Kapitel 24
Irgendwie war Lacey seltsam, stellte Nick fest, während er hinter ihr durch den schwankenden Zug zurück zu ihrem Abteil ging. Gut ... dass sie anders als all die Mädchen war, die er sonst so kannte, war wohl vom ersten Moment an offensichtlich gewesen, aber die Veränderung, die seit der Nachricht über Aarons Entführung mit ihr vorgegangen war, verwirrte ihn immer mehr.
Beim unvermittelten Gedanken an seinen Bruder fühlte er, wie sich seine Eingeweide erneut schmerzhaft zusammen zogen und sein Mund austrocknete. Er hatte einfach eine scheiß Angst davor, dass Aaron etwas passiert sein könnte, dass diese ganzen kleinen Spielchen bisher nur dem einen Zweck gedient hatten, ihn in Sicherheit zu wiegen und dass das G-o-L Komitee ihm gerade mit Aarons Entführung bewies, zu was sie tatsächlich fähig waren. Um weiterhin funktionieren zu können, versuchte er die Gedanken und Vorstellungen über Aarons momentane Verfassung in den hintersten Winkel seiner Gedanken zu verbannen. Er packte all seine Gedanken, Ängste und Befürchtungen in eine bruchsichere Dose und verschloss den Deckel ganz fest. Erst wenn sie in gut fünf Stunden in Atlanta ankamen, würde er sie wieder öffnen und konnte dann hoffentlich irgendetwas tun, wenn er auch noch nicht wirklich wusste, was das dann sein sollte.
Um sich also abzulenken hatte er sich voll und ganz auf Lacey konzentriert. Es schien ihm, als wären sie im Laufe des Abends ein Stück weiter zusammen gerückt, was nicht nur an dem Umstand lag, dass er über eine Stunde lang in dem engen Speisewagen neben ihr gesessen und sich dabei ihre Schultern manchmal berührt hatten. Sie war offener geworden, wenn er auch zugeben musste, dass sich diese Offenheit eher auf ihn und seine Probleme bezog, als auf ihr eigenes Innenleben. Sie hatte ihm zugehört wenn er sich wieder und wieder in Fantasien erging, was er mit diesem beschissenen G-o-L Komitee machen würde, wenn Aaron erst wieder bei ihnen war, sie hatte immer wieder beteuert, dass sie ihn nicht alleine lassen und sie dieses Spiel gemeinsam durchstehen würden und sie hatte ihn aufgebaut als er der Meinung war, gleich die Kontrolle vor Wut und Frustration zu verlieren.
Eigentlich verhielt sie sich also ihm gegenüber, wie eine gute Freundin, doch gerade dieses Wort wäre Nick im Zusammenhang mit Lacey niemals eingefallen. Bisher hatte er sie als Mitreisende betrachtet. Jemand, mit dem man ein bisschen Spaß haben konnte, der aber zu verschlossen und verschroben war, als dass er sich tatsächlich vorstellen konnte, auch nach dem Spiel weiterhin Zeit mit ihr zu verbringen. Sie war ... nun ja ... seltsam eben. Und der Umstand, dass er immer noch nicht in der Lage war, sie in eine seiner vielen Schubladen unterzubringen, machte ihn ganz kribbelig.
In diesem Moment erreichten sie ihr Abteil und Nick spürte, wie sein Puls erneut in die Höhe schnellte. Im Speisewagen hatte er eigentlich jede Minute damit gerechnet, dass jemand auf ihn zutrat und ihm weitere Anweisungen für das Spiel und damit zu Aarons Rettung präsentierte. Doch das war nicht passiert und nachdem Lacey zu bedenken gab, dass sie die neuen Hinweise vielleicht in ihrem Abteil vorfinden würden, hielt Nick nichts mehr auf seinem Platz.
Als Lacey nun die schmale Tür nach innen aufschob und gleich darauf dahinter verschwand, war Nick der Meinung, gleich platzen zu müssen oder wahlweise zusammen zu brechen, da ihn seine weichen Knie keine Sekunde länger tragen konnten. Mit einem mehr als flauen Gefühl im Magen und rasendem Herzschlag schob er sich also ebenfalls in ihre Kabine. Die Veränderung sprang ihm dabei sofort ins Auge.
