Kapitel 21

In dem kleinen Bahnhofscafe hielten sich um diese späte Uhrzeit neben Nick und Lacey nur noch drei weitere Gäste und die Bedienung auf. Die ältere Frau mit den grauen Strähnen in ihrem roten, kurz geschnittenen Haar stand hinter einer hell erleuchteten Theke aus dunklem Holz und hantierte mit Tassen und Tellern. Die Kaffeemaschine zischte, während sie den Milchkaffee für Lacey und den Espresso für Nick zubereitete. Die restlichen Anwesenden in diesem etwas düsteren Etablissement nahmen von ihnen jedoch keinerlei Notiz.
Nick und Lacey hatten sich in der hintersten Ecke auf einer mit rotem Kunstleder bezogenen Bank niedergelassen und starrten nun schweigend vor sich hin, während sie auf ihre Bestellung warteten.
Lacey grübelte immer noch über die Zahlenreihe, die sie unter dem Tisch in ihren Händen hielt. Ab und an warf sie einen verstohlenen Blick darauf, so als könne ihr alleine der Anblick irgendetwas über den Sinn und Zweck der Ziffern verraten, doch die Eingebung wollte sich nicht so recht einstellen.
Kurz streiften ihre Gedanken den Moment in der Bahnhofshalle, als sie plötzlich ein seltsames Gefühl von Angst überkommen hatte. Sie war Nick in den Gang zu den Schließfächern vorausgegangen, hörte seine Schritte hinter sich und fühlte die Kälte der dicken Mauern, die langsam aber sicher durch ihr dünnes Kleid drang. Ihr Herz hatte angefangen schneller zu schlagen und ihre Hände hatten gezittert. Ohne groß darüber nachzudenken war sie in diesem Moment in die Damentoilette geflüchtet und hatte versucht, sich dort darüber klar zu werden, was da gerade mit ihr passierte.
Mit der Angst an sich kannte sie sich inzwischen ziemlich gut aus. Sie hatte sie damals in Highfields angesprungen, jede ihrer Körperzellen durchdrungen und sie danach nicht wieder aus ihren scharfen, quälenden Klauen entlassen.
Irgendwann war diese Angst dann übergegangen in ein gewisses Gefühl der Hilflosigkeit, gepaart mit dem Wunsch, sich und ihre Umwelt von den anhaltenden Qualen, Ängsten und Vorwürfen zu erlösen. Ab diesem Zeitpunkt hatte sie Angst nur noch in einer sehr abgewandelten Form gespürt.
Sie hatte sich Gedanken über ihren Tod gemacht und dabei die Angst verspürt, dass doch noch etwas dazwischen kommen könnte. Zu Recht, wenn sie sich jetzt so ansah, wo sie stattdessen gelandet war.
Sie hatte Nick kennen gelernt und verspürte Angst bei dem Gedanken, dass er tiefer in sie hinein sehen konnte, als ihr lieb war. Es war manchmal recht anstrengend mit ihm zusammen zu sein und dabei so zu tun, als sei sie ganz normal und genieße dieses Abenteuer.
Sie kannte also viele Arten von Ängsten, Befürchtungen und Unsicherheiten, aber das Gefühl, das sie in dem schmalen Gang überkommen hatte, war anderes. Das erste Mal seit einer sehr langen Zeit hatte sie plötzlich Angst davor verspürt, dass irgendetwas bei den Schließfächern auf sie lauern könnte, dass dieses Spiel und damit das Zusammensein mit Nick endete und dass – vielleicht – ihr Leben in Gefahr sei.
Grundsätzlich, und das hatte sie sich versucht vor dem Spiegel in der Toilette klar zu machen, waren dies ganz normale Gefühle. Verlustangst, die Angst vor Veränderungen – jeder normale Mensch verspürte so etwas irgendwann. Andererseits, und das war der Punkt, der ihr wirklich zu schaffen machte, war sie nicht normal. Zumindest nicht im herkömmlichen Sinne. Diese ganzen Empfindungen in Bezug auf Nick, das Spiel oder ihr Leben sollten ihr egal sein. Immerhin war sie vor einigen Tagen mehr als bereit dazu gewesen, dies alles hinter sich zu lassen.
Und jetzt? Jetzt durchdrangen sie Zweifel wie ein unauffälliges, farb- und geruchloses Gift, das sich langsam aber sich in jeder Faser ihres Körpers einnistete und ihre Pläne ins Wanken brachte.
