Kapitel 31
Nick fluchte leise vor sich hin, als er durch den strömenden Regen auf das Eingangsportal des Bahnhofs zu rannte. Heute, so entschied er, war eindeutig nicht sein Glückstag. Erst hatte er kostbare Zeit damit verschwendet, Lacey irgendwo in der wogenden Menge der nach Hause strömenden Fans zu finden und dann war es so gut wie unmöglich gewesen, ein Taxi zu bekommen.
Eigentlich hätte ihm klar sein müssen, dass er Lacey nicht finden konnte, egal wie sehr er sich anstrengte oder sie herbeisehnte. Sie war vor seinen Augen verschwunden und ganz offensichtlich wollte sie nicht gefunden werden. Das Schlimme daran war, dass er mittlerweile befürchtete, dass er eventuell nicht der einzige war, der sie suchte. Während er nämlich durch den Regen stapfte und verzweifelt nach ihr Ausschau hielt war ihm so langsam aufgegangen, dass er eigentlich keine Ahnung hatte, warum sie sich damals in diesem Motel aufgehalten hatte oder was sie sonst so in ihrem Leben machte. Sie war einfach so, ohne irgendwem bescheid zu geben, mit ihm mitgegangen und hatte sich auf dieses Spiel eingelassen. Dabei hatte sie penibel darauf geachtete, ihn nicht näher als nötig an sich heran kommen zu lassen und er ärgerte sich gerade jetzt maßlos darüber, dass er diese offensichtlichen Zeichen, dass mit ihr etwas nicht stimmte, einfach so übergangen hatte.
Irgendwann hatte er dann einsehen müssen, dass er sie nicht finden würde. Womöglich war er sogar direkt an ihr vorbei gelaufen, ohne sie zu bemerken. Immerhin trug sie die gleichen Klamotten, wie siebzig Prozent der anwesenden Baseballfans. Er hatte sich also für einen Moment unter einen der Treppenaufgänge zum Stadion untergestellt und hin und her überlegt, welche Möglichkeiten er hatte. Schließlich war ihm das Schließfach wieder eingefallen und der Schlüssel dazu, der in seiner Jackentasche schlummerte. Wenn es also überhaupt eine Möglichkeit gab, Lacey wieder zu finden, dann war dort die Wahrscheinlichkeit am größten.
Also war er wieder hinaus in den eiskalten Regen getreten und war auf der Suche nach einem Taxi gefühlte 1.000 Kilometer durch Atlantas Straßen geirrt. Irgendwann, als er sich so weit vom Stadion entfernt hatte, dass ihm kein Mensch mehr begegnete, der in den Farben der Atlanta Braves gekleidet war, hatte er schließlich Glück gehabt. Er sah den gelben Wagen schon von Weitem und winkte ihn hektisch und unter lautem Pfeifen heran. Er hatte dem Fahrer versucht klar zu machen, dass es für ihn sozusagen lebenswichtig war, so schnell wie möglich an die Georgia State Station zu gelangen, doch für seinen Geschmack hatte sich der Fahrer immer noch viel zu viel Zeit gelassen.
Mit Schwung stieß er nun die Eingangstür zur Bahnhofshalle auf und trat damit in die feuchte Wärme von unzähligen Passagieren, die sich hier vor dem Regen in Sicherheit gebracht hatten und auf ihre Züge warteten.
Nick betrachtete jedes Gesicht in der Menge ganz genau, doch er konnte Laceys blaue Augen und ihren blonden Haarschopf auch hier nirgends entdecken. Zielstrebig bahnte er sich seinen Weg zu dem Raum mit den Schließfächern und sein Herzschlag stieg dabei stetig an. Er hoffte so sehr, dass er Lacey unversehrt vor ihrem Schließfach vorfinden würde. Wahrscheinlich hätte sie mal wieder keine Erklärung für ihr Verhalten, doch sie würden gemeinsam weiter machen, Aaron suchen und befreien und danach, wenn dieses unsägliche Spiel endlich beendet war, würde er dafür sorgen, dass sie nicht mehr vor ihm davon zu laufen brauchte.
Doch schließlich registrierten seine Augen zwei Sekunden vor seinem Gehirn, was er bereits tief in sich gewusst hatte: Lacey war nicht hier. Der Gang, in dem ihr Schließfach lag, war verlassen und wirkte dadurch beinahe so, als wolle er Nick verspotten.
Hast du wirklich gedacht sie sei hier? Schien er zu rufen. Glaubst du wirklich, ihr liegt irgendetwas an dir, deinem Wohlergehen oder dem von Aaron?
Nick schluckte schwer und schlurfte die letzten Meter langsam in die Mitte des Ganges, wo sich in Augenhöhe ihr Schließfach befand. Verdammt, wo war sie bloß? Warum hatte sie ihn ausgerechnet jetzt verlassen, wo er sie am meisten brauchte? Warum ...
