Kapitel 19

Vor Laceys Augen tanzte die Welt und das nicht nur im buchstäblichen Sinne. Um sie herum fand das pure Leben statt und der Alkohol in ihren Blutbahnen packte ihr Denken in Watte und bändigte damit auch die selbstzerstörerischen Kräfte in ihrem Herzen. Während das Geschehen auf der Straße mehr einer Bühne glich, dessen Schauspiel sie von außen betrachtete, schienen allerdings Nicks Finger in ihrer Hand sehr real zu sein.
Sie fühlte seine Präsenz, während sie sich immer weiter die Bourbon Street hinunter schoben, lauschte gebannt seinen Erzählungen von vergangenen Abenteuern, die er hier in dieser Stadt erlebt hatte, und hätte sie es nicht besser gewusst, hätte sie beinahe meinen können, sie sei glücklich.
Am Ende der Straße lichteten sich die Menschenmengen und Lacey versuchte sich krampfhaft an die Wegbeschreibung zur Lasseur-Road zu erinnern, die ihr die beiden Mädchen gegeben hatten.
Links? Vielleicht.
Und hier geradeaus? Könnte man ja mal probieren.
Und jetzt zwei Mal rechts? Mal sehen.
Irgendwann hörte sie Nick neben sich kichern. „Bist du dir sicher, dass du noch weißt wo du hin gehst?“ fragte er schmunzelnd.
„Na klar,“ gab sie zurück, auch wenn sie keinen blassen Schimmer hatte, wo sie sich gerade befanden.
„Hm ... ich meine ja nur, weil wir hier, glaube ich, schon mal vorbei gekommen sind,“ entgegnete er und deutete dabei auf die hell erleuchtete Fensterfront eines Waschsalons.
„Tatsächlich?“ Irgendwie fühlten sich ihre Zunge pelzig und ihr Körper angenehm leicht an. Wen interessierte es da also schon, ob sie ein paar Mal im Kreis liefen?
„Nicht schon wieder links,“ kicherte er dann und zog sie an der Hand hinter sich her in die andere Richtung.
„Bist du dir denn sicher, wo du hingehst?“ fragte sie ihn nun, während sie das laute Klappern ihrer Absätze seltsam faszinierend fand.
„Nicht so wirklich. Aber wenn wir noch zwei Mal im Kreis laufen, kommen wir Jimi Hendrix kein Stück näher.“
„Auch wieder wahr,“ gestand sie.
Die nächsten zehn Minuten liefen sie durch die dunkle Nacht, vorbei an Wohnhäusern, kleinen Geschäften, Supermärkten und Bars. Schließlich blieb Nick stehen und deutete zu einem Straßenschild hinauf.
„Lady, die Lasseur-Road und das ganz ohne Navigationsgerät oder Wegbeschreibung,“ verkündete er.
„Mein Held,“ grinste sie zu ihm auf, was er mit einem breiten Lächeln erwiderte.
„Dann wollen wir doch mal sehen, ob hier Mister Hendrix wohnt,“ sagte Nick und setzte sich wieder in Bewegung. Immer noch hielt er ihre Hand ganz fest, ihre Finger hatten sich mittlerweile von ganz alleine ineinander verschlungen und Lacey genoss das Gefühl, sich von ihm leiten zu lassen.
Langsam schlenderten sie die Straße entlang und versuchten mit Hilfe von Nicks Feuerzeug im Dunklen die Namensschilder an den Wohnungen zu lesen. Jimi Hendrix fanden sie dabei zwar nicht, dafür hefteten sich Laceys Augen gleich darauf auf ein hell erleuchtetes Schaufenster und sie blieb abrupt stehen.
„Was ist?“ fragte Nick irritiert, sah auf sie hinunter und folgte dann ihrem Blick, der wie festgeklebt an dem kleinen Laden hing.
„Ach du Schande Lace, das ist es!“ rief er gleich darauf aus.
„Ja, oder? Könnte zumindest hinkommen,“ bestätigte sie mit einem Nicken.
Heart & Soul verkündete die leuchtende Neonreklame über dem Geschäft. Kaltes, weißes Licht erhellte die Auslage im Schaufenster, die aus jeder Menge Stapel CDs bestand. Ein quitschgelber Aufkleber auf der Fensterscheibe verkündete Musik An- und Verkauf.