Diese Vorstellung war alles andere als beruhigend. Ganz im Gegenteil. Es schürte ihre Angst nur noch mehr und für einen winzigen Moment hatte sie ernsthaft darüber nachgedacht einfach zu verschwinden, Nick mit seinem blöden Game of Life alleine zurück zu lassen und endlich das zu Ende zu bringen, was sie so unrühmlich begonnen hatte.
Doch sie hatte sich nun mal entschieden, dieses Spiel bis zu seinem Ende zu spielen und noch einen Plan zu ändern, brachte sie einfach nicht über sich. Ihr war dabei bewusst, dass dies nicht mehr nur mit ihr und ihrem verwirrten Selbst zu tun hatte. Nick wartete da draußen auf sie und auch wenn er es nicht direkt zugab, so war ihr doch klar, dass er sie auf eine sehr seltsame, nicht mit Worten zu erklärende Art brauchte.
Dieser Gedanke hatte sie erneut in Verwirrung und Selbstzweifel gestürzt und bevor sie noch weiterhin vor dem Spiegel stand und sich ihre Gedanken immer schneller und schneller drehen konnten, hatte sie schließlich den Waschraum verlassen und war zu ihm und dem Spiel zurückgekehrt. Die Entscheidung fühlte sich gut an, auch wenn ihre Angst blieb.
Jetzt, nachdem sie hier in dem dämmrigen Licht des Cafes saßen, verebbte ihr Herzklopfen ganz langsam und der verwirrte Nebel in ihrem Kopf lichtete sich. Es war zwar noch nicht vorbei, aber sie hatte ihr Ziel wieder klar vor Augen. So weit so gut.
Die Bedienung unterbrach ihre Gedanken, als sie an ihren Tisch trat und die beiden Tassen vor Nick und Lacey abstellte. Nicks Espressotasse verschwand komplett in seinen großen Händen, als er die Handflächen darum legte, als müsse er sich wärmen, während Lacey nach ihrem Löffel griff und langsam den Milchschaum von ihrem Kaffee löffelte.
„Irgendeine Idee, was die Zahlen betrifft?“ fragte Nick gerade, während er ein Päckchen Zucker aufriss und den Inhalt langsam in seinen Kaffee rieseln ließ.
„Nicht so wirklich,“ gestand Lacey. „Ich glaube, eine Kombination für einen Safe würde ich ausschließen, weil wir keine weiteren Hinweise dazu erhalten haben. Vielleicht irgendwelche komischen Koordinaten? Aber von so was habe ich überhaupt keine Ahnung.“
„Hm ... und wenn wir das Naheliegenste nehmen und davon ausgehen, dass es sich hier um eine Telefonnummer handelt?“ fragte er.
In Laceys Magen explodierte eine heiße Feuerwalze, während sie mit großen Augen zu Nick hinüber starrte. „Das ist es!“ rief sie dann aus.
„Na, na, na,“ bremste Nick schmunzelnd ihren Enthusiasmus. „Meinst du nicht, dass das zu einfach wäre?“
„Probier es aus,“ grinste sie zurück und konnte kaum ihre Tasse ruhig halten, während sie vorsichtig an dem heißen Gebräu nippte.
„Hm ... jetzt und hier?“
„Klar.“
„Also gut,“ nickte er, zog sein Handy aus der Hosentasche hervor und nahm von Lacey den Zettel mit den Zahlen entgegen. „Jetzt wo ich so darüber nachdenke,“ sagte er, während er bedächtig eine Ziffer nach der anderen eintippte „ist 504 nicht die Vorwahl von New Orleans?“
„Keine Ahnung,“ gestand Lacey.
„Auf jeden Fall bin ich scheiße nervös,“ gestand er mit einem schiefen Grinsen, während sein Daumen über dem Symbol mit dem grünen Hörer verharrte.
„Gleichfalls und jetzt mach schon, sonst platze ich,“ drängte Lacey schmunzelnd.
„Okay,“ nickte er, drückte die Wahltaste und sich gleich darauf das Telefon ans Ohr.
Lacey war aufs äußerste angespannt und versuchte in seinem Gesicht zu lesen, ob die Idee mit der Telefonnummer die richtige gewesen war. Sie konnte leider nicht hören, was am anderen Ende der Leitung vor sich ging, doch gleich darauf sah sie Nicks Gesicht erstrahlen.
„Das ist tatsächlich ... ,“ stieß er hervor, verstummte dann allerdings wieder und runzelte im selben Moment die Stirn.
„Was? Was ist?“ fragte Lacey aufgeregt, doch er schien sie gar nicht zu hören.
