Kapitel 34

Nick spürte Laceys Zittern ganz deutlich, als er ihr die Hände auf die Schultern legte und sie besorgt musterte. Er hatte immer noch keine genaue Vorstellung davon, was hier vor sich ging, aber ihre gesamte Erscheinung drückte grenzenlosen Kummer und Angst aus und offensichtlich hatte dies mit den beiden jungen Menschen zu tun, die viel zu früh und auch noch am selben Tag gestorben waren. Er fragte sich, welche Tragödie sich hier wohl ereignet hatte und welche Rolle Lacey darin spielte, doch es war wohl offensichtlich, dass er in dieser Hinsicht von ihr momentan keine Erklärung zu erwarten hatte.
Trotzdem oder gerade deshalb war es ihm wichtig, dass sie spürte, dass er bei ihr war und es auch bleiben würde, egal wie das hier ausging. Er wünschte sich, er könnte mehr für sie tun als ratlos vor ihr im Regen zu stehen, doch das war im Moment leider nicht möglich. Also begnügte er sich damit, ihre Schultern sanft zu drücken und ihr ein zaghaftes Lächeln zu schenken. Doch so wirklich schien ihr dies auch nicht weiter zu helfen.
Gerade als er überlegte, ob er ihr nicht raten sollte, dass sie es für heute gut sein lassen und sich lieber ein Hotel suchen sollten, wo es warm und vor allen Dingen trocken war, drang ihre leise, emotionslose Stimme zu ihm durch.
„Hier ist wohl auch nichts. Wir müssen noch ein Stück weiter.“ Dabei deutete sie mit dem Daumen über ihre Schulter, während ihre Augen wie festgefroren auf Nicks Brust hafteten, als sehe sie dort etwas, das sie unglaublich spannend fand.
Gleich darauf drehte sie sich ohne ein weiteres Wort herum und stapfte los. Nick blieb also nichts weiter übrig, als ihr zu folgen. Sie schoben sich durch unzählige, identische Holzkreuze hindurch, liefen einen weiteren Weg entlang und erreichten schließlich das hintere Ende des Friedhofs. Die rote Backsteinmauer ragte urplötzlich wieder vor ihnen auf und die Äste der alten Eichen und Ulmen bogen sich bereits tief in dem immer stärker werdenden Sturm.
Lacey näherte sich schließlich einer Grabstelle in der Mitte einer langen Reihe. Hier ersetzte eine graue Marmortafel das weiße Holzkreuz, eine Kerze flackerte hektisch in ihrem roten Gefäß und ein frischer Blumenstrauß steckte in einer Vase, die wiederum mit der Spitze in den Boden gedrückt worden war.
Hier ruht Michael Simons stand auf dem Grabstein zu lesen. Geliebter Sohn, Bruder und Freund. Wir vermissen dich sehr. Das Todesdatum war das gleiche, wie auf den anderen beiden Gräbern davor und alleine dieser Umstand ließ Nick erschauern. Was verband die drei Menschen mit Lacey? Was war an dem Tag geschehen, als sie so früh aus dem Leben gerissen wurden? War dies auch die Antwort auf Laceys seltsames Verhalten, ihre Zurückhaltung und ihr Schweigen?
„Hey Baby,“ hörte er sie unvermittelt flüstern und in ihrer Stimme lag dabei so viel Liebe und gleichzeitig auch ein unbändiger Schmerz, dass sich sein Herz in seiner Brust schmerzhaft zusammen zog.
Er war einen Schritt hinter ihr geblieben, weil er der Meinung war, dass er sie in diesem intimen Moment nicht stören sollte, doch nun trat er wieder etwas näher an sie heran. Warum konnte er noch nicht einmal genau sagen. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass er schnell zur Stelle sein sollte wenn ... nun ja ... irgendetwas passierte.
Über ihre Schulter hinweg konnte er die Marmortafel gerade noch erkennen. Er registrierte ihr Haar, dass nass und schwer auf ihrer Jacke klebte und er sah ihre bebenden Schultern, als sie nun die Hände vors Gesicht schlug und haltlos zu Schluchzen begann. Sein Magen sackte in die Tiefe und das Gefühl, unbedingt herumfahren und davon laufen zu müssen, wurde in ihm beinahe übermächtig. Hilflos hob er eine Hand um sie ihr auf die Schulter zu legen, doch in diesem Moment sackte sie direkt vor ihm in die Knie. Er hörte wie das Wasser, das nicht mehr in der bereits gesättigten Erde versickern konnte, davon spritzte und Laceys Weinen, das mit jeder Sekunde stärker wurde.
