Kapitel 20
Als das Taxi schließlich vor dem riesigen Betonklotz des Union Passanger Terminals hielt, war Lacey neben Nick in einen leichten Schlaf gefallen. Die gesamte Fahrt über hatte er das Gefühl ihres Kopfes an seiner Schulter genossen und ihren tiefen Atemzügen gelauscht. Jetzt berührte er sie sanft am Arm, was sie erschrocken in die Höhe schnellen ließ.
Was? stieß sie hervor und blinzelte einen Moment orientierungslos.
Wir sind am Bahnhof, lächelte Nick.
Oh ... , machte sie und warf einen verwirrten Blick in die Runde.
Das macht acht Dollar, meldete sich der Taxifahrer zu Wort.
Nick bezahlte, stieg dann aus und half Lacey aus den abgewetzten Lederpolstern.
Der Unterschied zu der geschäftigen Bourbon Street mit ihren alten Häusern und den schmiedeeisernen Balkongeländern hätte nicht größer sein können. Vor ihnen ragte der überdachte Eingang des Bahnhofs in die Höhe, rechts und links davon erstreckte sich die schmucklose Fassade des Terminals und alles wirkte um diese späte Uhrzeit beinahe verlassen.
Lacey gähnte neben ihm hinter vorgehaltener Hand und rieb sich dann vorsichtig die Augen.
Unglaublich, dass ich tatsächlich eingeschlafen bin, murmelte sie.
War vielleicht alles ein bisschen viel Aufregung heute, hm?
Könnte man so sagen, nickte sie und blickte dann zu den erleuchteten Eingangstüren hinüber. Nicht sehr viel los, was? bemerkte sie.
Scheint so, nickte Nick und setzte sich dann in Bewegung.
Seine Finger berührten den kleinen Schlüssel in der Tasche seines Jacketts und er betete, dass dieser auch in eines der Schließfächer dieses Bahnhofs passte. Ansonsten würde es wohl schwierig werden, das entsprechende Schloss zu dem Schlüssel zu finden.
In der Bahnhofshalle war es angenehm kühl, mehrere hell erleuchtete Cafes, Kioske und Zeitschriftenläden reihten sich zu ihrer Linken aneinander, zu ihrer Rechten befanden sich die Fahrkartenschalter, die Bahnhofsinformation und weitere, kleinere Geschäfte. Hoch über ihren Köpfen verkündete eine Anzeigetafel, dass der nächste Zug in einer Stunde nach Atlanta abfuhr. Passagiere schienen sich hier momentan nicht aufzuhalten.
Seine Augen suchten systematisch die Umgebung nach einem Hinweis auf die Schließfächer ab, doch auf den ersten Blick konnte er nichts entdecken.
Da rüber? fragte Lacey schließlich und deutete nach rechts. Ein schmaler Durchgang befand sich zwischen einem dunklen, unbesetzten Infoschalter und einem Frisörsalon. Ein winziges Schild, das er sicherlich mehrmals bei seinem suchenden Rundumblick übersehen hatte, verkündete, dass es dort zu den Schließfächern ging.
Lacey Adlerauge, grinste er anerkennend.
Ich habe einfach ab und zu Glück, widersprach sie, schenkte ihm noch einen kurzen, lächelnden Blick und setzte sich dann in Bewegung.
Er folgte ihr mit klopfendem Herzen und leckte sich dabei ein paar Mal nervös über die Lippen. Eigentlich war es dämlich, dass er jedes Mal, wenn sie sich einem neuen Hinweis näherte, auch einen Anflug von Angst verspürte. Im Grunde war doch seit dem er die Flaschenpost gefunden hatte, nichts wirklich Schlimmes passiert. Gut, der Aufenthalt in den Sümpfen war durchaus ein bisschen unheimlich gewesen, aber auch dort war ihnen kein Haar gekrümmt worden. Trotzdem wartete er eigentlich nur darauf, dass ihnen dieses ganze Spiel irgendwann entglitt und sie sich in einer Situation wieder fanden, in die sie so nicht hatten kommen wollen.
Ihre Schritte hallten hell in der luftigen Bahnhofshalle wieder, als sie diese durchquerten und sich damit dem Durchgang zu den Schließfächern näherten. Sie hatten den Gang bereits zur Hälfte durchquert, als Lacey plötzlich nach rechts auf die Tür der Damentoilette deutete.
Ich verschwinde mal kurz, ja? sagte sie und fügte dann in tadelnden Tonfall und erhobenen Zeigefinger hinzu Und wehe, du öffnest das Fach ohne mich.
Ich werde mich beherrschen, versprach er und sah ihr dann nach, wie sie hinter der Tür verschwand.
Plötzlich wurde es seltsam still um ihn herum. Unbehaglich ließ er seinen Blick nach rechts und links schweifen. Keine Menschenseele war zu sehen, der Gang und der kleine Ausschnitt der Halle, den er von hier aus noch einsehen konnte, wirkten verlassen.
