Kapitel 18

Nick kam immer mehr zu der Überzeugung, dass Lacey ihn absichtlich quälen wollte. Während er nach dem unverhofften Auftauchen des neuen Hinweises sein Essen hastig hinunterschlang und dabei mit ein paar kräftigen Schlucken Rotwein nachhalf, pickte sie gesittet und langsam auf ihrem Teller herum und schien jeden Bissen einzeln zu genießen. Lange vor ihr legte er sein Besteck beiseite und starrte dann ungeduldig zu ihr hinüber. Am liebsten hätte er ihr die Gabel aus der Hand gerissen und sie eigenhändig gefüttert, damit sie hier schneller fertig wurden und endlich los ziehen konnten, doch sie ließ sich Zeit.
„Geht das auch ein bisschen schneller?“ fragte er schließlich ungehalten, nachdem sie einen erneuten Schluck von ihrem Wein nahm, dabei das Besteck auf den Rand ihres noch halb gefüllten Tellers legte und ihren Blick verträumt durch die Gegend schweifen ließ.
„Oh, sind wir in Eile?“ fragte sie mit hochgezogenen Augenbrauen und dem breitesten Grinsen, das er je bei ihr gesehen hatte.
„In Eile?“ stieß er ungläubig hervor. „Wir haben gerade einen weiteren Hinweis erhalten und alles was dir dazu einfällt ist, hier langsam weiter zu essen? Also ja, ich denke schon, dass wir in Eile sind.“
Er hörte ihr leises Lachen und sah einer weiteren Gabel Krabbenfleisch dabei zu, wie sie seelenruhig in ihrem Mund verschwand.
„Lacey bitte. Ich halte es gleich nicht mehr aus!“ gestand er und krampfte seine Hände unter dem Tisch ineinander.
„Sei doch nicht so ungeduldig,“ lächelte sie. „Jimi Hendrix ist in einer halben Stunde auch noch da.“
„Bist du dir da so sicher?“ fragte er. „Ich meine ... sie hätten uns den Hinweis ja auch erst nach dem Essen zukommen lassen können. Vielleicht hatte es also durchaus einen Grund, dass wir ihn so früh gefunden haben.“
„Das glaube ich nicht,“ widersprach sie, füllte sich noch etwas Wein nach und wandte sich dann wieder ihrem Teller zu.
„Warum nicht?“ fragte er und versuchte, möglichst ruhig dabei zu bleiben. Er wollte sie anschreien oder sie sich einfach über die Schulter werfen um mit ihr endlich zum nächsten Hinweis zu stürmen, stattdessen trippelten seine Füße unruhig unter dem Tisch und seine Finger zuckten nervös in seinem Schoß.
„Die Serviette war der einfachste Ort um die Münze und den Zettel unterzubringen. Sie hätten doch sonst irgendeinen von den Angestellten einweihen müssen oder so,“ erklärte sie ruhig, griff nach einer Scheibe Weißbrot und begann, die Soße damit genüsslich von ihrem Teller zu wischen.
„Zu ihren Leuten gehört eine Wahrsagerin und ein hässlicher Typ der in den Sümpfen lebt, meinst du nicht, sie hätten dann auch einen Kellner rekrutieren können?“ spann er den Faden weiter und schenkte sich nun ebenfalls, allerdings mit einem frustrierten seufzen, noch etwas von dem Wein nach.
„Überleg doch mal ... sie haben uns keine genaue Uhrzeit genannt, wann wir hier sein sollen. Sie konnten also gar nicht wissen, wann genau wir den Hinweis finden. Ergo wird er irgendwo deponiert sein, wo wir die ganze Nacht dran können,“ sagte sie, legte nun endlich ihr Besteck auf den Teller und griff nach ihrem Glas.
Sie kaute immer noch an ihrem letzten Bissen, als er bereits mit hektischem Winken einen Kellner an ihren Tisch rief und um die Rechnung bat.
„So oder so bringt mich meine Neugier gleich um,“ gestand er.
„Ja, das sehe ich,“ nickte sie mit einem amüsierten Grinsen.
„Das ist überhaupt nicht lustig,“ beschwerte er sich.
„Doch, irgendwie schon,“ stellte sie fest.
In diesem Moment trat der Kellner mit der Rechnung an ihren Tisch. Nick bezahlte bar, weil er nicht warten wollte, bis der Kellner mit seiner Kreditkarte zurückkam, dann erhob er sich eilig von seinem Platz und trank im Stehen sein Glas Rotwein aus.
„Du benimmst dich manchmal wie ein Kleinkind,“ grinste Lacey, die immer noch auf ihrem verdammten Stuhl hockte und in langsamen, kleinen Schlucken ihr Glas leerte.
