Kapitel 28
Die Atlanta Braves schlugen die Bosten Redsox im neunten Inning mit 4 zu 3, was einen wahren Freudentaumel im Hexenkessel des Turner Fields auslöste. Jeder, ob nun Fan der Heimmannschaft oder der Gegner, schien von seinem Sitz aufzuspringen und laut brüllend seinem Jubel, der Frustration oder irgendeinem anderen Gefühl Luft zu machen.
Nick und Lacey hatten sich zwar ebenfalls erhoben, doch sie waren im Gegensatz zu den restlichen Besuchern erschreckend still. Vier Stunden hatten sie nun auf ihren Plätzen gesessen und das Spiel nur halbherzig verfolgt, während ihre Blicke immer wieder unruhig durch die Menge schweiften und dabei nichts ungewöhnliches entdeckten.
Archie neben ihnen hatte das gesamte Spiel mitgefiebert, gebrüllt, gesungen, geklatscht und war auf und ab gehüpft, was in Nicks Kopf die Vorstellung eines Erdbebens auf der anderen Seite des Erdballs heraufbeschwor.
Abgesehen von Archies gelegentlichen Kommentaren zum Spiel und der so offensichtlichen geringen Begeisterung von Nick und Lacey, waren sie nicht angesprochen worden oder hatte ihnen gar jemand einen neuen Hinweis übergeben.
Das Gefühl der Frustration und Hilflosigkeit wurde in Nick beinahe übermächtig und es fehlte nicht mehr viel und er würde anfangen zu schreien und zu toben, um endlich diesen unerträglichen Druck in sich loszuwerden. Stattdesssen versenkte er allerdings seine Hände in den Hosentaschen und starrte mit versteinerter Miene hinunter auf das Spielfeld, das bereits wieder einsam und verlassen unter ihnen lag.
Die ersten Zuschauer begaben sich bereits zu den Ausgängen und auch Archie erhob sich.
Ich mache mich dann mal auf den Heimweg, hörte Nick ihn sagen, was er mit einem kurzen Nick quittierte. War nett euch kennen zu lernen. Aber wenn ich euch einen guten Rat geben darf ... Baseball ist nicht euer Spiel. Glaubts mir.
Er zwinkerte ihnen noch einmal zu, dann setzte er sich seitwärts gehend und schwerfällig in Bewegung.
Kaum war er außer Hörweite, berührte Lacey ihn sanft am Arm und flüsterte ich habe die ganze Zeit darauf gewartet, dass er irgendwas über Aaron sagt. Ich kanns kaum fassen, dass er jetzt einfach so geht.
Vielleicht haben sie uns einfach nur verarscht, gab er bitter zurück. Wir sitzen hier und warten auf ein Zeichen und im Endeffekt ist Aaron gar nicht hier und sie schicken uns demnächst wieder in eine andere Ecke des Landes.
Das glaube ich nicht, hielt Lacey kopfschüttelnd dagegen. Warum sollten sie uns so teure Eintrittskarten schenken, wenn wir nur wegen des Spiels hier her kommen sollten? Das macht in meinen Augen keinen Sinn.
Das ganze dämliche Spiel ergibt keinen Sinn, ereiferte sich Nick, während die Wut über sein offensichtliches Unvermögen, Aaron zu helfen, durch seine Adern zu pulsieren begann.
Ich schätze du meinst jetzt nicht Baseball, oder? sagte Lacey leise.
Nein, meine ich nicht, giftete er. Wie blöd konnte man eigentlich sein?
Also muß der nächste Hinweis irgendwo anders sein, fuhr Lacey unbeeindruckt fort. Vielleicht irgendwo auf dem Gelände? Irgendetwas, das wir übersehen haben?
Sie ließ sich langsam wieder auf ihren Platz sinken und starrte den letzten Fans hinterher, die ihren Block gerade verließen. Obwohl sich noch genug Menschen im Stadium aufhielten, schien ihre Tribüne bereits verlassen zu sein und die vielen leeren Sitzplätze schlugen Nick unerwarteter Weise schwer aufs Gemüt. Als hätte er eine Chance verpasst, ohne zu wissen, wann er diese hätte ergreifen sollen. Er hatte während des Spiels jede Sekunde an Aaron gedacht und wie er ihn retten konnte. Er hatte jedes Gesicht gemustert, war ab und an aufgestanden um sich den Personen zu zeigen, die eventuell nach ihm suchten und hatte sich jedes Mal wieder frustriert auf seinen Sitz fallen lassen. Hier würde keiner von diesem beschissenen G-o-L Komitee auftauchen, dessen war er sich inzwischen sicher.
Wir haben irgendetwas übersehen, hörte er Lacey zum wiederholten Male neben sich murmeln.
