten. Sie zog und zerrte mit aller Kraft, die sie irgendwo in sich finden konnte, während Angst und Panik ihr klares Denken überschwemmte.
„Das ... muß ... einfach ... gehen ... ,“ presste sie hervor.
„Lace niiiicht,“ schrie Michael über ihr unter unsagbaren Schmerzen. Sein Knöchel war gebrochen, was auch der Grund dafür war, warum sie seinen Fuß nicht aus den Boots befreien konnte. Er war mittlerweile so dick angeschwollen, dass sie das feste Leder hätten aufschneiden müssen, um ihn befreien zu können. Doch dies alles wusste Lacey natürlich in diesem Moment noch nicht. Ihr war lediglich klar, dass sie die Stahllock in nicht einmal dreißig Sekunden erreicht haben würde und dass es dann egal war, ob Michael Schmerzen hatte oder nicht. Nachdem der Zug diesen Punkt passiert hatte, würde er nie wieder irgendetwas empfinden.
In diesem Moment erreichte sie Trinity. „Es tut mir leid,“ schluchzte sie unter Tränen und vollkommen außer Atem. „Er hat mich einfach nicht gesehen, oder wollte mich nicht sehen, oder ... ,“
„Egal,“ unterbrach sie Lacey barsch. „Wir versuchen es zu dritt, okay?“
Aden und Trinity nickten, während Michael sich mit schmerzverzerrtem Gesicht herum drehte und augenblicklich erstarrte.
„Nein,“ hörte sie ihn murmeln.
„Keine Panik,“ hörte Lacey sich sagen und wusste selbst nicht, wie ihre Stimme dabei so ruhig klingen konnte. „Wir holen dich hier raus, ist ja wohl klar. Also auf drei.“
Aden und Trinity bückten sich und umfassten Michaels Wade. Sie selbst packte das Hosenbein etwas tiefer und atmete dann einmal tief durch.
„Eins ... zwei ... DREI!“
Gemeinsam zogen und zerrten sie an Michaels Bein, der erneut vor Schmerzen schrie, während er offensichtlich versuchte, ebenfalls sein Bein in die Höhe zu zwingen. Doch es schien, als sei sein Fuß in der Weiche fest zementiert. Er bewegte sich jedenfalls keinen Millimeter.
„Das glaube ich alles nicht,“ murmelte sie noch, dann setzte urplötzlich das helle Kreischen der Bremsen ein, bevor sie das gleißende Licht der Schweinwerfer überschwemmte.
Sie hörte noch wie Michael „ich liebe dich Lace,“ murmelte und dann traf sie plötzlich ein ungeheurer Stoß an der Schulter. Ihre Augen wurden groß, während sie zurück taumelte und dabei erkannte, dass Michael sie aus der Gefahrenzone katapultiert hatte, dann war die Lokomotive auch schon da. Das nächste was sie spürte war ein bestialischer Schmerz, als sie der Ausläufer des linken Kuhfängers rammte. Sie wurde von den Füßen gerissen und davon geschleudert. Noch bevor ihr Hinterkopf hart auf dem Schotter aufschlug, verlor sie das Bewusstsein, doch die Schreie ihrer drei Freunde verfolgten sie selbst in die tiefe Dunkelheit, bevor sie abrupt abrissen und damit für immer verstummten.

Kapitel 36