„Und? Was dagegen?“ fragte er und stemmte angriffslustig die Hände in die Hüfte.
„Nein, ganz und gar nicht,“ entgegnete sie lächelnd und erhob sich nun endlich von ihrem Platz.
„Dann ist ja gut. Und jetzt komm, bevor ich hier gleich einen Tobsuchtsanfall kriege und mich schreiend auf dem Boden wälze,“ schmunzelte Nick, fasste ohne Umschweife nach ihrer Hand und zog sie einfach hinter sich her, zurück durch das Lokal und hinaus auf die Straße.
„Hast du die Münze und den Zettel?“ vergewisserte sich Lacey, als sie nebeneinander die Seitengasse hinunter und wieder auf die Hauptstraße zugingen.
„Alles hier,“ nickte Nick und klopfte sich dabei auf die Innentasche seines Jacketts.
„Okay. Irgendeine Ahnung, wo die Lasseure-Road ist?“
„Nein,“ gestand er. „Aber das French-Quarter ist nicht sehr groß. Es dürfte also kein Problem sein ... ,“ setzte er an, doch da hatte sich Lacey bereits von ihm losgemacht und steuerte zwei Frauen an, die ihnen auf dem schmalen Gehsteig entgegen kamen.
„Hallo. Könnt ihr uns sagen, wo die Lasseure-Road ist?“
Nick stöhnte innerlich auf. Das Frauen auch immer sofort losrennen und irgendjemanden nach dem Weg fragen mussten. Sie verstanden nicht, dass Männer eine natürliche Begabung dafür hatten, eine bestimmte Adresse zu finden. Vielleicht brauchte er etwas länger dafür, das gab er ja noch zu, aber schlussendlich war er bisher immer auch ohne Hilfe an sein Ziel gelangt.
Erstaunlicher Weise hatte Lacey sogar zwei Einheimische erwischt und sie erklärten ihr in kurzen Sätzen, untermalt von wildem Herumgefuchtel, wo sie genau hin mussten.
Als Lacey sich schließlich von den beiden Mädchen verabschiedete und wieder auf ihn zutrat, lag ein triumphierendes Lächeln auf ihren Lippen. „Also ich weiß, wo wir hin müssen.“
„Toll, ich hätte das auch so gefunden,“ grummelte er.
„Ganz bestimmt, aber ich dachte du hast es eilig,“ grinste sie, fasste nun ihrerseits nach seiner Hand und zog ihn einfach hinter sich her durch die dunklen Gassen der Stadt.
Er selbst hätte auf seinem Weg sicherlich einen Bogen um die von Menschen bevölkerte Bourbon Street gemacht, aber Lacey steuerte unaufhaltsam darauf zu.
Hier reihten sich unzählige Bars und Striplokale aneinander, aus den offenen Fenstern schallten ihnen jede erdenkliche Arten von Musik entgegen, angefangen von Jazz, Rock über Blues und House. Unmengen von Touristen und feiernden, jungen Menschen drängten sich zwischen den Häuserzeilen, tranken Bier, Wein oder Cocktails aus Plastikbechern auf offener Straße, was nur hier in New Orleans erlaubt war, und tanzten vor den offenen Fenstern auf der Straße.
„Willst du wirklich da durch?“ fragte Nick und beugte sich dabei nahe zu Lacey hinunter um den Lärmpegel zu übertönen.
„Auf jeden Fall. Ich war noch nie in New Orleans, da muß ich mir das hier doch wenigstens mal ansehen,“ gab sie zurück, während ihre Augen das Treiben um sie herum förmlich in sich aufsaugten.
Er konnte sich ein amüsiertes Lächeln bei ihrem Anblick nicht verkneifen. Sie wirkte wie ein Kind im Spielzeugladen. Ihr Kopf ruckte aufgeregt von einer Seite auf die andere um auch ja nichts zu verpassen, ihre Wangen waren zart gerötet und ihre Augen glänzten eigentümlich, was sie unglaublich lebendig wirken ließ. Plötzlich hatte er gar nichts mehr dagegen, sich ein wenig in das Getümmel zu stürzen und vielleicht, so überlegte er, hatten sie nachher noch ein wenig Zeit, um den Abend in einer der Bars ausklingen zu lassen.
