Kapitel 33
Der Friedhof war lange nicht so dunkel, wie Lacey das erwartet hatte. Auf jedem zweiten Grab flackerte mindestens eine kleine Kerze, die vor dem immer noch anhaltenden Regen und dem Wind durch eine rote Plastik- oder Glasummantelung und einem kleinen Deckel geschützt wurde. Zudem hatte die Friedhofsverwaltung vor drei Jahren an den großen Weggabelungen Laternen aufgestellt, deren gelbliches Licht aus den verschnörkelten Glaskästen zu dampfen schien.
Hand in Hand bahnten sie sich mit Nick nun einen Weg durch die langen Reihen von Ruhestätten, die bei diesem unwirtlichen Wetter und in der Finsternis der Nacht genau so tot wirkten, wie die Menschen, die in ihnen tief unter der Erde lagen.
Laceys Herz schlug immer noch wie rasend in ihrer Brust, während ihre Gliedmaßen nicht aufhören wollten zu zittern. Zum einen lag dies sicherlich an der Kälte und ihrer nassen Kleidung, doch da war noch so viel mehr, was aus den Tiefen ihrer Gedanken und ihrer Seele aufstieg und sie erbeben ließ.
Sie versuchte die Bilder immer wieder zu verdrängen, ermahnte sich selbst, sich einfach nur auf den Weg und Nicks Finger um ihre zu konzentrieren, doch so recht wollte dies nicht gelingen. Wie auch? Der Schutzwall, den sie sich so sorgfältig aufgebaut hatte, war gesprengt worden und sie fühlte sich nun ihren Ängsten und Befürchtungen hilflos ausgeliefert.
Sie verstand immer noch nicht, warum sie sich hierauf überhaupt eingelassen hatte. Was sie jetzt und hier tat war etwas, was sie nie im Leben in Erwägung gezogen hatte. Ein erneuter Besuch auf dem Friedhof war für sie so unmöglich gewesen wie die Möglichkeit, dass sich am nächsten Morgen das Tor zur Hölle öffnete und die gesamte Welt mit Haut und Haaren verschlang. Doch genau das war passiert: Ich persönliches Tor zur Hölle hatte sich geöffnet und sie war gerade dabei sich mit offenen Augen ihren Dämonen zum Fraß vorzuwerfen.
Nur um sich irgendwie von ihren, sich immer schneller drehenden Gedanken abzulenken, fragte sie schließlich an Nick gewandt wie bist du hierher gekommen? Warst du auch in dem Zug?
Nick räusperte sich kurz, bevor er antwortete und etwas beklommen fragte sie sich, wie er wohl über diese ganze, seltsame Situation dachte. Nein, entgegnet er schließlich ich habe mir einen Mietwagen genommen. Ich wollte nicht noch einmal in diesem ... Zug festsitzen.
Hm, machte sie, und hatte dann keine Ahnung, was sie noch sagen sollte.
Warum bist du dir so sicher, dass wir hier am richtigen Ort sind? fragte Nick unvermittelt und sie konnte ein kurzes Zusammenzucken ihres Körpers nicht verhindern.
Weil ... ich ... es eben weiß, gab sie unbestimmt zurück und konzentrierten ihren Blick auf die Gräber am Wegesrand, um ihn nicht direkt ansehen zu müssen.
Und was wenn ich jetzt sage, dass mir diese Erklärung nicht ausreicht?
Dann kann ich dir im Moment auch nicht weiterhelfen, entgegnete sie und hoffte, dass er endlich die Klappe halten würde. Es war schon schwer genug überhaupt hier zu sein, da wollte sie nicht auch noch über das alles reden müssen, was gerade in ihrem Kopf vorging.
Lacey, seufzte er, blieb unvermittelt stehen und hielt ihre Hand so fest, dass sie sich nicht von ihm losreißen und davonlaufen konnte. Sie war sich nicht ganz sicher, ob sie das überhaupt noch wollte oder konnte, aber der Druck seiner Finger sagte ihr auch so, dass sie es erst gar nicht probieren brauchte.
