Kapitel 26

Vor dem großen Fenster ihres Abteils blinzelte bereits die Sonne durch tief hängende Wolken, als das Piepsen des Handyweckers Lacey drei Stunden später aus einem tiefen, totenähnlichen Schlaf riss. Zu erst wusste sie gar nicht, was dieser grässliche, helle, immer wiederkehrende Ton zu bedeuten hatte, doch nach und nach wurde ihr bewusst, dass dies wohl ein Weckruf sein sollte. Mit immer noch geschlossenen Augen streckte sie den Arm aus dem Bett und wollte auf dem Boden nach dem kleinen Telefon tasten, doch sie stellte fest, dass sie sich nicht nach vorne beugen konnte, um das Handy zu erreichen. Für zwei endlose Sekunden versuchte sie blinzelnd dahinter zu kommen, was jetzt wieder los war, dann fiel ihr plötzlich und mit einem Schlag alles wieder ein. Sie registrierte Nicks Arme, die sie immer noch fest umschlungen hielten, fühlte die angenehme Wärme, die sein Körper abgab und die sich mit ihrer eigenen unter der Decke vermischte, und ohne dass sie etwas dagegen tun konnte, stahl sich ein vorsichtiges Lächeln auf ihr Gesicht.
„Mach das aus,“ murmelte es in diesem Moment gequält in ihrem Rücken. „Bitte!“
„Wenn du mich los lässt, krieg ich das sogar hin,“ grinste sie.
Sein Griff lockerte sich augenblicklich, doch er gab sie nicht frei, sondern ließ ihr gerade genug Raum, um ihr Telefon zu erreichen. Kaum hatte sie eine Taste gedrückt, verstummte das laute Piepsen und sie stießen beide gleichzeitig ein erleichtertes Seufzen aus. Seine Arme schlangen sich wieder fester um sie und zogen sie so wieder eng an seinen Brustkorb, der sich in ihrem Rücken beruhigend langsam hob und senkte.
Die Ruhe und Zufriedenheit, die Lacey dabei durchströmte, konnte sie sich allerdings nur damit erklären, dass sie noch nicht richtig wach war. Eigentlich sollte sie ihm nicht so nahe sein. Körperliche Nähe führte im Endeffekt doch nur dazu, dass sie festgehalten wurde. Festgehalten an einem Ort und in einem Leben, das sie doch eigentlich nicht mehr wollte. Eigentlich.
Als Nick vor ein paar Stunden zu ihr ins Bett gekrabbelt kam und sie damit aus ihrem Albraum riss, hatte die Panik noch jede ihrer Nervenbahnen durchdrungen. Sie hatte nur daran denken können, was sie ihm wohl alles unwissentlich verraten hatte und als er auch noch so unverblümt Michaels Namen aussprach war sie sich sicher gewesen, dass er jetzt die ganze Geschichte kannte. Doch natürlich war dies gar nicht möglich. Den genauen Hergang der damaligen Ereignisse zu schildern, hätte wesentlich mehr Zeit in Anspruch genommen als die halbe Stunde, in der sie unvorsichtiger Weise geschlafen hatte.
Tja ... und dann hatte sie sein Gesicht gesehen und die Traurigkeit in seinen Augen gelesen. Erst hatte sie gedacht, er sei wegen seines Bruders so außer sich, doch irgendetwas sagte ihr, dass dies nicht der einzige Grund sein konnte. Alles Weitere hatte sich dann einfach so ergeben. Sie hatte dem Drang nachgegeben, ihm nahe sein zu wollen und als sie erst einmal dicht aneinander gekuschelt in ihrem Bett lagen, hatte sie gespürt, dass nicht nur Nick sich nach Nähe und Geborgenheit gesehnt hatte. Sie hätte wohl gelogen wenn sie nicht zugegeben hätte, dass ihr das alles durchaus Angst machte, doch das angenehme Gefühl ihm so nahe sein zu können, wog dies um ein vielfaches auf.
Doch jetzt war er immer noch hier, so dicht bei ihr, dass sie seinen warmen Atem im Nacken spüren konnte. Im Licht des heraufziehenden Tages schien es keine so gute Idee mehr zu sein, hier mit ihm zu liegen.
„Ich werde dann wohl mal aufstehen,“ sagte sie deshalb, schlug die Decke zurück und wollte sich aus dem Bett schieben, doch Nicks Arme blieben an Ort und Stelle.
„Uhm ... du musst mich loslassen, damit ich ins Bad kann,“ versuchte sie es noch einmal, während die kühle Luft der Klimaanlage eine Gänsehaut auf ihre nackten Beine zauberte.
