Kapitel 12
Lacey fuhr aus einem leichten Schlaf in die Höhe und wäre dabei beinahe von ihrem Stuhl gefallen. Ihr Herz hämmerte schmerzhaft in ihrer Brust und ihre Atmung ging schnell und hektisch. Sie hatte Michael vor sich gesehen. Seine leeren Augen hatten sie angestarrt, das Blut auf seiner zerschmetterten Gesichtshälfte war bereits getrocknet und bildete eine harte, dicke Kruste auf seiner beinahe durchscheinenden Haut und da wo vorher seine Schädeldecke gesessen hatte, befanden sich nur noch Knochensplitter und gelbliche Hirnmasse.
In dem Moment, als er den Mund öffnete um ihr irgendetwas zu sagen, quoll ein Meer aus Maden aus der dunklen Öffnung zwischen seinen aufgesprungenen Lippen und sie riss erschrocken die Augen auf.
Sie benötigte einen Moment um festzustellen, dass sie wieder in der Realität angekommen war und dass Michael sie nicht bis dort hin verfolgt hatte. Ein Seufzen entrang sich ihrer Kehle, das eigentlich mehr nach einem verzweifelten Stöhnen klang, dann nahm sie langsam ihre Beine von der Sitzfläche des anderen Stuhls und versuchte vorsichtig, in ihre tauben Glieder wieder so etwas wie Leben hinein zubringen. Sie versuchte dabei krampfhaft, ihren Herzschlag zu beruhigen und das übermächtige Gefühl von Hilflosigkeit zurück zu drängen, das sich wie eine dunkle Wolke über sie gesenkt hatte, doch so recht wollte ihr dies nicht gelingen.
Ihr Blick fiel unvermittelt auf Nick, der lang ausgestreckt auf dem Rücken auf dem Boden lag. Er benutzte seinen Rucksack als Kopfkissen, die Arme hatte er über der Brust gefaltet und er schien ganz offensichtlich noch tief und fest zu schlafen, was sie ungemein beruhigte. Nicht auszudenken wenn er jetzt ihr blasses Gesicht und die fiebrig glänzenden Augen sehen könnte.
Er hatte ihr in der vergangenen Nacht erklärt, dass er es gewohnt war, an den unmöglichsten Orten zu schlafen - ob nun in Abfertigungshallen von Flughäfen, Konzerthallen, Warteräumen, auf viel zu kurzen Bänken oder in engen Tourbussen - bisher hätte er noch überall ein Plätzchen gefunden. Und so hatte er sich auf dem unbequemen Holzfußboden ausgestreckt und war schließlich nach einer guten halben Stunde eingeschlafen, während Lacey auf den nicht weniger unbequemen Stühlen hin und her rutschte und kein Auge zutat. Nun ja ... bis vor einer halben Stunden zumindest.
Sie schüttelte den Kopf, stand auf und streckte sich, um die schrecklichen Bilder ihres Traumes endgültig zu vertreiben, als ihr Blick auf den Tisch und damit auf die herunter gebrannte Kerze, das Kästchen daneben und den Umschlag fiel. Sofort verflüchtigten sich alle Gefühlsregungen, die sie bisher so unnachgiebig umklammert hatten und zurück blieb ein Gefühl der Leere und Taubheit.
Sie ließ sich zurück auf den Stuhl sinken, rieb sich mit einer müden Geste den letzten Rest Schlaf aus den Augen und zog dann das schwarze Kästchen zu sich heran.
Als sie es gestern das erste Mal in der Hand gehalten und beim schwachen Schein der Kerze genauer untersucht hatte, war ihr bereits aufgefallen, dass das Holz, aus dem die Schatulle gefertigt war, weder alt noch morsch aussah. Wahrscheinlich hatte also irgendjemand das Kästchen und den Brief vor nicht all zu langer Zeit in dem Schrein auf der Insel deponiert. Sie hatte sich bereits mit Nick in Spekulationen darüber ergangen, ob wohl Hank, nachdem er sie hier bei der Hütte abgesetzt hatte, dort hin weiter gefahren war um die nächste Botschaft zu platzieren, doch schlussendlich waren sie natürlich zu keinem Ergebnis gekommen.