Schnaubend schüttelte er den Kopf. Meine Güte Cater, reiß dich zusammen. Du bist doch keine fünf mehr, murmelte er und setzte sich wieder in Bewegung.
Der Gang weitete sich nach wenigen Metern zu einer riesigen, von kaltem Neonlicht beleuchteten Halle aus. Endlose Reihen von Schließfächern erstreckten sich über die gesamte Fläche, schmale Gänge führten von hier auf die gegenüberliegende Seite, wo deckenhohe Fenster einen Blick auf hell erleuchtete Bahnsteige freigaben. Er sah zwei Züge, die wie gestrandete, prähistorische Tiere in ihrem Gleis warteten. Einige wenige Passagiere hielten sich dort draußen auf, was Nick erleichterte. So ganz alleine waren sie also doch nicht.
Auf der Seitenwand der Schließfachreihe direkt vor ihm prangten die Zahlen 111 150 und nach einem kurzen Blick zurück in den Gang, in dem Lacey noch nicht wieder aufgetaucht war, wandte er sich nach rechts. Er folgte der absteigenden Nummerierung bis hin zu den Fächern 1 40 und zog dort den Schlüssel aus seiner Jackentasche.
Kurz war er versucht, einfach zum Fach Nummer 9 zu gehen und den Schlüssel zumindest schon einmal hinein zu stecken um zu sehen, ob er passte, doch dann entschied er, doch lieber auf Lacey zu warten. Sie hatte diesen Augenblick genau so verdient wie er.
Im selben Moment hörte er das Schlagen einer Tür aus dem Durchgang, vermischt mit dem Rauschen von Wasser und gleich darauf Schritte, die näher kamen. Als Lacey aus dem Gang trat, war ihr Blick auf die großen Fenster gerichtet. Irgendwie wirkte sie angespannt, was das unübersehbare Herumnesteln ihrer Finger an der samtenen Schleife ihres Kleides noch verstärkte.
Nick? Ihre Stimme klang seltsam dünn in dem luftigen Raum.
Ich bin hier, rief er sofort und machte winkend auf sich aufmerksam.
Sie schien erleichtert, als ihn ihre Augen fanden, dann kam sie mit ausgreifenden Schritten auf ihn zu.
Ich hatte schon gedacht, du hättest das Fach ohne mich geöffnet, lächelte sie, wirkte dabei aber immer noch auf der Hut.
Das würde ich mich doch niemals wagen, entgegnete er. Abgesehen davon, dass deine Rache sicherlich fürchterlich sein würde, finde ich es nur fair, dass du das übernimmst. Immerhin hast du den Schlüssel auch gefunden.
Ihre Augen weiteten sich verblüfft, als er ihr den Schlüssel entgegen streckte. Er wusste selbst nicht so genau, warum er das Öffnen des Faches nun ihr überließ, aber irgendwie war er der Meinung, dass sie sich das verdient hatte. Vielleicht sogar mehr als er.
Ich habe wirklich kein Problem damit, wenn du das machst, wehrte sie ab.
Das weiß ich doch ... glaube ich zumindest ... , sein Grinsen fiel etwas schief aus. Nun nimm schon.
Noch einmal hielt er ihr den kleinen Schlüssel auffordernd unter die Nase und immer noch etwas zögerlich griff sie schließlich danach.
Also die neun, hörte er sie murmeln, während er hinter ihr in die schmale Flucht zwischen den hoch über ihnen aufragenden, endlosen Reihen von Schließfächern trat.
Das Fach Nummer neun sah aus wie alle anderen. Es befand sich etwa in Augenhöhe, auf der grauen Stahltür prangte die schwarze Ziffer neun und das kleine Schloss schien beinahe seinen Namen zu rufen. Erneut flammte die Nervosität mit nachdrücklichem Kribbeln in seinem Magen auf. So sehr er auch wissen wollte, was sich im Inneren des Faches befand, so sehr schrieen seine anderen Sinne, dass er das Spiel lieber Spiel sein lassen und auf dem Absatz kehrtmachen sollte.
Bereit? fragte Lacey in diesem Moment und er konnte nichts anderes tun als zu nicken.
Sein Mund fühlte sich vollkommen ausgetrocknet an, während sein Herzschlag heftig in seiner Brust pochte und er sich etwas beklommen fragte, ob Lacey das wohl hören konnte.
Ihre Hand zitterte kaum merklich, als sie den Schlüssel schließlich ohne erkennbaren Widerstand in das Schloss schob.
Gott, ich mache mir gleich in die Hosen, hörte er sich murmeln und schämte sich augenblicklich dafür.
