Kapitel 27
Sie verstauten ihr Gepäck in einem Schließfach des Bahnhofes und ließen sich dann von einem Taxi zum Turner Field bringen. Das wie eine Triangel angelegte Stadion erhob sich majestätisch aus dem morgendlichen Dunst in Mitten von Parkplätzen und Ausfallstraßen, eine unglaubliche Anzahl von kleinen Geschäften, Cafes, Kneipen und Restaurant zog sich wie ein Ring um den riesigen Bau und bereits am frühen Morgen schien zumindest die Hälfte der Baseballfans schon anwesend zu sein.
Vor den Kassen hatten sich lange Schlangen gebildet, auch wenn die Arena ihre Tore noch gar nicht geöffnet hatte und die Bar, in der Nick und Lacey an einem der hinteren Tische Platz genommen hatten, füllte sich nach und nach mit Menschen, die in den typischen Atlanta Braves Farben rot, blau und weiß gekleidet waren. Der Lärmpegel stieg kontinuierlich an, während Nick an einer Cola nippte und Lacey mit Kopfhörern auf den Ohren und geschlossenen Augen in einer Ecke der mit rotem Kunstleder bezogenen Bank hockte.
Mit jedem Gast, der das Lokal betrat, steigerte sich Nicks Unruhe. Er beobachtete jede Person ganz genau, suchte nach Hinweisen, ob vielleicht einer dieser Männer und Frauen zum G-o-L Komitee gehörte und fand natürlich nichts. Der Gedanke, dass Aaron ganz in seiner Nähe sein könnte, aber trotzdem unerreichbar für ihn blieb, machte ihn ganz verrückt. Beinahe kam es ihm so vor, als wolle das G-o-L Komitee seine Geduld testen oder, was wahrscheinlicher war, ihn absichtlich quälen.
Immer wieder warf er einen verstohlenen Blick zu Lacey hinüber, die die Knie angewinkelt und die Arme vor der Brust verschränkt hatte und so wirkte, als sei sie gedanklich nicht mehr anwesend. Sie hatte ihn gefragt, ob er etwas dagegen hätte, wenn sie sich ein bisschen in ihre Musik zurück zog und er war beinahe erleichtert gewesen, dass er sich so nicht mit ihr unterhalten musste.
Sein Erwachen vor ein paar Stunden stand ihm noch deutlich vor Augen. Das Gefühl, Lacey in seinen Armen zu halten, einem Menschen so nahe zu sein und sich dabei geliebt und geborgen zu fühlen, hatte ihn eine Zeit lang beinahe friedlich und glücklich gemacht. Doch natürlich konnte dies nicht ewig andauern. Kaum war Lacey richtig wach, begannen ihre Schutzmechanismen wieder ihre Arbeit aufzunehmen und er hatte keine große Lust und auch nicht die Kraft gehabt, sie zurückzuhalten.
Trotzdem fühlte er sich heute anders als gestern Abend. Natürlich waren die Sorgen um Aaron immer noch allgegenwärtig, aber es schien ihm, als hätte ihm die eine Nacht mit Lacey in seinen Armen eine gewisse Stärke zurückgegeben, die er unterwegs irgendwo verloren hatte. Von daher war er ihr zutiefst dankbar für diese kurzen Stunden der Ruhe in diesem ganzen Chaos, auch wenn er wusste, dass er ihr dies nicht zeigen konnte und wollte.
Er seufzte verhalten und warf dabei einen wiederholten Blick auf die große, runde Uhr, die hinter der Bar an der Wand hing und natürlich ebenfalls in den Farben der Atlanta Braves gehalten war. Noch eine halbe Stunde, dann öffneten sich die Tore des Stadions und er würde damit seinem Bruder hoffentlich ein Stückchen näher rücken.
Die restliche Wartezeit kam ihm erwartungsgemäß endlos und wie eine besonders fiese Art von Folter vor, doch schließlich näherte sich der Zeiger zwei Uhr. Resolut rief Nick eine der Kellnerinnen an ihren Tisch und bezahlte die Rechnung, die sich verschwindend gering ausnahm, da sie beide keine Lust auf feste Nahrung verspürt hatten.
