Kapitel 14
Hier müsste es sein, sagte Nick, blieb vor dem schmiedeeisernen Tor stehen und warf noch einmal einen Blick auf die gelbe, aus einem Telefonbuch herausgerissenen Seite mit Madam Esmeraldas Adresse.
Bist du dir sicher? fragte Lacey nach, während sie sich mit gerunzelter Stirn umblickte.
Die Straße und Hausnummer stimmen, nickte er.
Aber sollte hier nicht wenigstens ein Schild oder irgendetwas hängen? gab Lacey zu bedenken und im Stillen musste er ihr Recht geben.
Das Haus, vor dem sie standen, sah genau so aus wie alle anderen hier im French Quarter, wenn man mal davon absah, dass die Fensterläden im Erdgeschoss geschlossen waren. Die zumeist zweistöckigen Gebäude mit den schwarzen, geschwungenen Balkonbalustraden, die kunstvoll verzierten Tore, die in wunderschöne Hinterhöfe mit Unmengen von Grünpflanzen in Terrakottakübeln führten, die bunten Fensterläden aus Holz, die schmalen Straßen und die Unmengen von Kneipen und Bars, die allerdings an diesem frühen Vormittag noch wie ausgestorben wirkten, waren das Aushängeschild dieser Stadt. Sie beherbergten neben den Bewohnern auch Kunsthandwerksläden, die unvermeidlichen Voodoo-Shops, Museen und Restaurants, doch gerade das Gebäude, vor dem sie im Moment standen, gab keinen Hinweis darauf, was sich hinter seinen Türen verbarg.
Doch im Grunde war es Nick egal, wenn sie erst einmal an der falschen Adresse klingelten. Seit gestern am späten Abend waren sie zurück in der Zivilisation und hatten damit die unwirklichen Sümpfe hinter sich gelassen. Nun ja, zumindest wurden sie nicht mehr von ihnen umschlossen und eingesperrt, wenn auch die feuchtschwüle Luft noch allgegenwärtig war.
Als erstes hatte er für sich und Lacey eine Suite im imposanten Ritz-Carlton gemietet, dann hatten sie beide eine ausgiebige Dusche genommen und danach in dem prunkvollen Restaurant mit den Kronleuchtern an der Decke zu Abend gegessen. Während der ganzen Zeit war Lacey seltsam einsilbig gewesen, sie redete nur, wenn sie angesprochen wurde und auch dann hielt sie ihre Kommentare mehr als knapp.
Hätte ihm jemand erzählt, dass dies die gleiche Frau war, die in den Sümpfen ohne darüber nachzudenken in das Mangrovendickicht gestürmt war, die als erstes in dem morschen Ruderboot gesessen und eine mehr als unbequeme Nacht auf einem der wackligen Stühle verbracht hatte, hätte er ihn für verrückt erklärt.
Er hatte sie ein paar Mal gefragt, ob alles in Ordnung war und sie hatte jedes Mal genickt und ihm versichert, dass sie einfach nur tot müde sei. Nach ihrem abenteuerlichen Tag in den Sümpfen konnte er ihr dies noch nicht einmal verdenken und so hatte er ihr dies zumindest gestern noch abgenommen. Doch heute sah die Sache ganz anders aus.
Viel mehr als ein Guten Morgen hatte sie bisher nicht heraus gebracht, missmutig pickte sie in ihrem Frühstück herum und versuchte dann halbherzig, aus dem Spiel auszusteigen. Schlussendlich hatte er sie zum Bleiben überreden können, wurde dabei allerdings das Gefühl nicht los, das er mit einem Geist redete, dem im Grunde alles egal war.
Als sie nun vor dem Haus standen, in dem sich hoffentlich Madam Esmeralda aufhielt, schien sie ein wenig aus ihrer Lethargie aufzuwachen, allerdings lagen immer noch Welten zwischen dem aufgeweckten Mädchen aus den Sümpfen und diesem stillen, blassen Etwas, das nun an seiner Seite stand und an der Hausfassade hinauf blickte.
Das Bild der langen Narbe auf ihrem Bauch materialisierte sich ungefragt in seinem Kopf. Sie verdeckte sie heute mit einem schwarzen Trägertopp, trotzdem schien es ihm, als könne er durch den dünnen Stoff hindurch sehen. Ein wenig schämte er sich dafür, denn schließlich wurde sie durch diese äußerliche Verunstaltung nicht zu einem anderen Menschen oder gar abstoßend. Trotzdem schien es ihm, als hätte er einen Blick auf ihre innersten Geheimnisse geworfen und bis jetzt hatte er sich noch nicht getraut, sie danach zu fragen.