Willkommen in meiner Welt, hörte er sie schmunzeln und am liebsten hätte er sie für diese Aussage geküsst. Kein Vorwurf, dass er ein Weichei sei, keine Ermahnung, dass er sich gefälligst zusammen reißen sollte und kein Spot, dass er sich hier wie ein Baby benahm.
Okay, der Moment der Wahrheit, sagte sie dann und warf noch einmal einen schnellen Blick zu ihm hinüber.
Okay, nickte er, dann wandten sie ihre gesamte Aufmerksamkeit dem winzigen Schlüssel zu, den Lacey nun vorsichtig drehte.
Es klickte kurz, man hörte eine Münze fallen und gleich darauf schwang die Tür des Faches nach außen auf.
Oh Mann! rief Lacey aufgeregt und strahlte ihn an. Er passt. Ist das zu glauben?
Kaum, nickte er grinsend und trat einen Schritt näher an sie heran, um mit ihr gemeinsam den Inhalt des Faches zu untersuchen.
Im ersten Moment dachte er schon, der dunkle Innenraum wäre leer, doch dann sah er den Umschlag, der unschuldig in der Mitte des Faches lag. Lacey war ein bisschen schneller und so zog sie gleich darauf das weiße Papier hervor.
Soll ich ... ? sagte sie und blickte fragend zu ihm auf.
Klar, nickte er und verfolgte gespannt, wie sie vorsichtig und mit akribischer Sorgfalt die Klebelasche vom Umschlag löste. Ich glaube, der Umschlag wäre dir nicht böse, wenn du ihn einfach aufreißt, bemerkte er mit einem amüsierten Kichern.
Das muß alles seine Ordnung haben, gab sie lediglich zurück, bevor sie es endlich geschafft hatte.
Vorsichtig zog sie ein einzelnes, schmales und zusammengefaltetes Blatt Papier hervor und warf dann noch einen Blick zurück in den Umschlag.
Noch zwei Münzen und der Kartenteil, informierte sie ihn, bevor sie ihm den Umschlag reichte.
Mehr aus Reflex warf er ebenfalls einen kurzen Blick auf den Inhalt und wandte seine Aufmerksamkeit dann wieder dem Papier in Laceys Hand zu. Sie faltete es gerade auseinander und warf einen Blick darauf. Ihre Stirn legte sich in irritierte Falten, dann blickte sie zu ihm auf und reichte ihm den Zettel.
Er erwartete einen kurzen Text, weitere Hinweise und Anweisungen, doch stattdessen fand er lediglich eine Reihe von Zahlen vor.
504 52 10 771
Was wollen die von uns? fragte er mehr zu sich selbst.
Sieht aus wie ne Kombination für einen Safe oder so, vermutete Lacey.
Hm, machte Nick. Und wo befindet sich der Safe?
Woher soll ich das wissen? kam es von ihr zurück.
Nick schüttelte den Kopf. Immer diese Rätsel. Als wäre es nicht schon anstrengend genug, den ganzen Hinweisen zu folgen und ihr Ziel zu erreichen.
Na komm, ich spendiere uns erstmal einen Kaffee und dann sehen wir weiter, ja? sagte Lacey und berührte ihn sanft am Arm.
Hm, nickte er abwesend, währende er immer noch auf die Zahlen hinunter starrte.
Hier ist übrigens auch noch eine von diesen Münzen, informierte ihn Lacey dann, die den kleinen Schacht unterhalb des Schlosses auf der Innenseite der Tür untersucht hatte.
Echt? Damit haben die hier bezahlt? fragte Nick überrascht und trat einen Schritt näher an das Fach heran.
Sieht ganz danach aus. Eigentlich kostet es einen viertel Dollar, aber scheinbar erkennen sie hier diese seltsamen G-o-L Münzen auch an.
Wahrscheinlich sind sie genau so schwer und groß, vermutete Nick.
Wahrscheinlich, nickte Lacey. Wenn auch die Frage bleibt, warum sie sich so ne Mühe geben, wenn man auch mit ganz normalen Münzen hätte bezahlen können.
Vielleicht finden wir das ja noch heraus, lächelte Nick.
Ja, wenn wir alt und grau sind und dann vielleicht endlich die Zahlenkombination knacken, werden sie uns sicherlich auch verraten, warum sie ihr eigenes Geld haben, schmunzelte Lacey.
Ich bin davon überzeugt, dass wir es schneller schaffen, entgegnete Nick voller Überzeugung.
Na dann dein Wort in Gottes Ohr, grinste sie und machte sich auf dem Weg zurück in die Bahnhofshalle.
Er folgte ihr etwas langsamer, während er immer wieder auf die Zahlen auf dem Zettel hinunter starrte und versuchte, sich darauf einen Reim zu machen. Doch sein Gehirn schien wie leer gefegt. Wo auch immer sie diese Zahlen hinlotsen sollten, er hatte nicht einmal den Ansatz einer Vorstellung, wo das sein sollte.