Kapitel 32
Lacey beschimpfte sich innerlich laut und vernehmlich, um die Angst zu übertönen, die sich wie schwarze Tinte auf einem Löschpapier in ihr ausbreitete.
Was machst du hier? schrie sie, während vor der Fensterscheibe des Großraumzugabteils die regengepeitschte Landschaft vorbei zog. Du wolltest doch sterben, Herr Gott noch mal. Und? Bist du vielleicht tot? Nein. Du bist sehr lebendig und das nur, weil dieser dämliche Mister Carter in deinem Kopf aufgetaucht ist und mit ihm deine Schuldgefühle wegen seines Bruders. Du bist so erbärmlich Lacey Jenkins. Nicht einmal dein Leben kannst du richtig beenden.
Ihre zitternden Hände krampften sich in ihrem Schoß noch etwas fester zusammen, während ihr Tränen der Wut und Verzweiflung in den Augen standen. Sie war doch so fest entschlossen gewesen! Sie hatte das Hotelzimmer genommen, den Wein in ein Glas gegossen und ihn beinahe schon auf ihrer Zunge schmecken können. Und dann ... sie wusste nicht genau, was dann mit ihr passiert war. Sie stellte einfach fest, dass sie es nicht tun konnte. Sie konnte den Wein nicht trinken. Immer noch fühlte sie sich, als würden zwei verschiedene Persönlichkeiten in ihr wohnen und sie unnachgiebig in die jeweils entgegengesetzte Richtung zerren. Es schmerzte und es führte sie an den Rand des Wahnsinns.
Also war sie wieder in ihre immer noch nassen Klamotten gestiegen, hatte den Wein zurück in die Flasche geschüttet und war hinaus in den anhaltenden Regen getreten. Sie kaufte sich am Bahnhof ein Ticket nach Jacksonville und verschwendete dabei keinen Gedanken mehr daran, dass sie damit eine weitere, elektronische Spur für eventuelle Verfolger legte. Das war nun auch schon egal. Anschließend schlich sie sich mit rasendem Herzklopfen und rebellierenden Eingeweiden zu dem Schließfach, in dem ihr Gepäck verstaut gewesen war.
Schon von weitem konnte sie erkennen, dass ihr hastig geschriebener Brief fehlte und die Tür zu ihrem Fach offen stand. Der Gedanke, dass Nick tatsächlich hier gewesen und danach ohne sie weitergefahren war, bohrte erneut eine unerwartete Lanze aus Schmerz in ihr Herz. Sie konnte sich das nicht wirklich erklären, war sie doch eigentlich der Meinung gewesen, alle irdischen Brücken hinter sich abgebrochen zu haben und nur noch auf sich selbst fixiert zu sein. Doch scheinbar hatte es dieser blonde Popstar geschafft, sie fester an das Leben zu binden, als ihr lieb sein konnte.
Sie versuchte sich einzureden, dass sie nur noch atmete, weil sie es nicht ertragen konnte für ein weiteres, tragisches Schicksal verantwortlich zu sein. Das G-o-L Komitee hatte ihnen schließlich klar und deutlich mitgeteilt, dass Aaron nur dann unversehrt bleiben würde, wenn sie sich gemeinsam auf den Weg machten. Mit ihrem egoistischen Vorhaben, diese Welt zu verlassen bevor das Spiel beendet war, nahm sie somit Nick jede Chance, seinen Bruder wieder in die Arme zu schließen.
Doch im Grunde wusste sie bereits, auch wenn sie es sich nicht wirklich eingestand, dass es noch sehr viel mehr Gründe gab, warum sie jetzt in diesem Zug saß und sich damit unaufhaltsam dem Friedhof von Jacksonville näherte.
Als sich bei diesem Gedanken das riesige, schmiedeeiserne Friedhofsportal vor ihrem geistigen Auge materialisiert, schüttelte sie diese Bilder wie ein lästiges Insekt ab und zwang ihre brennenden Augen dazu, sich auf die Landschaft vor dem Fenster zu konzentrieren. Viel konnte sie allerdings nicht erkennen. Es regnete immer noch in Strömen. Mittlerweile hatte sich ein heftiger Wind hinzugesellt und riss an den Bäumen und Sträuchern, die die Gleise säumten. Wassertropfen malten glitzernde Spuren an die Fensterscheibe und vermittelten Lacey damit mehr als alles andere ein Gefühl von Bewegung und somit auch von Machtlosigkeit. Was nun geschah, lag außerhalb ihres Einflussbereichs. Irgendetwas anderes hatte in ihr die Führung übernommen und sie fragte sich beklommen, ob dies ein letzter Rest Überlebenswille oder etwas größeres, noch viel stärkeres war, das sie bisher nicht benennen konnte.