In den schmalen Zwischenraum zwischen Sofa und unterem Bett war ihr Gepäck gequetscht worden. Lacey war bereits dabei die Kordel am oberen Ende ihres Seesacks zu öffnen, während seine schwarze Reisetasche seltsam bedrohlich daneben stand.
Leise schloss Nick nun die Tür, ließ sich Lacey gegenüber auf die Couch sinken und faltete erst einmal die Hände im Schoß, während seine Augen das restliche Abteil absuchten. Vielleicht hatte ja jemand einen Umschlag hier deponiert, während sie ihren Kaffee im Speisewagen tranken. Doch auf Anhieb konnte er nichts finden und somit richteten sich seine Augen wieder auf seine Reisetasche. Lacey zog nach und nach ihre gesamten Klamotten und allerlei anderen Krimskrams aus dem Sack hervor. Interessiert registrierte er die kleine weiße Keramikschale und den Mörser, die allerdings nur wenige Sekunden zu sehen waren, da sie sofort ein T-Shirt darüber warf.
Was machst du denn damit? fragte er interessiert und deutete in einer unbestimmten Geste zu dem kleinen Hügel unter dem Shirt hinüber.
Womit? fragte sie stirnrunzelnd, während sie beinahe vollständig in ihrem Seesack verschwand, um die letzten Reste vom Boden zu Tage zu fördern.
Mit der Schale und dem Mörser, erklärte er also.
Ach ... keine Ahnung warum ich die eingepackt habe, winkte sie ab.
Gleich darauf tauchte sie aus ihrem Gepäckstück wieder auf, in der Hand hielt sie eine blaue Aluminiumflasche, die sie kurz schüttelte um zu überprüfen, ob sich noch etwas darin befand, und sie dann, zu Nicks Verblüffung, fest an ihre Brust drückte.
Erbstück? fragte er schmunzelnd.
Nein. Nur wichtig, gab sie zurück und schob die Flasche dann unter ihr Kopfkissen.
Aha, war das einzige, was er darauf sagen konnte.
Willst du nicht nachsehen, ob noch alles da ist? fragte sie dann mit kurzem Kopfnicken in Richtung seiner Reisetasche.
Sicher, nickte er wenig begeistert. Irgendwie fand er den Gedanken nicht gerade angenehm, seine gesamten Klamotten inklusive der benutzten Unterwäsche vor ihr auszubreiten.
Trotzdem zog er langsam den Reißverschluss auf und schnappte dann hörbar nach Luft, als er erkennen konnte, was sich im Inneren befand.
Was? fragte Lacey sofort alarmiert, sprang von ihrem Posten auf dem Bett in die Höhe und knallte dabei mit voller Wucht mit dem Kopf an den Rahmen des Bettes darüber.
Fuck, stieß Nick erschrocken hervor und sprang ebenfalls auf, ohne zu wissen, was er eigentlich tun wollte.
Aus Laceys Gesicht schien sämtliche Farbe gewichen zu sein, die Arme hatte sie um ihren Hinterkopf geschlungen, ihre Augen füllten sich mit Tränen und ihr hübscher Mund verzog sich vor Schmerz.
Alles in Ordnung? fragte er und schüttelte gleich darauf über sich selbst den Kopf. Nichts war in Ordnung. Das war ja wohl offensichtlich.
Lacey kümmerte sich auch nicht weiter um ihn, sondern stolperte schwankend in das winzige Bad. Er folgte ihr schnell, trat dann aber doch etwas zögerlich in den Türrahmen. Wollte sie überhaupt, dass er sich um sie kümmerte? Dass er jetzt bei ihr war? Vielleicht war es ihr ja peinlich ihm ihren Schmerz so offensichtlich zu zeigen.