Nick? fragte sie mit einem sarkastischen Unterton zurück und fühlte sich mehr als unwohl dabei. Egal was er sagte oder tat, im Moment war er ihre einzige Hilfe. Das sollte sie wohl besser nicht vergessen.
Ich weiß, setzte Nick an dass irgendetwas in deiner Vergangenheit ganz schrecklich schief gelaufen ist und dass wir deshalb jetzt hier sind.
Deshalb? fragte sie erschrocken und riss die Augen auf.
Klar, gab er entgeistert zurück. Was ... ich meine ... ist dir nie in den Sinn gekommen, dass das hier durchaus seinen Sinn und Zweck hat? Also ich meine ... dass sie uns nicht zufällig auf diesen Friedhof gelotst haben?
Sie wusste immer noch nicht so genau, worauf Nick eigentlich hinaus wollte, aber die Erkenntnis befand sich bereits knapp unter der Oberfläche ihres Bewusstseins, das spürte sie ganz deutlich, und sie wusste mit ebensolcher Gewissheit, dass ihr nicht gefallen würde, was Nick als nächstes zu sagen hatte.
Das hier ist das Game of Life, sprach er weiter und betonte dabei jedes einzelne Wort. Sie kennen unsere Namen, sie wussten, wer mein Bruder ist und wie man an ihn ran kommt, selbst einen Blick in unsere Zukunft haben sie bereits geworfen. Ich glaube jedenfalls nicht mehr, dass das alles hier nur Zufall ist.
Lacey fühlte sich, als hätte gerade das letzte Puzzleteil eines sehr komplizierten Rätsels seinen Platz in ihrem Kopf gefunden. Mit einem leisen Klicken passte es sich an der richtigen Stelle ein und vor ihren Augen entfaltete sich das gesamte Bild, das sie bisher nur durch eine Art Nebel wahrgenommen hatte. Natürlich! Das was Nick sagte ergab Sinn. Sogar sehr viel Sinn.
Aber ... das ... , stammelte sie und schüttelte immer wieder den Kopf. Warum? stieß sie dann hervor und fürchtete sich gleichzeitig vor Nicks Antwort.
Das kann ich dir leider auch nicht so genau sagen, gab er zu. Ich weiß nur, dass wir nicht ohne Grund hier sind. Und da ich mir ziemlich sicher bin, dass dieser Grund nichts mit mir zu tun hat, muß die Antwort wohl in deiner Vergangenheit liegen. Mal ganz abgesehen davon, dass du sofort wusstest, was dieser seltsame, letzte Hinweis zu bedeuten hatte.
Du meinst also, jede Station hatte einen tieferen Sinn? fragte sie noch einmal nach.
Vielleicht nicht jede, aber doch die meisten, sagte er langsam und schien dabei ebenfalls erst jetzt die gesamte Tragweite seiner Worte zu erfassen.
Das ist krank, hauchte Lacey.
Womöglich, nickte er. Aber fest steht, dass wir aus einem bestimmten Grund hierher geschickt wurden und den kennst nur du. Und da wir uns auf einem Friedhof befinden, scheint dieser Grund nicht wirklich angenehm zu sein. Trotzdem muß ich wissen, warum wir beide jetzt hier sind. Kannst du das verstehen?
Aaron, nickte sie.
Ja. Aaron und du und ich.
Lacey seufzte und schloss für einen Moment die Augen. Seit dem Vorfall von damals hatte sie keinem Menschen mehr die gesamte Geschichte erzählt. In den ersten Tagen nach dem Unfall hatte sie pausenlos über all das sprechen müssen. Die Polizei, ihre Eltern, die Eltern, Freunde und Verwandte von Michael, Aden und Trin, die Psychologen, Gerichtsmediziner, der Vorstand der Bahnverwaltung ... sie alle hatten die Geschichte hören wollen und sie hatte jeden mit den gleichen, knappen Worten ins Bild gesetzt.
