Kapitel 30

Laceys Hände zitterten so sehr, dass sie ihre eigene Schrift kaum entziffern konnte. Sie versuchte sich zu konzentrieren, malte noch ein paar Buchstaben nach und steckte dann den Kugelschreiber zurück in die Tasche. Ihre Finger streiften dabei flüchtig die blaue Flasche darin und sie hatte das Gefühl, als würde das unschuldige Aluminium eine angenehme Wärme ausstrahlen.
Schnell sah sie sich noch einmal nach allen Seiten um, während ihr Herz ängstlich in ihrem Brust klopfte weil sie fürchtete, dass sie sich gleich Nick gegenüber sehen würde. Doch die große Halle mit den Schließfächern der Georgia State Station wirkte verlassen und sie atmete erleichtert auf. Schnell klemmte sie den von ihren regennassen Fingern durchweichten Zettel in die Ritze zwischen ihrem und dem benachbarten Schließfach und entfernte sich dann schnellen Schrittes von dem einzigen Ort, an dem ihr vorzeitiges Ableben noch verhindert werden konnte.
Sie würde nicht an ihren Seesack heran kommen, denn Nick verwahrte den Schließfachschlüssel, doch das war ihr im Moment sowieso herzlich egal. Nichts, was sich in ihrem Gepäck befand, spielte jetzt noch eine Rolle.
Das Taxi wartete immer noch am Straßenrand, als sie hinaus in den prasselnden Regen trat und zu dem gelben Wagen hinüber hastete. Erleichtert ließ sie sich gleich darauf in die Polster fallen und bat den Fahrer darum, sie an irgendeinem Hotel in der Innenstadt abzusetzen.
Als sich der Wagen in Bewegung setzte schloss sie leise seufzend die Augen und genoss für einen Moment die Wärme, die aus der aufgedrehten Heizung strömte. Draußen war es mittlerweile beinahe so dunkel, als hätte sich eine frühe Nacht über das Land gelegt. Die tiefschwarzen Wolken hingen tief über Atlanta und der Regen, der mit lautem Getöse die Straßen überschwemmte, tat sein Übriges. Irgendwie, befand Lacey, passte das Wetter zu ihrer Stimmung.
Deutlich stand ihr noch der Moment vor Augen, als sie den nächsten Hinweis gelesen hatte und sofort wusste, wohin sie als nächstes geschickt wurden. Der Friedhof von Jacksonville war in ihrer Vorstellung sehr lebendig. Sie sah die riesige Löwenstatur am Eingang vor sich, erinnerte sich an die Kuppel des Mausoleums in der Mitte der Ruhestätte und jedes Kind in Jacksonville lernte bereits in der Grundschule, dass dort Bessie Coleman begraben lag, die erste, afroamerikanische Pilotin der USA.
Zu erst überflutete sie der Schmerz wie eine Welle aus kochendem Wasser, dann kamen die Erinnerungen, die sie mit der Wucht eines Dampfhammers trafen und schließlich hatte sie sich ihren Reflexen ergeben, die sie von ihrem Sitz in die Höhe katapultierten und anschließend davon rennen ließen. Als könne sie so tatsächlich irgendetwas von dem, was zwischen den Zeilen dieses unsäglichen Hinweises schlummerte, hinter sich lassen.
Die nächste viertel Stunde lag für sie vollkommen im Dunkeln. Sie kam erst wieder richtig zu sich, als der Regen plötzlich einsetzte und sie in kürzester Zeit bis auf die Haut durchnässte. Sie fand sich inmitten von ausgelassenen Fans wieder, die die Gegend rund um das Stadion bevölkerten und wahlweise zu ihren Autos oder in eine der vielen Kneipen stürmten, um sich vor dem Regen in Sicherheit zu bringen. Sie war wie aus einer Art Trance aufgewacht und hatte sich das erste Mal bewusst gefragt, was sie hier eigentlich machte und was sie nun als nächstes tun sollte.
Die Entscheidungen waren in schneller Abfolge und glasklar vor ihrem geistigen Auge erschienen und so war sie noch ein gutes Stück durch den herabfallenden Regen gelaufen, bevor sie eines der heiß begehrten Taxis ergatterte.