Sieh es ein Lacey, wir werden Aaron nicht finden. Nicht heute und nicht hier. Die haben uns an der Nase herumgeführt und ... , er verstummte, als er sah, wie sie sich nach vorne beugte und mit der Hand unter ihrem Plastiksitz herum zu fummeln begann.
Was tust du da? fragte er mit gerunzelter Stirn, ließ sich ebenfalls wieder auf seinen Platz sinken und streckte die Hand tastend unter seinen Sitz.
Ich musste nur gerade an das Paradise Motel denken, erinnerst du dich? sagte Lacey neben ihm, während ihre Nase beinahe ihre Knie berührten, um möglichst weit nach hinten greifen zu können.
Ja? Und? fragte Nick zurück, während er Angst hatte, gleich in ein altes Kaugummi oder schlimmeres zu fassen.
Da haben sie den Brief auch nicht einfach so auf die Bettdecke gelegt. Ich glaube, sie haben es uns bei den letzten Stationen viel zu leicht gemacht, deshalb ... , sie stockte, ihre Augen wurden urplötzlich ganz groß, bevor sich ein breites, triumphierendes Grinsen auf ihrem Gesicht ausbreitete.
Sag mir nicht ... , krächzte Nick, dessen Herzschlag gerade dabei war, in unglaublichem, ungesunden Tempo davon zu rasen.
Ich glaube, ich hab da was, entgegnete sie, dann hörte er das charakteristische Geräusch von Klebeband, das sich protestierend von Papier löst und gleich darauf richtete sich Lacey mit einem dicken, braunen Umschlag in der Hand auf.
Fuck, flüsterte er. Da hatten sie vier Stunden auf dem nächsten Hinweis gesessen und hatten es nicht gemerkt! Bei dem Gedanken wurde ihm ganz schwindlig.
Hier, sagte Lacey und reichte ihm den Umschlag.
Seine Hände zitterten so sehr, dass er es kaum fertig brachte, den Brief zu öffnen. Er meinte, etwas hartes, viereckiges darin zu ertasten und wurde gleich darauf bestätigt, als er einen weiteren, weißen Briefumschlag und eine unbeschriftete CD-Hülle hervorzog.
Der Brief war nicht zugeklebt und so fiel es ihm hier wesentlich leichter, den Inhalt hervorzuziehen. Etwas rutschte zwischen seinen zitternden Fingern hindurch und segelte zu seinen Füßen auf den dreckigen Betonboden.
Ein weiteres Stück der Karte, stellte Lacey fest, die sich sofort bückte und den in Plastik eingeschweißten Schnipsel aufhob.
Damit haben wir ... uhm ... , machte Nick, dessen Gehirn ihm gerade im Moment nicht verraten wollte, wie viele solcher Abschnitte sie bereits gesammelt hatten.
Fünf, informierte ihn Lacey bereitwillig, bevor sie gespannt auf das Blatt Papier in seinen Händen blickte. Vorsichtig faltete er es auseinander und begann zu lesen.
Lieber Nick,
leibe Lacey,
wir hoffen, das Spiel hat Ihnen gefallen und sie konnten den für uns so typischen Way of Life wenigstens ein bisschen genießen.
Wir wissen natürlich, dass Sorgen und Ängste in dieser Zeit das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit auflösen und somit fällt es uns nicht leicht Ihnen mitzuteilen, dass Sie das Ende des Spiels noch nicht erreicht haben.
Station sechs Vergangenheit
Die Vergangenheit ist im Grunde genommen ebenso ein Produkt der Phantasie wie die Zukunft.
Jessamyn West (*1902)
Ihre Reise führt sie wieder nach Florida und damit zurück in die Vergangenheit. Schmerz und Leid liegen in dieser Stadt begraben. Nun möchten Sie vielleicht antworten, dass dies an jedem Ort der Welt so ist. Sie haben Recht, doch dieser bestimmte Ort ist für Sie beide von großer Bedeutung.
Suchen Sie die Toten auf. Sie haben Antworten auf die vielen Fragen, die sich Ihnen gerade stellen. Ein Löwe bewacht den Ort der Stille, eine Kathedrale erhebt sich in seinem Inneren und die erste, afroamerikanische Pilotin wurde dort zur ewigen Ruhe gebettet.
Bitte denken Sie daran, dass die Benutzung eines Flugzeugs auf ihrer Reise nicht gestattet ist. Desweiteren ist es unbedingt erforderlich, dass Sie beide gemeinsam diese Reise unternehmen. Sollte nur einer von Ihnen den Zielort erreichen, können wir für die Sicherheit von Aaron Carter nicht garantieren.
Ihr G-o-L Komitee
PS: Um ihre derzeitigen Ängste etwas zu besänftigen, haben wir Ihnen beiliegende Nachricht in Bild und Ton zukommen lassen. Sie ist allerdings für den weiteren Spielverlauf nicht von Belang.
