Kapitel 29
Archie Hammersack drückte sich noch etwas tiefer in den Schatten unter dem Tribünenaufgang als er das Mädchen vorbei hasten sah. Sie hieß Lacey, das hatten sie ihm gesagt und auch, dass nicht sie die Flaschenpost gefunden hatte, sondern dieser Nick. Nick Carter, ein waschechter Popstar. Wenn das nicht mal der absolute Oberhammer war!
Er war unsagbar aufgeregt gewesen, als er heute Mittag im Stadion angekommen war und hinauf zu seinem Platz ging. Sie hatten ihm gesagt, dass die beiden da sein würden und dass er einen Sitz direkt neben ihnen haben würde. So könne er sich die Teilnehmer des Spiels nein, eigentlich seines Spiels - direkt aus der Nähe ansehen.
Leider hatten die beiden keinerlei Interesse an Baseball gezeigt. Na ja ... vielleicht war das in ihrer derzeitigen Situation auch nicht verwunderlich. Trotzdem hätte er sich gewünscht, mit den beiden ein tieferes Gespräch über diese Sportart zu führen und sie dabei vielleicht besser kennen zu lernen. Doch die Anspannung war ihnen über den gesamten Spielverlauf hinweg anzusehen gewesen. Sie hatten sich ziemlich oft umgesehen, waren aufgestanden um einen ausgiebigen Blick auf die Menge zu werfen und hatten sich dann wieder gesetzt. Je weiter die Zeit voran schritt, desto enttäuschter und verzweifelter wirkten sie. Klar, es würde ja auch keiner kommen der ihnen sagte, wo Nicks Bruder sich aufhielt. Schließlich war diese Spielstation einzig und alleine dafür da, um Archie eine Freude zu machen. Eine Freude, wie sie jeder erleben durfte, der sein eigenes Game of Life beendet hatte und danach ein neues Spiel ins Leben rief.
Am liebsten wäre Archie auf seinem Platz sitzen geblieben, bis die beiden die neuen Anweisungen gefunden hatten, doch das durfte er natürlich nicht. Das Komitee hatte ihm eingeschärft, dass er unter keinen Umständen einen Ton über das Spiel verlieren und ihnen schon gar nicht sagen durfte, wo sie den nächsten Hinweis finden konnten. Natürlich hatten sie ihm nicht wirklich verraten, wo dieser sich befand, aber er hätte seine signierte Atlanta-Braves-Kappe darauf verwettet, dass ein Umschlag unter einem der Sitze klebte.
Es war also eigentlich alles bestens gelaufen. Er hatte das Spiel genossen, dabei verstohlen die beiden Mitspieler beobachtet und sich ein bisschen mit ihnen unterhalten.
Doch jetzt legte sich Archies wulstige Stirn in besorgte Falten. Sollten die beiden nicht zusammen von hier fortgehen? Wieder zurück nach Florida, um das Game of Life fortzusetzen? Aber von Nick war immer noch weit und breit keine Spur zu sehen. Seltsam.
Gerade als er aus dem Schatten heraustreten wollte um dem Mädchen noch einen letzten Blick hinterher zuwerfen und um sich zu vergewissern, dass er Nick nicht einfach übersehen hatte, weil er so sehr mit diesem wunderhübschen Wesen beschäftigt gewesen war, hörte er schnelle Schritte auf der Treppe über sich. Sofort trat er wieder ein Stück zurück, so dass seine massige Schulter wieder die Stufen berührte. Und tatsächlich trat nun Nick Carter in sein Blickfeld. Er verharrte einen Moment am Fuße der Treppe und blickte sich aufmerksam nach allen Seiten um. In der Hand hielt er einen zerknitterten Umschlag, was Archie flüchtig lächeln ließ. Immerhin hatten sie also den nächsten Hinweis gefunden. Doch von Lacey war weit und breit nichts mehr zu sehen. Das war nicht gut. Das war gar nicht gut.