Entschlossen riss er sich schließlich von Laceys Anblick los und wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Tor zu.
Klingeln? fragte er eher pro Forma, was Lacey mit einem Achselzucken quittierte.
Er hatte den Arm bereits halb ausgestreckt, um auf den kleinen, schwarzen Knopf an der Hauswand zu drücken, als ein leises Summen ertönte und Lacey gleich darauf das nun entriegelte Tor aufstieß.
Vielleicht kann sie ja doch in die Zukunft sehen, lächelte Lacey halbherzig und bedeutete ihm dann, voraus zu gehen.
Er hatte sich gestern beim Abendessen lang und breit darüber ausgelassen, dass er an so etwas wie Wahrsagerei nicht glaubte, was Lacey mit einem kurzen alles ist möglich kommentiert hatte. Der Trick mit dem Türsummer war auf jeden Fall eine nette Idee, wenn er auch vermutete, dass eher eine Überwachungskamera als hellseherische Fähigkeiten für den richtigen Zeitpunkt verantwortlich war.
Sie folgten dem schmalen Weg, der sie zwischen den hoch über ihnen aufragenden Hauswänden hindurch in einen quadratischen, von Mauern umschlossenen Innenhof führte. Ein runder Gartentisch mit vier von der sonne ausgebleichten Stühlen stand verlassen in mitten von riesigen Farnen, Oleanderbüschen und bunten Blumen auf Marmorsockeln. Ein kleiner Salamander lag in der Sonne auf den aufgeheizten Sandsteinplatten, zuckte nun hektisch, als er ihre Schritte spürte und verschwand dann flink in einer Ritze der Mauer.
Zu ihrer Rechten stand eine Tür offen, allerdings versperrte ihnen ein Vorhang aus Perlenschnüren die Sicht in das dunkle Innere, in dem sich nichts zu rühren schien. Entschlossen marschierte Nick darauf zu, schob einen Teil der leise klappernden Perlen beiseite und spähte hinein. Im ersten Moment konnte er nichts als vollkommene Schwärze ausmachen, während er blinzelnd versuchte, seine Augen auf die veränderten Lichtverhältnisse einzustellen.
Nick Carter? hörte er unvermittelt eine rauchige Stimme aus der Dunkelheit und vor Schreck blieb ihm beinahe das Herz stehen. Treten sie doch ein und bringen sie Miss Jenkins mit.
Er warf einen kurzen Blick zu Lacey zurück, die mit unbewegtem Gesichtsausdruck hinter ihm stand und ihn nun mit einer knappen Handbewegung vor sich her scheuchte.
Er machte einen Schritt in das Haus hinein und hielt den Vorhang für Lacey beiseite. Dann standen sie nebeneinander in einem niedrigen Wohnraum, der sich ganz langsam aus der Dunkelheit schälte.
Bunte Teppiche verdeckten die dunklen Bodendielen, ein leicht ramponiert wirkendes Sofa mit zwei passenden Sesseln umringten einen niedrigen Couchtisch aus Holz und von den Wänden blickten ihnen grimmige, in Öl gemalte Gesicht aus längst vergangenen Tagen entgegen.
In mitten des Raumes stand eine kleine, rundliche Schwarze. Ihr ausladender Körper steckte in einem weiten, dunkelblauen Kaftan, ihr Haar war zu kunstvollen Zöpfen geflochten und zu einem komplizierten Gebilde auf ihrem Kopf aufgesteckt worden. Unzählige, silberne Armreifen klirrten, als sie nun die Hand ausstreckte. Ich bin Madam Esmeralda. Willkommen in New Orleans.
Nick erwiderte den angenehm festen Händedruck. Nett sie kennen zu lernen, mein Name ist ... ,
Nick Carter, unterbrach sie ihn lächelnd. Und sie sind Lacey Jenkins, wandte sie sich an Lacey und schüttelte auch ihre Hand.
Diese nickte, verzog ansonsten aber keine Miene.
So wie es schien hatte das G-o-L Komitee also seine Hausaufgaben gemacht, was Nick nicht im Mindesten verwunderte.
Ich möchte gerne mit ihnen einzeln sprechen, fuhr Madam Esmeralda fort. Wenn sie sich also noch ein wenig gedulden würden Lacey? Nehmen sie doch Platz. Ich lasse ihnen gleich ... , sie runzelte konzentriert die Stirn und sah Lacey aus zusammengekniffenen Augen an ... eine Limonade bringen.
Danke, nickte Lacey und Nick hätte beinahe angefangen zu lachen. Madam Esmeraldas Vorstellung war auf jeden Fall recht amüsant.
