Kapitel 22

Als Nick gefolgt von Lacey das Abteil erreichte, stand er kurz davor einfach zu explodieren. Er war so unglaublich wütend! Auf das G-o-L Komitee natürlich am meisten, aber auch auf sich selbst, weil er sich auf dieses verdammte Spiel eingelassen und damit Aaron in Gefahr gebracht hatte. Hätte er sich nicht denken können, dass eine solche Aktion immer nur Probleme hervorrief? Aber nein, er hatte sich ja blind und ohne darüber nachzudenken auf diese Reise begeben, hatte nicht auf sein Bauchgefühl gehört, das ihm bereits in den Sümpfen der Everglades unmissverständlich klar gemacht hatte, dass er schleunigst aus diesem Spiel aussteigen sollte. Und jetzt bekam er die Quittung dafür.
Eine dünne, schmale Tür trennte das Abteil von dem langen Gang des Zuges, dahinter kam ein winziger Raum zum Vorschein. Zwei Schlafkojen hingen zu seiner Rechte übereinander an der Wand, die weißen Laken darauf wirkten steril und kratzig. Mit einer unwirschen Geste warf er sein Jackett auf das untere der beiden Betten und sah sich dann weiter um. Zu seiner Linken stand ein rostbraunes Sofa über dem eine Gepäckablage montiert war. Direkt vor ihm führte ein großes Fenster hinaus auf den hell erleuchteten Bahnsteig. Eine winzige Tür, für die Nick um hindurch zu treten vorsichtshalber den Bauch einzog, führte in ein ebenso winziges Bad mit einem Waschbecken und einer Toilette.
Gewissenhaft schloss er gleich darauf hinter sich ab, stützte die Hände auf den Rand des Edelstahlwaschbeckens und starrte mit ausdruckslosen Augen in den Spiegel darüber. Seine Gedanken überschlugen sich, seine Wut brodelte nach wie vor unkontrolliert in seinen Eingeweiden und er fühlte heiße Tränen in seiner Kehle aufsteigen.
„Ihr Mistkerle,“ flüsterte er mit rauer Stimme. „Wenn ihr ihm irgendetwas antut ... ,“ er verstummte, weil die Bilder, die bei diesem Gedanken in ihm hochstiegen, zu grausam waren.
Seine Hände krampften sich fester um den Beckenrand, während sich seine Atmung beschleunigte und ihm schwindlig wurde. Die engen Wände schienen noch weiter auf ihn zu zu kriechen und je schneller er atmete, umso weniger Luft konnte er in seine Lungen pumpen. Ein Laut des Schmerzes und der Qual stieg aus den Tiefen seines Selbst auf. Ohne sein Zutun spannte sich sein Körper an, seine Hand griff sich das erstbeste, das sich finden ließ und gleich darauf schleuderte er die bereitgestellten, noch eingeschweißten Zahnputzbecher aus Plastik mit ungeheurer Wucht gegen den Spiegel.
Doch sie verursachten lediglich ein dumpfes, leises Geräusch, viel zu wenig also, um seinen inneren Aufruhr irgendwie einzudämmen. Gehetzt blickte er sich um, suchte nach etwas, das er zerstören konnte, etwas, das richtig viel Krach machte, etwas, das seiner überschäumenden Wut Ausdruck verlieh und ... fand leider nichts.
Seine Faust ballte sich, noch während seine Augen den geeigneten Zielort suchten, doch in dem Moment, in dem er schwungvoll ausholte, klopfte es plötzlich vorsichtig an der Badezimmertür.
„Nick?“ hörte er Laceys gedämpfte Stimme von der anderen Seite.
„Jetzt nicht,“ gab er unwirsch zurück, während er nur mit äußerster Willenskraft seinen Arm sinken ließ.
„Geht es dir gut?“ fuhr sie trotzdem fort, was nicht gerade dazu beitrug, seine Wut zu besänftigen.
„Mir geht es bestens,“ stieß er also sarkastisch hervor und fühlte, wie sein gesamter Körper zu zittern begann.
„Das glaube ich dir nicht.“
Wieso musste sie nur so nervig und hartnäckig sein?
„Lass mich einfach in Ruhe, okay?“ rief er also und musste sich beherrschen, um nicht kopflos drauflos zu schreien.
Für einen Moment lauschte er noch, doch es blieb still auf der anderen Seite der Tür. Seltsamer Weise war aber auch seine Wut etwas abgeebbt und leicht irritiert blickte er auf seine immer noch geballte Faust hinunter. In Zeitlupentempo entspannte er seine Finger, schüttelte kurz seine Hände und wandte sich dann wieder dem Waschbecken zu.
Mit zitternden Fingern drehte er den Wasserhahn auf und ließ Wasser in seine hohlen Hände laufen. Gerade als er sein Gesicht in das eiskalte, nach Chlor riechende Wasser tauchen wollte, setzte sich der Zug mit einem Ruck in Bewegung. Er schwankte kurz, versuchte verzweifelt sein Gleichgewicht zu halten und verschüttete dabei das gesamte Wasser auf sein T-Shirt.
