Kapitel 25
Nick lag in dem schmalen, oberen Stockbett, hatte einen Arm unter seinen Kopf geschoben und starrte auf das Polaroid in seinen klammen Fingern. Er konnte es nicht besonders hoch halten, da die Decke des Zuges beklemmend niedrig war. Beinahe fühlte er sich, als befände er sich in einem ihrer Tourbusse. Das sanfte Schaukeln und Rattern des Zuges lullte ihn ein, die Enge seiner Schlafkoje war ihm ebenfalls vertraut und das spärliche Licht, das die kleine Nachtischlampe neben Laceys Bett spendete, schien ihm seltsam tröstlich.
Immer wieder suchten seine Augen in dem Foto nach irgendeinem Hinweis darauf, wie es Aaron tatsächlich ging, ob er Angst hatte, was diese Mistkerle mit ihm vorhatten und ob er seinen Bruder unversehrt in Atlanta wieder in die Arme schließen würde. Doch natürlich konnte ihm das Bild keine einzige seiner Fragen beantworten. Vielmehr schürte es die Sehnsucht nach seiner Familie in ihm und er fragte sich das erste Mal an diesem mehr als beschissenen Tag, ob er nicht vielleicht doch irgendjemanden von Aarons Verschwinden informieren sollte. Müssten nicht seine Eltern, seine Geschwister, die Polizei oder sonst irgendjemand davon erfahren? Vielleicht würde er sich dann nicht mehr ganz so hilflos und verzweifelt fühlen und vielleicht waren andere besser in der Lage, seinem Bruder zu helfen. Er konnte im Moment jedenfalls nicht behaupten, dass er wirklich etwas zu Aarons Rettung beitrug oder auch nur so etwas wie einen Plan in der Tasche hatte. Und zwei Tickets für ein Spiel der Atlanta Braves sah er nicht wirklich als einen Plan an.
Unvermittelt hörte er unter sich ein leises Murmeln, das eindeutig von Lacey stammte und mit gerunzelter Stirn und aufmerksam lauschend ließ er das Foto sinken. Vor einer halben Stunde hatten sie sich beide schlafen gelegt, da der lange Tag mit seinen vielen Erlebnissen langsam aber sicher seinen Tribut forderte. Er hatte gehofft, dass er mittlerweile so müde war, dass er sofort einschlafen würde um in ein paar Stunden erfrischt in Atlanta anzukommen und sich auf die Suche nach Aaron machen zu können. Doch an Schlaf war leider nicht zu denken. Zu sehr rasten die Gedanken in seinem Kopf, sein Herzschlag ließ sich immer noch kaum beruhigen und das Adrenalin, das weiterhin durch seinen Körper jagte, tat sein übriges. Nein, schlafen würde er wohl in diesem Zug nicht mehr.
Unter ihm war wieder alles ruhig geworden. Er war gerade dabei das Foto wieder ins Licht zu heben, als er erneut Laceys Stimme vernahm. Diesmal war sie etwas lauter, wenn auch ihre Worte kaum verständlich waren. Vorsichtig richtete er sich auf und stütze sich auf seinen Ellenbogen. Jetzt würde wahrscheinlich gerade noch so seine flache Hand zwischen Stirn und Zugdecken passen.
Er vernahm einen undefinierbaren Laut aus dem Bett unter ihm, dann hörte er, wie Lacey sich stöhnend herumwälzte, bevor sie erneut leise vor sich hin murmelte. Sie redete im Schlaf. Nick musste grinsen. Wenn er ihr das morgen erzählte, würde sie wahrscheinlich ausflippen.
Michael? hörte er sie plötzlich klar und deutlich hervorstoßen und Nick schluckte angestrengt. Sie klang irgendwie ... seltsam.