Nachdem die Kellnerin ihren Tisch mit einem ordentlichen Trinkgeld in der Tasche verlassen hatte, wandte er sich Lacey zu und berührte sie sanft am Arm. Sie zuckte augenblicklich erschrocken zusammen, riss die Augen auf und starrte ihn mit bebenden Nasenflügen an. Scheinbar hatte er sie aus ihrer ganz eigenen Traumwelt gerissen und mal wieder fragte er sich, was in ihrem Kopf wohl so vor sich ging. Doch nachdem er bereits gestern keine Antworten auf seine vielen Fragen erhalten hatte, machte er nun auch keinen Versuch, tiefer in sie zu dringen.
Wir müssen dann los, sagte er und wiederholte seine Worte noch einmal, nachdem sie sich hektisch die Kopfhörer von den Ohren gerissen hatte.
Ja, klar. Tut mir leid. Ich war wohl ziemlich ... uhm ... abwesend.
Kein Problem, lächelte er. Er wollte ihr sagen, dass er es sehr angenehm fand, dass sie nebeneinander sitzen konnten, ohne sich unbedingt unterhalten zu müssen, er wollte ihr klar machen, wie viel ihm die vergangenen Nacht bedeutet hatte und wie er sich jetzt fühlte, doch stattdessen stand er wortlos auf, kontrollierte bestimmt zum hundertsten Mal, ob sich die Eintrittskarten noch in seiner Hosentasche befanden und strebte dann gemeinsam mit Lacey dem Ausgang zu.
Als sie durch die Tür nach draußen traten, schlug ihnen unvermittelt ein kalter Wind entgegen und fröstelnd zog er die Schultern hoch.
Mistwetter, hörte er Lacey neben sich murmeln.
Das kannst du laut sagen, nickte Nick, während sie mit einer unübersichtlichen Zahl an Menschen am Straßenrand standen und auf eine Lücke im Verkehr warteten.
Ich will dich ja nicht irgendwie aufhalten, sagte Lacey in diesem Moment aber wenn wir jetzt da rein gehen und den restlichen Tag auf einer Tribüne verbringen, werde ich erfrieren.
Das Wort aufhalten sandte ein nervöses Kribbeln durch seine Eingeweide, doch er musste ihr leider Recht geben. Lange würde er in seinem dünnen Pullover auch nicht durchhalten. Also suchten seine Augen die Geschäfte hinter sich ab und fanden einen Fan-Artikel-Shop, in dessen Schaufenster dicke Regenjacken in den Mannschaftsfarben ausgestellt waren.
Ich befürchte, rot steht mir nicht, hörte er Lacey neben sich schmunzeln und als er auf sie hinunter blickte, lächelte sie sanft.
Wirst du es trotzdem verkraften? gab er mit ebenfalls leicht nach oben gezogenen Mundwinkeln zurück.
Wenn sie warm sind schon, grinste sie nun.
Na dann komm. Im Moment stehen sie sich wahrscheinlich sowieso nur die Beine am Eingang in den Bauch.
Lacey nickte und folgte ihm in den überraschend großen Laden, der nur so von Fans, Familien und Touristen wimmelte. Sie brauchten nicht sehr lange um Jacken zu finden, die ihnen passten und wählten danach auch noch eine Baseballkappe für Nick und eine Wollmütze und einen Schal für Lacey aus. Nachdem sie beinahe eine viertel Stunde an der Kasse hatten warten müssen, bis sie an die Reihe kamen, standen sie gleich darauf wieder draußen im stumpfen Licht dieses ungemütlichen Tages.
Viel besser, seufzte Lacey neben ihm, die den Reißverschluss ihrer Jacke bis zum Kinn hoch und die Mütze bis beinahe über die Augen gezogen hatte.
Hm, nickte Nick, der sich ein bisschen doof dabei vorkam, dass er und Lacey jetzt im Partnerlook herumrannten. Andererseits fiel dies in der wogenden Menge der blau, rot und weiß gekleideten Menschen gar nicht näher auf.
Gemeinsam mit tausenden von Fans begaben sie sich also zu den weit geöffneten Toren des Stadions. Die Menschen drängten sich auf dem weitläufigen Vorplatz dicht zusammen, so dass Nick irgendwann nach Laceys Hand griff, um sie in dem unübersichtlichen Gewühl nicht zu verlieren. Immer noch war er überrascht, wie viel Sicherheit ihm diese eine, kleine Berührung vermittelte, doch er versuchte auch hier, nicht näher darüber nachzudenken.
Beinahe eine Stunde benötigten sie, um den Eingang zu erreichen. Sie wurden durchsucht, mussten durch einen Metalldetektor gehen und hielten zum Abschluss ihre Tickets unter einen Scannen. Ein Piepsen ertönte, der Sicherheitsmann winkte sie mit einem Lächeln weiter und Erleichterung durchflutete Nick, als er nun durch das Drehkreuz trat und endlich einen Fuß auf den Boden des Turner Fields setzen konnte. Er war hier und Aaron sicherlich nicht weit. Es ging also voran.
