Kapitel 15
Lacey saß in dem dämmrigen Warteraum und starrte auf die Limonade, die ihr ein junges Mädchen gerade gebracht hatte. Wassertropfen rannen an dem Glas hinab und bildeten langsam aber sicher einen feuchten Rand auf dem Couchtisch. Laceys Finger zuckten. Sie wollte das Wasser aufwischen bevor der Tisch vielleicht noch Schaden nahm, doch gleichzeitig wusste sie, dass das erstens keinen Sinn machte, weil sofort neues Wasser nach rinnen würde und es zweitens idiotisch war, alle paar Sekunden über den Tisch und das Glas zu wischen.
Sie versuchte sich abzulenken, ließ ihre Augen über die Wände gleiten und konzentrierte sich dann auf eines der grimmigen Gesichter, das sie von oben herab aufmerksam zu mustern schien. Noch bevor sie das Bild allerdings richtig fixiert hatte, zuckte ihr Blick bereits wieder zurück zu ihrem Glas und dem Wasserkreis, der sich jetzt deutlich auf der Tischplatte abzeichnete.
In einer langsamen, vorsichtigen Bewegung hob sie das Glas an, griff nach dem Saum ihres Tops und wischte, mit dem Körper weit über die Tischplatte gebeugt, den Wasserrand weg. Das Glas wanderte danach in ihren Schoß, wo sie es mit der Hand fest umfasst. Vor Erleichterung entwich ihr ein leiser Seufzer.
Alles war in Ordnung, an seinem Platz und sauber. Kein Problem.
Ihre Augen huschten wieder über die Wände. Hing das Bild da drüben nicht ein wenig schief? Und die Zeitschriften in dem Regal, wer hatte die nur so unordentlich gestapelt? Und ...
Sie spürte bereits, wie sich ihre Oberschenkelmuskeln anspannten, um sie von dem Sofa in die Höhe zu heben und sie zu der Wand hinüber zu tragen, damit sie das Durcheinander wieder in Ordnung bringen konnte. Ihre Hände begannen plötzlich zu zittern und sie musste ihre gesamte Beherrschung aufbringen, um nicht aufzuspringen und den Rahmen gerade zu rücken.
Verzweifelt wandte sie den Kopf und lauschte in die Richtung, in der Nick mit Madam Esmeralda verschwunden war. Wie lange war er jetzt schon weg? Es schien ihr jedenfalls wie die Ewigkeit.
Ich werde nicht aufstehen dachte sie. Hier ist nämlich alles in bester Ordnung, nur mit dir stimmt etwas ganz und gar nicht.
Wo blieb Nick bloß? Irgendwie schien es ihr, dass die Welt nur halb aus den Fugen geriet, wenn er bei ihr war. War sie alleine, so wie jetzt, begann der Raum irgendwann um sie herum zu tanzen, sie sah plötzlich Staubflusen, die gar nicht da waren und schließlich würde sie die Bilder von Michael, Aden und Trin wieder vor sich sehen. Wenn Nick bei ihr war, schaffte er es immer, ihre Gesichter von ihr fern zu halten. Doch gerade jetzt war er für sie unerreichbar mit Madam Esmeralda hinter dieser Tür verschwunden.
Ihre freie Hand zuckte zu ihrer Tasche, die dicht an ihren Körper geschmiegt neben ihr auf dem Sofa lag. Ihre tastenden Finger erkannten die Kontur der Aluminiumflasche sofort und alleine ihre sanften Rundungen schienen den Aufruhr in ihr ein wenig einzudämmen.