Das schien auch Nick zu denken, denn er fuhr sich gerade mit einer recht hilflos wirkenden Geste durch das Haar und setzte sich dann abrupt in Bewegung. Allerdings in die entgegen gesetzte Richtung wie die, die das Mädchen genommen hatte. Oh Mann.
Was sollte er jetzt nur tun? Telefonieren! Ja, das war eine gute Idee.
Mit zittrigen, feuchten Händen zog er sein Handy aus der Hosentasche hervor und suchte aus seinem Speicher die Nummer für Notfälle heraus. Er versuchte sich noch etwas tiefer in die Enge unter dem Treppenaufgang zu drücken, damit er die Stimme am anderen Ende besser verstehen konnte, doch seine voluminöse Gestalt verhinderte dies leider.
Bevor er das Game of Life gespielt hatte, hatte er sich dafür geschämt, seinen Körper und seine Essgewohnheiten verflucht und sich klein und unbedeutend gefühlt. Er hätte sich auf den Heimweg gemacht, unterwegs bei KFC angehalten und sich später mit einem riesigen Karton voller knuspriger, fett triefender Hähnchenteile vor den Fernseher gesetzt.
Heute würde er sich beim Chinesen eine kalorienärmere Reispfanne mitnehmen und sich heute Abend mit ein paar neuen Freunden treffen, um das Spiel noch einmal zu analysieren.
Noch während er darüber nachdachte, was ein Glücksfall dieses Game of Life doch für ihn gewesen war, wurde am anderen Ende der Leitung abgehoben und eine dunkle Frauenstimme meldete sich.
Hallo?
Madame Esmeralda? Hier spricht Archie.
Archie. Wie schön ihre Stimme zu hören.
Gott, er liebte es, wenn er mit so viel ehrlicher Freundlichkeit begrüßt wurde.
Wie war das Spiel? fuhr sie gleich darauf fort.
Es war großartig, lächelte er. Die Braves haben gewonnen und Nick und Lacey waren auch da.
Das klingt nach einem rundum gelungenen Nachmittag, entgegnete sie und klang dabei, als würde sie lächeln.
Ja ... uhm ... deshalb rufe ich sie an. Also ... ich weiß ja nicht, ob das wichtig ist, aber ... nun ja ... also ... ich glaube, die beiden haben sich getrennt. Er hielt die Luft an, während er auf eine Reaktion seines Gegenübers wartete. Vielleicht würde sie jetzt sauer sein, weil er nichts dagegen unternommen hatte.
Das haben wir bereits vermutet, hörte er sie murmeln. Und das ist nicht gut.
Das dachte ich mir auch, nickte er.
Wissen sie, ob sie den neuen Hinweis gefunden haben? fragte Madam Esmeralda.
Ja, das haben sie. Zumindest hatte dieser Nick etwas in der Hand, das so aussah. Aber Lacey ... sie ... also sie scheint ziemlich aufgebracht gewesen zu sein und ist einfach an mir vorbei gestürmt. Er kam etwas später und hat sie in dem Gewühl wohl aus den Augen verloren.
Hm, hm, machte die Wahrsagerin.
Soll ich irgendetwas tun? Ich könnte ihn suchen und ihm sagen, in welche Richtung sie verschwunden ist und ... ,
Nein, bremste Madam Esmeralda seinen Redeschwall. Danke Archie, das ist wirklich nett von ihnen, aber wie sie wissen, muß jeder Teilnehmer sein Spiel alleine spielen. Hoffen wir einfach, dass die beiden das auch ohne unsere direkte Hilfe hinbekommen.
Und wenn nicht? fragte er ängstlich.
Dann werden wir weiter sehen. Aber das ist dann nicht mehr ihr Problem Archie. Sie hatten ihren Nachmittag mit den beiden und damit ist ihre Aufgabe fürs erste beendet.