Vorsichtig legte er das Polaroidfoto beiseite, schlug die Decke zurück und schob seine Beine über den Rand des Bettes. Er musste sich ganz schön verrenken und verdrehen um sich möglichst leise aus der Nische zu schieben, doch schließlich berührten seine nackten Zehen den mit Teppich ausgelegten Abteilboden. Gleich darauf ließ er sich vorsichtig ganz aus seiner Koje gleiten, dann beugte er sich ein Stück über das Bett und starrte hinunter auf Laceys Gesicht.
Sie lag auf dem Rücken, die Nachtischlampe malte dunkle Schatten um ihre Nase und ihre Augen und erhellte dabei auch die Tränenspur, die sich von ihren Augenwinkeln zu ihren Ohren hinunter schlängelte und in ihrem Haar verschwand.
Michael bitte, hörte er sie erneut flüstern und ihr Gesichtsausdruck war dabei so unglaublich verzweifelt, dass sich in Nick alles zusammen zog.
Vorsichtig ließ er sich auf die Bettkante sinken, was ganz schön schwierig war, da Laceys Bett auch nicht breiter als seines war, und berührte sie dann sanft an der Schulter.
Lace? fragte er leise.
Nicht ... , stieß sie hervor und versuchte sich im Schlaf von ihm wegzudrehen.
Lacey, hey, wach auf, sagte er nun etwas lauter und begann sanft an ihrer Schulter zu rütteln.
Ich will bei dir bleiben! schluchzte sie plötzlich. Schick mich nicht weg. Du musste ... , In diesem Moment riss sie unvermittelt die Augen auf und starrte vollkommen verwirrt zu Nick auf.
Er war sich im ersten Moment nicht ganz sicher, ob sie nun tatsächlich wach war, oder mit offenen Augen immer noch schlief, als streichelte er ihr sanft über die Wange und murmelte. Bist du wach? Alles in Ordnung?
Ich ... was ... du ... , nuschelte sie, bevor sie ein paar Mal blinzelte, sich dann abrupt aufrichtete und Nick dabei nur mit äußerste Mühe verhindern konnte, dass sie sich erneut den Kopf anstieß.
Was tust du hier? fuhr sie ihn an, während sie in ihrem Bett so weit wie möglich nach hinten rutschte, die Knie anzog und sich dann hektisch und mit fahrigen Bewegungen die Tränen von den Wangen wischte.
Du hast schlecht geträumt, informierte er sie sanft, während er ebenfalls weiter in ihre Schlafkoje hinein krabbelte und seine mittlerweile eiskalten Füße unter ihre Decke schob. Er registrierte sehr wohl ihr entsetztes Gesicht, während er sich einen guten Meter neben ihr an die Rückwand des Abteils lehnte, dabei aber den Kopf einziehen musste. Er rutschte noch etwas tiefer stellte aber fest, dass diese Stellung auch mehr als unbequem war. Schließlich rollte er sich am Bettende einfach so gut wie möglich zusammen, stützte seinen Kopf in die Hand und blickte von unten zu Lacey auf, die noch ein Stück weiter von ihm abgerückt war.
Mir geht es gut. Du solltest also schnellstens wieder in deinem eigenen Bett verschwinden, sagte sie brüsk.
Ehrlich gesagt ... , er stockte und biss sich auf die Unterlippe. Ehrlich gesagt, setzte er dann noch einmal neu an will ich nicht alleine da oben liegen. Ich kann nicht schlafen und das Bild von Aaron macht mich noch ganz verrückt.
Sie schien sich ein wenig zu entspannen, während er von seinen eigenen Ängsten und Befürchtungen sprach, doch er war diesmal fest entschlossen, ihr ebenfalls ein paar Informationen zu entlocken.
Möchtest du mir nicht von deinem Traum erzählen? fragte er also und registrierte die Anspannung, die sofort wieder jeden ihrer Muskeln befiel.
Nein, stellte sie klar.
Aber irgendetwas scheint dich ganz schön zu beschäftigen, beharrte er.
Du meinst außer diesem Spiel und der Entführung deines Bruders? gab sie bissig zurück.