„Hey,“ sagte er leise, trat an ihr vorbei und ließ sich nun ebenfalls vor ihr in die Knie sinken. Vorsichtig umfasste er ihr Gesicht mit beiden Händen, versuchte ihr das Gemisch aus Regenwasser und Tränen von den Wangen zu wischen und ihr dabei irgendwie Trost zu spenden. Doch gleichzeitig war ihm klar, dass niemand Lacey im Moment trösten konnte. Hier brach etwas aus ihr heraus, das sie seit einer geraumen Weile ganz tief in sich eingeschlossen hatte und auch der Gedanke, dass es vielleicht ganz gut war, dass sie sich ihrem Schmerz endlich stellte, konnte ihn nur leidlich beruhigen.
Ihr Schluchzen ließ inzwischen ihren gesamten Körper erbeben und sie krümmte sich wie unter körperlichen Schmerzen zusammen. Dabei drückte sie sich an seine Brust und vergrub ihr Gesicht an seiner Schulter. Vorsichtig zog er sie noch etwas fester an sich, schloss die Arme um sie und wiegte sie sanft hin und her.
Und so saßen sie eine ganze Weile im strömenden Regen, während die Kälte aus dem Boden in ihre Körper kroch und der heftige Wind in den Bäumen heulte.
Ein lautes, explosionsartiges Krachen riss sie schließlich abrupt aus ihrem eigenen, dunklen Universum. Gleich darauf schlug etwas mit lautem Platschen und Knirschen keinen halben Meter von ihnen entfernt auf dem weichen Boden auf und erschrocken fuhren sie auseinander. Nicks Herzschlag verselbständigte sich, während er mit großen Augen auf den Ast starrte, der in etwa den Umfang seines Oberarms hatte und sie zumindest bewusstlos geschlagen, wenn nicht sogar getötet hätte, hätte er sie getroffen.
Es war einfach unfassbar: Beinahe unbemerkt war der Sturm immer heftiger geworden und erst jetzt nahm er das alarmierende Knacken und Knirschen in den Bäumen über ihnen wahr.
„Wir müssen hier weg,“ brüllte Nick panisch gegen das anhaltende Heulen des Orkans an und betete dabei, dass Lacey so weit aus ihrem Schmerz aufgetaucht war, dass sie ihn hören konnte.
Ihrem Gesicht war keine eindeutige Gefühlsregung anzusehen, doch sie nickte Gott sei Dank langsam, während sie sich die Hände immer wieder an ihren völlig durchweichten Jeans abwischte und sich schließlich schwerfällig in die Höhe stemmte. Nick stand ebenfalls auf, während sein Herzschlag in seinen Ohren rauschte und sich seine Eingeweide vor Angst zusammen zogen. Sie waren hier auf dem Friedhof vollkommen ungeschützt und auch wenn sie die Ruhestätte verließen, hatten sie keinen sicheren Unterschlupf. Verdammt! Er hätte wirklich besser auf die Sturmwarnungen im Radio hören sollen. Warum war er auch so leichtsinnig gewesen im strömenden Regen und dem heraufziehenden Sturm hier her zu kommen? Andererseits hätte er sonst Lacey nicht wieder getroffen, was sein gedankenloses Verhalten wenigstens ein kleines Bisschen rechtfertigte.
Ein letzter Rest klarer Verstand schien ihm allerdings geblieben zu sein, denn anstatt kopflos davon zu rennen, schaltete er für einen kurzen Moment die Taschenlampe ein und ließ ihren hellen, weißen Strahl über das Grab wandern. Wenn sie hier schon ihr Leben aufs Spiel setzten, wollte er wenigstens den nächsten Hinweis des G-o-L Komitees mitnehmen. Wenn er überhaupt hier war. Vielleicht gab es noch mehr Gräber, zu denen Lacey ihn führen würde. Bei dem Gedanken erschauerte er und kniff die Augen kurz zusammen. Nicht darüber nachdenken. Nicht darüber nachdenken. Nicht darüber ...