Sein Gesichtsausdruck verwandelte sich in Bruchteilen von Sekunden von Verwunderung, zu Verwirrung, über Unglauben bis hin zu blanker Angst. Sein Körper richtete sich abrupt auf, sein Mund klappte auf, sein Gesicht verlor sämtliche Farbe und seine blauen Augen schienen beinahe aus den Höhlen zu quellen.
„AARON?“ brüllte er dann plötzlich und so unvermittelt in den Hörer, dass Lacey erschrocken zusammen zuckte. „Sie können doch nicht ... ,“ schrie er weiter, verstummte dann allerdings wieder, bevor er sich sein freies Ohr zuhielt und angestrengt lauschte.
Lacey konnte nichts anderes tun als neben ihm zu hocken, ihn wie paralysiert anzustarren und ihre Hände unter dem Tisch zu ringen. Was ging da nur vor sich? Was hatte Aaron mit dem Spiel zu tun? Meinte Nick wirklich seinen Bruder? Und überhaupt, das war doch alles ...
In diesem Moment nahm Nick den Hörer herunter, drückte hektisch auf eine der Tasten und presste sich gleich drauf das Telefon wieder ans Ohr.
„Nick, was ist denn nur los um Gottes Willen?“ fragte sie erneut, doch er gab ihr mit einer unwirschen Geste zu verstehen, dass sie ruhig sein sollte und lauschte erneut mit zusammen gekniffenen Augenbrauen und bleichem Gesicht, was ihm das G-o-L Komitee mitzuteilen hatte.
Seine Atmung beschleunigte sich, sein Brustkorb hob und senkte sich so schnell, dass Lacey befürchtete, er würde gleich anfangen zu hyperventilieren, während sich seine freie Hand um die Tischkante krampfte. Sie Sehnen an seinem Hals traten deutlich hervor, als er die Zähne fest zusammen biss und seine Augen schienen in Tränen zu schwimmen.
„Nick?“ flüsterte sie nun erneut, weil sie die Anspannung fast nicht mehr aushielt. Was ging hier nur vor sich?
In diesem Moment nahm Nick das Handy erneut vom Ohr und reichte es ihr. Seine Stimme schien verändert und gar nicht mehr zu ihm zu gehören. Sie war rau und vollkommen ausdruckslos. „Drück die eins,“ informierte er sie. „Ich gehe schon mal vor zahlen.“
Immer noch vollkommen verwirrt presste ihr zitternder Daumen gleich darauf die angegebene Taste und mit einem mehr als unguten Gefühl hob sie das Telefon an ihr Ohr.
Zu erst war da nur ein leises Rauschen, dann folgten drei kurze, helle Piepstöne, bevor ein lautes Poltern sie zusammen zucken ließ. Sie hörte jemanden schreien, dann das laute Atmen von einer Person und schließlich eine dünne Stimme im Hintergrund. Lassen sie mich los verdammt. Was wollen sie von mir? Konnte das Aarons Stimme sein? Erneut war ein Rumpeln und Poltern zu hören, gefolgt von einem Schmerzenslaut und dem anschließenden dumpfen Schlag, als ein Körper zu Boden ging.
Laceys Verstand konnte gar nicht so schnell alles fassen, bevor erneut drei Mal das helle Piepsen folgte und sich eine dunkle Männerstimme zu Wort meldete.
„Hallo Nick. Herzlichen Glückwunsch, sie haben das Schließfach also gefunden. Wie sie bereits mitbekommen haben dürften, haben wir etwas, das ihnen sehr viel bedeutet.“ Der Sprecher machte eine kunstvolle Pause und Lacey wurde es übel. „Lösen Sie eine Fahrkarte nach Atlanta und sorgen sie dafür, dass Lacey auch mit ihnen reist. Verlangen sie ein Abteil für sie beide alleine im Schlafwagenwagon. Alles weitere erfahren sie dort.“ Lacey schüttelte immer wieder ungläubig den Kopf. Das durfte doch nicht wahr sein. „Und bevor ich es vergesse ... sie sollten sich lieber beeilen. Ihrem Bruder gefällt es nämlich in seinem neuen Domizil nicht besonders. Herzliche Grüße von ihrem Game of Life Komitee.“
Mit einem kurzen, kaum hörbaren Klicken verstummte die Ansage, dann erfolgte erneut das Piepsen und eine Computerstimme erklärte, wenn sie die Nachricht noch einmal abhören wolle, solle sie die eins drücken.