Der Bahnhof war ihre erste Station gewesen und auch wenn ihr klar war, dass dort die Gefahr am größten war, Nick in die Arme zu laufen, so wollte sie ihn doch nicht ohne ein letztes Wort zurücklassen. Vielleicht, so schoss ihr kurz durch den Kopf, hatte ein Teil von ihr gehofft, dass er sie finden und aufhalten würde, doch diesen Gedanken verwarf sie sofort wieder. Nichts und niemand würde sie jetzt noch aufhalten, so viel stand fest.
Als nächstes brauchte sie einen Zufluchtsort. Ein Zimmer, das trocken und abgeschieden war und in dem sie niemand vermuten würde. Dort hin war sie nun unterwegs.
Während sie also die Mütze abnahm und sich aus dem Schal wickelte und versuchte, sich mit ein paar Papiertaschentüchern ein wenig zu trocknen, fühlte sie in sich eine warme, angenehme Ruhe aufsteigen. Endlich würde sie das beenden, was sie sich bereits vor einer guten Woche vorgenommen hatte. Das Gefüge ihres Lebens würde endlich wieder ins Gleichgewicht kommen, auch wenn es wohl an Ironie grenzte, dass sie sich dafür das Leben nehmen musste.
Doch sie wollte und konnte nicht mehr zurück. Die Hilflosigkeit hatte erneut jede Faser ihres Körpers erfasst, die Bilder von damals standen ihr überdeutlich vor Augen und auch das Gefühl der Schuld war aus den Tiefen ihres Selbst zurück ans Licht getreten. Sie hatte kein Recht hier zu sein, dieses Spiel zu spielen, in irgendeiner Form glücklich zu sein oder Nick weiterhin in die Augen zu sehen.
Nick.
Der Gedanke an ihn ließ erneut Tränen in ihre Augen treten. Sie konnte sich nicht wirklich erklären, warum sie ihn gerade im Moment so schmerzlich vermisste, warum sie sich wünschte, er würde sie in den Arm nehmen und irgendetwas sagen oder tun, dass sie noch umstimmen konnte. Er war ihr in der kurzen Zeit, in der sie sich kannten, ans Herz gewachsen. Vielleicht lag dies an seinem eigenen Schmerz, den sie manchmal ganz deutlich in seinen Augen hatte sehen können, vielleicht auch an der Art, wie er sich trotzdem nicht unterkriegen ließ und einfach mit seinem Leben weiter machte, und vielleicht auch einfach daran, dass er das geschafft hatte, was vor ihm ein dutzend Menschen nicht fertig gebracht hatten: Lacey hatte sich mit ihm wieder lebendig gefühlt. Lebendig und geliebt.
Sie hatte einfach vergessen, dass ihre Zeit abgelaufen war, sie hatte verdrängt, dass sie nicht mehr glücklich sein durfte – eigentlich sogar konnte – und sie hatte sich ihm nahe gefühlt, obwohl sie eine kilometerbreite Kluft trennte.
Doch nun hatte sie definitiv das Ende dieses unerwarteten Umwegs erreicht. Es gab kein Vor und kein Zurück mehr. Nur noch die Dunkelheit, die auf sie wartete und in der sie hoffte, so etwas wie Vergebung zu finden.
Als das Taxi plötzlich anhielt, schaute sie überrascht auf.
„Ist dieses Hotel genehm, Miss?“ fragte der Taxifahrer und lächelte sie freundlich aus dem Rückspiegel heraus an.
„Sicher,“ nickte sie, ohne auch nur einen Blick auf das Hotel geworfen zu haben, das er ausgewählt hatte.
Der Fahrpreis brauchte ihre letzten Barreserven auf und mit nichts weiter als einem Dollar fünfzig Kleingeld in der Tasche, den nassen Kleidern, die sie am Leib trug und ihrer Handtasche, in der sich ihre Erlösung befand, betrat sie gleich darauf die kleine, dunkle Empfangshalle des Mittelklasse Hotels.
Die Anmeldungsformalitäten hatte sie schnell erledigt. Lediglich als sie der freundlichen Dame ihre Kreditkarte über den Tresen reichte fühlte sie ein unangenehmes Flattern in der Magengegend. Jedes Kind kannte die Szenen aus diversen Polizeiserien, wenn der Aufenthaltsort einer Person durch das Benutzen dieses so unschuldig wirkenden Stück Plastiks aufflog, doch sie hoffte einfach, dass es zu lange dauern würde, bis sie sie lokalisiert hatten. Wenn überhaupt schon jemand nach ihr suchte.