Doch heute war vieles anders. Es ging hier nicht darum einen Tathergang aufzuklären, sondern darum, warum das G-o-L Komitee sie ausgerechnet hierher geschickt hatte. Lacey konnte sich immer noch nicht vorstellen warum, aber sie wusste, dass sie an die Geschichte von damals aus einem anderen Blickwinkel herangehen musste und dass lediglich die harten Fakten diesmal nicht ausreichen würden.
Ich kann dir das alles nicht hier und jetzt erklären, sagte sie also bestimmt und schaute nun wieder zu Nick auf. Das Regenwasser rann ihm über das Gesicht, seine Wangen waren von dem kalten Wind gerötet und seine Augen schienen sie sehr ernst und unergründlich zu durchbohren.
Wann dann? hakte er nach.
Später, gab sie unbestimmt zurück und wusste, dass sie sich damit um ihre Verpflichtung herum drückte. Lass uns erst einmal sehen, was hier auf uns wartet, in Ordnung?
Nicht in Ordnung, gab er zu. Aber damit muß ich mich wohl abfinden, oder?
Lacey nickte, während sich ihre Eingeweide in flüssiges Feuer verwandelten und damit begannen, sie von innen auszuhöhlen.
Nick seufzte, dann nickte auch er und ließ dann seinen Blick über die ordentlichen Reihen von Gräbern wandern. Wo müssen wir hin? fragte er dann ohne Lacey anzusehen.
In den hinteren Teil, erklärte sie und setzte sich zögernd wieder in Bewegung. Was sollte sie nur tun, wenn er entschied, dass er nicht mit ihr weitergehen wollte? Wenn er sich zu sehr über ihre offensichtliche Abfuhr ärgerte und er der Meinung war, dass sie die Suppe, die sie ihm eingebrockt hatte, ruhig alleine auslöffeln konnte? Sie waren wegen ihr Lacey hier und es bestand demnach für Nick keinerlei Veranlassung, ihr das Händchen zu halten.
Wenn du so weitermachst, zerquetschst du gleich meine Finger, hörte sie ihn leise schmunzeln.
Oh, tut mir leid, entschuldigte sie sich sofort, während sie den festen Griff um seine Hand etwas lockerte. Als könne sie ihn mit purer Muskelkraft bei sich behalten. Wie lächerlich!
Ich werde nicht weggehen, hörte sie ihn gleich darauf sagen und die Sanftheit in seiner Stimme trieb ihr schon wieder die Tränen in die Augen.
Irgendwann gehen sie alle, gab sie leise zurück und konzentrierte sich wieder auf den Weg vor sich, der nun in einem weiten Bogen an der Friedhofsmauer entlang in den rückwärtigen, neueren Teil führte.
Aber ich nicht, gab er bestimmt zurück.
Sie sparte sich jede Antwort auf diesen Kommentar. Er würde gehen, so bald sie Aaron gefunden hatten, das war für sie so sicher wie das Amen in der Kirche. Aber darüber brauchten sie sich ja wohl nicht ausgerechnet jetzt zu streiten.
Durch ein niedriges, schmiedeeisernes Tor gelangten sie schließlich in den jüngeren Teil des Friedhofs. Früher hatte man die Grabstätten noch prunkvoll mit einem Granitstein, einem kleinen Mausoleum oder einer Gedenktafel und Blumen und Büschen ausgestattet. Später war man dann dazu übergegangen, die Toten nebeneinander in identischen Gräbern beizusetzen. Lediglich die verschiedenen Namen auf den weißen Holzkreuzen oder auf den im Gras eingelassenen Marmortafeln verrieten, wer hier zur letzten Ruhe gebettet worden war.
Trotzdem war es für Lacey nicht schwer, den richtigen Gang und das richtige Grab zu finden. Das Kreuz mit Adens Namen schien schon aus der Ferne und durch den dunstigen Regenschleier zu leuchten. Natürlich wusste sie, dass das nur Einbildung war und trotzdem lief ihr ein eiskalter Schauer über den Rücken. Es schien ihr jedenfalls, als warte dieses Grab nun schon eine Ewigkeit auf ihren Besuch.
