Kapitel 16

Außerhalb der geschlossenen Fensterläden wurden die Schatten länger und kündigten den hereinbrechenden Abend an. Die Stadt erwachte zu neuem Leben, die Nachtschwärmer und Partymenschen krochen aus ihren Löchern und bevölkerten allmählich die schmalen Straßen zwischen den Bars und Kneipen.
Madam Esmeralda saß beim sanften Schein einer Lampe an ihrem Schreibtisch und starrte auf den Bericht hinunter, den sie die letzten zwei Stunden sorgfältig verfasst hatte.
Nachdem Nick und Lacey gegangen waren, hatte sie alle anderen Termine für heute abgesagt und sich in ihr Büro zurückgezogen. Noch immer hatte sie keine Entscheidung getroffen, was den Einsatz eines Spielführers betraf. Eigentlich war die Sache klar: Das Mädchen hatte einen Spielführer dringend nötig. Madam Esmeralda erschauerte leicht bei dem Gedanken an die Empfindungen und Bilder, die der Körperkontakt mit Lacey in ihr ausgelöst hatte.
Gleichzeitig flüsterte allerdings eine andere Stimme in ihrem Kopf, dass es besser wäre, wenn sie den Dingen ihren Lauf ließ und sie Nick und Lacey ohne Unterstützung weiter schickte.
Die Wahrsagerin seufzte leise und griff zum Telefon. Sie konnte diese Entscheidung nicht alleine treffen, also musste sie sich Hilfe holen.
Nach dem dritten Klingeln wurde abgenommen und eine dunkle Männerstimme meldete sich.
„Ja?“
„Ich bin’s.“
„Und? Waren sie da?“
„Ja, waren sie,“ nickte Madam Esmeralda und lehnte sich in ihrem Schreibtischstuhl zurück. „Sie tragen beide die Kettenanhänger, von der Seite ist also alles sicher.“
„Das ist gut. Und sonst? Wie sind die Gespräche verlaufen?“
„Er hat sich ein bisschen geziert, aber schlussendlich gab es doch noch ein paar brauchbare Schwingungen. Ich schicke euch nachher den Bericht.“
„Und Lacey?“ fragte der Mann weiter und sie konnte das leichte, angespannte Vibrieren in seinem Tonfall hören.
„Schwierig,“ gestand sie. „Deshalb rufe ich auch an. Es geht um den Spielführer. Ich kann mich nicht entscheiden, ob wir in diesem Fall tatsächlich einen einsetzen sollten.“
„Was spricht dagegen?“
„Eigentlich nichts ... oder sagen wir ... mein Bauchgefühl protestiert ziemlich heftig. Andererseits wäre es glatter Wahnsinn sie alleine weiter machen zu lassen.“
„Was steht denn als nächstes an?“ fragte der Mann weiter und irgendwie war Madam Esmeralda froh, dass er erst noch ein paar Fakten hören wollte, bevor er die Entscheidung traf.
„Punkt 1 und 9 des Aktionsplans, später irgendwann die 13,“ informierte sie ihn also.
„Über Punkt eins müssen wir uns erst einmal keine Sorgen machen, oder?“
„Nein, das natürlich nicht. Auch Punkt neun scheint mir noch nicht wirklich gefährlich. Das ist eher eine Prüfung für ihn als für sie. Aber spätestens bei Punkt 13 habe ich ein ganz mieses Gefühl.“
„Das hat dieser Punkt so an sich,“ hörte sie ihren Gesprächspartner schmunzeln, was sie vollkommen unangebracht fand. Das hier war eine ernste Sache und er sollte das Ganze nicht auf die leichte Schulter nehmen.
„Sie ist sehr labil,“ sagte sie also rasch. „Ihre Vergangenheit hat sie vollkommen im Griff und im Moment balanciert sie an einem sehr schmalen Grad entlang.“
„Hast du sie fallen gesehen?“ fragte der Mann, jetzt mit unüberhörbarer Anspannung in der Stimme.
Die Frage kam für Madam Esmeralda unerwartet, obwohl sie eigentlich damit hätte rechnen müssen. Er ging den Dingen gerne auf den Grund.
„Die Bilder waren nicht eindeutig,“ gestand sie. „Aber selten war die Gefahr so hoch, einen Spieler zu verlieren.“
Ihr Gesprächspartner schwieg, während sie ihm Zeit gab, das Für und Wider abzuwägen.
„Wir warten noch,“ hörte sie ihn schließlich sagen.
„Bist du dir sicher?“
„Ich vertraue auf dein Bauchgefühl.“
„Das sich durchaus auch einmal irren kann,“ gab sie zu bedenken.
„Sie sollen Punkt eins genießen und sich dabei besser kennen lernen. Danach nehmen sie Punkt neun in Angriff. Bis dahin haben wir vielleicht noch mehr Informationen. Dann entscheiden wir neu.“
„In Ordnung,“ nickte Madam Esmeralda, froh darüber, dass ihr in diesem Fall die Entscheidung abgenommen worden war.
Was ihr allerdings niemand abnehmen konnte war das unbestimmte Gefühl, dass Lacey Jenkins eine große Gefahr für das Komitee darstellte und sie nicht genau sagen konnte, welche Rolle Nick Carter dabei spielte. Sie befürchtete, dass er irgendwann das Zünglein an der Waage sein würde und diese große Verantwortung in die Hände eines unsicheren Jungen zu legen, der nach außen den großen Popstar mimte, aber innerlich mit seinen Dämonen kämpfte, schien ihr mehr als leichtsinnig.