Je weiter sie in die Partymeile vordrangen, umso unwichtiger wurde der Gedanke in seinem Kopf, so schnell wie möglich zum nächsten Hinweis kommen zu müssen. Und so ließ er sich dann auch gerne dazu überreden, an einem der Stände zwischen den Häusern, die wirkten, als hätte man einen schmalen Schrank zwischen die Gebäude gequetscht, einen gefrorenen Erdbeer-Margarita für sie beide zu kaufen und auf der Hälfte der Strecke stehen zu bleiben, um einem schwarzen, schmächtigen Jungen dabei zuzusehen, wie er mit dem ausgebauten Vorderrad seines Fahrrads auf dem Kopf einen mitreißenden Stepptanz auf den Gehsteig hinlegte.
Ein paar Schritte weiter blieb Lacey erneut stehen. In der einen Hand hielt sie ihren Plastikbecher mit dem inzwischen halb geschmolzenen, irgendwie künstlich wirkenden, roten Margarita, während die andere locker in seiner eigenen lag.
„Was machen die denn da?“ fragte sie mit gerunzelter Stirn, während sie zu dem Balkon im zweiten Stock hinauf sah, der über einer Bar lag und von jungen Leuten bevölkert wurde, die über und über mit langen Perlenketten in den unterschiedlichsten Farben behängt waren.
„Sag bloß du kennst den ältesten Brauch von New Orleans nicht,“ grinste er.
„Ich erwähnte bereits, dass ich noch nie hier war?“ gab sie ebenfalls grinsend zurück.
„Okay, dann pass auf,“ setzt er an und deutete auf das Getümmel von Menschen, die sich vor der Bar gesammelt hatten. „Die Mädels hier unten werden von den Typen da oben,“ er deutete zu dem Balkon hinauf „dazu aufgefordert, ihr T-Shirt hochzuheben.“
„Ist nicht wahr!“ stieß Lacey überrascht hervor.
„Doch,“ beharrte Nick. „Das machen die hier jedes Wochenende. Und wenn eine der Frauen tatsächlich ihre Brüste zeigt, bekommt sie als Belohnung eine von den Perlenketten.“
Das Gejohle vom Balkon wurde lauter, als sich eine Gruppe von fünf Mädchen vor der Bar einfand. Sprechchöre, die dem Tenor „Ausziehen! Ausziehen!“ folgten, erhoben sich, was die Frauen tatsächlich zu animieren schien.
Unter lautem Lachen und Gekreische traten sie ein paar Schritte in die Mitte der Straße, warfen sich grinsende Blicke zu und hoben dann wie auf Kommando ihre T-Shirts in die Höhe. Das Johlen und Geklatsche, das dieser Aktion folgte, war ohrenbetäubend und übertönte für kurze Zeit sogar das Wummern der Bässe aus der Bar. Gleich darauf prasselte ein wahrer Perlenregen auf die Mädchen hinunter.
„Das ist cool!“ hörte er Lacey neben sich lachen, während sich sein Daumen selbständig machte und zärtlich über ihren Handrücken strich.
Normaler Weise hätte er versucht einen möglichst genauen Ausblick auf das zu erhaschen, was sich unter den Shirts der Mädchen befand, doch heute war ihm dies relativ egal. Sein Blick klebte förmlich an Lacey fest, die strahlend das bunte Treiben vor sich beobachtete und scheinbar komplett vergessen zu haben schien, dass er auch noch da war.
„Ich will auch so eine Kette,“ verkündete sie plötzlich.
„Ich kann dir im nächsten Laden eine kaufen,“ grinste er. „Die bekommst du hier überall.“
„Das ist doch nicht das selbe,“ tadelte sie ihn gutmütig, löste ihre Hand aus seiner, drückte ihm stattdessen ihren Plastikbecher in die Hand und marschierte schnurstracks auf die Straße und damit unter den Balkon, auf dem die jungen Männer scheinbar ihre nächste Chance witterten.
„Hey Lady!“ kam es sofort von mehreren Seiten und Lacey winkte zu ihnen hinauf.
„Wir haben hier das schönste Geschmeide anzubieten, das sich in ganz New Orleans finden lässt,“ tönte einer der Jungs und Nick schüttelte grinsend den Kopf.
„Darum bin ich hier,“ rief Lacey zurück.
Ihre Hand wanderte zum rechten Träger ihres Kleides hinauf, während sich Nick ein Stück weiter seitlich an sie heran schob um ja nichts von dem nun folgenden Schauspiel zu verpassen und dabei die beiden Plastikbecher auf einem Fenstersims abstellte.
Aus der Bar erschallte inzwischen Pump It von den Black Eyed Peas und Lacey begann sich in dem mitreißenden Beat zu bewegen, während sie den Träger ihres Kleides ganz langsam über ihre Schulter schob und dabei die Hüften schwang.