Ja, natürlich, nickte er sofort, auch wenn er es ziemlich schade fand, dass er vorerst von dem weiteren Spielverlauf nichts mehr mitkriegen würde. Aber sie hatten ihm erklärt, dass er, je länger er dabei war, auch mehr Aufgaben übertragen bekommen würde und diesen Gedanken fand er sehr tröstlich.
Sie sollten jetzt nach Hause fahren, hörte er Madam Esmeralda wieder in seinem Ohr. Genießen sie noch ein wenig ihren Sonntag und überlassen sie den Rest uns. In Ordnung?
Ich denke das kriege ich hin, grinste Archie.
Das ist schön. Ich freue mich schon darauf sie wieder zu sehen.
Ich auch. Was meinen sie, wann das sein wird?
Das kommt ganz auf Nick und Lacey an, entgegnete Madam Esmeralda.
Nun gut. Dann bis ... ähm ... bald. Oder so, stotterte Archie und ärgerte sich ein wenig darüber. So ganz hatte er sein Selbstvertrauen wohl noch nicht zurück gewonnen.
Ja, bis bald Archie. Lassen sie es sich gut gehen.
Das werde ich. Er nahm den Hörer vom Ohr und drückte das kleine, rote Hörersymbol. Dann seufzte er leise. Schade, dass die schönsten Momente im Leben immer so schnell vorbei gingen.
In diesem Moment traf der erste Regentropfen die Betontreppe über ihm. Mit einem missmutigen Brummen schlug er den Kragen seiner Jacke hoch, zog den Kopf tief zwischen die Schultern und hastete mit gesenktem Kopf Richtung Ausgang. Vielleicht schaffte er es ja doch noch trockenen Fußes zu seinem Wagen. Doch noch bevor er das nun weit offen stehende Metalltor passiert hatte, prasselte bereits ein wahrer Platzregen auf ihn nieder und schließlich erreichte er vollkommen durchnässt seinen Wagen.
In ihrem Büro in New Orleans legte Madam Esmeralda bedächtig den Hörer zurück auf die Gabel und lehnte sich dann mit sorgenvoller Miene in ihrem Schreibtischstuhl zurück. Lacey war davon gelaufen, das war für sie so sicher wie eine klare, deutliche Vision, auch wenn ihre Überzeugung eher von dem Überwachungsmonitor und dem soeben geführten Gespräch herrührte.
So oder so war dies für das Spiel nicht wirklich gut. Punkt 13 des Aktionsplans hatte gerade erst begonnen und Punkt 9 war noch nicht einmal beendet. Sie fragte sich, ob sie die richtige Entscheidung getroffen hatten, als sie sich gegen einen Spielführer entschieden. Madam Esmeralda war der Meinung gewesen, dass es zwischen den beiden jungen Menschen gut lief. Sie taten jeden Schritt gemeinsam, ihr Informant hatte ihr berichtet, dass die beiden das gemeinsam Essen und den anschließenden Bummel durch New Orleans sichtlich genossen hatten und sich dabei augenscheinlich näher gekommen waren. Sie war deshalb davon ausgegangen, dass die beiden auch die nächsten Hürden gemeinsam meistern würden.
Doch da hatte sie sich wohl geirrt.
Erneut griff sie zum Hörer und wählte die ihr vertraute Nummer. Mal sehen, was er dazu zu sagen hatte.
Madam Esmeralda? meldete er sich bereits nach dem zweiten Klingeln.
Scheint, als hättest du meinen Anruf erwartet, stellte sie ohne große Überraschung fest.
Auch ich kenne die Bilder des Überwachungsmonitors, erinnerte er sie.
Ich weiß, nickte sie. Irgendeine Idee, was wir nun tun sollen?
Eine schwierige Frage, hörte sie ihn sagen. Ich sträube mich noch etwas, in den Spielverlauf einzugreifen.
Glaubst du wirklich, sie bekommen das alleine auf die Reihe?
Ich weiß es nicht, gestand er. Aber was ich bis jetzt gehört habe, lief es zwischen den beiden ziemlich gut. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Lacey Nick wirklich hängen lässt. Immerhin geht es hier um seinen Bruder.