Außer dem, ja, nickte er. Wer ist Michael?
Wenn dies überhaupt möglich war, wurde sie noch etwas blasser, während sich ihre Hände in die Bettdecke über ihren Knien krampften.
W-Wie ... kommst du darauf? stotterte sie.
Du hast ... im Schlaf ... nach ihm gerufen, entgegnete Nick zögerlich, während er ganz deutlich spürte, dass er sich hier gerade auf einen tiefschwarzen, bodenlosen Abgrund zu bewegte. Laceys Gesicht spiegelte offene Panik wieder, ihre Atmung ging so schnell, dass die Bettdecke leise und anhaltend raschelte und die Knöchel an ihren verkrampften Händen traten weiß hervor.
Das geht dich überhaupt nichts an, stieß sie zwischen zusammen gebissenen Zähnen hervor.
Er schüttelte hilflos den Kopf und starrte auf einen Punkt auf der Bettdecke zwischen ihnen.
Und deine Narbe? fragte er weiter, während er Lacey vor sich sah, wie sie sich am Morgen in den Everglades an dem kleinen Brunnen gewaschen hatte.
Das auch nicht, antwortete sie schnippisch.
Er seufzte und sah dabei wieder zu ihr hinüber. Lacey, so funktioniert das nicht. Alles was ich möchte ist, dich ein bisschen besser kennen zu lernen. Aber du weichst jeder persönlichen Frage aus. Wie soll das also gehen?
Vielleicht will ich gar nicht, dass du mich besser kennen lernst, schon mal darüber nachgedacht? stieß sie hervor, während die Wut ihre Panik aufzulösen schien.
Warum bist du dann immer noch mit mir hier, hm? fragte er weiter. Ich meine ... ich weiß nichts über dich und du fragst auch nicht nach meinem Leben. Wir fahren jetzt seit Tagen durch die USA und haben kein einziges, wirkliches persönliches Gespräch geführt. Immer geht es nur um dieses dämliche Spiel. Ist das alles, was dich interessiert? Mit jedem Wort war er ein bisschen lauter geworden und erschrak dabei selbst vor den heftigen Gefühlen, die dabei in ihm aufflammten.
Seit diesem unseligen Tag, an dem er die Flaschenpost im Meer gefunden hatte, fühlte er sich allein und verlassen und dass er jetzt hier, im Bett eines Mädchens lag und nichts weiter wollte, als ein bisschen ihrer Nähe und Aufmerksamkeit, die sie ihm aber ums Verrecken nicht geben wollte, macht ihn ganz irre.
Sie starrte ihn für einen Moment verblüfft an, dann schien plötzlich die Anspannung mit einem Schlag aus ihr zu weichen und sie rutschte langsam an der Wand hinunter, bis sie zusammengekauert in der Fötusstellung auf dem Bett lag. Ihre Knie berührten sich beinahe unter der Bettdecke und Nick musste angestrengt schlucken, weil ihm langsam mulmig wurde. Was hatte sie jetzt wieder vor?
Es geht hier doch nicht um mich, hörte er sie sagen. Dir geht es nicht gut, was in Anbetracht der letzten Ereignisse wohl mehr als verständlich ist.
Natürlich geht es mir nicht gut, gab er aufgebracht zurück aber es macht mich echt wahnsinnig, dass du alles abblockst was auch nur im Entferntesten an deiner harten Schale kratzen könnte.
Das ist meine Vergangenheit Nick und darin hast du nicht das geringste zu suchen, erklärte sie ganz ruhig, während sie ihren angewinkelten Arm unter ihren Kopf schob und ihn aufmerksam musterte.
Aber die Vergangenheit ist doch unter anderem das, was einen Menschen ausmacht, widersprach er.
Ich werde damit schon alleine fertig, beharrte sie.
Ja, man siehts, schnaubte er freudlos.
Aber wenn du mit mir über etwas anderes reden willst, höre ich dir gerne zu, fuhr sie ungerührt fort.