Wie auf Kommando setzen sie sich beide gleichzeitig in Bewegung, überquerten die Straße und erreichten gleich darauf die mit einem Eisengitter verstärkte Eingangstür.
Nick drückte sie auf und bedeutete Lacey mit einer einladenden Geste voraus zu gehen. Als sie über die Schwelle trat, empfing sie abgestandene, nach kaltem Zigarettenrauch riechende Luft und hämmerndes Heavy Metall. Zu ihrer Linken befand sich eine lange Theke, hinter der ein junger Typ mit Pferdeschwanz, Baseballkappe und einem schwarzen T-Shirt irgendeiner Rockband auf einem Barhocker hockte. Er sah kurz seinem Magazin auf, nickte ihnen kurz zu und vertiefte sich dann wieder in seinen Artikel.
Der Rest des wahrscheinlich gerade mal zwanzig Quadratmeter messenden Raumes war mit riesigen Stahltrögen voller CDs zugestellt. Schmale Gänge, durch die sie sich kaum hindurchquetschen konnten, leiteten sie zwischen Pop, Rock, Soul, neuen und gebrauchten Alben hindurch. Beim Buchstaben B blieb Nick kurz stehen, kramte in den Plastikhüllen und zog gleich darauf ein Album hervor. Als Lacey einen Blick auf den Titel erhaschte, musste sie grinsen.
„Solltest du deine eigenen Alben nicht schon zu Hause haben?“ neckte sie ihn.
„Ich wollte nur mal gucken ...,“ verteidigte er sich. Gleich darauf schüttelte er den Kopf. „Drei Dollar. Wenn ich überlege, welche Arbeit wir uns damit gemacht haben ...“
Mit düsterem Blick stellte er die CD zurück und folgte Lacey weiter durch die schmalen Gänge. Allerdings kamen sie nicht sehr weit, denn beim Buchstaben C hielt er erneut an.
„Now or Never kostet immerhin fünf fünfzig,“ hörte sie ihn murmeln, während er das Album mit seinem Konterfei auf dem Cover wieder zurück stellte.
„Die Gebrauchtpreise sind eben im Keller,“ versuchte sie ihn zu trösten.
„Ja, ja. Ist ja auch nicht der Weltuntergang. Eigentlich sollte es mich eher beunruhigen, dass die Alben überhaupt hier gelandet sind. Welcher vernünftige Mensch trennt sich denn schon von solchen Schmuckstücken?“
Lacey musste leise Lachen. „Wahrscheinlich haben sie die Alben zwei Mal zum Geburtstag geschenkt bekommen.“
„Oder der Besitzer war kurz vorm Verhungern und musste sich entscheiden: Esse ich den Hund oder verkaufe ich meine Backstreet Boys CD,“ grinste Nick.
„Vielleicht wurden sie auch aus dem Safe deines Nummer eins Fans gestohlen und er oder sie ist jetzt untröstlich,“ kicherte Lacey.
„Dagegen sollte ich etwas tun, meinst du nicht?“ schmunzelte Nick.
„Wir kümmern uns jetzt erst einmal um Jimi Hendrix und danach, vielleicht, um die vielen, herrenlosen Backstreet Boys und Nick Carter CDs, okay?“
„In Ordnung,“ nickte Nick.
Er warf noch einen Blick zurück, seufzte theatralisch und mit einer Hand auf seinem Herzen „bis bald meine einsamen Babys“ und folgte dann Lacey weiter den schmalen Gang hinunter.
Im nächsten Gang erreichten sie schließlich den Buchstaben H und Lacey spürte, wie ihr Herzschlag unvermittelt in die Höhe schnellte.
„Jetzt wird es spannend,“ flüsterte sie.
„Ja,“ entgegnete Nick genau so leise. „Und warum flüstern wir?“
„Wegen der Dramatik,“ schmunzelte sie.
„Ach so.“
Lacey suchte die einzelnen Kategorien ab. Ihr Finger glitt von H-Blockx über Halloween und Hanson bis hin zu HardFi und fand schließlich das Fach mit Hendrix, Jimi.