Auch auf Adens Grab brannte eine Kerze, daneben lag ein Blumenstrauß, der allerdings schon ziemlich mitgenommen wirkte und die Dunkelheit und die Stille, die nur vom anhaltenden Rauschen des Regens durchdrungen wurde, ließen ihre Gliedmaßen unangenehm kribbeln.
Die letzten Meter legte sie im Schneckentempo zurück und sie wartete eigentlich nur darauf, dass Nick einen entsprechenden Kommentar darüber abgab. Doch er schwieg und passte sich damit wortlos ihrem Tempo an. Immer noch hielt er ihre Hand ganz fest und diesmal war dies etwas, was Lacey Halt und Sicherheit gab. Ihre Rollen hatten sich auf seltsame Weise vertauscht, was sie allerdings nur am Rande registrierte. Zu sehr war sie auf das Grab und damit auf ihre Erinnerungen fixiert.
Michael hat doch gar nichts getan, hörte sie Adens ruhige, tiefe Stimme plötzlich in ihrem Kopf und ein leises Stöhnen drang aus ihren leicht geöffneten Lippen.
Plötzlich befand sie sich nicht mehr auf dem kalten, verlassenen Friedhof, sondern stand in einer lauen Sommernacht unter einem endlosen Sternenhimmel. Sie hörte Michaels Schritte, die sich hastig von ihr entfernten, nachdem sie ihm ordentlich die Meinung wegen dieser Schnepfe auf der Party gegeigt hatte.
Gut, gut. Sollte er nur mal in Ruhe über ihre Worte nachdenken. Abgesehen davon hatte sie gerade mit ihm Schluß gemacht, auch wenn sie die Worte natürlich nicht wirklich ernst gemeint hatte. Sie liebte ihn doch eigentlich und er liebte sie, das hatte er ihr gerade noch einmal sehr deutlich gesagt, aber im Moment wünschte sie ihn einfach nur zum Teufel. Sie brauchte sich nur vorzustellen, wie er vor dieser blöden Schlampe stand und sie anlächelte und schon brannten in ihr sämtliche Sicherungen durch.
Und jetzt war auch noch Aden aufgetaucht und funkelte sie mit seinen knapp zwei Metern Körpergröße von oben herab an.
Ehrlich Lacey, Michael liebt dich. Er würde doch eure Beziehung niemals aufs Spiel setzen, bekräftigte er noch einmal und legte ihr dabei eine Hand auf die Schulter.
Flüchtig schoss ihr der Gedanke durch den Kopf, wie oft Aden sie mit genau dieser Hand schon berührt hatte, wie er sie freundschaftlich im Arm hielt oder ihr bei einer besonders anstrengenden Klettertour über die Waggons behilflich war. Doch heute hatte diese Geste etwas gönnerhaftes an sich und unwirsch schüttelte sie ihn ab.
Ich habe auch Augen im Kopf Aden. Ich war dabei, verdammt noch mal. Ich stand daneben wie ne doofe Kuh, während sich mein Freund an dieses Flittchen heran geschmissen hat.
Er hat sich mit ihr lediglich unterhalten, widersprach Aden, immer noch äußerst ruhig, was Lacey nur noch mehr auf die Palme brachte.
Hat er NICHT! Verdammt noch mal. Warum kapiert ihr das denn nicht? Ist das so ein Männer-/Frauending oder was? Stell dir doch mal vor, Trin hätte so was gebracht. Du wärst genau so ausgeflippt und hättest wahrscheinlich noch auf der Party alles kurz und klein geschlagen. Aber ich darf noch nicht einmal berechtigte Zweifel anmelden??
Ich gebe nur zu bedenken, fuhr Aden ungerührt fort dass Michael uns noch nie angelogen hat und wenn er sagt, dass da nichts war, dann glaube ich ihm das.