Sein Gehirn leerte sich augenblicklich, als er den Zettel entdeckte, der in dem schmalen Zwischenraum zwischen zwei Schließfächern steckte. Hektisch machte er die letzten drei Schritte und riss mit einer schnellen Bewegung das Papier an sich. Es fühlte sich merklich feucht zwischen seinen zitternden Fingern an und unsagbar vorsichtig faltete er die Nachricht auseinander, um sie nicht noch zu zerstören.
Im ersten Moment ergab das seltsame Gekrakel für ihn keinen Sinn, bis er begriff, dass sie ihm einen Brief geschrieben hatte und dabei unübersehbar in Hektik gewesen war. Mit zusammengekniffenen Augen und gerunzelter Stirn gelang es ihm schließlich, die Schrift zu entziffern.
Lieber Nick,
ich weiß, dass das hier nicht fair ist und dass ich dich im Stich lasse. Aber glaub mir: Du bist ohne mich wesentlich besser dran.
Fahr zurück nach Jacksonville. Der Ort, der im letzten Hinweis genannt wurde, ist der städtische Friedhof.
Ich werde in Gedanken bei dir sein und drücke dir die Daumen, dass du Aaron unversehrt wieder bekommst.
Leb wohl.
Lacey
Verdammt, presste er zwischen zusammen gebissenen Zähnen hervor, schloss seine Faust um das nasse Stück Papier und holte aus, um seine Wut an einem der unschuldigen Schließfächer auszulassen. Doch im letzten Moment erinnerte er sich an den Schmerz, als er das letzte Mal ohne darüber nachzudenken zu geschlagen hatte und auch der Gedanke, dass Lacey diesmal nicht bei ihm war um ihn zu verarzten, hielt ihn schlussendlich davon ab.
Stattdessen schloss er die Augen und atmete ein paar Mal tief ein und wieder aus. Irgendwie schaffte er es, die Enttäuschung und Wut darüber, dass Lacey nicht hier war und ihn lediglich mit diesen paar Zeilen abspeiste, einzudämmen. Sein Arm senkte sich, bis seine Faust locker an seiner Seite herabbaumelte und nach weiteren fünf Atemzügen war er soweit, dass er die Augen wieder öffnen, den Schlüssel aus seiner Jackentasche nehmen und das Schließfach aufschließen konnte. Sein Blick fiel als erstes auf Laceys Seesack und er hatte das Gefühl, als würde ihm jemand unvermittelt einen scharfkantigen Dolch in sein Herz bohren. Konnte man jemanden, den man kaum kannte, so sehr vermissen?
Im selben Moment schoss ihm der Gedanke durch den Kopf, woher Lacey gewusst hatte, wohin sie der nächste Hinweis führen sollte. Ihm fiel wieder ein, dass sie erwähnt hatte, dass sie aus Jacksonville stammte. Gut, das erklärte vielleicht, woher sie den Friedhof kannte, aber das sagte noch nichts darüber aus, warum sie so entsetzt bei dem Gedanken gewesen war, diesen betreten zu müssen. Anstatt mit ihm zurück in ihre Heimatstadt zu fahren, war sie lieber davon gelaufen und hatte ihm vorher lediglich kurz und knapp erklärt, dass sie nicht mitkommen könne.
Je länger er über diesen Aspekt nachdachte, desto verwirrter fühlte er sich, bis schließlich die Gedanken unkontrolliert und ohne jeden Zusammenhang in seinem Kopf rasten.
Reiß dich zusammen, sagte er schließlich laut, registrierte dabei, dass er immer noch wie ein einsamer Idiot in dem langen, kahlen Gang stand und griff sich schließlich resolut die beiden Gepäckstücke. Aaron ist immer noch in Gefahr. Also vergiss die Kleine schnellsten und tu das, was getan werden muss.
Beinahe hätte er angefangen zu lachen. Seit wann tat Nick Carter das, was getan werden musste? Überließ er dies nicht normaler Weise den Anderen?
Game of Life, murmelte er abfällig. Leute, wenn ich einen von euch zwischen die Finger kriege, erlebt ihr euer blaues Wunder.
Und damit drehte er sich herum und strebte zurück in die Bahnhofshalle. Er hatte dort vorhin das Schild eines Mietwagenverleihs gesehen. Noch einmal würde er sich ganz bestimmt nicht in einen dieser beschissenen Züge setzen.
Patty McKinley betrat das Hotel im Herzen Atlantas durch den Haupteingang, schloss ihren Schirm und stellte ihn gleich darauf in einen bereitstehenden Ständer neben einer kleinen Sitzgruppe aus abgewetzten Lederpolstern ab.