Während Madam Esmeralda noch über Nicks Rolle in dem Spiel nachgrübelte, saß dieser auf dem ausladenden Sofa in seiner Hotelsuite und starrte auf die Tür, hinter der Lacey vor einigen Stunden verschwunden war.
Das Apartment bestand aus fünf Räumen: Einem riesigen Wohnraum, an den sich die beiden Schlafzimmer anschlossen und die jeweils mit einem eigenen Bad ausgestattet waren. Die Übernachtung kostete ein kleines Vermögen, aber nach der abenteuerlichen und mehr als unbequemen Nacht im Sumpf, hatte er ein bisschen Luxus dringend nötig gehabt. Außerdem hatte er sich irgendwie über Laceys verzückten Gesichtsausdruck gefreut, als sie den Whirlpool entdeckte.
Lacey. Beim Gedanken an sie seufzte er schwer. Sie war vollkommen aufgelöst von der Sitzung mit Madam Esmeralda zurückgekommen und hatte darauf bestanden, auf dem schnellsten Weg zurück in ihr Hotel zu fahren. Ansonsten hatte sie keinen Ton mehr von sich gegeben, egal was er sagte, wie sehr er bohrte oder wie viel Verständnis er auch versuchte aufzubringen. Sie hatte lediglich ihr blasses Gesicht mit den rotgeweinten, geschwollenen Augen von ihm abgewandt und so getan, als sei er gar nicht da. Noch nicht einmal die Anweisungen für die nächste Spielstation hatte sie sich angesehen und so langsam befürchtete er, dass er sie diesmal nicht dazu überreden konnte, das Spiel fortzusetzen.
Er seufzte erneut verhalten, fuhr sich müde mit beiden Händen über das Gesicht und beugte sich dann über den Glastisch, der von üppigen, cremefarbenen Sesseln und dem Sofa auf dem er saß umstanden wurde.
Vor ihm lagen die drei in Plastik eingeschweißten Teile der Karte. Tatsächlich hatte sich das neue Stück diesmal nahtlos an das Fragment aus dem Sumpf angefügt. Es brachte ihn zwar nicht wirklich weiter, aber dieses kleine Erfolgserlebnis hatte immerhin für eine viertel Stunde seine Laune gehoben. Dann hatte er wieder an Lacey gedacht und das freudige Kribbeln in seinem Magen erstarb genau so schnell wie es gekommen war.
Erneut huschte sein Blick zu ihrer Schlafzimmertür. Er versuchte sich jetzt schon seit zwei Stunden zu entscheiden, ob er anklopfen und sie fragen sollte, ob mit ihr alles in Ordnung war, konnte sich aber jedes Mal nicht dazu durchringen. Wenn sie reden wollte oder Gesellschaft brauchte, wusste sie ja wohl, wo sie ihn finden konnte.
Nur damit er nicht wieder zur Salzsäule erstarrte und mit stierem Blick auf ihre Tür starrte, zog er den restlichen Inhalt des Umschlages zu sich heran um ihn sich bestimmt zum zehnten Mal anzusehen.
Zu erst nahm er sich das Schreiben mit der neuen Anweisung vor.