Lacey holte bereits Luft um Aden etwas durch und durch undamenhaftes an den Kopf zu werfen, als sich unerwartet Trinitys leise Stimme in ihre Unterhaltung einmischte.
Baby, warum gehst du nicht einfach mal nach Michael sehen, hm? sagte sie zu ihrem Freund und strich ihm dabei sanft über den Arm. Laceys Magen zog sich bei dieser kurzen, liebevollen Geste so schmerzhaft zusammen, dass sie sich am liebsten auf dem Boden zusammengekrümmt hätte, doch sie blieb schweigend und aufrecht stehen. Sie würde keine Schwäche zeigen. Nicht vor Michael und nicht vor Aden.
In diesem Moment beugte sich Aden zu seiner Freundin hinunter und küsste sie sanft auf die Wange. Mach ich. Pass mir nur auf unsere Furie hier auf, ja?
Klar, nickte Trin und Lacey ballte die Hände an ihren Seiten zu Fäusten.
Furie? FURIE??
Wer war er? fragte plötzlich Nick in ihre Gedanken hinein und holte sie damit unsanft in die Kälte, den Regen und an Adens Grab zurück, vor dem sie nun zitternd in dem eisigen Wind standen.
E-Ein ... , krächzte Lacey, räusperte sich dann ein paar Mal und versuchte sich dabei wieder auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Doch so ganz gelang ihr dies nicht. Sie sah immer noch Adens dunkle Augen über sich und hörte seine sanfte, warme Stimme, die nie etwas verletzendes oder Böses zu ihr gesagt hatte. Ein Freund, setzte sie dann noch einmal neu an.
Aden Delayne, lass Nick laut vor und fügte anschließend im Flüsterton hinzu Er wurde nicht sehr alt.
Nein, bestätigte Lacey ebenso leise, während sie nur noch daran denken konnte, dass es ihre Schuld war, dass Aden jetzt hier lag. Tot und begraben. Für immer.
Sie spürte, wie Nick sich vorsichtig hinter sie schob und gleich darauf, wie sich seine Arme von hinten um sie schlossen.
Es tut mir leid, hörte sie ihn nahe an ihrem Ohr flüstern, während sein warmer Atem ihre Wange streichelte und damit ihre Knie weich wie Pudding werden ließen.
Mir auch, gab sie ebenso leise zurück und unterdrückte dabei ein Schluchzen.
Was ist mit ihm passiert? fragte er dann weiter.
Das möchte ich gerne auf später verschieben, gestand Lacey krächzend.
Hm ... in Ordnung, entgegnete er nach kurzem Zögern und zu ihrer riesengroßen Erleichterung. Glaubst du, der nächste Hinweis ist hier versteckt?
Sofort erwachte in ihr der Impuls von Nick abzurücken und ihn ungläubig zu fragen, ob ihn in dieser Situation tatsächlich nur das dämliche Spiel interessierte, doch im gleichen Moment schalt sie sich eine Idiotin. Er wusste nicht, warum sie hier waren, er hatte keine Ahnung, was gerade in ihr vorging und er machte sich nach wie vor große Sorgen um seinen Bruder. Natürlich konnte er an nichts anderes als an das Spiel denken.
Also schüttelte sie langsam den Kopf. Ich glaube nicht, dass der Hinweis hier ist, aber zur Sicherheit sollten wir ... also ..., sie verstummte, weil sie sich nicht vorstellen konnte dem Grab näher zu kommen, als sie sowieso schon war. Ihre Hände auf den Rasen über Adens Leichnam legen? Das weiße Holzkreuz berühren? Undenkbar!
Ich werde nachsehen, sagte Nick und sie spürte beinahe so etwas wie Verzweiflung, als er einen Schritt zurücktrat, sie damit losließ und sich dem Grab näherte.