Ihre Familie glaubte, sie wäre auf einer Art Urlaubstrip um sich selbst zu finden und Lacey hatte sich jede Störung welcher Art auch immer verboten. Sie wusste, dass zumindest ihre Mutter gewisse Zweifel an dem Sinn und Zweck dieses Trips hegte, doch schlussendlich hatte sie ihre Proteste eingestellt. Nicht zu letzt auch deshalb, weil Lacey diesen letzten Ausflug gewissenhaft geplant hatte. So hatte sie darauf geachtet, bereits drei Wochen bevor sie ihr Urlaubsanliegen vorbrachte so ausgeglichen und normal wie möglich zu wirken. Sie hatte mehrmals und sehr diplomatisch durchblicken lassen, dass es ihr schon wesentlich besser ging, dass sie das Gefühl hatte, langsam wieder auf die Beine zu kommen und das schreckliche Erlebnis von Highfields endgültig verdaut zu haben.
Und so hatten sie sie ziehen lassen und bisher schien niemand Verdacht geschöpft zu haben, zumindest legte dies ihr immer noch stummes Handy nahe.
Das Hotelzimmer, das sie gleich darauf betrat, war klein und sauber. Das Bett war frisch bezogen, durch das Fenster sickerte das dämmrige Tageslicht und der dicke Teppichboden schluckte das Geräusch ihrer Schritte. Langsam und bedächtig entledigte sie sich ihrer Kleider und legte diese ordentlich über die Lehne des einzigen Stuhles, der gegenüber dem Bett vor einem kleinen Schreibtisch stand. Als sie unter einiger Mühe die Knoten der Kette löste, die sie damals gemeinsam mit Nick in den Sümpfen gefunden hatte, stand ihr erneut sein Bild vor Augen: Das blonde Haar, seine faszinierenden, tiefen, blauen Augen, sein sanftes Lächeln, sein ansteckendes Lachen und das Gefühl seines warmen, festen Körpers in ihrem Rücken.
Ungehalten schüttelte sie über sich selbst den Kopf und schaffte es dann endlich, den Knoten in ihrem Nacken zu lösen. Klappernd landete der grüne Anhänger auf dem Schreibtisch.
Nur noch in Unterhose und T-Shirt ging es ihr bereits ein bisschen besser. Das Zimmer war warm und sie fühlte sich in diesem kleinen, geschützten Kosmos so wohl wie seit Tagen nicht mehr. Hier brauchte sie niemandem etwas vor machen, hier konnte sie ganz sie selbst sein und endlich beenden, was sie angefangen hatte.
Ihre Hände waren ganz ruhig, als sie die Flasche schließlich aus ihrer Tasche hervorzog. Langsam schraubte sie den Verschluss auf und roch einen Moment daran. Sie wunderte sich beinahe darüber, dass der Inhalt tatsächlich lediglich nach Wein roch. Irgendwie hatte sie erwartet, dass die Medikamente darin ihn irgendwie verändert hatten.
Das Kristallglas befand sich leider in ihrem Seesack und dieser war unerreichbar in dem Schließfach eingeschlossen. Also ging sie hinüber ins Bad und kam mit einem Wasserglas zurück, das das Hotel zum Zähneputzen bereitgestellt hatte.
Vorsichtig goss sie das Glas halbvoll, schwenkte dann noch einmal kurz die Flasche um auch ja jedes Fitzelchen der Tabletten in ihrem Glas zu haben und stellte dann die Flasche beiseite.
Das Wasserglas war nun bis knapp an den Rand gefüllt und Lacey hatte das Gefühl, dass sich das Bukett des Weines bereits im Zimmer verteilte. Vorsichtig nahm sie auf der Bettkante platz und starrte in die rubinrote Flüssigkeit, die nicht erahnen ließ, was sich noch in ihre befand.
„Jetzt ist es also so weit,“ flüsterte sie und seufzte leise. Ob vor Wehmut oder Erleichterung vermochte sie allerdings nicht zu sagen.
Langsam hob sie das Glas an ihre Lippen, während sie ihre Reise des Game of Lifes noch einmal vor sich sah. Seltsam eigentlich, dachte sie noch, dass das die letzten Bilder waren, die sie begleiteten, dann drang das schwere Aroma des Weins über ihre Lippen und sie bemühte sich krampfhaft, ihren Kopf zu leeren und an gar nichts mehr zu denken.

Kapitel 31