Noch während sie sich erhob drückte sie diese und lauschte gleich darauf erneut der Nachricht am anderen Ende der Leitung, während sie sich noch einmal vergewisserte, dass sie nicht vor lauter Hektik etwas zurückließen. Dann beeilte sich zu Nick zu kommen, der gerade das Wechselgeld von der Bedienung hinter der Theke entgegen nahm und dann, mit einem kurzen Blick zu Lacey zurück, wieder in die Bahnhofshalle hinaus hastete.
Als sie ihn schließlich erreichte, war er bereits an einen der besetzten Fahrkartenschalter herangetreten.
„Zwei Tickets nach Atlanta im Schlafwagen,“ informierte er den älteren Beamten.
„Hin und zurück?“ fragte dieser nach.
„Nein. Nur einfach. Und bitte das Abteil nur für uns alleine.“
Der Beamte nickte und begann auf der Tastatur seines Computers herum zu tippen.
„Das ist furchtbar,“ war das erste, was Lacey über die Lippen brachte, während sie Nick das Handy reichte.
„Diese Schweine,“ gab er aufgebracht zurück. „Wenn ich einen von denen in die Finger kriege, bringe ich sie um! Herr Gott, die haben sich Aaron geschnappt, kannst du dir das vorstellen? Was soll das? Der hat doch mit der ganzen Sache überhaupt nichts zu tun.“
„Ich finde das auch das Letzte,“ nickte Lacey. „Vor allem macht es doch gar keinen Sinn. Wir haben doch schon bewiesen, dass wir gerne an dem Spiel teilnehmen. Sie haben so was wie einen Lockvogel doch gar nicht gebraucht.“
„Ihre Tickets Sir,“ meldete sich der Beamte hinter der Glasscheibe wieder zu Wort.
Nick schob wortlos seine Kreditkarte durch die schmale Öffnung unter der Scheibe, während er ihre Tickets erhielt.
„Der Zug geht in zehn Minuten von Gleis 9,“ informierte sie der Beamte, während er Nick die Abrechnung mit einem Kugelschreiber zuschob.
„Vielen Dank,“ nickte Nick abwesend, kritzelte seine Unterschrift auf den Zettel und nahm seinen Beleg mit der Karte wieder an sich.
„Komm lass uns gehen,“ sagte er dann an Lacey gewandt und schob sie vor sich her auf den Ausgang zu den Gleisen zu.
„Denkst du, wir sollten vielleicht ... also ... ich meine ... ,“ stammelte Lacey, die kaum mit Nicks rasantem Tempo mithalten konnte.
„Was?“ fragte er abwesend, während seine Augen offensichtlich den richtigen Bahnsteig suchten.
„Naja ... vielleicht sollten wir die Polizei einschalten. Immerhin scheinen diese Typen deinen Bruder entführt zu haben, und ... ,“
„Nein,“ unterbrach Nick sie, während er nach ihrem Arm fasste und sie nach rechts in einen Gang hinein zog, der zu dem angegebenen Gleis führte.
„Warum nicht? Ich meine ... eigentlich ist es doch glatter Wahnsinn, dass wir jetzt nach Atlanta fahren ohne zu wissen, was uns dort erwartet.“
„Aaron wartet dort auf mich,“ gab Nick brüsk zurück, während er eine Glastür aufstieß und Lacey immer noch am Arm hinter sich her zerrte.
Auf dem Bahnsteig wehte ein kühler Wind, doch Lacey vermutete, dass das nicht das einzige war, was sie frösteln ließ. So eben war aus diesem Spiel ernst geworden und alles, was sie sich vorher im Bezug auf Ängste und Zweifel versucht hatte auszureden, war nun wieder da, allerdings um ein vielfaches verstärkt.
„Und ich werde ihn ganz sicher nicht in den Händen dieser Verrückten lassen. Sie wollen, dass wir in diesen Zug steigen. Gut, tun wir das. Aber die sollen sich schon mal warm anziehen. Wenn ich auch nur einen von diesen miesen Schweinen zwischen die Finger kriege, werden sie sich wünschen niemals geboren worden zu sein.“
Dem war wohl nichts hinzuzufügen, also ließ Lacey sich von Nick auf den warteten Zug und gleich darauf in dessen Inneres zerren. Sie betete im Stillen, dass Nick Recht behalten und sie Aaron tatsächlich in Atlanta vorfinden würden. Dem Komitee war mittlerweile alles zu zutrauen, auch dass sie sie zukünftig über den halben Erdball lotsten, nur um ihren Spaß dabei zu haben und mit Aaron als ihrem Lockvogel.

Kapitel 22