Wie betäubt starrte Lacey auf seinen Rücken, während er das Kreuz, den Rasen und die vom Regen durchweichten, unansehnlichen Blumen begutachtete. Er knipste sogar die Taschenlampe für einen Moment an und Lacey schloss dabei gequält die Augen. Sie brauchte kein Spotlight für ihre Schuldgefühle.
Hier ist nichts, bestätigte er schließlich und als sie die Augen wieder öffnete, richtete er sich gerade wieder auf und schaltete die Lampe aus. Seine blauen Augen ruhten unergründlich auf ihrem Gesicht, gerade so, als wolle er in sie hinein sehen um endlich den Grund zu erkennen, warum sie hier waren.
Dachte ich mir, nickte Lacey. Lass uns weiter gehen.
Ohne eine Antwort abzuwarten drehte sie sich herum und ging die lange Reihe von Gräbern entlang. Je weiter sie Aden hinter sich ließ, umso mutloser wurde ihr zumute. Irgendwie hatte sie das unlogische Gefühl, dass sie ihn erneut im Stich ließ. Er lag alleine und tot in seinem Grab, während sie nach wie vor sehr lebendig war und sich nun immer weiter von ihm entfernte.
Einige Schritte weiter hatte Nick sie wieder eingeholt, doch das Gefühl seiner kalten Finger, die sich nun erneut wie selbstverständlich um ihre schlossen, vermochte diesmal nicht mehr bis zu ihrem Herzen durchzudringen. Sie fühlte sich kalt und abgestorben und daran konnte mittlerweile auch Nicks Anwesenheit nichts mehr ändern.
Trinitys Grab lag nicht sehr weit von Adens entfernt und trotzdem schmerzte Lacey der Gedanke, dass die beiden durch eine unüberwindliche Gras- und Erdschicht getrennt waren. In ihrer Vorstellung gehörten die beiden zusammen und das auch im Tod. Irgendwie hätte sie der Gedanke getröstet, dass die beiden gemeinsam in einem Grab lagen und somit für alle Ewigkeit vereint blieben.
Auf Trins Grab wies nichts darauf hin, dass es vor kurzem besucht worden war. Kein Licht brannte, keine Blumen lagen auf dem kurz geschorenen Rasen und das weiße Holzkreuz wirkte bereits leicht verwittert.
Hey Süße, kam es unerwartet über ihre Lippen, während sich der salzige Geschmack von Tränen auf ihrer Zunge einstellte. Ist lange her, hm? murmelte sie weiter, auch wenn sie sich eigentlich sicher war, dass ihre Freundin sie nicht mehr hören konnte.
Das war vielleicht ne dämliche Schlampe, hörte sie Trinitys Stimme in ihrem Kopf, während sie in der Gegenwart die Augen schloss und erneut mitten in Highfields erwachte.
Sag bloß du siehst das tatsächlich genau so wie ich, stieß Lacey freudig erregt hervor. Endlich! Auf Trin war eben Verlass.
Na hallo? Die Tussi war ja kurz davor Michael von oben bis unten abzulecken. Ich schwöre, wenn du nicht dabei gewesen wärst, hätte sie sich ihm in der nächsten Sekunde an den Hals geworfen.
Gott! stieß Lacey hervor und warf ihrer Freundin überschwänglich die Arme um den Hals. Du bist die beste Freundin von allen, hab ich das schon mal erwähnt?
Gelegentlich, kicherte Trin und drückte sie an sich. Aber mal ganz im Ernst, fuhr sie dann fort und schob Lacey ein kleines Stück von sich, um ihr in die Augen sehen zu können. Michael hätte nie was mit ihr angefangen, das ist dir hoffentlich auch klar, oder? Ich meine ... das Flittchen war doch überhaupt nicht seine Kragenweite. Du weißt, dass er solche Püppchen nicht abkann und ... ,
Aber er hat sie angebaggert! beschwerte sich Lacey und trat ruckartig einen Schritt zurück.
Vielleicht hat er ein bisschen mit ihr geflirtet, gab Trin zu aber du glaubst doch nicht im Ernst, dass er dich, Mega-Lacey und Granate im Leben und im Bett, für so ne billige Brunstulpe verlassen hätte.