Liebe Lacey,
Lieber Nick,

wir freuen uns, dass Sie die Aufgabe in unserem letzten Schreiben entschlüsselt und Ihren Weg nach New Orleans gefunden haben.

Station drei – Die Nacht des Lebens

„Das Leben besteht aus vielen kleinen Münzen, und wer sie aufzuheben versteht, hat ein Vermögen.
Jean Anouilh (1910-1987)“

Das Game of Life Komitee schickt sie heute Nacht auf eine Reise durch das traditionelle New Orleans.
Anbei finden Sie die Adresse ihres ersten Anlaufpunktes sowie eine Münze, die sie mit sich führen werden.
Auf angemessene Kleidung ist zu achten.

Ihr G-o-L Komitee

Nick legte das Schreiben beiseite und nahm die Visitenkarte vom Tisch, die sich ebenfalls in dem Umschlag befunden hatte.
The Crawfish – Cajun and Creole Kitchen stand darauf, darunter eine Adresse die, wenn er sich nicht täuschte, etwas außerhalb des Frenchquaters am Ufer des Mississippis lag.
Irgendwie fand er diese ganze Nachricht sehr seltsam. Er hatte Abenteuer erwartet und keine Einladung zum Abendessen, für das er sich auch noch „angemessen“ kleiden sollte. Wenigstens war da noch die Sache mit der Münze, die das Ganze ein bisschen spannend machte.
Er klaubte die kleine, runde Silbermünze vom Tisch und hielt sie gegen das Licht. Sie war in etwa so groß wie ein viertel Dollar und auf beiden Seiten geprägt. Er hatte eine Weile gebraucht, um die Inschriften zu entziffern, doch nachdem er dies schließlich geschafft hatte, hatte er staunend davor gesessen.
Game of Life stand in eckigen Buchstaben am Rand der einen Seite, in der Mitte prangte das Bild eines Baumes. Auf der anderen Seite rankte sich Eine Reise die heimwärts führt am leicht geriffelten Rand entlang, während hier das Konterfei eines ihm unbekannten Mannes den restlichen Platz ausfüllte.
Das G-o-L Komitee hatte also sogar seine eigene Währung? Was für ein seltsamer Verein war das nur?
Bevor er sich darüber allerdings noch mehr Gedanken machten konnte, öffnete sich plötzlich Laceys Zimmertür und sie trat heraus. Sie wirkte irgendwie zerknittert. Ihr blondes Haar hatte sie im Nacken zu einem unordentlichen Knoten zusammengefasst und ihre Augen blinzelten immer wieder müde, ließen aber nicht mehr erkennen, dass sie früher am Tag geweint hatte. Sie trug ein ausgebleichtes, grünes T-Shirt der Universität von Jacksonville über verblichenen Jeans, deren Hosenbeine nun ein trockenes Rascheln erzeugten als sie sich in Bewegung setzte.
Wortlos durchquerte sie den Raum, zögerte dann kurz, weil sie sich offensichtlich nicht entscheiden konnte ob sie sich zu ihm auf das Sofa setzen oder lieber einen der Sessel vorziehen sollte, und kuschelte sich dann schließlich mit angezogenen Knien in einen Sessel zu seiner Linken. Er musterte sie schweigend und versuchte zu ergründen, in welcher Stimmung sie gerade war. Er hatte lange darüber nachgedacht, ob er das Spiel ohne sie fortsetzen wollte und war zu dem Schluss gekommen, dass es ihm alleine wohl keinen Spaß mehr machen würde. Trotzdem, oder gerade deshalb, hoffte er, dass sie dabeibleiben würde.
„Ich habe eine Entscheidung getroffen,“ sagte sie plötzlich in die Stille des Zimmers hinein. Ihre Stimme war erstaunlich klar und fest und ließ nicht erkennen, was als nächstes folgen würde oder was bereits hinter ihr lag. Aber eines war Nick jetzt schon klar: Egal was sie gleich sagte, diesmal hatte er keine Chance sie vom Gegenteil zu überzeugen.