Was machte sie sich eigentlich Gedanken? Sie konnte jederzeit gehen - nicht nur diesen Raum verlassen, sondern sich auch von dem Leben und dieser unwirtlichen Welt verabschieden. Und da dachte sie wirklich über schief hängende Bilderrahmen und Nick Carter nach? Sie schüttelte leise schnaubend den Kopf. Das hier musste bald ein Ende haben, so viel war sicher. Sonst würde sie irgendwann auseinander brechen wie eine dieser Porzellanpuppen, die man auf einen harten Steinboden fallen ließ. Sie selbst befand sich gerade in freiem Fall und der Gedanke, dass sie niemand daran hindern würde, am Ende aufzuschlagen, beschleunigte ihre rasante Abwärtsfahrt nur noch.
Wo blieb er nur so lange?
Ein weiterer, unangenehmer Gedanke durchzuckte sie in diesem Moment mit solch gewaltiger Macht, dass sie unwillkürlich zusammenfuhr und etwas von der Limonade in ihrem Schoß über ihre Jeans verschüttete.
Was, wenn Madam Esmeralda tatsächlich so etwas wie eine Hellseherin war? Würde sie Nick etwas über sie Lacey erzählen? Brauchte sie dafür überhaupt magische Kräfte? Sie befanden sich immerhin mitten im Game of Life und das G-o-L Komitee hatte schon oft genug bewiesen, dass sie ihnen gerne einen Schritt voraus waren. Vielleicht kannten sie ihre Lebensgeschichte bereits und Madam Esmeralda erzählte sie Nick gerade in sämtlichen Einzelheiten.
Ihr Blick raste erneut zu dem schmalen Gang, in dem Nick mit dieser Frau verschwunden war. Ihr Herzschlag hatte sich verdoppelt, ihre Hände umkrampften das Glas ganz fest und ihre Lippen bildeten einen schmalen, blutleeren Strich. Das durfte nicht passieren! Es ging niemanden etwas an. Das war ihre Geschichte, ihr Schicksal. Darin hatte niemand herum zu pfuschen.
Gerade als sie kurz davor stand aufzuspringen und einfach kopflos den Gang hinunter und in das Zimmer zu stürzen, um Madam Esmeralda davon abzuhalten, Nick zu viel über sie, Michael, Aden und Trin zu erzählen, öffnete sich die Tür wie von Geisterhand und dahinter tauchte die dunkle Silhouette von Nick auf.
Wie erstarrte blieb Lacey sitzen, beobachtete, wie er Madam Esmeralda zum Abschied die Hand schüttelte und dann langsam den Flur hinunter in den Warteraum geschlichen kam. Sie konnte sein Gesicht nicht erkennen, dafür war es in dem schmalen Gang viel zu dunkel, doch er schien ziemlich angespannt zu sein. Er hatte die Hände tief in den Hosentaschen vergraben und die Schultern bis beinahe zu den Ohren hinauf hochgezogen.
Als er aus dem Flur hinaus in das dämmrige Licht des Warteraums trat, konnte sie seine Züge ebenfalls eher erahnen als sehen, doch die auffallende Blässe und die zusammengekniffenen Lippen waren eindeutig. Er wusste es!
Ich soll dich jetzt zu ihr schicken, hörte sie seine angespannte, irgendwie raue Stimme, konnte sich aber nicht rühren.
Lacey? versuchte er es noch einmal und trat einen Schritt auf sie zu.
Ich glaube nicht, dass ich ... , setzte sie an, verstummte dann aber wieder.
Du brauchst keine Angst zu haben, hörte sie ihn leise sagen. Sie ist wirklich sehr nett und ... uhm ... weise ... irgendwie.
Was hat sie dir erzählt? platzte es aus ihr heraus und sie hielt erschrocken über sich selbst, und vor lauter Angst vor seiner möglichen Antwort, die Luft an.
Das können wir später besprechen, wehrte er ab. Jetzt solltest du erst einmal zu ihr gehen.
Und wenn ich nicht will?
Er seufzte. Dann kann dich dazu keiner zwingen. Aber im Ernst Lace ... dir ... dir wird da drin nichts passieren, okay? Sie ... , er verstummte und schüttelte den Kopf. Bitte. Geh einfach.