Sie hielt gerade ein Handtuch unter den kalten Wasserstrahl, wrang es anschließend aus und führte es dann ganz vorsichtig und langsam an ihren Hinterkopf. Der Gedanke schoss ihm durch den Kopf, dass das wahrscheinlich das gleiche Handtuch war, mit dem sie zuvor seinen eigenen Schmerz in seiner Hand betäubt hatte. Vorsichtig bewegte er seine Finger und stellte fest, dass er fast gar nichts mehr spürte. Gott sei Dank schien die Resopalwand des Bades nachgiebiger zu sein, als sie aussah.
Scheiße tut das weh, hörte er Lacey durch zusammengebissene Zähne hervorstoßen.
Tut mir Leid, sagte er mitfühlend. Der Schlag hat ja den ganzen Zug erschüttert!
Danke. Genau so fühlt es sich auch an, hörte er sie murmeln, während sie mit gesenktem Kopf und dem Rücken zu ihm immer noch vor dem Waschbecken stand und sich das Handtuch auf das Haar drückte.
Kann ich irgendetwas für dich tun? fragte er weiter, machte nun doch noch einen Schritt in das winzige Bad hinein und legte ihr vorsichtig eine Hand auf die Schulter.
Er fühlte, wie sie sich unter dieser unerwarteten Berührung augenblicklich anspannte, doch die Hand zurückzuziehen fiel im nicht im Traum ein.
Nein, geht schon, hörte er sie murmeln. Sag mir lieber, was in deiner Tasche war.
Ach du Schande, das habe ich ja komplett vergessen, stieß er hervor und konnte nicht glauben, dass er tatsächlich die letzten zwei Minuten nicht an den Umschlag gedacht hatte, der feinsäuberlich zu oberst auf dem Wäscheberg in seiner Tasche lag. War Lacey tatsächlich wichtiger als die nächste Spielstufe? Nein, nie im Leben.
Abrupt fuhr er herum, quetschte sich durch die schmale Tür zurück in das Abteil und zog hektisch den weißen Umschlag hervor. Lacey war ihm gefolgt, setzte sich nun aber neben ihn auf das Sofa.
Nur vorsichtshalber, erklärte sie, als er einen kurzen Blick zu ihr hinüber warf.
Kein Problem, versicherte er mit einem warmen Lächeln, dann hob er den Umschlag in die Höhe. Hier wäre er also. Der nächste Hinweis und hoffentlich die Antwort darauf, wo sich Aaron befindet, verkündete er, während sein Herzschlag sich verselbständigte und wie ein wild gewordenes Rennpferd davon raste.
Möchtest du ihn nicht aufmachen? fragte Lacey, während sie das Handtuch von ihrem Kopf nahm und es neu faltete.
Gleich, nickte Nick aber lass mich das vorher ansehen.
Ach, das ist nichts, wehrte Lacey ab. Eine ordentliche Beule und das war es auch schon.
Lass mich trotzdem kurz gucken, beharrte er.
Also gut, wenn es dir dann besser geht, seufzte sie, wandte ihr Gesicht von ihm ab und ihren Hinterkopf ihm zu.
Vorsichtig pustete er auf ihr Haar, das mittlerweile feucht an ihrer Kopfhaut klebte und damit die Beule umschmeichelte, die sich bereits deutlich darunter abzeichnete.
Was tust du da? fragte Lacey misstrauisch.
Ich versuche besser zu sehen und gleichzeitig die Schmerzen wegzupusten, erklärte er ruhig. Das hat meine Mom auch immer bei mir gemacht.
Hat aber nicht geholfen, oder? fragte Lacey schmunzelnd zurück.
Bei mir schon.
Dann hat sie wahrscheinlich einen ganz besonderen Atem. Mir dröhnt jedenfalls immer noch der Schädel.
Aber es scheint nicht zu bluten, stellte Nick fest, der sich noch etwas näher zu ihr hinüber gebeugt hatte und nun ganz automatisch die Hand hob.
Wenn du mit deinen ungeschickten Fingern auch nur annähernd in die Nähe meines Kopfes kommst, bringe ich dich um, hielt ihn Laceys aufgebrauchte Stimme im letzten Moment zurück.