Als Nick das Ortsschild von Jacksonville passierte, atmete er erleichtert auf und sandte ein kurzes Dankgebet gen Himmel. Die letzten Stunden waren ihm nämlich wie ein nicht enden wollender Albtraum erschienen.
Erst gab es Probleme mit dem Autoverleiher, der ihm tatsächlich weiß machen wollte, sie hätten nur noch einen alten, klapprigen Toyota auf Lager, bei dem sich dieser geschniegelte Typ hinter dem Schalter noch nicht einmal sicher war, ob er die Strecke bis nach Jacksonville überhaupt noch schaffen würde.
Dann war Gott sei Dank ein Geschäftsmann aufgetaucht, der seinen gemieteten BMW zurück brachte. Nachdem Nick sämtliche Papiere ausgefüllt und zudem noch unterschrieben hatte, dass er auf die normaler Weise übliche Inspektion nach Rückgabe eines Leihwagens verzichtete, hatte er endlich und mit fast zwei Stunden Verspätung aufbrechen können.
Der BMW verfügte über ein Navigationssystem, was nach dem unverhofften Auftauchen seines Fahrzeuges das einzige Gute an diesem ansonsten mehr als beschissenen Tag gewesen war.
Danach reihte sich Panne an Panne. Das Wetter war furchtbar, so dass die Scheibenwischer kaum hinterher kamen, die riesigen Mengen von Wasser, die vom Himmel stürzten, fortzuwischen. Zudem war ein ordentlicher Sturm aufgekommen, der selbst den aerodynamischen BMW aus der Spur zu drücken versuchte. Er kam also, wie es ihm schien, lediglich im Schneckentempo voran.
Die ersten Kilometer hatte er zudem keinen Sender in diesem verdammten Radio gefunden, so dass ihn lediglich das Rauschen der aufspritzenden Wasserfontänen und das Heulen des Sturms begleiteten.
Dann fand der Sendersuchlauf doch noch etwas passendes, nur damit Nick nun erfuhr, dass sich ein Hurrikan der Küste vor Jacksonville näherte. Er hatte laut aufgestöhnt, als diese Information langsam aber sicher in sein Hirn eindrang. War ja eigentlich klar gewesen: Er machte sich auf um seinen Bruder zu retten und der einzige Ort, an dem er dies tun konnte, wurde von einem Hurrikan bedroht. Na prima!
Auf halber Strecke war ihm dann schließlich auch noch ein Reifen geplatzt. Gott sei Dank war ihm oder dem Wagen nichts passiert, aber es kostete ihn erneut wertvolle Zeit. Zudem war er das erste Mal in seinem Leben gezwungen, einen Reifen alleine und selbständig zu wechseln. Er hätte zwar auch bei seinem Automobilclub anrufen können, doch er war der Meinung gewesen, dass er das alleine wesentlich schneller hinbekommen würde.
Tatsächlich hatte er eine gute Stunde gebraucht, in der er erst einmal das Reserverad im gesamten Wagen suchen musste, danach weiter nach dem Wagenheber fahndete und zu guter letzt den Türschweller des BMWs ruinierte, weil er den Hebel an der falschen Stelle ansetzte.
Als er schließlich wieder klatschnass und durchgefroren in den Wagen stieg, konnte ihn der Stolz, dass er so etwas schwieriges wie das Wechseln eines Reifens ganz alleine hinbekommen hatte, auch nicht mehr trösten. Er war erschöpft, er zitterte vor Kälte und er war Aaron noch kein Stück näher. Zudem nagte die Angst an ihm, dass das G-o-L Komitee irgendetwas schlimmes mit seinem Bruder anstellen könnte, weil Lacey nicht mehr bei ihm war.