Sie zögerte noch einen Moment, dann stellte sie die Limonade zurück auf den Tisch und versuchte dabei nicht daran zu denken, wie der Wasserfleck wohl aussehen würde, wenn sie wieder kam. Sie erhob sich und schob sich hinter dem Couchtisch hervor. Jetzt konnte sie sein Gesicht besser erkennen, da das Sonnenlicht, das durch einen Spalt in den Fensterläden drang, seine Augen erhellte. Ein müder Zug lag darum, doch sie schienen erstaunlich klar zu sein. Sie hatte erwartete, so etwas wie Wut oder Enttäuschung darin zu lesen, oder vielleicht auch Mitleid, was ungefähr genau so schlimm gewesen wäre, doch stattdessen fand sie eine Art inneren Frieden, der sie vollkommen verwirrte.
Was hat sie mit dir gemacht? fragte sie heiser.
Ein Lächeln ließ seine Augenwinkel in die Höhe wandern und malte kleine Fältchen hinein, während sich sein Körper sichtlich entspannte. Sie hat mir den Kopf gewaschen.
Und das findest du gut? fragte Lacey erstaunt.
Nun lachte er leise. Nein, eigentlich nicht. Ich befürchte, sie hat mir irgendeine Droge verabreicht, ohne dass ich es gemerkt habe. Ich fühle mich jedenfalls prima.
Ich glaube, ich sollte nun schon drei Mal nicht zu ihr gehen.
Wieso? Möchtest du dich nicht prima fühlen?
Darauf fiel ihr nichts mehr ein, also wandte sie sich ab und strebte dem schmalen Flur zu. Nicks Hand um ihren Unterarm stoppte allerdings ihre Vorwärtsbewegung.
Hey Lace, hörte sie ihn sagen.
Hm? entgegnete sie, ohne sich herum zu drehen.
Es ist kein Verbrechen sich gut zu fühlen.
Sie holte tief Luft und biss die Zähne zusammen.
Zumindest nicht hier in New Orleans, fügte er schmunzelnd hinzu.
Ohne ein weiteres Wort entwand sie ihm ihren Arm und ging nun mit langen Schritten den Gang hinunter. Alles in ihr schrie nach einer schnellen Flucht, doch in ihrem Rücken lauerte Mister Happyness, vor ihr wartete Madam Allwissend und dazwischen gab es keinen Weg hinaus.
Schließlich trat sie durch die Tür in ein nur schwach beleuchtetes Zimmer. Der lila Filz schimmerte samtig im Licht der Lampe über dem Tisch, die Stühle darum herum vermittelten ihr den Eindruck, als warteten sie auf irgendjemanden und der Rest der spärlichen Möblierung schien überhaupt nicht hier her zu gehören.
Nehmen sie doch Platz Lacey, durchbrach Madam Esmeraldas tiefe Stimme in diesem Moment ihre rasenden Gedanken.
Die rundliche Frau stand im Schatten hinter dem Tisch und deutete nun auf einen der Stühle. Der Umstand, dass Lacey das Gesicht der Wahrsagerin nicht sehen konnte, machte sie zusätzlich nervös und sie fragte sich verzweifelt, ob es nicht doch irgendeinen Weg gab, dem nun folgenden Gespräch zu entkommen. Doch leider sah es nicht danach aus, wollte sie nicht einfach kopflos davon rennen.
Widerwillig nahm sie also auf der äußersten Kante des Stuhls Platz und beobachtete, wie sich Madam Esmeralda ihr gegenüber in einen, mit Samt bezogenen Sessel sinken ließ. Anschließend faltete sie ihre kleinen Hände auf der Tischplatte und beugte sich ein Stückchen vor, so dass Lacey nun ihre Augen sehen konnte, die im Licht der Lampe zu funkeln schienen.
Es ist schön, dass sie hier sind, begann die Wahrsagerin.