„Sechs Stück,“ zählte Nick nach.
„Und irgendwo da drin muss der nächste Hinweis stecken,“ ergänzte Lacey, während sie eines der Alben zur Hand nahm und interessiert das Cover musterte. „Also die Mode damals war ja schrecklich,“ stellte sie fest.
„Hey, der Mann ist ein Gitarrengott, also bitte keine Beleidigungen,“ tadelte Nick gutmütig und nahm ebenfalls eine der CDs aus dem Fach.
Gleichzeitig klappten sie sie auf und starrten auf die glänzende Scheibe hinunter.
„Nichts,“ verkündete Lacey gleich darauf.
„Ebenfalls nichts,“ ergänzte Nick, bevor sie beide nach einer der nächsten CDs griffen.
Diesmal war Nick schneller. „Nichts.“
„Hier auch nichts,“ entgegnete Lacey, während sich ein unangenehmes Gefühl in ihrer Magengegend breit machte. Vielleicht waren sie hier ja gar nicht richtig. Vielleicht lag der Hinweis irgendwo anders in dieser Straße und sie suchten sich hier ganz umsonst den Wolf.
Sie griffen nun beide hektisch nach den beiden verbliebenen Hüllen und klappten sie auf.
„Wieder nichts,“ stellte Nick fest und klang dabei so enttäuscht, wie sie sich fühlte.
„Hier auch nichts,“ gestand sie schließlich und hielt ihm zur Bekräftigung die geöffnete Hülle mit der glänzenden CD unter die Nase.
„Haben wir etwas übersehen?“ fragte Nick, nahm Laceys und seine CDs zusammen und stellte sie zurück in das Fach.
„Ich weiß nicht ... meinst du, sie haben den Zettel in einem der Bookletts versteckt?“
„Das könnte auch sein,“ nickte er aufgeregt.
„Oder die entsprechende CD steht irgendwo ganz anders,“ überlegte Lacey weiter.
„Uhm ... okay ... bevor mich dieser Gedanke jetzt vollends entmutig, schaue ich lieber noch schnell die Bookletts durch,“ stellte er fest und griff bereits wieder nach dem ersten Album.
„Ich schaue mir derweil mal die Sachen an, die einfach nur unter H einsortiert sind, okay?“
„Mach das,“ nickte Nick, während er bereits versuchte, das widerspenstige Heftchen mit den Songtexten aus der Plastikummantelung zu ziehen.
Lacey trat zwei Schritte zur Seite und begann systematisch von oben nach unten mit der Durchsicht der unter H einsortierten CDs. Nach etwa der Hälfte hörte sie Nick neben sich frustriert vor sich hin schimpfen „da fliegen sie zum Mond, schaffen es aber nicht, ein Booklett so in eine Hülle zu packen, dass man es sowohl rein als wieder rauskriegt.“
„Soll ich dir helfen?“ schmunzelte Lacey.
„Nein, geht schon,“ winkte Nick ab, schenkte ihr ein kurzes aber breites Lächeln und widmete sich wieder seinem Kampf mit dem Booklett.
Lacey blätterte weiter in der endlos erscheinenden Reihe von H-Interpreten, bis ihr Blick auf eine lila Hülle fiel. Die gelben Lettern darauf verkündeten Jimi Hendrix – All the Hits.
„Nick?“ stieß sie aufgeregt hervor, während sie die CD an sich nahm.
„Ja?“ kam es sofort zurück und keine halbe Sekunde später stand er neben ihr. „Du hast noch eine gefunden? Du bist die Größte.“ Sein Arm legte sich um ihre Schulter und gleich darauf hallte ein schmatzender, feuchter Kuß durch den kleinen Laden.
„Buäh,“ stieß sie angewidert hervor und wischte sich demonstrativ über die Wange. „Wenn du das nächste Mal jemanden zum Abschlabbern suchst, nimm bitte jemand anderen.“
„Wenn ich dran denke,“ gab er kichernd zurück. „Und jetzt mach schon das Ding da auf sonst platze ich.“
„Also gut,“ nickte Lacey, holte noch einmal tief Luft und klappte dann den Deckel der CD-Hülle auf.