Ab und an fragte er sich, was sie jetzt wohl machte, wie es ihr ging und warum sie einfach auf und davon gelaufen war, doch immer wieder lenkte er dann seine Gedanken in eine andere Richtung. Zum einen würde er sowieso keine Antworten auf seine Fragen finden und zum anderen schnitt ihm die Vorstellung von ihrem hübschen Gesicht direkt und so tief ins Herz, dass er sich jedes Mal noch mutloser und erschöpfter fühlte, als ihm sowieso schon zu Mute war.
Doch nun hatte er Jacksonville endlich erreicht und alles was er tun musste war, den Friedhof aufzusuchen und damit auch den nächsten Hinweis oder vielleicht sogar Aaron selbst zu finden. So weit so gut.
Mittlerweile war es stockfinstere Nacht. Er kurvte eine ganze Weile durch die nicht gerade kleine Stadt, blickte sehnsüchtig auf die im Dunst verheißungsvoll leuchtenden Fenster von Bars und Restaurants und konnte hier und da beobachteten, wie man sich bereits auf die Ankunft des Hurrikans vorbereitete. Bretter wurden vor Fenster genagelt, alles was nicht niet- und nagelfest war anderweitig verstaut und die Supermärkte leer gekauft. Ein Gemisch aus Furcht, Aufregung und Nervenkitzel begann durch seine Adern zu pulsieren und verlieh ihm damit neue Kräfte. Die Müdigkeit verflüchtigte sich aus seinen Gedanken und seinem Körper und als er schließlich den ersten Wegweiser Richtung Friedhof erspähte, richtete er sich vor Aufregung kerzengerade in seinem Sitz auf.
Zwei Meilen später bog er schließlich auf einen riesigen, verlassenen Parkplatz ein. Als er anhielt, malte das strahlende Licht seiner Scheinwerfer helle Kreise auf eine rote Backsteinmauer direkt vor ihm, an der das Regenwasser herab ran. Mit dem Abstellen des Motors verstummte auch das Radio, somit war das Trommeln des Regens auf dem Wagendach das einzige Geräusch, das die Stille nun noch durchdrang. Plötzlich fühlte er sich unglaublich einsam und allein gelassen. Was tat er hier eigentlich?
Du rettest deinen Bruder antwortete er sich sofort selbst, während er die biestige Stimme ignorierte, die ihm zuflüsterte, dass Aaron gar nicht in dieser Situation wäre, wenn Nick nicht unbedingt dieses dämliche Spiel hätte spielen wollen.
Schließlich nahm er seine mittlerweile immerhin nur noch leicht klamme Jacke vom Beifahrersitz, griff sich die riesige Taschenlampe, die er in weiser Voraussicht ins Handschuhfach gepackt hatte, zog sich das Schild seiner Baseballkappe tief ins Gesicht und trat hinaus in den strömenden, eiskalten Regen. Schnell schlüpfte er in seine Jacke, zog den Reißverschluss bis zum Kinn hoch und klappte auch noch den Kragen nach oben. Den Kopf tief zwischen die Schultern gezogen stapfte er los.
Das Friedhofsgelände wurde von einer mannshohen, nicht enden wollenden Mauer umgeben und von Laternen beleuchtet, deren Licht kaum die Wand aus Regen durchdringen konnte. Riesige, alte Bäume wiegten sich im Inneren der Ruhestädte in dem immer noch anhaltenden Wind, abgerissene Blätter wirbelten durch die Luft und eine eisige Kälte schien aus den unzähligen Gräbern aufzusteigen. Nick fröstelte ohne Unterlass, seine Füße in den durchgeweichten Turnschuhen fühlten sich wie Eisklötze an und alles in allem hatte er das Gefühl, nie wieder in seinem Leben richtig trocken und warm werden zu können. Aber das musste ihm jetzt egal sein. Er war hier um seinen Bruder zu befreien und da ließ er sich ja wohl nicht von so einem kleinen Sturm aufhalten!
Er erreichte das Ende der Mauer ohne ein Eingangstor gefunden zu haben. Also bog er um die Ecke und stapfte tapfer weiter. Die Taschenlampe klemmte unter seinem Arm, da er seine Hände tief in den Jackentaschen vergraben hatte, in denen er ein durchweichtes Taschentuch und den Autoschlüssel umkrampfte, sein Blick war starr auf den Boden gerichtet, da ihm so das Schild seiner Kappe den besten Schutz vor dem Regen bot und seine Schultern fühlten sich schon jetzt vollkommen verspannt an. Wenn er dieses blöde Komitee nur endlich zwischen die Finger bekommen könnte!
