Kapitel 13
Madam Esmeraldas bürgerlicher Name lautete Penny Hankock, doch das hätte sie gegenüber ihren Kunden natürlich niemals zugegeben. Mal ganz abgesehen davon, dass sie der Meinung war, dass Penny nicht zu einer übergewichtigen Schwarzen von über fünfzig Jahren passte, hätte sich ihr Name unter der Berufsbezeichnung Wahrsagerin und Medium ebenfalls nicht gut gemacht.
Hier in New Orleans war sie für alle Madam Esmeralda, sowohl für ihre Kunden und Freunde, als auch für ihre zahlreichen Familienmitglieder. Ihre Mutter hätte sich sicher geweigert sie mit diesem Namen anzusprechen, aber da diese seit über zwanzig Jahren tot war, sollte sie dies nicht weiter stören. Gott sei Dank hatte sie sie noch nie in einer ihren Sitzungen heimgesucht, auch wenn sich Esmeralda durchaus bewusst war, dass zu diesem Zeitpunkt die Membran zwischen Leben und Tod ungeheuer dünn war.
Gerade studierte sie das Dossier über die beiden neuen Mitspieler, welches ihr das Komitee vor nicht einmal zehn Minuten gefaxt hatte. Die wenigen Seiten lagen akkurat gestapelt auf ihrem tadellos aufgeräumten Schreibtisch. Um sie herum herrschte Dämmerlicht, da es bereits spät in der Nacht war und lediglich die gebogene Schreibtischlampe ein wenig Licht spendete. In der Ferne konnte sie das pulsierende Leben von New Orleans hören: Die Musik, die Menschen und das gelegentliche Hupen von Autos.
Eigentlich erstaunlich, sinnierte sie, dass die Spieler meist zu zweit auftraten. Selten hatte sie einen einzelnen Spieler erlebt und noch seltener hatte eine ganze Gruppe an dem Spiel teilgenommen. Wenn doch, hatte dies immer einen tieferen Sinn gehabt, was einen weiteren, erstaunlichen Faktor darstellte.
Ihre Augen hefteten sich auf die getippten Seiten. Diesmal hatte das Spiel wirklich zwei sehr schwierige Kaliber angezogen. Während des Lesens fuhr ihr beringter Finger die Zeilen gewissenhaft entlang, so als wolle sie sich auf jedes Wort einzeln hinweisen, doch eigentlich rührte diese Geste von einer angeborenen Leseschwäche her, die sie erst vor zehn Jahren wirklich in Angriff und schlussendlich überwunden hatte.
Name: Nick Carter, männlich, weiß
Alter: 26
Eltern: Robert Gene Carter und Jane Elisabeth Carter, geschieden. Beide Elternteile sind wieder verheiratet.
Geschwister :Leslie, Bobby Jean (BJ), Angel und Aaron (Zwillinge)
Halbgeschwister: Kanden Brent, Taelyn.
Beruf: Sänger (Mitglied der Backstreet Boys, international erfolgreiche Popgruppe)
Finanzieller Hintergrund: Kategorie 5
Madam Esmeralda schüttelte missbilligend den Kopf. Einen Popstar hatten sie noch nie gehabt. Und eine Kategorie 5 auch nur zwei Mal, so weit sie sich erinnern konnte. Das roch förmlich nach Ärger. Das Spiel lebte schließlich davon, dass es im Verborgenen blieb und dass niemand davon erfuhr. Nicht auszudenken, wenn sich die Geschichte des Game of Life herum sprach und Hintz und Kuntz meinten, daran teilnehmen zu müssen.
Profil:
Auf Grund der Trennung der Eltern schweres Trauma. Nick ist oft unbeherrscht und aufbrausend. Sucht nach Liebe.
Gemäß der üblichen Informationsquellen erst von einer Welttournee zurückgekehrt. Vor kurzem von der Freundin getrennt. Momentan keinen Kontakt zu Familie oder Freunden.
Madam Esmeralda seufzte. So oder so ähnlich klangen die meisten Profile der Mitspieler. Es schien, als würden sich Menschen, die in ihrem Leben gefestigt und glücklich waren, seltener auf das Spiel einlassen und hierbei schienen weltberühmte Popstars keine Ausnahme zu bilden. Die Verzweifelten und Unzufriedenen ließen sich schnell begeistern und meisterten die erste Hürde in den Sümpfen mit Bravur.
Wenn sie wüssten, welche Energie ihnen durch ihre Trauer und Verzweiflung zur Verfügung stand, würden sie vielleicht anders darüber denken.
Empfehlung:
Punkt 4 und 9 des Aktionsplans. Es ist zu überprüfen, welche Rolle Mitspielerin zwei in seinem Leben spielt. Bisher konnte keine Verbindung hergestellt werden.
Es folgten eine, in Madam Esmeraldas Augen überflüssige Erklärung der Punkte 4 und 9 des Aktionsplans und eine Beschreibung der nächsten Spielstation.
So weit so gut.
Sie legte die Informationen über Nick Carter beiseite und wandte sich der weiteren Mitspielerin zu.
Name: Lacey Jenkins, weiblich, weiß
Alter: 25
Eltern: Lennard Jenkins und Luisa Jenkins
Geschwister: Keine
Beruf: Studentin, Jacksonville State University
Finanzieller Hintergrund: Kategorie 1
Madam Esmeralda runzelte die Stirn. Eine Kategorie 5 mit einer Kategorie 1 war ebenfalls etwas ganz neues. Er hatte alles, sie hatte nichts und laut Nicks Profil hatte man die Verbindung zwischen den beiden noch nicht hergestellt. Interessant.