Interessiert blickte sie sich für einen Moment um und strich sich dabei ihr dunkles, kinnlanges Haar hinter die Ohren. Mit ihren 1,50 Metern war Patty selbst für eine Frau recht klein, trotzdem strahlten ihre dunklen, grünen Augen eine innere Stärke aus, die ihr schon oftmals verschlossenen Türen geöffnet hatten.
Momentan war der Empfangstresen nicht besetzt, was ihr sehr entgegen kam, denn dumme Fragen, warum sie hier war oder zu wem sie wollte, konnte sie im Moment nicht gebrauchen.
Vor einer guten Stunde hatte sie einen Anruf erhalten und war hierher geschickt worden. Es hieß, eine Teilnehmerin des Game of Life benötige einen Spielführer. Dabei konnte man ihr nicht genau sagen, wo das Problem lag. So weit Patty informiert war, ging es hier um ein schweres Trauma, dass das Mädchen in der Vergangenheit erlebt hatte und das dazu führte, dass sie sich von ihrem Spielpartner trennte. Patty wusste auch, dass Madam Esmeralda mit dem schlimmsten rechnete. Was genau passieren würde, hatte sie wohl in ihrer Vision nicht sehen können, aber dass größte Eile geboten war, wurde Patty mehr als deutlich klar gemacht.
Also zog sie nun ihr Handy hervor und drückte die Wahlwiederholung. Es hatte noch nicht ein Mal richtig geläutet, da meldete sich bereits die ihr so vertraute, männliche Stimme am anderen Ende.
Bist du da?
Ja. Ich stehe in der Lobby. Sag mir, wo ich hin muß.
Die Satellitenübertragung ist im Moment nicht die beste. Über euch braut sich ein heftiger Sturm zusammen, hörte sie ihn sagen aber so wie es aussieht, ist sie irgendwo im zweiten Stock.
Alles klar, nickte Patty und setzte sich in Richtung Treppe in Bewegung. Seit wann ist sie hier?
Sie traf ein, kurz bevor ich dich angerufen habe. Sie muß erst eine Weile durch die Gegend gelaufen sein, bevor sie ein Wagen mitgenommen hat. Das Signal ihres Senders war teilweise sehr schwach, aber sie ist jetzt definitiv in deiner Nähe.
Ihr hättet mich vorher anrufen sollen, wenn es so dringend ist, stellte Patty fest, während sie die Stufen in den zweiten Stock erklomm.
Wir wussten nicht, was sie tut, verteidigte sich ihr Gesprächspartner. Wir hatten immer noch gehofft, dass sie sich mit diesem Nick wieder verträgt. Immerhin hat sie sich erst einmal wieder zum Bahnhof begeben, wo ihre Sachen in einem Schließfach lagern. Aber leider ... na ja ... sie hat den Bahnhof wieder verlassen und dann ist sie in das Hotel gefahren.
Ich verstehe, nickte Patty, die mittlerweile den langen Hotelflur im zweiten Stock erreicht hatte. Langsam ging sie von Tür zu Tür, lauschte kurz am Türrahmen und ging dann weiter. Wo ist sie? Kriegst du irgendein Signal?
Noch ein kleines Stück, informierte sie der Mann. So. Jetzt stopp!
Patty sah auf. Vor ihr prangte die Zimmernummer 27 und sie hoffte inständig, dass ihr das Mädchen gleich öffnen würde und sie klären konnte, was immer es zu klären gab.
In Ordnung. Ich rufe dich wieder an, wenn ich mit ihr gesprochen habe.
Ja, tu das. Und bitte sei vorsichtig. Wir haben keine Ahnung, was im Moment in ihre vorgeht.
Ist das nicht immer so? gab Patty zurück. Sonst bräuchtet ihr schließlich keinen Spielführer.
Mag sein. Sei trotzdem vorsichtig. Bis bald.
Ja, bis bald, nickte Patty und beendete die Verbindung.
Sie fand den Gedanken beruhigend, dass damit auch die Verbindung zu dem Satelliten gekappt wurde, der ihr Handy angepeilt hatte und dem G-o-L Komitee ihren Aufenthaltsort auf wenige Zentimeter genau mitteilte. Noch besser funktioniert das Orten mit den kleinen Sendern, die sich in den Anhängern von Nicks und Laceys Kette befanden.
Als Psychologin verstand Patty nicht so wirklich, wie das alles funktionierte, aber das Komitee hatte im Laufe der Jahre eine ganze Menge Mitspieler durch ihr persönliches Spiel geleitet und einige davon hatten sich als sehr nützlich erwiesen. Und so war es seit gut zwei Jahren üblich, die neuen Spieler mit kleinen Sendern auszustatten, um sie noch besser überwachen zu können und mögliche Schwierigkeiten bereits im Vorfeld erkennen und beheben zu können.
So wie jetzt im Fall von Lacey Jenkins, die sich über das nächste Ziel einen Friedhof in ihrer Heimatstadt so sehr aufgeregt hatte, dass sie Hals über Kopf davon gestürmt war.