Kommen sie Nick, wandte sie sich dann an ihn und bedeutete ihm mit einer kurzen Geste, ihr zu folgen.
Nicht weglaufen, sagte er zu Lacey und drohte ihr scherzhaft mit dem Zeigefinger, doch sie reagierte nicht, sondern ließ sich stattdessen auf das Sofa sinken, das ein leises, protestierendes Quitschen von sich gab.
Wie er sie so da sitzen sah, irgendwie winzig auf dem riesigen Sofa und allein, überkam ihn das unbändige Gefühl bei ihr bleiben zu wollen, sie in den Arm zu nehmen und sie zu fragen, was in ihrem Leben so furchtbar schief gelaufen war, dass sie diesen traurigen Ausdruck in den Augen hatte.
Stattdessen wandte er sich aber schließlich wortlos von ihr ab und folgte Madam Esmeralda durch einen schmalen Flur. An dessen Ende öffnete sie eine Tür und bedeutete ihm einzutreten. Er hörte, wie sie hinter ihm die Tür wieder schloss, während er sich in dem winzigen Zimmer umsah.
Viel gab es allerdings nicht zu sehen. Ein runder, mit lila Filz bespannter Tisch nahm beinahe den kompletten Raum ein. Darum herum standen hochlehnige Stühle mit Sitzflächen aus Bast, der leise knarzte, als er sich darauf nieder ließ.
Ein antiker Schrank auf geschwungenen Füßen zu seiner Rechten und ein schmales Regal mit allerlei seltsamen Dingen darin zu seiner Linken vervollständigten das Mobiliar.
Sie halten nicht sehr viel von Wahrsagern, stellte Madam Esmeralda lächelnd fest, während sie sich ihm gegenüber nieder ließ. Im Gegensatz zu seinem eigenen Stuhl, hatte dieser Armlehnen und Polster aus rotem Samtstoff.
Ist das so offensichtlich? gab Nick grinsend zurück.
Es kommt ihnen förmlich aus sämtlichen Knopflöchern gekrochen, nickte sie und faltete die Hände auf der Tischplatte.
Darf ich sie etwas fragen? sagte Nick und lehnte sich mit den Unterarmen ebenfalls auf die Tischplatte.
Kommt darauf an, was sie wissen möchten.
Ich würde gerne mehr über das Game of Life erfahren.
Um Madam Esmeraldas Mundwinkel zuckte es amüsiert, während sie seinem bohrenden Blick standhielt. Alles was sie wissen müssen, werden sie zu gegebener Zeit erfahren. Mehr kann ich ihnen dazu leider nicht sagen.
Weil sie nicht dürfen oder weil sie nicht können? hakte Nick nach.
Weil ich nicht will, gab sie bestimmt zurück und streckte dann die Hände über den Tisch hinweg aus. Reichen sie mir ihre Hände bitte, forderte sie ihn auf.
Nick zögerte einen Moment, doch dann streckte er ebenfalls die Arme aus und ließ seine Finger in ihre gleiten. Sie fühlten sich angenehm sanft und warm an, während sie erst einmal mit dem Daumen über seinen Handrücken fuhr, dann seine Handflächen nach oben drehte und dabei über dem Tisch urplötzlich Licht aufflammte.
Netter Trick, bemerkte Nick.
Es hilft, wenn ich die Linien in den Händen meiner Kunden sehen will, gab sie trocken zurück, während sie konzentriert auf seine Handflächen starrte.
Und? Erkennen sie irgendetwas Interessantes? fragte Nick weiter, der sich gerade eben ein Schmunzeln verkneifen konnte.
Nichts wirklich ungewöhnliches, gab sie zurück. Ein aufreibendes, turbulentes Leben, was bei einem Popstar zu erwarten war. Ein wenig Glück hier, ein wenig Trauer da ... , sie verstummte und beugte sich noch etwas tiefer über den Tisch.
Gespannt tat Nick es ihr gleich und starrte nun ebenfalls mit gerunzelter Stirn auf seine Handflächen, die eigentlich aussahen wie immer. Das helle Licht hob jede Linie und jede Falte gnadenlos hervor, seine langen Finger wirkten seltsam fahl und riesig in Madam Esmeraldas kleinen, schwarzen Händen und trotz aller Nüchternheit war er gespannt, was sie wohl als nächstes sagen würde.
Sie haben ein aufbrausendes Temperament, stellte sie fest.
Wohl wahr, nickte er und sah unwillkürlich das wutverzerrte Gesicht von Aaron vor sich. Was er wohl gerade machte? Hatte er sich inzwischen ein bisschen beruhigt? Oder war er immer noch sauer auf seinen großen Bruder, der ihm mal wieder ungefragt in sein Leben hinein geredet hatte?