Brunstulpe? prustete Lacey.
Ja, Brunstulpe, bestätigte Trin kichernd.
Für einen Moment schien die Welt wieder in ihre vorbestimmte Bahn zu springen und Lacey fühlte sich beinahe wieder versöhnt. Allerdings auch nur beinahe, denn sofort standen ihr wieder Michaels lüsterner Blick und seine Hand auf dem Arm der Schlampe vor Augen.
Ehrlich Trin, ich war daneben gestanden und das war unter aller Sau, was er da abgezogen hat. Er hat mich behandelt, als sei ich Luft! Soll ich mir das wirklich gefallen lassen?
Das vielleicht nicht, entgegnete Trin langsam aber ist sie es wirklich wert, dich deshalb mit ihm zu streiten? Er liebt dich, das weißt du, das weiß ich und das weiß sogar Aden. Also was soll der ganze Aufstand? Beweiß ihm, dass er sich mit dir für die Richtige entschieden hat. Alles andere bringt doch eh nichts.
Das sehe ich anders, ich ... ,
In diesem Moment zerriss Michaels lautes Fluchen die Nacht und gleich darauf folgte Adens mehr als alarmierender Ruf. Trin? Lacey? Schnell!!
Lacey und Trinity starrten sich für einen Moment bewegungslos an, dann fuhren sie herum und hasteten los in die Richtung, aus der die Rufe gekommen waren.
Trinity Fabian, las Nick plötzlich leise vor und zerrte Laceys Geist damit unaufhaltsam zurück in die Gegenwart. Freut mich dich kennen zu lernen.
Über so etwas macht man keine Witze, zischte Lacey aufgebracht.
Das sollte kein Witz sein, verteidigte er sich sofort. Es ist nur ... irgendwie ... das sind die ersten Anzeichen dafür, dass du auch eine Vergangenheit hast und da diese Menschen dir scheinbar sehr viel bedeutet haben und du schließlich auch mit ihr gesprochen hast dachte ich ... , unvermittelt verstummte sein aufgeregtes Geplapper und er biss sich verschämt auf die Unterlippe. Tut mir leid, murmelte er dann.
Lacey schüttelte seufzend den Kopf. Zu mehr war sie im Moment nicht fähig. Ihr Blick richtete sich stattdessen auf Trinitys Grab und sie fühlte erneut, wie sich ihr Magen verknotete und ihr gesamter Körper zu zittern begann. Gott, das war alles so lange her und so tief vergraben gewesen. Jetzt kam es ihr beinahe so vor, als buddele sie eigenhändig die Leichname ihrer Freunde aus, nur um sie sich noch einmal genau anzusehen und dabei doch keine Erlösung zu finden.
Uhm ... , machte Nick irgendwo hinter ihr und Lacey wappnete sich innerlich gegen das, was jetzt gleich kommen würde. Die beiden ... also ... ist das Zufall, dass sie am selben Tag ... also .... uhm ... gestorben sind?
Lacey schlang die Arme fest um ihren Oberkörper und schüttelte dabei den Kopf. Sie traute sich nicht mehr Nick anzusehen. Vielleicht würde er ihre Tränen weiterhin nicht bemerken, weil sie sich mit dem Regenwasser auf ihrer Haut vermischten, aber im Moment könnte er das Entsetzen ganz deutlich in ihren Augen lesen und sie hatte einfach keine Kraft mehr für weitere Fragen.
Aus den Augenwinkeln sah sie, wie er an ihr vorbei und vor sie trat, dann legten sich unvermittelt seine großen, kräftigen Hände auf ihre Schultern.
Lace? flüsterte er.
Sie war nicht fähig, irgendetwas zu antworten oder sich auch nur einen Millimeter zu bewegen. Die Erinnerungen hatten sie eingefroren. An einem Ort, der kalt und dunkel war und von dem es kein Entrinnen gab.