Das mag sein. Trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, dass wir irgendetwas Wichtiges übersehen haben, entgegnete Madam Esmeralda, die plötzlich fühlte, wie sich ihr Herzschlag ohne ersichtlichen Grund beschleunigte. Ja, sie hatten ganz gewiss etwas übersehen, wenn sie auch nicht sagen konnte, was das war.
Wie meinst du das? kam auch prompt die Frage vom anderen Ende der Leitung.
Es ist nur so ein Gefühl. Etwas braut sich über den beiden zusammen und ich kann dir sagen, dass die Wolke über Lacey tiefschwarz ist. Irgendetwas ist da im Busch und das bereitet mir große Sorgen.
Du meinst also, wir sollten doch noch einen Spielführer einsetzen?
Zumindest würde ich ihn schon einmal in ihrer Nähe postieren. Für den Fall der Fälle.
Den Fall der Fälle? Was meinst du, wird passieren?
Das weiß ich eben nicht. Aber sie mit ihrer Vergangenheit zu konfrontieren war vielleicht doch ein wenig verfrüht. Sie hatte alle Brücken hinter sich abgebrochen, als Nick auf sie traf und ich denke, es ist einfach ein bisschen viel verlangt von ihr zu erwarten, dass sie in der kurzen Zeit ein solch tiefes Vertrauen zu ihm aufgebaut hat.
Ich glaube, es geht hier weniger um Vertrauen, widersprach ihr Gesprächspartner. Lacey hat einen sehr ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Nicht umsonst ist sie jetzt in der Lage, in der sie ist. Ich kann mir demnach nicht vorstellen, dass sie Nick im Stich lässt.
Und wenn doch?
Meinst du das jetzt in Bezug auf Nick oder Lacey?
Auf Lacey natürlich. Ich denke, der Junge wird uns keine Schwierigkeiten machen, entgegnete die Wahrsagerin und fügte nach einer kurzen Pause ein Hoffe ich doch, hinzu.
Ich werde auf jeden Fall jemanden auf sie ansetzen. Mal sehen, was wir herausfinden.
Das beruhigt mich. Zwar nur leidlich, aber immerhin, gestand Madam Esmeralda.
Niemand hat gesagt, dass das Game of Life einfach ist, hörte sie ihn sagen und sie musste gegen ihren Willen lächeln.
Nein, das hat keiner. Wie geht es denn dem Bruder?
Aaron? Ganz gut eigentlich. Ich glaube, ihm würde sein eigenes Spiel ganz gut tun, aber im Moment ist er friedlich.
Na ja, nachdem er das gesamte Mobiliar auseinander genommen hat, verwundert mich das nicht wirklich. Auch die Kräfte von jungen Männern sind irgendwann aufgebraucht, schmunzelte sie.
Wohl wahr. Hoffen wir einfach, dass sein Bruder bald auftaucht. Das junge Fohlen ist mächtig anstrengend.
Madam Esmeralda lachte leise. Nie wieder einen Popstar und seinen Popstar-Bruder, oder?
Leider können wir uns das nicht aussuchen, schnaubte ihr Gesprächspartner belustigt.
Madam Esmeralda fühlte sich schon ein bisschen besser. Lacey bekam einen Spielführer zur Seite gestellt, das war gut.
Im selben Moment erfasste sie eine so deutliche und schreckliche Vorahnung, dass sie entsetzt aufstöhnte. Das Blut wich ihr aus dem Gesicht, ihre Hände sackten kraftlos herab und der Telefonhörer schlug klappernd auf dem Fußboden auf, während sich unzusammenhängende Bilder vor ihrem inneren Auge zu einem undurchdringlichen Brei aus Farben formte.
Ihre Atmung ging hektisch, während sie wie aus weiter ferne das Wispern aus dem Telefonhörer wahrnahm.
Der Spielführer würde zu spät kommen! Verdammt, was hatten sie nur getan?