„Die da wäre?“ fragte er also mit merklicher Anspannung in der Stimme.
„Ich werde dieses Spiel durchziehen. Ab jetzt gibt es kein Hin und Her mehr, keine Zweifel oder Ausflüchte.“
„Das ... ist toll,“ brachte er heraus und fühlte, wie sein Herz vor Erleichterung in seiner Brust zu schweben schien. „Ich hoffe, du siehst das auch noch so, wenn du die neuen Anweisungen gelesen hast,“ grinste er dann und schob das Blatt Papier zu ihr hinüber.
„Bitte keine Ausflüge in die Sümpfe mehr,“ entgegnete sie mit einem schwachen Lächeln, bevor sie den Brief an sich nahm und ihre Augen über das Papier huschten. Nick schob auch noch die Visitenkarte über den Tisch, die sie sich ebenfalls sehr genau ansah.
„Klingt doch gar nicht so schlecht,“ stellte sie dann fest, während sie das Blatt und die Karte zurück auf den Tisch legte. „Ein bisschen öde vielleicht. Inzwischen sind wir schließlich ganz andere Abenteuer gewohnt.“
„Dann solltest du dir das hier ansehen,“ grinste Nick und reichte ihr die Münze.
Sie besah sie sich genau von allen Seiten und kniff dabei die Augen ein wenig zusammen, während sie die Inschriften am Rand las. „Wow, die haben ihr eigenes Geld,“ bemerkte sie dann.
„Das war ganz genau mein Gedanke,“ schmunzelte er.
„Angemessene Kleidung ... was ist in deren Augen wohl angemessen?“
„Na ja, ich schätze Jogginganzug wäre nicht ganz so passend,“ entgegnete er schulterzuckend.
„Hm. Also dann das kleine Schwarze.“
„Klingt verlockend,“ grinste er und ließ seine Augenbrauen dabei auf und ab hüpfen.
„Wenn du dich da mal nicht täuschst,“ gab sie ohne eine Spur von Humor zurück, was ihn dazu veranlasste wieder ernst zu werden.
„Möchtest du mir erzählen, was da bei Madam Esmeralda passiert ist?“ fragte er vorsichtig.
„Nein,“ antwortete sie und schüttelte zur Bekräftigung auch noch den Kopf.
„Möchtest du wissen, was sie mir gesagt hat?“ fragte er weiter.
Sie zögerte kurz, doch dann nickte sie.
„Tja,“ meinte er, ließ sich nach hinten in die Polster sinken und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. „Ich erzähl es dir nur, wenn du mir auch ein bisschen was verrätst.“
„Das ist Erpressung,“ beschwerte sie sich.
„Na klar,“ grinste er.
Erneut schwieg sie, dann sagte sie „ich werde darüber nachdenken, okay?“
„Aber denk nicht zu lange, sonst habe ich am Ende vielleicht alles schon wieder vergessen.“
„Mir war nicht bewusst, dass dein Gehirn so wenig Speicherkapazität hat,“ stellte sie trocken fest.
„Tja, jetzt weißt du’s.“
Er hätte ihr so gerne wenigstens den Ansatz eines Lächelns entlockt, aber sie schien im Moment nicht in Stimmung zu sein. Eigentlich war sie dafür sehr selten in Stimmung. Nur wenn es wirklich brenzlig wurde, schien sie aufzublühen.
„Wann wollen wir los?“ fragte sie.
„Reicht dir eine Stunde?“
„Mir reicht auch eine halbe,“ schnaubte sie.
„Das wäre dann für eine Frau tatsächlich rekordverdächtig,“ stellte er grinsend fest.
Plötzlich begann er sich auf diesen Abend tatsächlich zu freuen. Irgendwie war Lacey, selbst wenn sie so grimmig wie jetzt war, ziemlich anziehend und interessant. Er konnte es jedenfalls kaum erwarten mit ihr in dieses Restaurant zu gehen und mit ein wenig Unterstützung eines guten Rotweins ihre Zunge zu lösen. Er war ziemlich gespannt, was dabei wohl herauskam.

Kapitel 17