Er schnaubte erneut und schüttelte dann den Kopf. Wie kann ich das, wenn ich keine Ahnung habe wie du so tickst, ob du mir die Wahrheit sagst, ob es dich überhaupt interessiert und ... und ... du so ... , ihm gingen die Worte aus, weil er gerade selbst nicht mehr wusste, was er eigentlich hatte sagen wollen. Ihm war nur klar, dass er im Moment nicht reden wollte. Nicht über Aaron, nicht über seine verkorkste Familie, nicht über seine Karriere, die im Moment irgendwie eingefroren schien und nicht über seine Freunde, die ihn alle verlassen hatten.
Eine Bewegung von der anderen Seite des Bettes ließ ihn erschrocken aufsehen. Laceys Hand schob sich ganz langsam über die Bettdecke und legte sich gleich darauf warm und samtig auf seinen Handrücken.
Er musste heftig schlucken und war nicht in der Lage, auch nur irgendeinen Ton hervorzubringen. Stattdessen fühlte er ihren Daumen, der unendlich langsam und zärtlich über sein Handgelenk streichelte und er schloss für einen Moment gequält die Augen, in denen ungeweinte Tränen brannten. Gott, wie erbärmlich! Eine Frau musste ihn nur anfassen und schon heulte er los wie ein kleines Baby.
Einsamkeit ist schlimm, hörte er sie flüstern. Und ich weiß wovon ich rede.
Unter einiger Anstrengung öffnete er seine Augen wieder und blickte zu Lacey hinüber. Aus einem Impuls heraus sank er noch etwas tiefer auf das Bett, legte seinen Kopf ebenso wie sie auf seinen angewinkelten Arm und versank dann in dem intensiven und irgendwie tröstlichen Blick ihrer blauen Augen. Immer noch fühlte er sich nicht in der Lage zu sprechen. Höchstwahrscheinlich hätte er dann richtig angefangen zu heulen und dann konnte er sich auch gleich erschießen.
Lacey seufzte leise, während ihr Blick ihn immer noch festhielt, dann begann sie plötzlich, sich unter der Bettdecke auf ihn zuzuschieben.
Lacey, ich weiß nicht ... , brachte er irgendwie über seine ausgedörrten Lippen, doch sie ignorierte ihn. Stattdessen hob sie nun seinen freien Arm an und rollte sich darunter zusammen. Unter leisem Ächzen und Stöhnen rutschten sie in dem engen Bett hin und her, bis sie eng aneinander gekuschelt und ganz still unter der Decke lagen. Laceys Rücken presste sich angenehm warm und fest an seinen Brustkorb, ihre nackten Beine berührten seine Knie und er fühlte ihre zärtlichen Finger auf seinem Unterarm, der sie fest umfangen hielt.
Schlaf, flüsterte sie. Mehr können wir im Moment nicht tun.
Er zog sie noch ein Stück näher zu sich heran und versenkte seine Nase in ihrem Haar, das so wundervoll unschuldig und frisch duftete. Gott, ihm würden gerade im Moment schon ein paar Dinge einfallen, die sie zusammen tun konnten.
Vorsichtig befreite er mit seiner Nase ihren Hals von dem blonden, vollen Haar, dann presste er vorsichtig seine Lippen auf die pochende Erhebung ihrer Schlagader.
Danke, flüsterte er schließlich dicht an ihrem Ohr.
Ich habe zu danken, kam es unerwarteter Weise und genau so leise zurück.
Ein schwaches Lächeln erschien auf seinen Lippen, wenn er auch nicht genau sagen konnte, was ihn gerade im Moment so froh machte. Langsam ließ er sich zurück sinken, schob seinen anderen Arm unter Laceys Kopf hindurch und drückte sie nun mit beiden Armen an seine Brust. Schläfrig blinzelte er und schloss gleich darauf die Augen. Keine zwei Sekunden später war er tief und fest eingeschlafen.