Nicks Augen brannten, als er den Brief schließlich sinken ließ und irgendwie versuchte die Wut und Enttäuschung darüber einzudämmen, dass er Aaron tatsächlich noch keinen Schritt näher gekommen war. Das dämliche Komitee hatte ihn einfach so nach Atlanta geschickt, um sich ein beschissenes Baseballspiel anzusehen und beorderte sie jetzt wieder zurück nach Florida. Noch dazu hatte er keine Ahnung, was mit diesen seltsamen Andeutungen gemeint war und als Krönung obendrauf hatten sie ihm auch noch unmissverständlich mitgeteilt was passieren würde, wenn sich Lacey aus diesem Spiel verabschiedete.
In diesem Moment registrierte er, wie sie ihm vorsichtig das Blatt Papier aus den Händen zog. Seine nun leeren Handflächen wanderten zu seinem Gesicht hinauf, er fuhr sich vorsichtig über die Wangen und die Stirn und vergrub dann seine müden Augen in der willkommenen Dunkelheit. Dies hier war ein Albtraum. Ein Albtraum, aus dem es kein Erwachen gab, so sehr er sich auch anstrengte. Und wenn er Pech hatte, musste er Lacey gegen ihren Willen und höchstwahrscheinlich unter Androhung von Gewalt mitschleifen. Mal ganz abgesehen davon, dass er nun auch keine Möglichkeit mehr hatte, sie zum Teufel zu jagen, wenn sich herausstellen sollte, dass das mit ihnen beiden nicht mehr funktionierte.
Ein erstickter Laut zu seiner Linken ließ ihn überrascht aufsehen und er erschrak, als er Laceys Gesicht erblickte. Sie war schneeweiß geworden, ihre Augen wirkten unglaublich groß und wässrig und schienen ihr aus den Höhlen quellen zu wollen, und die Hände, die das Blatt Papier mit den nächsten Anweisungen immer noch verkrampft festhielten, zitterten unübersehbar.
Lace? fragte Nick alarmiert und legte ihr vorsichtig einen Arm um die Schulter. Hey Lacey? versuchte er es erneut, als sie nicht reagierte. Komm schon. So schlimm ist es doch nicht, noch etwas länger mit mir zusammen sein zu müssen, hm? Der Satz sollte eigentlich witzig klingen, doch er hörte sich so verzweifelt an, dass ihm selbst ganz übel davon wurde.
Statt einer Antwort schüttelte sie lediglich den Kopf und einmal damit angefangen, schien sie nicht mehr damit aufhören zu können. Ihr Kopf bewegte sich in stetigem Rhythmus von einer Seite auf die andere, während sich ihre Augen mit Tränen füllten und schließlich überliefen.
Jetzt wurde ihm dann wirklich mulmig und er begann beruhigend über ihren Rücken zu streicheln.
Hey, was ist denn los? fragte er sanft, wenn er auch nicht wusste, wo er die innere Ruhe dafür her nahm.
I-I-Ich ... , setzte sie an, schüttelte noch einmal den Kopf und deutete dann mit einem zitternden Finger auf das dicht beschriebenen Blatt Papier hinunter. I-Ich ... w-weiß ... wo ... d-das ... ist, würgte sie schließlich hervor.
Echt? rief er vollkommen verblüfft, bis ihm mit einem Mal aufging, dass sie nicht etwa wegen der Nachricht, dass sie in nächster Zeit förmlich an ihn gekettet sein würde weinte, sondern wegen der Auswahl des nächsten Ziels.
Ich kann nicht mit dir da hin gehen, hörte er sie plötzlich flüsternd und ein Kloß von der Größe eines Fußballs verengte augenblicklich seine Kehle.
Aber ... wenn du nicht mitkommst, dann ... werden sie vielleicht Aaron irgendetwas antun und ... ,
Ich kann nicht, stieß sie nun etwas lauter hervor, sprang unvermittelt von ihrem Sitz auf und ehe er sich versah, hatte sie sich an ihm vorbei gedrückt und schob sich unaufhaltsam dem Ausgang zu. Hektisch sammelte er den Umschlag, das Kartenfragment und den Brief ein und lief ihr hinterher. Doch sie war bereits in dem weiten Maul des Treppenabgangs verschwunden. Als er die Treppe schließlich selbst erreichte, war von ihr weit und breit nichts mehr zu sehen. Angst und Panik bemächtigten sich seines klaren Denkens und wie von Furien gehetzt rannte er, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinunter. Er durfte sie nicht verlieren und der Gedanke, dass Aarons Rettung zwar das größte Argument aber bei weitem nicht das einzige hierfür war, ließ seinen Magen eine schmerzhafte Piourette drehen. Wie war es nun wieder dazu gekommen, dass er an einem ihm beinahe fremden Mädchen hing, die ihn immer nur auf Abstand hielt und so gar nicht zu ihm passte?