Als er die Augen wieder aufschlug, sah er es augenblicklich. Gerade so, als hätte eine unsichtbare Hand den Strahl seiner Lampe geführt und zudem noch seinen Blick in die richtige Richtung gelenkt. Beides traf sich an der untersten Kante des Grabsteins, wo etwas Weißes das Licht reflektierte. Er warf einen kurzen Blick zu Lacey zurück um zu überprüfen, ob sie es vielleicht auch gesehen hatte, doch sie starrte immer noch ausdruckslos vor sich hin und schien ihre Umwelt, genau so wie den Sturm und den Regen, nicht mehr bewusst wahrzunehmen.
Schnell machte er zwei Schritte auf das Grab und kniete sich vor den glänzenden Stein. Seine eiskalten Finger schmerzten, als er sie vorsichtig zwischen die Marmorkante und die aufgeweichte Erde schob. Mit einem schmatzenden Geräusch hob sich gleich darauf der schwere Stein. Zum Vorschein kam ein, in eine Plastiktüte eingewickelter, weißer Umschlag.
Mit klammen Fingern verstaute Nick den Brief in der Innentasche seiner Jacke, dann stand er auf und drehte sich zu Lacey herum. Eigentlich hatte er angenommen, dass sie sich in der kurzen Zeit, in der er mit der Suche nach dem neuen Hinweis beschäftigt gewesen war, nicht vom Fleck rühren würde, doch da hatte er sich getäuscht. Sie wandte ihm nun den Rücken zu und starrte mit zurückgelegtem Kopf hinauf in die Krone der alten Eiche über ihr, die sich regengepeitscht im Sturm hin und her wiegte.
„Lass uns verschwinden,“ rief er also und ging langsam auf sie zu. Doch sie rührte sich keinen Millimeter.
„Lacey? Hey!“ machte er erneut auf sich aufmerksam und berührte sie an der Schulter.
Im selben Moment zerriss ein erneutes, unglaublich lautes Knacken das Heulen des Windes und als sein Blick in die Höhe schoss, sah er bereits den nächsten Ast krachend in die Tiefe sausen. Er handelte ohne darüber nachzudenken. Er packte Lacey an der Schulter und riss sie mit sich zur Seite. Sie schrie auf, doch scheinbar nicht vor Schreck oder Entsetzen, sondern wegen seines Rettungsversuchs. Augenblicklich versuchte sie sich von ihm zu befreien, während ihr gesamter Körper wieder zurück auf ihren ursprünglichen Platz strebte, wo sich gerade ein riesiger Ast mit Nachdruck in die Erde bohrte.
Er versuchte sie durch gutes Zureden, Schreien und Drohungen wieder zurück in die Realität zu holen, doch er hatte keinen Erfolg damit. Sie wehrte sich heftig gegen seinen festen Griff und ihre Augen suchten dabei immer wieder die Kronen der Bäume ab, so als gierte sie nach der nächsten Möglichkeit, sich von irgendeinem Ast erschlagen zu lassen.
Schließlich sah er keine andere Möglichkeit mehr. Mit einem beherzten Griff hob er Lacey an und warf sie sich über die Schulter. Sie trat und schrie, er spürte ihre Fäuste, die ohne Unterlass auf seinen Rücken trommelten und hörte ihre Stimme, die ihn immer wieder und mit den schlimmsten Verwünschungen gespickt dazu aufforderte, sie wieder herunter zu lassen. Doch er dachte gar nicht daran. Sie hatte komplett den Verstand verloren, so viel war sicher, und er würde garantiert nicht dabei zusehen, wie sie ein herunterfallender Ast oder womöglich ein umstürzender Baum zu Brei verarbeitete.
Mit jedem mühsamen Schritt wurde sie schwerer in seinen Armen. Er achtete darauf, sich von Bäumen und Laternen fern zu halten, während der Regen mittlerweile beinahe waagerecht über den Friedhof fegte, ihm ins Gesicht peitschte und das Atmen schwer machte. Laceys Gegenwehr erstarb nach und nach, ob das nun daher rührte, dass sie keine Kraft mehr hatte oder die Unsinnigkeit ihres Vorhabens einsah, vermochte er allerdings nicht zu sagen.