Nicks Augen wurden groß, seine Hand wanderte zu seinem Mund um das dämliche, glückliche Kichern aufzuhalten, während nun der zweite Träger von Laceys Kleid folgte. Das Johlen und Brüllen auf dem Balkon wurde lauter, etwa ein halbes Dutzend Kerle hatte sich mittlerweile über das geschwungene, schmiedeeiserne Geländer gebeugt und verfolgte sabbernd Laceys Show.
Ihre Hände lagen mittlerweile auf ihrer Brust, wo sie den weichen Stoff festhielt, damit sie nicht gleich nackt da stand. Dann schlug sie in einer schüchtern wirkenden Geste die Augen nieder, senkte den Kopf und entblößte Millimeter für Millimeter ihr ansprechendes Dekollete. Die weiße Spitze ihres BHs war bereits zu sehen, was die Meute auf dem Balkon über ihr beinahe zur Raserei brachte. Sie schob den Stoff ihres Kleides noch ein Stück weiter herunter und legte damit ihre perfekt gerundete Brust frei, die von dem samtweichen, weißen BH umschmeichelt wurde.
Damit war für sie wohl die Show beendet, denn sie lachte, winkte kurz und streifte sich ruhig und gelassen die Träger ihres Kleides wieder über die Schultern. In Nicks Kopf formte sich plötzlich wieder das Bild ihrer Narbe auf ihrem Bauch und er schluckte trocken. Irgendwie hatte er daran gar nicht mehr gedachte.
Die Jungs auf dem Balkon versuchten sie zwar noch dazu zu überreden, auch den BH auszuziehen, aber Lacey schüttelte nur lachend den Kopf. Es folgten Ausrufe des Bedauerns, doch trotzdem landeten gleich darauf ganze vier Perlenketten in Laceys ausgestreckten Händen.
Nicks Hand tastete hektisch in seiner Hosentasche und fand tatsächlich eine fünf Dollar Note. Sofort tippte er dem nächstbesten Mädchen auf die Schulter und hielt ihr das Geld unter die Nase.
„Ich brauche eine deiner Ketten. Ziemlich schnell wenn es geht,“ stieß er hervor, während er einen Blick zu Lacey zurück warf, die noch dabei war, sich die langen Ketten um den Hals zu schlingen.
„Für fünf Dollar kannst du sie alle haben,“ lachte das Mädchen, streifte sich die drei Ketten in blau, rosa und gold über den Kopf nahm gleich darauf das Geld an sich.
„Danke,“ strahlte er, wandte sich dann ab und steuerte direkt auf Lacey zu.
Als sie ihn entdeckte strahlte sie über das ganze Gesicht und deutete auf ihre Brust, auf der nun ein wahrer Vorhang aus bunten Perlen lag.
„Vier Stück. Wenn das mal nicht gut ist,“ lachte sie.
„Ich finde, das ist noch nicht einmal annähernd ausreichend für diese grandiose Show,“ grinste er und zog die drei eben erstandenen Ketten hinter seinem Rücken hervor.
Lacey lachte auf. „Wo hast du die denn so schnell her bekommen? Sag bloß du hast dich hinter meinem Rücken ausgezogen.“
„Dafür war keine Zeit,“ grinste er und streifte die Ketten vorsichtig über ihren Kopf.
„Aww, das ist wirklich lieb von dir,“ hörte er sie sagen und gleich darauf versank er in ihren glücklich strahlenden Augen.
Wie konnte es sein, dass das hier die gleiche Frau war, die heute Morgen noch vollkommen aufgelöst und verzweifelt aus Madam Esmeraldas Haus gestürmt war?
Doch der Gedanke verflüchtigte sich, als Lacey sich unvermittelt auf die Zehenspitzen stellte, ihm die Hände auf die Schultern legte und einen sanften Kuß auf seine Wange hauchte. Für einen kurzen Moment versank er im Duft ihres Parfüms und dem Gefühl ihrer Lippen auf seiner Wange, dann löste sie sich von ihm und grinste zu ihm auf. „Und jetzt wollen wir doch mal sehen, ob Jimi Hendrix das hier noch überbieten kann.“
„Ich befürchte, der hat im Moment ganz schlechte Karten,“ gestand er lächelnd.
„Tja, Pech für ihn,“ entgegnete sie grinsend und mit einem Schulterzucken, dann griff sie wie selbstverständlich nach seiner Hand und zog ihn wieder hinter sich her die Bourbon Street hinunter.
Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte sein restliches Leben so weiter gehen können. Jedenfalls schien es schon Ewigkeiten her zu sein, dass er sich so dermaßen entspannt und glücklich gefühlt hatte.

Kapitel 19