Das schlechte, kalte Wetter schien der Jahrmaktsatmosphäre des Stadions keinen Abbruch zu tun. An den Getränke- und Essständen drängten sich Trauben von Besuchern, kleine Buden boten jegliche Art von Fanartikeln, Baseballzubehör und anderen Krimskrams an, durch die Massen drängten sich Verkäufer mit Bauchläden, die Zigaretten, heiße Würstchen und Bier aus Plastikbechern anboten, während im Hintergrund laute Musik aus dem Stadion schallte. Nick kam die Szenerie nach und nach sehr unwirklich vor. Die Menschen um ihn herum waren hier um zu feiern, er allerdings war von einem Komitee hierher bestellt worden, um seinen Bruder zu retten.
Meinst du, sie sind schon hier? hörte er Lacey in seine rasenden Gedanken hinein fragen.
Ich habe keine Ahnung. Möglich wäre es, gab er schulterzuckend zurück.
Also sollten wir gleich auf unsere Plätze gehen? fragte sie weiter.
Auf jeden Fall können wir dort sicher sein, dass wir gefunden werden, nickte Nick.
Er benötigte eine Weile um auf Grund der Angaben auf seinem Ticket den richtigen Aufgang zu den Tribünen zu finden. Tatsächlich mussten sie das halbe Stadion umrunden, um die Treppe zu erreichen, über der ein riesiges D prangte. Noch während sie die breiten Stufen hinaufstiegen, schoss ihm der Gedanke durch den Kopf, dass er normaler Weise solch ein Stadion durch den VIP Eingang betrat und wenn er viel, viel Glück hatte vor dem Spiel hinaus auf den grünen Rasen treten durfte, um die Nationalhymne zu singen. Heute war allerdings alles anders. Ihn durchflutete nicht dieses wundervolle, aufgeregte Kribbeln, das er sonst an einer dieser Sportstätten verspürte, er war weder ausgelassen noch voller Vorfreude, noch hatte er die Menschen an seiner Seite, die ihn sonst bei solchen Auftritten begleiteten und auch beschützten.
Bei diesem Gedanken angekommen zog er den Schirm seiner Baseballkappe noch etwas tiefer ins Gesicht und fasste Laceys Hand etwas fester. Sollte er ausgerechnet hier erkannt werden und er sich die nächste Zeit nicht vor aufdringlichen Fans retten können, die der Meinung waren sich unbedingt mit ihm ablichten lassen zu müssen, würde das Komitee sicherlich davon absehen, in Kontakt mit ihm zu treten.
Dieser Gedanke sandte eine solch glühende Salve von Angst durch seine Eingeweide, dass seine Knie unvermittelt weich wurden und sich seine Atmung hektisch beschleunigte.
Was ist? hörte er Lacey neben sich besorgt flüstern, während sie die letzte Treppenstufe nahmen und hinaus auf einen breiten Treppenabsatz traten.
Nichts, wehrte er ab. Ich bin nur ... nervös.
Wird schon schief gehen, lächelte sie aufmunternd. Außerdem bin ich ja auch noch da.
Er hielt es nicht für nötig ihr zu erklären, dass die Anwesenheit einer fremden Frau an seiner Seite es wahrscheinlich nicht wirklich besser machen würde, wenn tatsächlich einige Fans auf ihn zutraten, also lächelte er lediglich schief zurück und ließ dann seinen Blick aufmerksam umher schweifen.
Unter ihnen breitete sich das dreieckige Spielfeld aus. Des Infield mit seinen drei Bases und der Home Plate, hob sich hell vor dem Hintergrund des grünen Rasens des Outfields ab, das sich weit bis zu den gegenüberliegenden Tribünen erstreckte. Links und rechts von ihnen zogen sich unzählige Sitzplätze in akkurat angelegten Reihen um das Spielfeld herum. Das G-o-L Komitee hatte für sie Plätze auf halber Höhe zwischen Spielfeld und oberen Rängen reserviert, also strebte Nick, immer noch mit Lacey an seiner Hand, noch ein paar Stufen weiter nach oben, bevor er sich vorsichtig in ihre Sitzreihe schob. Er hielt den Kopf gesenkt, murmelte ab und an eine Entschuldigung, wenn er jemandem aus Versehen auf den Fuß trat und fühlte eine ungeheure Erleichterung, als er schließlich ihre Sitze erreichte.