„Noch nicht,“ hörte sie ihn murmeln, dann drückte er sie fest an sich und rieb sein Gesicht in ihrem Haar.
„Nick ... ich ... also wirklich ... ich meine ...,“ stammelte sie, während sie sich nicht entscheiden konnte, ob sie sich nun wehren oder lieber zurück in seine Wärme kriechen sollte.
„Noch fünf Minuten,“ hörte sie ihn betteln, bevor er den Arm, der bisher über ihrer Hüfte gelegen hatte anhob, nach der Decke griff und sie wieder fest um sie beide schlang.
Lacey wagte kaum zu atmen, während sie das ungewohnte Gefühl seiner Nähe einhüllte. Plötzlich sah sie wieder Michael vor sich, hörte die Vorwürfe, die sie ihm gemacht hatte und fühlte noch einmal seine weichen Lippen auf ihren. Was tat sie hier eigentlich? Sie liebte nur einen Mann und das für immer und ewig. Da halfen auch ein bisschen Gekuschel und diese todtraurigen Augen nichts.
„Ich stehe jetzt auf,“ verkündete sie erneut, diesmal allerdings mit fester Stimme, die Nick hoffentlich klar machte, dass sie es diesmal ernst meinte.
„Bist du schon wieder auf der Flucht?“ hörte sie es undeutlich hinter sich.
„Scheint so,“ nickte sie, da leugnen eindeutig zwecklos war.
„Hm,“ machte er, bevor er unvermittelt die Bettdecke anhob und sie damit freigab. „Dann mal husch husch.“
Als sie die Beine über die Bettkante schwang und vorsichtig aufstand, wobei sie ängstlich darauf achtete, der oberen Bettkante nicht zu nahe zu kommen, konnte sie kaum glauben wie enttäuscht sie über sein schnelles Einlenken war. Und als sie schließlich im Bad vor dem kleinen Spiegel stand und ihr vor Müdigkeit zerknautschtes Gesicht und ihr wirres Haar musterte, konnte sie sich immer noch keinen Reim darauf machen. Beinahe kam es ihr so vor, als führten ihr Verstand und ihre Gefühlswelt zwei verschiedene Leben. Das eine konnte sie kontrollieren, das andere nicht und alleine der Gedanke daran ließ ihre Hände ganz leise anfangen zu zittern. Sie musste in Zukunft besser aufpassen und durfte sich auf keinen Fall noch einmal in solch eine Situation begeben. Das brachte doch nichts. Weder ihm noch ihr.

Um acht Uhr erreichten sie schließlich die Georgia State Station im Herzen Atlantas. Nick stieg hinaus auf den Bahnsteig, nahm von Lacey ihren Seesack entgegen und half ihr beim Aussteigen. Jede Menge Menschen bevölkerten den Bahnsteig, drängten sich an ihnen vorbei und bestiegen den Zug, während Lacey etwas unschlüssig neben Nick stand und keine Ahnung hatte, was sie nun als nächstes tun sollten.
Im Gegensatz zu Florida war es hier in Atlanta unangenehm kühl, so dass Lacey ihre Kapuzenjacke etwas fester um sich zog und leise fröstelnd die Arme vor der Brust verschränkte. Durch das Glasdach des Bahnsteigs konnte sie in einen mit Wolken verhangenen, grauen Himmel blicken und sie hoffte, dass es heute nicht auch noch regnen würde.
Bis zum Spiel der Atlanta Braves waren es noch einige Stunden und der Gedanke, diese draußen auf der Straße zu verbringen, behagte ihr ganz und gar nicht.
„Und nun?“ fragte sie also an Nick gewandt, der, seit er ebenfalls wach und aufgestanden war, höchstens drei Worte mit ihr gewechselt hatte.
„Wir haben zwei Möglichkeiten,“ antwortete er, während er sich seine Reisetasche über die Schulter warf und dann nach ihrem Seesack griff. „Erstens,“ sagte er und setzte sich Richtung Ausgang in Bewegung „wir verstauen unser Gepäck in einem Schließfach und suchen uns dann ein nettes Plätzchen, wo wir die Zeit bis zum Spiel totschlagen können, oder wir mieten uns ein Hotelzimmer und warten dort. Deine Entscheidung.“
„Wieso meine?“ fragte sie mit gerunzelter Stirn nach.