Profil:
Bis vor einem Jahr sind keine Auffälligkeiten festzustellen. Stabiles Elternhaus, fester Freundeskreis, kleinere, für Teenager übliche Konflikte mit Autoritäten.
Danach radikale Veränderung der Persönlichkeit in Zusammenhang mit einem Unfall, der drei ihrer Freunde das Leben kostete.
Mit ungläubig aufgerissenen Augen überflog Madam Esmeralda die in knappen Worten zusammengefassten Geschehnisse jener Nacht, die Laceys Leben für immer veränderten. Immer wieder schüttelte sie den Kopf und fühlte so etwas wie grenzenloses Entsetzen in sich aufsteigen.
Das war nicht gut.
Das war gar nicht gut.
Niemand konnte im Angesicht dieser Tragödie vorhersagen, wie Lacey Jenkins auf das Spiel reagierte. Zwar wurden die beiden neuen Mitspieler, seit sie die Everglades verlassen hatten, permanent überwacht, aber selbst die beste Überwachung konnte nicht in ihre Köpfe hineinsehen.
Empfehlung:
Punkt 1, 9 und 13 des Aktionsplans. Es ist zu überprüfen, ob ein Spielführer erforderlich ist.
Punkt 13 des Aktionsplans? Madam Esmeralda drückte ihren inzwischen leicht zitternden Zeigefinger auf die so unschuldig wirkenden Buchstaben und las jedes Wort noch einmal ganz genau, nur um sicher zu gehen, dass sie auch wirklich alles richtig verstanden hatte.
Die 13 weckte unwillkürlich die Erinnerungen an ihr eigenes Spiel vor nunmehr fast zehn Jahren in ihr. Natürlich hatte sie damals noch keine Ahnung davon gehabt, dass es so etwas wie einen Aktionsplan überhaupt gab, geschweige denn, was Punkt 13 bedeutete.
In ihrem Fall hatte sie die 13 in ein altes, verfallenes Farmhaus geführt, zu einem Mann, den sie nie wieder sehen wollte und in ihre Vergangenheit, die sie damals so unglaublich schmerzhaft wieder einholte. Für einen Moment schloss sie die Augen, spürte wieder die glühende Sonne auf ihrem Gesicht und roch die Mischung aus Pfeifentabak und Kuhmist. Sie hörte seine Stimme - das raue Flüstern und das cholerische Gebrüll sah die im Wahnsinn funkelnden Augen vor sich und schluckte schwer.
Nein, mit Punkt 13 machte man es Lacey Jenkins nicht gerade leicht. Andererseits ...
Sie öffnete wieder die Augen und sah sich in ihrem kleinen, behaglichen Büro um. Wahrscheinlich wäre sie heute nicht hier, wenn sie damals gekniffen hätte, sie würde nicht dieses Leben führen, sie hätte Rupert niemals kennen gelernt und es hätte nicht die Frau aus ihrem Schmerz erwachsen können, die heute ihr Leben im Griff und ihre Bestimmung gefunden hatte.
Niemand hatte behauptet, dass das Spiel ein Spaziergang war. Sie war damals auf ihrer Reise an ihre eigenen Belastungsgrenzen gestoßen, hatte gelitten, geweint, sich geängstigt und unsagbare Höhen und Tiefen durchlebt. Das Game of Life trug schließlich nicht umsonst diesen Namen. Und trotzdem ... irgendwann kamen sie alle an einen Punkt, der sie vor die Wahl stellte Leben oder Tod. Und gerade bei Lacey Jenkins war sie sich nicht sicher, was diese wählen würde, vielleicht war da ein Spielführer gar keine so schlechte Idee. Allerdings barg dies auch einige Gefahren, über die es erst einmal galt nachzudenken. Somit stellte sie diese Entscheidung erst einmal hinten an.
Stattdessen zog sie nun das letzte Blatt hervor und studierte für einen Moment die jungen Gesichter, die ihr entgegen blickten. Die Überwachungskamera in Flicks Taverne gab es erst seit zwei Jahren und Madam Esmeralda hatte sich noch nicht entscheiden können, ob sie diese Entwicklung wirklich begrüßen sollte. Nicks und Laceys Gesichter wirkten durch das grobkörnige Raster und die schwarz-weiß Aufnahme seltsam unscharf und trotzdem formten sie bereits einen ersten Eindruck in ihrem Kopf. Manchmal dachte sie, dass ihre Unvoreingenommenheit unter diesem ersten Blick in die eingefrorenen Gesichter litt. Der versteinerte Ausdruck auf Nicks Gesicht, der einen Anflug von Angst verriet, das Strahlen von Lacey, das so gar nicht zu ihrer Vita passen wollte und die verschwommenen Gestalten im Hintergrund, von denen nur ein einziger in das eingeweiht war, was sie hier taten, verzerrten die Wirklichkeit.
Andererseits konnte sie auf diese Weise die neuen Mitspieler noch vor betreten ihres Hauses eindeutig identifizieren, was sich bereits mehr als einmal als äußerst nützlich erwiesen hatte.
Nick Carter und Lacey Jenkins, murmelte sie leise. Willkommen zur größten Herausforderung eures Lebens.