„Fuck!“ brüllte er im selben Moment und diesmal konnte ihn niemand aufhalten. Seine Faust raste ungebremst in die Seitenwand der Toilette. Es gab einen ungeheuren Schlag, ein bestialischer Schmerz explodierte augenblicklich in seinen Knöcheln, bevor seine Hand und der halbe Arm darüber taub wurden.
„Nick?“ kam es erneut von der anderen Seite der Tür, doch diesmal klang Lacey eindeutig panisch.
Durch seine vor Schmerz zusammen gebissenen Zähne bekam er keinen Ton heraus, während sich die Welt um ihn herum noch etwas schneller zu drehen begann.
Sie haben Aaron schoss es ihm erneut durch den Kopf. Diese Schweine haben Aaron und ich kann überhaupt nichts dagegen tun!
Seine Beine gaben unter ihm nach, er ließ sich schwerfällig auf die Toilette sinken und starrte auf seine Hand hinunter, die feuerrot angelaufen war und im Takt seines rasenden Herzschlags schmerzhaft pochte.
„Nick, verdammt noch mal,“ hörte er Lacey erneut. „Du machst jetzt sofort diese Tür auf oder ich schwöre, ich trete sie eigenhändig ein.“
„Mach doch,“ murmelte er so leise, dass sie ihn garantiert nicht hören konnte.
„Nick bitte!“
Er wusste nicht warum, aber seine unversehrte Hand streckte sich aus und drehte den kleinen Knopf, der die Toilette verschloss. Das leise Klicken klang in seinen Ohren wie ein Gewehrschuss. Im selben Moment wurde die Tür auch schon aufgerissen und Laceys augenscheinlich sehr besorgte Miene erschien im Türrahmen.
„Was ist passiert?“ fragte sie sofort und machte einen Schritt auf ihn zu, was den Raum um ihn herum nur noch enger werden ließ.
„Nichts,“ gab er also unwirsch zurück, stemmte sich mit letzter Kraft in die Höhe und schob sich grob an ihr vorbei.
„Ja, das sehe ich,“ nickte sie mit einem kurzen Blick auf seine nasses T-Shirt und seine Hand, die er vorsichtig an seinen Bauch presste. Dann verschwand sie kurz in der Toilette, er hörte, wie Wasser rauschte und gleich darauf stand sie mit einem tropfenden Handtuch wieder bei ihm im Abteil.
Er hatte sich auf das Sofa fallen lassen, seine Augen klebten abwesend an der Fensterscheibe, hinter der die letzten Lichter von New Orleans an ihnen vorbei rauschten und in der sich sein blasses Gesicht spiegelte.
„Zeig mir deine Hand,“ forderte sie ihn sanft auf, während sie sich neben ihn setzte und ihm damit den Blick auf sein Spiegelbild verwehrte.
„Das ist nicht nötig,“ wehrte er unwirsch ab, doch Lacey ließ sich nicht beirren.
„Mir geht es damit besser, also stell dich nicht so an,“ entgegnete sie, fasste ohne zu zögern nach seiner schmerzenden Hand und schlang vorsichtig das nasse, kühle Handtuch darum. Augenblicklich ließ der Schmerz etwas nach und ein leises, erleichtertes Seufzen entwich seiner Kehle.
„Geht es dir ein bisschen besser?“ fragte sie dann leise, ohne ihn dabei anzusehen.
„Es tut immer noch weh,“ informierte er sie schulterzuckend.
„Nein, ich meine ... das mit ... ,“ sie verstummte und schüttelte den Kopf. „Tut mir leid. Uhm ... lass das einfach einen Moment drauf und dann schauen wir mal, ob es hier vielleicht so was wie eine Apotheke gibt. Hoffentlich ist nichts gebrochen. Wobei Verstauchungen ja angeblich noch schlimmer ... ,“
„Es ist schon in Ordnung,“ unterbrach er ihren hektischen Redeschwall und fragte sich das erste Mal, seit er diese verfluchte Nachricht abgehört hatte, wie Lacey eigentlich damit klar kam und ob es richtig gewesen war, sie ohne darüber nachzudenken nach Atlanta mitzuschleppen.
„Nein, ist es nicht,“ hörte er sie flüstern. „Sie haben deinen Bruder entführt. Es ist also gar nichts in Ordnung.“
„Aber das ist mein Problem. Und Aarons. Nicht deins,“ würgte er hervor und wusste nicht was er tun würde, wenn sie ihm gleich erklärte, dass sie aus dem Spiel aussteigen und ihn am nächsten Bahnhof allein lassen würde.
Nun endlich hob sie den Blick und während er noch registrierte, dass seine Hand in dem nassen Handtuch immer noch in ihrem Schoß ruhte, bemerkte er das Glitzern in ihren Augen.