Lacey schwieg. Sie fand es keineswegs schön, aber das würde sie dieser Frau ganz bestimmt nicht auf die Nase binden. Erneut fragte sie sich, was Madam Esmeralda wohl über sie und ihr Leben wusste, was ihren Herzschlag schon wieder vor Angst beschleunigte.
Warum haben sie Angst vor mir? fragte die Frau unvermittelt und Lacey konnte nicht verhindern, dass sie erschrocken zusammen zuckte.
Ich habe keine Angst, gab sie dennoch trotzig zurück.
Oh doch, die haben sie. Ich weiß nur nicht genau, ob vor mir oder diesem Gespräch.
Lacey presste die Lippen fest aufeinander und hielt dem bohrenden Blick der Wahrsagerin stand. Es hatten schon ganz andere versucht an ihren Gedanken und ihrem Gefühlsleben herum zu doktern und das ohne jeden Erfolg.
Nun gut, sie wollen nicht reden, also werde ich das wohl übernehmen müssen, lächelte die Frau und streckte ihre Hände über den Tisch aus. Geben sie mir ihre Hände.
Nein. Lacey schüttelte den Kopf und verschränkte die Arme demonstrativ vor der Brust.
Madam Esmeralda musterte sie für einen Moment von oben bis unten und Lacey konnte sich dabei des Gefühls nicht erwehren, dass sie in diesem Moment ihre verborgensten Gedanken las.
Okay, dann lassen sie es mich so ausdrücken, fuhr die Wahrsagerin dann fort. Niemand zwingt sie dazu hier zu sein, an diesem Spiel teilzunehmen oder Mister Carter weiterhin zu begleiten. Trotzdem sitzen sie jetzt an diesem Tisch. Warum?
Diese Frage stelle ich mir auch immer wieder, gestand Lacey aber ich befürchte, dafür gibt es keine rationale Erklärung.
Nun ja ... falls es ihnen noch nicht aufgefallen sein sollte, ich habe einen ziemlich irrationalen Beruf, grinste Madam Esmeralda. Vielleicht habe ich also ein paar Antworten für sie. Allerdings brauche ich dafür wenigstens ein bisschen ihre Mithilfe.
Vielleicht will ich aber gar keine Antworten haben, gab Lacey zu bedenken und reckte angriffslustig das Kinn vor.
Ist das so? hakte die Frau nach und Lacey musste bestürzt feststellen, dass sie durchaus Interesse daran hatte zu hören, was Madam Esmeralda ihr zu sagen hatte.
Trotzdem zuckte sie mit den Schultern und senkte den Blick auf die Tischplatte hinunter. Zwei winzige, weiße Staubflusen schimmerten im Licht der Lampe und augenblicklich erfasste Laceys Körper ein unangenehmes Kribbeln. Hektisch richtete sie den Blick wieder auf Madam Esmeralda, nur um feststellen zu müssen, dass diese nun ebenfalls die beiden Staubkörnchen anstarrte.
Ich werde nie verstehen, warum es in einem alten Haus immer so viel Dreck gibt, von dem man nicht weiß, woher er kommt, erklärte sie, bevor sie sich über den Tisch beugte und die beiden weißen, eigentlich kaum zu erkennenden Fussel von der Tischplatte klaubte.
Laceys Mund fühlte sich ganz ausgetrocknet an, während ihre Hände ein feiner Schweißfilm überzog. Jetzt, nachdem die Fussel verschwunden waren, fühlte sie sich zwar schon ein bisschen besser, aber sie war immer noch auf der Hut.
Würde es ihnen besser gehen, wenn ich ihnen sage, dass ich mein Augenmerk auf die Zukunft und nicht auf die Vergangenheit richten werde? fuhr Madam Esmeralda fort.
Eigentlich möchte ich überhaupt nicht, dass sie ihr Augenmerk auf mich richten, gestand Lacey widerstrebend.