Puh, das wäre schon mal geschafft, hörte er Lacey neben sich murmeln und er konnte ihr nur zustimmen. Er war heilfroh, seinen Platz endlich erreicht zu haben, auch wenn er sich fragte, wann das Komitee wohl auf sie zutreten würde. Vor, während oder nach dem Spiel? Oder würde die Kontaktaufnahme vielleicht gar nicht hier stattfinden sondern erst, wenn sie sich etwas aus der Menge heraus begeben hatten, um möglichst wenige Zeugen dabei zu haben?
Wieder einmal blieb ihm nichts anderes übrig als zu warten und Geduld, so viel war sicher, gehörte ganz eindeutig nicht zu seinen Stärken.
In diesem Moment schob sich ein Mann durch die Sitzreihe auf den noch leeren Platz neben Nick zu und alles in ihm schien sich anzuspannen. Seine Augen durchbohrten den Fremden gerade zu, der in einer Hand einen Plastikbecher mit Bier und in der anderen den unvermeidlichen Hotdog hielt. Seine riesige, unförmige Gestallt steckte in Jeans und einer dicken Jacke der Atlanta Braves und auf seinem beinahe quadratischen Schädel thronte eine rot-blaue Strickmütze, die viel zu klein zu sein schien.
Nick spürte unvermittelt Laceys warme Hand auf seinem Oberschenkeln und als er einen schnellen Blick zu ihr hinüber warf, starrte sie ebenfalls mit großen Augen zu dem Fremden hinüber, der jetzt seinen Sitz erreichte und sich mit einem lauten, erleichterten Seufzen darauf nieder ließ.
Der Mann schien allein zu sein, was sämtliche Alarmglocken in Nicks Gehirn zum schrillen brachte, während sich seine Augen wieder an dem Fremden festsaugten.
Saukalt, was? grinste der Mann schließlich, legte seinen Hotdog auf seinem voluminösen Knie ab und streckte Nick die Hand entgegen. Ich bin Archie. Zum ersten Mal bei einem Spiel dabei?
Nick schüttelte die ihm dargebotene Hand, obwohl er dem Mann viel lieber so lange ins Gesicht geschlagen hätte, bis er ihm verriet, was er mit Aaron gemacht hatte.
Ja, das erste Mal, nickte er, bevor er Lacey vorstellte und beobachtete, wie die beiden sich über seinen Schoß hinweg die Hände schüttelten.
Ich komm jedes Jahr mindestens drei Mal hier her, erklärte Archie, bevor er einen tiefen Schluck von seinem Bier nahm und dann genüsslich in seinen Hotdog biss. Es dauerte einen Moment, bis er ohne sichtbare Kauaktivitäten den Bissen herunter geschluckt hatte, dann fuhr er fort die Karten sind ziemlich teuer wie ich finde. Trotzdem ist das hier live viel spannender als zu Hause am Fernsehbildschirm.
Hm, nickte Nick abwesend, während seine Gedanken rasten und er sich wieder und wieder fragte, was er nun tun sollte. Gehörte Archie zum G-o-L Komitee? Und wenn ja, würde er das überhaupt zugeben, wenn er ihn direkt darauf ansprach? Und dann war ja noch nicht gesagt, dass er ihm auch noch verraten würde, wo Aaron sich aufhielt.
Verraten sie uns, ob wir irgendetwas Bestimmtes tun müssen? fragte plötzlich Lacey neben ihm an Archie gewandt.
Dieser wirkte für einen Moment etwas verblüfft von dieser seltsamen Frage, doch er fasste sich schnell wieder, holte tief Luft und begann dann mit einem langen, leider ziemlich uninteressanten Vortrag über das Spiel im allgemeine, über die Atlanta Braves im besonderen und was von den Fans dieser großartigen Mannschaft erwartet wurde.
Irgendwann mittendrin schaltete Nick seine Ohren auf Durchzug und ließ seine Augen wieder über die Menge über und unter ihm schweifen. Selbst wenn Archie etwas mit dem Komitee zu tun hatte, würde er es ihnen nicht verraten bis er es selbst für richtig hielt. Abgesehen davon war Nick beinahe davon überzeugt, dass dieser Berg von Mann einfach nur zufällig den Platz neben ihnen erwischt hatte. Trotzdem würde er ihn nicht aus den Augen lassen, so viel war sicher.