Okay ... uhm .. scheint in Ordnung zu sein, brummelte er also und fühlte dabei wieder das steife Papier in seiner Hand.
Gut. Dann kannst du ja jetzt endlich den nächsten Hinweis aufmachen, stellte Lacey fest, die sich nun wieder zu ihm herum drehte und wie hypnotisiert auf den Umschlag in seiner Hand starrte.
Also gut, nickte er und riss den Umschlag gleich darauf ungeduldig an der Schmalseite auf.
Oh, der Zerstörer ist wieder am Werk, hörte er Lacey missmutig murmeln.
Er wollte noch etwas darauf sagen, doch dann ertasteten seine Finger mehrere Lagen dünnen Kartons und alle weiteren Gedanken verflüchtigten sich.
Er hatte einige Mühe den Inhalt hervorzuziehen und als er es endlich geschafft hatte, ließ er den vollkommen zerfetzten Umschlag achtlos zu Boden fallen. Er registrierte am Rande, dass sich Lacey augenblicklich bückte, um die einzelnen Schnipsel und den ramponierten Umschlag aufzuheben, doch dann fiel sein Blick auf das Polaroidfoto in seinen Händen. Die Welt um ihn herum schien plötzlich mit einem heftigen Ruck einzurasten und damit augenblicklich still zu stehen.
Keuchend stieß er den Atem aus, während seine Augen ganz groß wurden und er das Gefühl hatte, als würden sich seine Eingeweide zu kochender Lava verflüssigen.
Das war Aaron, ganz eindeutig.
Nick hob das Foto etwas näher an die kleine Lampe über dem Sofa und konnte sich an dem so vertrauten, jugendlichen Gesicht seines Bruders gar nicht satt sehen. Hektisch suchten seine Augen jeden Quadratmillimeter seines Körpers ab, versuchte zu erkennen, ob mit Aaron alles in Ordnung oder er vielleicht verletzt war, doch auf den ersten Blick wirkte er ganz okay. Abgesehen von den weit aufgerissenen, ängstlichen Augen und dem grimmigen Zug um seinen Mund natürlich.
Aaron schien vor einer weißen Wand zu stehen, jedenfalls war auf dem Bild nichts weiter zu sehen als sein Bruder vor einem hellen Hintergrund. In den Händen hielt er eine Tageszeitung, auf deren erster Seite das Konterfei ihres derzeitigen Präsidenten Georg W. Bush prangte. Das Datum der Zeitung konnte Nick natürlich nicht entziffern, dafür war das Polaroid einfach zu winzig, aber er glaubte auch so, dass die Entführung von Aaron kein Trick war, auch wenn er sich wunderte, dass er daran bisher nie gezweifelt hatte.
Wortlos reichte er schließlich das Foto an Lacey weiter, während er auf die beiden anderen Dinge in seiner Hand hinunter starrte. Das waren ... Tickets. Er drehte sie langsam hin und her, kniff die Augen zusammen um die Informationen darauf besser lesen zu können und schüttelte schließlich den Kopf. In diesem Moment begrub er die Hoffnung, Aaron bald wieder zu sehen. Das Komitee wollte ihn quälen. Ganz bestimmt. Das hier war kein Hinweis, wo er Aaron finden konnte. Das hier waren zwei Eintrittskarten für ein Spiel der Atlanta Braves. Morgen. Auf dem Turner Field. Sitzplätze.
Was ist das? riss ihn Laceys sanfte Stimme schließlich aus seiner Erstarrung.
Ich hoffe du magst Baseball, hörte er sich sagen, während er ihr die Tickets reichte.
Dafür hatte ich noch nie etwas übrig, gestand sie.
Nun, da musst du jetzt wohl durch. Wir wurden eingeladen. Das G-o-L Komitee wünscht unsere Anwesenheit, entgegnete er bissig.
Er spürte, wie sich ein bitterer Geschmack auf seiner Zunge ausbreitete und sein Magen zu rebellieren begann. Eine Hand auf seinen schmerzenden Bauch gepresst starrte er mit brennenden Augen aus dem Fenster. Worauf zum Teufel hatte er sich hier nur eingelassen?