Vorsichtig hob Patty nun die Hand und klopfte an die Zimmertür. Während sie auf eine Reaktion wartete, warf sie einen aufmerksamen Blick den Flur hinauf und hinunter. Sie brauchte hierfür nicht unbedingt Zeugen. Niemand sollte sich hinterher fragen, was wohl dieses ominöse Game of Life war, von dem die beiden Frauen gesprochen hatten.
In dem Hotelzimmer rührte sich nichts, also hob Patty erneut die Hand und pochte nun laut und vernehmlich an die Tür. Gleichzeitig wanderte ihre andere Hand bereits in die Manteltasche und zog ein kleines Etui hervor. Mit geübtem Griff öffnete sie den Reißverschluss und betrachtete dann einen Moment abschätzend das Schloss vor sich, um dann nach einem der kleinen Werkzeuge in dem Lederfutter zu greifen.
Für ein paar Sekunden hielt sie noch inne, doch als klar wurde, dass Lacey diese Tür nicht freiwillig öffnen würde, begann Patty, sich an dem Schloss zu schaffen zu machen. Keine zehn Sekunden später gab der Schließmechanismus und ein leises Klicken von sich und befriedigt schob sie die Tür weit auf. Noch während sie ihr Einbrecherwerkzeug wieder in ihrer Manteltasche verschwinden ließ, rief sie in den Raum hinein.
Lacey? Hallo, sind sie da?
Sie bekam keine Reaktion und sie konnte mit einem Blick durch das kleine Zimmer feststellen, dass es leer war. Lautlos trat sie nun einen Schritt über die Schwelle und schloss leise die Tür hinter sich.
Lacey? rief sie noch einmal und vermutete dabei, dass sich das Mädchen im Badezimmer befand, das man am Ende des Schlafzimmers durch eine schmale Tür erreichte. Mein Name ist Patty McKinley und ich wurde vom Game of Life Komitee geschickt, weil sie sich Sorgen um sie machen. Redete sie weiter. Ihr Herzschlag hatte sich beschleunigt und ihr war klar, dass sie sich gerade in einer ziemlich brenzligen Situation befand.
Bereits fünf Mal hatte sie einen Einsatz als Spielführer gehabt und bei zweien davon hatte sie sich, ebenso wie jetzt, in ein Hotelzimmer schleichen müssen. Beim ersten Mal war sie, wohl aus Mangel an Erfahrung mit solch einer Situation, hinterrücks mit einer Flasche nieder geschlagen worden. Beim zweiten Mal hatte sie der verzweifelte, junge Mann mit einer Waffe bedroht, mit der er seinem Leben eigentlich ein Ende hatte setzen wollen. In beiden Fällen hatte sie die Mitspieler schlussendlich zur Vernunft bringen können, trotzdem war sie jetzt auf der Hut, denn niemand mochte es leiden, wenn man sich ungebeten in fremde Angelegenheiten einmischte und dafür ohne Erlaubnis in Hotelzimmer einbrach.
Lacey? Können sie mich hören? rief Patty erneut laut, während sie unendlich langsam das Zimmer durchschritt und sich dabei aufmerksam umsah.
Das Bett wirkte frisch gemacht, wenn auch auf der Bettkante ein Abdruck verriet, dass dort jemand gesessen hatte. Auf dem Nachttisch stand ein leeres Glas, auf dessen Grund ein letzter Rest von einer dunklen Flüssigkeit haftete. Ansonsten wies nichts in diesem Zimmer darauf hin, dass es bewohnt war.
Lacey? sagte sie nun noch einmal und schob mit dem Fuß die Tür zum Badezimmer auf.
Mit einem Blick erfasste sie das winzige Badezimmer. Doch auch hier erwartete sie lediglich gähnende Leere.
Verdammt, murmelte sie, während sie wieder zurück in das Schlafzimmer trat und ihr Handy hervor zog. Und noch während sie die Wahlwiederholung drückte und sich das kleine Telefon ans Ohr hielt, sah sie es.
Mit einem tiefen Seufzen beugte sie sich über den Schreibtisch und griff mit spitzen Fingern nach dem Lederband der Kette.
Ja? meldete sich gerade eine atemlose Stimme am anderen Ende der Leitung.
Sie ist nicht mehr hier, informierte Patty den Mann.
Was? Nicht mehr dort? Aber die Satellitenübertragung ... ,
Sie hat die Kette hier gelassen, unterbrach Patty ihren Gesprächspartner.
Für eine Weile blieb es am anderen Ende der Leitung beunruhigend still, dann drang ein lautes und sehr deutliches Verdammt, wir sind zu spät aus dem Hörer.
Ja, besser hätte sie diese Situation wohl auch nicht in Worte fassen können.