Das kann ich sogar verstehen, nickte Madam Esmeralda zu ihrer Verblüffung. Zu so etwas gehört immer und in erster Linie Vertrauen und ich glaube, dass sie verlernt haben, jemandem zu vertrauen.
Das ist doch Blödsinn, widersprach Lacey mit gerunzelter Stirn.
Das denke ich nicht. Wobei ich zugeben muß, dass ich noch nicht so ganz dahinter gekommen bin, was sie mit Mister Carter verbindet.
Lacey schwieg, da sie auf diese Frage auch keine Antwort wußte.
Nun gut ... beenden wir das Geplänkel und wenden uns den praktischen Dingen zu, sagte Madam Esmeralda und stemmte sich von ihrem Stuhl in die Höhe.
Alles in Lacey spannte sich augenblicklich an und sie rückte noch ein Stück weiter vom Tisch weg, während sie die Wahrsagerin keinen Moment aus den Augen ließ. Für sie machte es in diesem Moment keinen Unterschied, ob die Frau ein Messer in der Hand hielt um es ihr in die Brust zu rammen, oder sie in ihrem Kopf die Zukunft lesen wollte. Beides war gleichermaßen bedrohlich.
Doch anstatt zu ihr herüber zu kommen um mit ihrem Hokuspokus fortzufahren, zog Madam Esmeralda eine kleine Schublade in dem altertümlichen Schrank auf und holte einen weißen Umschlag hervor.
Ich schätze, sie sind schon ganz gespannt darauf, von der nächsten Spielstation zu erfahren, oder? lächelte sie, während sie den Umschlag vor Lacey auf den Tisch legte.
Erneut zuckte sie mit den Schultern, weil sie nicht sagen konnte, ob sie wirklich wissen wollte, wohin es sie nun wieder verschlug. Eigentlich wollte sie das Spiel beenden und dann war sie plötzlich wieder der festen Überzeugung, genau dieses noch bis zum Schluß durchhalten zu müssen. Und wenn sie jetzt so auf den weißen Umschlag auf der lila Tischplatte blickte, war die Anziehungskraft des Geheimnisses, das sich darin verbarg, selbst für sie unbestreitbar.
Madam Esmeralda stand nun neben ihr und obwohl Lacey immer noch auf dem Stuhl saß, überragte die Frau sie gerade mal um einen Kopf.
Lassen sie ihre Vergangenheit nicht über die Gegenwart siegen, sagte sie plötzlich eindringlich und ehe sich Lacey versah, lag die schwarze Hand von Madam Esmeralda auf ihrer Schulter.
Die Stelle schien sofort zu glühen und pulsierte im Takt ihres rasenden Herzschlages. Sie hätte sich gerne losgerissen und damit den Kontakt irgendwie unterbrochen, doch es schien, als seien ihre Glieder eingefroren. Jedenfalls konnte sie sich nicht rühren, so sehr sie es auch wollte.
Ihre Verbindung zur Welt der Geister ist unglaublich stark, murmelte Madam Esmeralda, während sie langsam die Augen schloss, den Kopf in den Nacken legte und damit begann, ihren Körper langsam hin und her zu wiegen.
Lacey fühlte sich nicht einmal mehr in der Lage zu atmen, die Welt schien still zu stehen. Mit riesigen, kugelrunden Augen starrte sie zu der Frau auf, die der Welt vollkommen entrückt zu sein schien.
Und sie sind den Geistern näher als dem Leben, fuhr sie fort, wobei ihrer Stimme keinerlei Gefühlsregung anzuhören war. Ihre Freunde ... sie scheinen sie zu rufen. Jeden Tag aufs Neue. Aber bedenken sie ... die Welt der Geister birgt Gefahren, die sie sich im Moment nicht einmal vorstellen können. Vergebung kann nur hier auf sie warten. Hier im Leben. Und auch nur sie selbst können sich vergeben.