„Auch nichts,“ hörte sie Nick neben sich enttäuscht murmeln.
„Fast nichts,“ korrigierte sie ihn mit einem triumphierenden Grinsen und löste gleich darauf das durchsichtige Klebeband, mit dem ein winziger, flacher Schlüssel an der Innenseite der Hülle befestigt worden war.
„Ich fass es nicht,“ stieß Nick hervor und beugte sich dann tief zu Lacey hinunter, um den Schlüssel mit ihr gemeinsam genauer betrachten zu können.
„Scheint zu so einer Art Schließfach zu gehören, oder?“ vermutete Lacey und deutete dabei auf die eingravierte 9, die sich auf dem Schlüssel befand.
„Denke ich auch, ja,“ nickte er und nahm ihr dann den Schlüssel vorsichtig aus der Hand.
„Hey ihr!“ tönte es plötzlich hinter ihnen und erschrocken fuhren sie herum. „Wollt ihr nun was kaufen oder nicht,“ fuhr sie der junge Typ hinter der Theke an.
„Wir haben uns noch nicht entschieden,“ gab Nick mit missmutig gerunzelter Stirn zurück.
„Aber wenn ich mir den Service hier so angucke, glaube ich eher nicht,“ fügte Lacey hinzu, stellte die Jimi Hendrix CD zurück in ihr Fach und marschierte dann durch die schmalen Gänge direkt auf den Ausgang zu.
„Touristenpack,“ hörte sie es hinter sich murmeln, während die Tür ins Schloss fiel.
„Was für ein Riesenarschloch,“ grummelte Lacey vor sich hin.
„Können ja nicht alle so charmant und liebenswert sein wie ich,“ grinste Nick und legte ihr dann lachend einen Arm um die Schulter, als er ihren zweifelnden Gesichtsausdruck sah. „Und was nun Lacey Sherlock Holmes, hm?“
„Fragst du mich,“ entgegnete sie kopfschüttelnd. „Gibt es hier in der Nähe einen Bahnhof oder so was?“
„Bahnhof inklusive Busstation,“ nickte Nick grinsend.
„Na dann mal los. Wenn wir da nichts finden, lassen wir uns was neues einfallen, okay?“
„Klingt gut.“
Sie wollte sich bereits in Bewegung setzen, als sie Nick unvermittelt festhielt.
„Was?“ fragte sie irritiert.
„Ich wollte nur ... ,“ setzte er an, verstummte wieder und versuchte es dann noch einmal. „Vielen Dank, dass du das hier mit mir machst.“
„Naja, was soll ich sagen?“ lächelte Lacey. „Du bist irgendwie wie ne Klette und lässt nicht locker. Im Grunde bleibt mir also gar nichts anderes übrig.“
„Im Ernst Lacey,“ sagte er und zog sie noch ein Stückchen näher zu sich heran. „Ich bin dir wirklich dankbar dafür, dass du mit mir dieses Spiel spielst und nach der Sache im Sumpf und bei Madam Esmeralda immer noch hier bist.“
„Ich bin darüber genau so erstaunt wie du,“ gab sie leise zu. „Aber irgendwie ... scheint es wohl unser Schicksal zu sein.“
„Vielleicht,“ entgegnete er, während sein Lächeln noch eine Spur breiter wurde.
„Also auf zum Bahnhof?“ fragte Lacey noch einmal nach, die Nicks Nähe langsam aber sicher ziemlich nervös machte.
„Klar. Bahnhof,“ nickte er, richtete sich auf und griff erneut wie selbstverständlich nach ihrer Hand. „Wir sollten uns allerdings ein Taxi suchen. Bis zum Bahnhof ist es nämlich ersten ziemlich weit und zweitens möchte ich mich ungern auf deinen Orientierungssinn verlassen.“
„Wie mein Herr befiehlt,“ grinste Lacey und setzte sich dann mit ihm wieder in Bewegung.
Irgendwie fühlte sie sich immer noch leicht und beschwingt, doch mittlerweile kam in ihr der Verdacht auf, dass dies nicht unbedingt etwas mit dem Alkohol zu tun hatte.

Kapitel 20