Und sie tragen eine große Verantwortung, die sie sich leider nicht selbst ausgesucht haben. Die Bürde lastet manchmal sehr schwer auf ihren Schultern.
Nick schluckte und nickte dann langsam. Er hatte keine rechte Vorstellung, auf was diese Frau eigentlich hinaus wollte, aber irgendwie hatte er das ungute Gefühl, dass sie gerade in Regionen vordrang, die sie eigentlich nichts angingen.
Ich sehe Dunkelheit, murmelte sie leise. Und auch Licht. Doch die Dunkelheit droht sie zeitweise zu verschlingen.
Und das sehen sie alles in meinen Händen? versuchte Nick der Situation ein wenig die Anspannung zu nehmen, doch so recht wollte dies nicht funktionieren.
Das und noch viel mehr, nickte Madam Esmeralda. Sie haben sich vor kurzem von einem Menschen getrennt, der ihnen einmal sehr viel bedeutet hat.
Nicks Kehle zog sich schmerzhaft zusammen und er schluckte ein paar Mal trocken.
Das hat sie verletzt. Natürlich, nickte sie dann, wie um sich selbst klar zu machen, dass dies ja nun kein Wunder war, wenn man sich von seinem Partner trennte. Ich sehe sie fallen. In einen luftleeren, dunklen Schacht. Doch sie versuchen dies zu verdrängen in dem sie so tun, als sei alles in Ordnung.
Sie sollten nicht ... , setzte er an und versuchte ihr, seine Hände zu entziehen das ging ja nun wirklich ein bisschen zu weit - doch sie hielte seine Hände unnachgiebig fest und starrte weiterhin auf seine Handflächen.
Sie suchen nach Liebe, aber im Moment würden sie sie wahrscheinlich noch nicht einmal erkennen, wenn man sie mit der Nase darauf stieße. Sie stehen sich selbst im Weg. Ihre Mauern sind hoch und undurchdringlich.
Was soll das, ich ... , versuchte er es erneut.
Er glaubte immer noch nicht, dass sie wirklich irgendetwas aus seinen Handflächen lesen konnte. Im Grunde hatte sie noch nichts wirklich Konkretes von sich gegeben und mehr oder weniger im Trüben herumgefischt. Sicherlich hatte sich das Komitee ausgiebig über ihn informiert, was in Zeiten des Internets nicht wirklich schwierig war. Trotzdem verursachten ihm ihr ernster Tonfall und die Gewissheit in ihrer Stimme eine unangenehme Gänsehaut. Es war einfach kein schönes Gefühl seine Unzulänglichkeiten und Ängste von einer wildfremden Frau unter die Nase gerieben zu bekommen.
Sie haben Angst. Viel mehr als sie jemals zugeben würden, fuhr sie ungerührt fort, dann hob sie endlich den Blick von seinen Handflächen und fixierte ihn mit ihren dunklen, beinahe schwarz wirkenden Augen.
Hat das nicht jeder? gab er trotzig zurück.
Vielleicht. Die Frage ist doch, wie sie diese Ängste überwinden können. Angst ist schließlich nur ein Gefühl. Rational betrachtet tun das Alleinsein und die Dunkelheit nicht wirklich weh. Zumindest rein körperlich. Doch es beeinflusst ihr gesamtes Handeln und Denken.
Er presste die Lippen fest aufeinander und schwieg. Ab jetzt würde er einfach gar nichts mehr sagen. Sollte sich diese dämliche Kuh doch weiterhin über sein Seelenleben auslassen. Sie hatte doch sowieso keine Ahnung. Obwohl ...
Sie sollten lernen, anderen zu vertrauen. Ihr Bruder zum Beispiel. Vielleicht lebt er ein Leben, das ihrem zwar zuwider läuft, in dem er aber wesentlich glücklicher ist. Haben sie darüber schon einmal nachgedacht?
Pah! Was wusste sie schon von Aaron und ihm? Was mischte sie sich da überhaupt ein? Und warum waren eigentlich immer alle auf Aarons Seite und niemals auf seiner?
Ich ergreife keine Partei, sagte sie plötzlich mit gerunzelter Stirn, gerade so, als hätte sie seine Gedanken mit angehört und in seinem Magen breitete sich ein unangenehmes Kribbeln aus. Ich versuche ihnen nur aufzuzeigen, was sie vielleicht selbst nicht sehen. Natürlich sind sie in der Position, ihre Familie schützen zu wollen, das ist verständlich, aber sie können nun mal niemanden dazu zwingen, ihren Vorstellungen vom Leben zu folgen.