In Laceys Augen brannten Tränen, während ihr Blick unscharf wurde und sie die Gestalt von Madam Esmeralda nur noch verschwommen wahrnahm. Sie wollte sich die Ohren zu halten, wollte fliehen vor der Gewissheit in der Stimme der Wahrsagerin, gleichzeitig wartete und hoffte sie auf ... nun ja ... irgendetwas. Vielleicht auf ein Zeichen, einen Hinweis darauf, dass ihre Schuld irgendwann getilgt sein würde, auch wenn sie sich dies beim besten Willen nicht vorstellen konnte.
Der Sturm ist mächtig und zerstörerisch, stieß Madam Esmeralda plötzlich hervor und Lacey fragte sich einen verwirrten Moment lang, ob sie irgendetwas verpasst hatte. Welcher Sturm?
Die nächsten Worte sprudelten nur so über Madam Esmeraldas Lippen und je länger sie redete, umso besorgter und aufgeregter wurde sie. Das Wiegen ihres Körpers wurde schneller, ihre Finger krallten sich regelrecht in Laceys Schulter und ihre Augenlider öffneten sich flatternd, während dahinter nur das Weiß ihrer Augäpfel zum Vorschein kam. Sie stehen inmitten eines Kraftfeldes, das sie zu zerreißen droht. Die Verlockung der Dunkelheit ist so unglaublich groß. Doch da ist auch Liebe in ganz unterschiedlichen Formen und an Orten, an denen sie sie am wenigsten erwartet hätten. Sie können ihrer inneren Stimme nicht mehr vertrauen ... sie sind ... sie glauben ... ohhhh ... sie .... sie ...
Madam Esmeralda blinzelte hektisch und erstarrte dann mitten in der Bewegung. Ihre Gesichtszüge wurden weicher und ihre Lippen verzogen sich zu einem sanften Lächeln. Sie wirkte plötzlich wie ein anderer Mensch und Lacey stellte entsetzt fest, dass ihr die feinen Linien im Gesicht der Wahrsagerin seltsam vertraut vorkamen. Ihr Herzschlag setzte unvermittelt für zwei Schläge aus, während ihr Verstand erfolglos versuchte, die Veränderung, die mit Madam Esmeralda vor sich ging, irgendwie zu fassen.
Lacey, flüsterte die Wahrsagerin mit einer Stimme, die plötzlich einige Nuancen höher schien. Lacey tus nicht.
Trin? hauchte Lacey ungläubig, bevor ihr Verstand sich ausklinkte und in ein Vakuum abtauchte, in dem Realität und Fiktion zu einem Ganzen verschmolzen.
Denk an Highfields. Tus nicht.
Und dann verschwanden die seltsamen Linien wieder aus Madam Esmeraldas Gesicht und sie sagte mit ihrer normalen, dunklen Stimme. Die Entscheidung wird kommen und ER wird das einzige sein, das zwischen ihnen und dem sicheren Tod steht.
Die Hand auf Laceys Schulter sackte kraftlos herab, bevor sich Madam Esmeralda stöhnend auf einen Stuhl sinken ließ, sich mit beiden Händen an der Tischkante festklammerte und den Kopf auf ihre Brust sinken ließ.
Mit weit aufgerissenen Augen starrte Lacey die Frau neben sich an. Ein Teil ihres Verstandes erklärte ihr bereits, dass sie unmöglich gerade eben mit Trinity gesprochen hatte und diese verdammte Wahrsagerin einen Sprung in der Schüssel hatte, während ihr Herz vor Sehnsucht schmerzte wie schon lange nicht mehr und ihre Gliedmaßen unkontrolliert zitternden. Verzweifelt schlug sie schließlich die Hände vors Gesicht und ließ ihren Tränen freien Lauf. Ihr Schluchzen durchdrang die Stille des Zimmers, das plötzlich so kalt und leer wie eine Gruft wirkte.