Als sie schließlich das große Eingangsportal erreichten, hörte er ihre Stimme wie aus weiter Ferne. „Bitte lass mich runter. Ich kann alleine gehen.“
„Ja, unter den nächsten Baum,“ entgegnete er grimmig, wobei er fast schreien musste, um sich verständlich zu machen, und stapfte einfach weiter. Ihm tat alles weh, dafür wurde ihm so langsam endlich wieder warm, während sich kleine Schweißperlen zu den Wassertropfen in seinem Gesicht gesellten.
„Ich verspreche, ich bin ab jetzt vernünftig,“ hörte er sie erneut, bevor sie sich vorsichtig in die Höhe stemmte und es für ihn damit beinahe unmöglich wurde, sie weiterhin festzuhalten.
„Bist du dir sicher?“ presste er durch seine vor Anstrengung fest zusammen gebissenen Zähne hervor.
„Ganz sicher,“ entgegnete sie und er wunderte sich beinahe darüber, dass sie ihn über das anhaltende Heulen des Sturms gehört hatte.
Nun ja. Es war sowieso egal. Er konnte keinen Schritt mehr mit diesem Gewicht auf seiner Schulter gehen. Also ließ er sie vorsichtig herunter, hielt sie aber vorsichtshalber am Ärmel ihrer Jacke fest. Ihre Blicke trafen sich und er erschrak vor der tiefen Leere in ihren Augen. Ihr Gesicht war aschfahl, dafür leuchteten ihre Lippen blutrot und hektische Flecken hatten sich auf ihren Wangen gebildet.
„Ich kenne einen Bunker,“ sagte sie und schluckte dabei sichtlich angestrengt.
„Wo?“ gab er knapp zurück.
„Etwa fünf Minuten mit dem Auto,“ informierte sie ihn.
Er nickte, verharrte noch einen Moment um sich ein letztes Mal zu vergewissern, dass sie nicht gleich wieder vor ihm davon und in den sicheren Tod rennen würde, und stapfte dann langsam los. Immer noch hielt er den Ärmel ihrer Jacke fest und zog sie so einfach mit sich.
„Du kannst mich ruhig los lassen,“ nörgelte sie, während sie versuchte, sich durch heftiges Drehen und Wenden ihres Armes aus seinem Griff zu befreien.
„Erst wenn du sicher im Auto sitzt,“ entgegnete er und bog um die Ecke der Friedhofsmauer.
Der BMW stand immer noch so wie er ihn verlassen hatte auf dem menschenleeren Parkplatz. Schon von weitem betätigte er die Zentralverriegelung, öffnete wenig später für Lacey die Wagentür und schob sie behutsam auf den Beifahrersitz. Erst dann umrundete er das Auto und stieg ebenfalls ein.
Sofort wurde das Heulen des Windes auf ein angenehmes Maß gedämpft und der Regen ausgesperrt. Erleichtert seufzte er auf und schloss für einen Moment die Augen. Er fühlte sich unglaublich müde, erschöpft und durchgefroren, so dass er sich am liebsten noch tiefer in den Sitz gekuschelt hätte um auf der Stelle einzuschlafen. Doch ein weiterer Ast, der wie aus dem Nichts plötzlich auf den Parkplatz geflogen kam und einige Meter neben dem BMW auf dem Asphalt aufschlug, belehrte ihn eines besseren.
Hektisch rammte er den Zündschlüssel ins Schloss, legte den Rückwärtsgang ein und raste vom Parkplatz. Die Reifen quitschten protestierend, als er mit Schwung auf der ebenfalls verlassen vor ihnen liegenden Straße wendete und in die Richtung davon brauste, in die Lacey deutete.
Sie waren wirklich nicht lange unterwegs. Ein paar Mal bog er ab, fuhr an dunklen Geschäften und Bars vorbei und erreichte schließlich eine breite Straße, die von Grünflächen gesäumt wurde und in deren Mitte sich ein rotes Sandsteingebäude erhob.
„Das ist unsere Schule,“ informierte ihn Lacey leise vom Beifahrersitz.
„Und dort gibt es einen Unterschlupf?“ fragte er.
„Hm,“ nickte sie und traute sich dabei scheinbar nicht, ihn anzusehen.