„Weil es mir vollkommen egal ist,“ gab er zurück ohne sie dabei anzusehen. „Alles was ich will ist, die nächsten Stunden schnell herum zu bringen, damit ich endlich zu diesem blöden Stadion fahren kann und Aaron wieder bekomme.“
„Okay,“ nickte Lacey und überlegte einen Moment, welche Variante ihr besser gefiel. „Da sich meine Geldreserven auf einem lächerlich niedrigen Stand befinden, nehme ich Möglichkeit eins,“ verkündete sie dann.
„Geld spielt keine Rolle,“ gab er lediglich zurück, während sie durch eine gläserne Schiebetür die riesige Bahnhofshalle betraten.
„Für mich schon,“ entgegnete Lacey und wäre beinahe in Nick hinein gerannt, als dieser unvermittelt stehen blieb, ihr Gepäck mit einem lauten Rums absetzte und sich dann zu ihr herum drehte.
„Ich dachte, dass wir über diesen Punkt schon drüber raus seien,“ sagte er und sie registrierte dabei seine missmutig gerunzelte Stirn.
„Über diesen Punkt?“ fragte sie verständnislos.
„Du bist meinetwegen hier, du spielst das Spiel nur deshalb, weil ich Idiot vor deiner Tür stand. Also wirst du dir über solche Sachen wie „wer bezahlt was“ und „kann ich mir das leisten“ keine Gedanken machen.“
„Aber die mache ich mir, ob dir das gefällt oder nicht,“ gab sie nun ebenfalls leicht aufgebracht zurück. „Ich möchte nicht dass du denkst, ich nutze dich aus oder so. Ich kann durchaus für mich alleine sorgen und ... ,“
„Das weiß ich,“ unterbrach er sie. „Trotzdem würdest du uns beiden einen riesigen Gefallen tun, wenn du mit dieser Diskussion einfach aufhören könntest.“
Ihr lag bereits eine entsprechende Erwiderung auf der Zunge, als sie in sein müdes und abgespanntes Gesicht auf sah. Was tat sie hier eigentlich? Er hatte doch von Anfang an alle Kosten übernommen und jetzt einen Streit vom Zaun zu brechen, nur weil es ihr immer noch unangenehm war, dass sie heute Morgen in seine Armen aufgewacht war, brachte ja nun wirklich nichts. Außerdem sah er einfach mitleiderregend aus und sie brachte es schon allein deshalb nicht übers Herz, sich weiterhin zur Wehr zu setzen.
Also seufzte sie leise und nickte dann langsam. „In Ordnung, meinetwegen. Aber wehe du wirfst mir hinterher irgendwas vor oder präsentierst mir ne Rechnung oder ähnlichen Schwachsinn.“
„Das werde ich nicht,“ versprach er.
Sie nickte erneut und wandte dann den Blick von ihm ab. Vielleicht konnte sie besser denken, wenn sie ihn nicht mehr die ganze Zeit anstarrte.
„Also?“ hörte sie ihn fragen.
„Also was?“ gab sie irritiert zurück.
„Hotel oder Cafe?“
„Cafe,“ entschied sie.
„Wäre auch meine Wahl gewesen,“ nickte er, sah sich dann einen Moment suchend um und schulterte gleich darauf wieder ihr Gepäck.
Als er ohne zu zögern auf den hinteren Teil der Bahnhofshalle zusteuert, folgte sie ihm ohne nach rechts und links zu sehen. Was auch immer in den nächsten Stunden noch passieren würde, eines stand für sie unumstößlich fest: In dem Moment, in dem sie Aaron wieder sicher bei seinem Bruder wusste, würde sie aus diesem dämlichen Spiel aussteigen. Es wurde endlich Zeit, dass sie damit aufhörte imaginäre Luftschlösser zu bauen und zu glauben, dass es vielleicht doch noch einen anderen Ausweg für sie gab. Nick war nicht die Rettung. Und ihr verquerer Geist und ihre verwirrten Gefühle auch nicht.
Vorsichtig betastete sie die vertraute Rundung in ihrer Handtasche. Sie hatte sich geschworen ihre Fahrkarte in ein besseres Leben nicht mehr aus den Augen zu lassen und wenn der richtige Zeitpunkt gekommen war würde sie sich nicht mehr mit Gedanken an Perfektion oder persönliche Rituale aufhalten. Sie würde den Wein trinken, sich notfalls in den Straßengraben legen und darauf hoffen, dass sie das Jenseits und damit Michael, Aden und Trin schnell erreichte. Dann würde sie endlich Frieden finden, davon war sie überzeugt.

Kapitel 27