Mit einem kurzen Blick auf die staubigen Fenster und die windschiefe Tür entschied sie, dass sie die gefundenen Gegenstände lieber mit nach draußen nehmen und dort im hellen Tageslicht noch einmal genauer untersuchen würde.
So leise wie möglich erhob sie sich also wieder von ihrem Stuhl und mit einem letzten Blick auf Nick, der immer noch leise schnarchte, schlich sie über die knarrenden Dielen nach draußen.
Die Sonne blendete sie, doch sie stellte erfreut fest, dass die Temperaturen so früh am Morgen noch einigermaßen erträglich waren. Ganz in der Nähe lag ein umgestürzter, halb verrotteter Baumstamm im hohen Gras. Vorsichtig ließ sie sich darauf nieder, verstaute den Umschlag erst einmal in ihrem Schoß und widmete sich eingehend dem Kästchen. Zwei Klammern verschlossen die Schatulle. Vorsichtig löste sie also die Verschlüsse und hob gleich darauf den Deckel ab.
Zum Vorschein kamen zwei kreisrunde, beinahe identische Kettenanhänger, die an zwei Lederbändern befestigt waren und ungefähr die Größe eines viertel Dollars hatten. Lacey nahm den ersten heraus und hielt ihn an dem Band in die Sonne. Der grüne Malachit leuchtete in satten Grünschattierungen, die senkrecht verlaufende Maserung des Steines verlieh ihm eine gewisse Lebendigkeit und das Ganze wurde von einem Ring aus dunklem Holz eingefasst.
Sie legte die Kette zurück in das unscheinbare Kästchen und zog den anderen Anhänger hervor. Hier war ein lilafarbener Sugillith verwendet worden, der ebenfalls in einem Bett aus dunklem Holz ruhte. Lacey konnte sich kaum entscheiden, welchen der Anhänger sie schöner finden sollte, legte sich aber schließlich den grünen Malachit um. Auch wenn sie davon ausging, dass dies hier keine wirklich echten Trophäen von Boon Finley waren, so mochte sie doch den makaberen Gedanken, dass er solch ähnliche Anhänger den Frauen abgenommen hatte, die er dann tötete.
Der Stein fühlte sich angenehm kühl auf ihrer Haut an, während sie noch einmal den Knoten des Lederbands in ihrem Nacken überprüfte. Dann stülpte sie den Deckel wieder auf das Kästchen, verschloss es anschließend wieder fest mit den Klammern und legte es auf dem Baumstamm neben sich ab.
Als nächstes wandte sie sich dem Umschlag in ihrem Schoß zu. Sie zog das in Plastik eingeschweißte Stückchen Karte hervor und drehte es einen Moment in ihren Händen. Auch diesmal war nicht zu erkennen, um welche Stadt oder auch nur um welchen Bundesstaat oder welches Land es sich hier handelte. Mehrere bunte Linien strahlten von einem kreisrunden, grauen Fleck ab, der höchstwahrscheinlich irgendeinen Platz markierte. Sie hatten gestern Abend bereits versucht, dieses und das bereits gefundene, erste Kartenfragment zusammen zu fügen, aber ganz offensichtlich schienen die beiden Teile nicht zusammen zu passen.
Sie verstaute den Kartenschnipsel wieder in dem Umschlag und zog stattdessen das handgeschriebene Blatt Papier hervor. Nick und sie hatten sich gestern noch die Köpfe heiß geredet, was mit dieser seltsamen Botschaft wohl gemeint war, doch sie waren zu keinem eindeutigen Ergebnis gekommen. Sie hatten beschlossen, sich einen Computer mit Internetanschluss zu suchen um die diversen Suchmaschinen zu Rate zu ziehen, so bald sie wieder zurück in die Zivilisation gelangt waren, doch das konnte wahrscheinlich noch etwas dauern.
Erneut überflog Lacey die wenigen Zeilen.