Gleich darauf parkte er den BMW am Straßenrand. Leider konnte er nicht sagen, ob der Wagen nach diesem Sturm noch unversehrt sein würde, aber das war ihm im Moment auch herzlich egal. Blechschäden konnte man mit Geld aus der Welt schaffen, Schäden an Menschen nicht.
Lacey ging zielstrebig voraus, wobei sie ihre Mütze mit beiden Händen festhielt und ihren gesamten Körper gegen den inzwischen noch heftiger blasenden Sturm stemmen musste. Auch er hielt seine Kappe ganz fest, senkte den Kopf und stemmte sich gegen den Wind, der sich bereits wie eine kompakte Mauer anfühlte. Erleichtert stellte er dabei fest, dass Lacey einen großen Bogen um den baumbestandenen Eingangsbereich machte. Sie überquerten eine breite Rasenfläche und bogen am Ende um die Ecke des Schulgebäudes. Hier hatte der Sturm bereits ganze Arbeit geleistet. Ein Zaun war buchstäblich zu Boden gerungen worden und die geknickten Holzlatten wirkten inzwischen so, als würden sie jeden Moment in die Höhe gerissen und wie Speere auf sie zufliegen. Einige Büsche waren bereits entwurzelt und wurden nun von dem heulenden Wind vor sich her getrieben. Zeitungspapier wirbelte durch die Luft und vermischten sich mit den Blättern, die von den Bäumen gerissen worden waren. Der Regen trommelte in gleich bleibendem Stakkato gegen die Fensterscheiben und irgendwo hinter ihnen verkündete ein lautes Klirren, dass eine davon bereits zu Bruch gegangen war.
„Hier entlang,“ rief Lacey plötzlich und deutete auf eine, mit zwei Flügeltüren verschlossene Luke, die direkt ins Erdreich eingelassen worden war und ganz eindeutig nach unten führte.
Gemeinsam lösten sie die Verriegelung und zerrten dann an den beiden Türen, die vom Wind mit aller Macht nach unten gedrückt wurden. Nicks Arme zitterten, während er seine Zähen fest aufeinander biss und die Augen zusammen kniff. Nur noch ein kleines Stück, dann ...
In diesem Moment hatte er die Tür so weit angehoben, dass der Wind fauchend darunter fahren konnte. Der Flügel klappte mit rasender Geschwindigkeit auf, versetzte ihm einen äußerst schmerzhaften Schlag gegen die Brust und fegte ihn mit ungeheurer Kraft von den Füßen. Für einen endlosen, stillen Moment segelte er durch die Luft, bevor er mit einem lauten Platschen auf dem Boden aufschlug. Er hörte Lacey schreien, während sich die Welt um ihn herum zu drehen begann. Gleich darauf erschien ihr entsetztes Gesicht über ihm. Sie bewegte die Lippen, das konnte er sehen, aber er verstand nicht einen Ton von dem, was sie da hervorsprudelte. Verzweifelt rang er nach Luft, das Regenwasser trübte seinen Blick und er schmeckte Blut in seinem Mund. Erschrocken fragte er sich, ob das nun das Ende sein sollte. War er so weit gekommen, nur um von einer Tür erschlagen zu werden?
Aaron!
Der Name seines Bruders erschien so klar und deutlich in seinem Kopf, wie eine Leuchtreklame am Times Square und mobilisierte damit seine letzten Kraftreserven. Mit Laceys Hilfe kam er schwankend auf die Beine. Er hustete und röchelte, während seine Sicht immer wieder verschwamm. Dann spürte er, wie sich Lacey einen seiner Arme um die Schulter legte und augenblicklich unter seinem Gewicht zu taumeln begann.
So stolperten sie auf die Luke zu, unter der er zwei betonierte Treppenstufen ausmachen konnte. Mit letzter Kraft ließ er sich langsam und auf dem Hosenboden rutschend, die Treppe hinunter, die in undurchdringliche Schwärze führte. Er hörte Lacey über sich, die verzweifelt versuchte, die Luke wieder zu schließen. Ein ohrenbetäubender Knall, der gleichzeitig auch das letzte Bisschen Licht verlöschen ließ, verriet ihm, dass sie es tatsächlich geschafft hatte sie beide in Sicherheit zu bringen, dann verabschiedeten sich endgültig seine Sinne und er driftete in eine wohlige, warme Dunkelheit davon.

Kapitel 35