„Das ist sehr wohl auch mein Problem,“ hörte er sie mit fester Stimme sagen. „Wir haben dieses Spiel gemeinsam angefangen und wir werden es auch zusammen beenden. Diese Wichser haben keine Ahnung, mit wem sie sich hier eingelassen haben und ich schwöre dir, sollte mir einer von diesen Mistkerlen unter die Augen treten, kann er sich warm anziehen. Habe ich eigentlich erwähnt, dass ich zwei Jahr lang Unterricht in Selbstverteidigung hatte?“
„Nein,“ gestand er und fühlte zu seiner Verwunderung, wie ein schwaches Lächeln auf seinen Lippen erschien.
„Nun, dann weißt du es jetzt. Ich kann einen hundert Kilo Mann auf die Bretter schicken, wenn es sein muß,“ bekräftigte sie mit großen Augen und einem heftigen Nicken.
Ein Laut, der eigentlich so etwas wie ein Schmunzeln sein sollte, der sich aber eher nach einem verletzten Tier anhörte, entwich seinen Lippen.
„Wir schaffen das schon,“ sagte sie eindringlich und plötzlich fühlte er ihre weiche, warme Hand auf seiner Wange.
„I-Ich weiß nicht,“ stotterte er, zog aus einem Reflex heraus seine Hand von ihrem Schoß und stemmte sich in die Höhe. Ihre Nähe war ihm plötzlich zu viel in diesem engen Raum, ihre großen, braunen Augen schienen ihn zu durchbohren und überhaupt ... hatte er in der Vergangenheit nicht gelernt was passierte, wenn er irgendjemanden zu nahe an sich heran ließ? Seine Freundin hatte ihm mit einem schmerzhaften Fußtritt aus ihrem Leben befördert, seinen besten Freund kümmerte es einen Scheiß was er machte und Aaron ...
Sein Magen vollführte eine schmerzhafte Umdrehung und sackte dann in die Tiefe. Sie hatten seinen Bruder und Gott alleine wusste, was diese Drecksäcke gerade mit ihm anstellten.
In diesem Moment klopfte es nachdrücklich an der Tür und noch bevor er die Worte zurückhalten konnte, stieß Nick ein „Herein“ hervor. Noch während die Tür sich öffnete spürte er, wie Lacey dicht neben ihn trat. Seltsamer Weise beruhigte ihn diese Geste ungemein und er schämte sich ein bisschen, dass er gerade so heftig auf sie reagiert hatte.
„Guten Abend,“ nickte der Schaffner, der nun im Türrahmen erschien. Er trug die blaue Uniform der Bahngesellschaft, auf seinem Kopf saß eine Schirmmütze und sein Gesicht darunter war jung, glatt rasiert und wirkte ekelhaft wach und frisch. „Die Fahrkarten bitte,“ fuhr er mit einem Lächeln fort.
„Oh, ja, natürlich,“ stammelte Nick und fragte sich, wo er die verdammten Tickets hingetan hatte.
Laceys Gehirn funktioniert scheinbar etwas schneller, denn sie beugte sich ohne Umschweife zu seinem Jackett hinunter, das immer noch verlassen auf dem Bett lag, und zog die Fahrkarten aus der Innentasche hervor.
„Vielen Dank,“ nickte der Schaffner, während er einen genauen Blick darauf warf und gleich darauf zwei winzige Löcher hinein knipste. „Ihr Gepäck wird gleich gebracht. Wir hatten heute leider einige Schwierigkeiten bei der Verladung. Unser Bordrestaurant würde sich demnach freuen, wenn wir sie zu einem kostenlosen Getränk einladen dürften,“ lächelte er entschuldigend und reichte Lacey die Tickets zurück.
„Vielen Dank,“ hörte Nick sie sagen, während er immer noch nicht seine Sprache wieder gefunden hatte.
„Ich wünsche eine angenehme Fahrt und eine gute Nachtruhe,“ nickte der Schaffner, dann verließ er das Abteil rückwärtsgehend und zog dabei die Tür wieder hinter sich zu.
„Unser Gepäck?“ sprach Lacey gleich darauf das aus, was Nick auch schon durch den Kopf gegangen war.
„Vielleicht haben sie unsere Sachen vom Hotel hier her gebracht,“ vermutete Nick.
Erneut fühlte er ein leichtes Frösteln in sich aufsteigen. Diese Schweine hatten seine Sachen angefasst, seinen Bruder entführt und schickten ihn jetzt 500 Meilen durch das halbe Land. Urplötzlich hatte er das unangenehme Gefühl, dass ihm sein Leben aus den Händen genommen worden war und dieser Gedanke ließ eine nie gekannte Angst in ihm aufsteigen. Worauf hatte er sich mit dem Game of Life nur eingelassen?

Kapitel 23