Schließlich hob er kurz den Blick um sich zu orientieren und was er dabei sah, ließ ihn für einen Moment aus dem Tritt kommen, bevor er wie vom Donner gerührt stehen blieb, um die Szenerie irgendwie in sich aufnehmen zu können.
Zum einen stellte er fest, dass er mit dem Wagen einfach noch ein Stück um den Friedhof hätte herum fahren können und er somit nicht die gesamte Strecke im Regen hätte zurücklegen müssen. Zum anderen tauchten mehrere Laternen ein riesiges Eingangsportal in helles Licht, über dem ein aus Metall geschmiedeter Löwe wachte. Gleich darauf gewahrte er in einiger Entfernung eine zierliche Gestalt, die unter den ausladenden Ästen eines Baumes vor den herabströmenden Wassermassen Schutz gesucht hatte und an der Friedhofsmauer lehnte.
Lacey! schoss es ihm sofort den Kopf, nur um sich gleich darauf einen Idioten zu schimpfen. Das konnte nie und nimmer Lacey sein. Erstens konnte sie unmöglich schon hier sein, zweitens war sie ganz sicher nicht vor ihm davon gelaufen, nur um ihn hier wieder zu treffe und drittens spielten ihm seine Augen, die Dunkelheit und sein müdes, strapaziertes Gehirn einfach einen Streich. Ja, genau so musste es sein.
Nur leidlich beruhigt setzte er seinen Weg schließlich fort, senkte seinen Blick allerdings immer nur für Sekundenbruchteile, weil er viel zu sehr auf die Gestalt fixiert war, die sich nun langsam von der Mauer löste, als sie ihn entdeckte. Mit jedem Schritt, mit dem er sich ihr näherte, wuchs in ihm die Gewissheit, dass er sich hier einer Fatamorgana gegenüber sah. Er registrierte die Jacke und Mütze in den Farben der Atlanta Braves, ihr blondes Haar, aus dem bereits das Regenwasser tropfte, und ihr vor Kälte gerötetes Gesicht. Als sie schließlich nur noch wenige Schritte trennten, erkannte er auch ihre rot geweinten Augen und den verzweifelten Zug um ihre Mundwinkel, die sein Herz augenblicklich schmerzhaft zusammenpressten.
Seine Füße quittierten nun endgültig ihren Dienst und so standen sie sich schließlich schweigend im strömenden Regen gegenüber und starrten sich mit großen Augen an. Nick wollte irgendetwas sagen, wusste aber nicht was. Einerseits wollte er ihr Vorhaltungen machen, dass sie ihn so einfach in Atlanta hatte stehen lassen und andererseits wollte er sich bei ihr bedanken, dass sie jetzt hier war.
Schließlich trat sie einen weiteren Schritt auf ihn zu, streckte die Arme aus und schob sie langsam und vorsichtig um seine Taille, während sie ihm weiterhin, inzwischen aber beinahe mit einem flehenden Blick, in die Augen sah. Er konnte gar nicht anders. Seine Arme schlossen sich von ganz alleine um sie und zogen ihren schmalen, heftig zitternden Körper an sich, während er die Taschenlampe hinter ihrem Rücken fest umkrampfte. Wie selbstverständlich schmiegte sie ihre Wange an seine nasse, kalte Brust und er spürte, wie sie einmal tief ein- und wieder ausatmete.
Es tut mir leid, murmelte sie.
Ist schon okay, hörte er sich sagen und stellte zu seiner eigenen Verblüffung fest, dass dies tatsächlich der Wahrheit entsprach.
Ich brauche deine Hilfe, fuhr sie dann fort, was ihn, gelinde gesagt, ziemlich verwirrte. Ich war seit Ewigkeiten nicht mehr hier und ... es ... macht mir Angst. Ich weiß nicht, ob ich es schaffe, also ... , sie verstummte und drückte sich noch etwas fester an ihn.
Vielleicht solltest du mir einfach sagen, was mit dir los ist. Dann kann ich dir sicherlich auch helfen, entgegnete er mit krächzender Stimme.
Später, murmelte sie.
Okay, entgegnete er zaghaft und küsste sie dann sanft auf die Stirn weil er der Meinung war, dass diese Geste ihnen beiden helfen konnte, wenn er auch nicht wirklich verstand wieso.