Das habe ich doch gar nicht vor! platzte es aus ihm heraus und das Scheitern seines Schweigeversuchs stachelte seine aufflammende Wut nur noch mehr an. Aber Aaron weiß einfach nicht, was in der wirklichen Welt tatsächlich abgeht. Er verpasst eine Chance nach der anderen und ich möchte ihm dabei helfen, sein Leben auf die Reihe zu bekommen.
Vielleicht hat er es schon längst auf die Reihe gebracht, lächelte sie milde.
Pfh, was wissen sie denn schon?
Sie haben Recht, nickte sie zu seiner Verblüffung ich weiß gar nichts über sie oder Aaron. Ich nehme nur ihre Schwingungen auf und wenn sie an ihren Bruder denken, verfärbt sich ihre Aura vor Wut knallrot.
Zum Teufel mit meiner Aura! fuhr er auf und entzog ihr mit einem Ruck seine Hände. Meine Aura geht sie einen Scheißdreck an!
Er brauchte einen Moment, um das seltsame Geräusch als ihr Kichern zu identifizieren. Das war ihm ja auch noch nie passiert: Er regte sich auf und wurde dafür ausgelacht.
Hören sie ... , setzte er mit mühsam unterdrückte Wut an.
Nein, wehrte sie ab. Ich will darüber nichts hören. Diese Sache zwischen ihnen und ihrem Bruder ist ganz alleine ihre Sache.
Ach ja? Dafür haben sie sich aber ganz schön weit vorgewagt Lady, bemerkte er spitz.
Vielleicht, gab sie zu und nickte lächelnd. So kommen wir auf jeden Fall nicht weiter. Möchten sie etwas über ihre Zukunft wissen oder nicht? Das ist hier doch die Frage.
Ich glaube kaum, dass sie irgendwelche Antworten für mich haben, grunzte er.
Probieren sie es aus, gab Madam Esmeralda mit sanfter Stimme zurück.
Sie erzählen mir ja doch nur das, was ich hören will. Ich werde reich und berühmt ... ach nee, das bin ich ja schon. Vielleicht auch, wie viele Kinder ich angeblich bekommen werde und ob ich als glücklicher Mensch in hohem Alter sterbe oder doch eher mit knapp vierzig unter der Erde liege.
Das könnte ich natürlich tun, aber die Trefferquote ist leider sehr niedrig, entgegnete sie seelenruhig.
Wie ... ? setzte er an, weil er das Gefühl hatte, irgendwo unterwegs den Faden verloren zu haben.
Die Zukunft ist keine festgelegte die Straße, die sie ohne Umwege entlang gehen. Vielmehr besteht sie aus Möglichkeiten. Einer unglaublichen Anzahl von Möglichkeiten. Was ich ihnen anbiete, ist ein verschwommenes Bild von einigen dieser Möglichkeiten. Mehr nicht.
Mehr nicht? Und dafür werden sie normaler Weise bezahlt? fragte Nick ungläubig.
Normaler Weise schon, nickte Madam Esmeralda.
Ich würde dafür keinen Cent locker machen, grummelte Nick.
Ich weiß.
Den Satz sollten sie öfter benutzen. Er passt zu ihrem Image.
Ihr Grinsen weitete sich aus und er konnte nicht widerstehen und erwiderte es. Also gut Madam. Dann fangen sie mal an.
Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und fixierte die Wahrsagerin, die ihn nun mit unergründlichem Blick musterte.
Ich befürchte, sie sind zu verkrampft und zweifeln zu sehr, als dass ich wirklich irgendeine brauchbare Information in ihnen erkennen könnte, gab sie zu bedenken.
Es ist ihr Job, nicht meiner. Geben sie ihr bestes, schnaubte er belustigt und verschränkte die Arme vor der Brust.
Seufzend stemmte sich die kleine Frau von ihrem Stuhl in die Höhe und kam langsam um den Tisch herum auf Nick zu.
Schließen sie die Augen und versuchen sie sich zu entspannen, sagte sie.
Es macht mich, ehrlich gesagt nervös, wenn ich sie nicht im Auge behalten kann, entgegnete Nick.
Es ist mein Job und nicht ihrer, wissen sie noch?
Nick lachte leise und schloss die Augen. Wohl wahr Madam.
Gleich darauf fühlte er ihre Hände auf seinen Schultern und ihm wurde es dann doch ein wenig mulmig. Was, wenn sie tatsächlich seine Gedanken und seine tiefsten Geheimnisse lesen konnte? Ach was! Was dachte er da? So ein Schwachsinn.