Lieber Mitspieler,
herzlichen Glückwunsch zum Erreichen der ersten Spielstation. Sie halten nun die Eintrittskarte für ihre nächste Aufgabe in Händen. Bitte legen Sie eines der Schmuckstücke an. Es wird ihnen auf ihrem weiteren Weg hilfreich sein.
Station zwei Die Zukunft weist die Richtung
Die Zukunft hat viele Namen. Für die Schwachen ist sie das Unerreichbare. Für die Furchtsamen ist sie das Unbekannte. Für die Mutigen ist sie die Chance.
Victor Hugo (1802 1885)
Nachdem Sie es bis hier her geschafft haben, lieber Mitspieler, bietet sich Ihnen hier nun die Chance der Zukunft. Suchen Sie Madame Esmeralda auf. Sie wird Ihnen den weitern Weg weisen.
Now the only thing a gambler needs
Is a suitcase and trunk
And the only time he's satisfied
Is when he's on a drunk
Das G-o-L Komitee
Auch heute ergaben die Hinweise für Lacey keinen wirklichen Sinn, auch wenn sie gerade die letzten Zeilen an irgendetwas erinnerten. Ihr war, als hätte sie diese Worte schon einmal irgendwo gehört oder gelesen, doch immer wenn sie der Meinung war, die Erinnerung gleich greifen zu können, zog sie sich in ihrem Kopf in undurchdringlichen Nebel zurück und je verzweifelter sie versuchte, sich zu erinnern, desto unerreichbar blieb die Erkenntnis.
Sie schüttelte den Kopf, las die Worte noch zwei Mal und verstaute schließlich das Blatt Papier frustriert wieder in dem Umschlag. Sie würden wohl tatsächlich keine Antwort finden, so lange sie hier im Nirgendwo festsaßen.
Sie schob den Umschlag unter das Kästchen, damit er nicht aus Versehen davon geweht wurde, und ging dann hinüber zu dem kleinen Brunnen mit der Handpumpe. Vielleicht würde ihr einfallen, woher sie die Worte kannte, wenn sie erst einmal ein wenig kaltes Wasser im Gesicht hatte und damit die letzten Nebelschwaden aus ihrem übermüdeten Gehirn wichen.
Sie zog sich das verschwitzte, zerknitterte T-Shirt über den Kopf und ärgerte sich dabei darüber, dass sie keine frischen Sachen zum Wechseln mitgebracht hatte, dann betätigte sie ein paar Mal die Pumpe und hielt gleich darauf ihre Hände unter den angenehm kühlen, klaren Wasserstrahl. Sie seufzte erleichtert, als die ersten, kleinen Rinnsale ihren Rücken und die Brust hinunter liefen und sie sich den Schweiß aus dem Gesicht wusch. Kurzerhand steckte sie gleich darauf und nach erneutem Betätigen der Pumpe ihren Kopf unter das kühle, samtige Nass. Sie schnappte erschrocken nach Luft, als das Wasser noch etwas kälter wurde und ihre Kopfhaut zu prickeln begann. Gott, tat das gut!
Als sie schließlich der Meinung war, dass ihre Gehirnzellen jeden Moment einfrieren würden, ließ sie den Hebel der Pumpe los und warf ihr langes Haar mit einer kräftigen, ruckartigen Bewegung nach hinten. Im letzten Moment unterdrückte sie einen erschrockenen Aufschrei, als sie sich urplötzlich Nick gegenüber sah, der wie aus dem Boden gewachsen neben der Hütte stand und regungslos zu ihr herüber starrte.
Als ihr bewusst wurde, dass sie nur in ihrem BH vor ihm stand, meldete sich in ihr sofort das dringende Bedürfnis, ihr T-Shirt wieder überzuziehen. Doch dann wurde ihr klar, dass er weniger an ihrer Nacktheit interessiert zu sein schien, sondern vielmehr auf die lange, wulstige Narbe starrte, die sich von ihrem Bauchnabel bis hinauf zu ihrem ersten Rippenbogen zog. Ihr Traumbild von Michael flackerte sofort am Rande ihres Bewusstseins auf, doch sie wehrte es diesmal erfolgreich ab, griff stattdessen nach ihrem T-Shirt und trocknete sich damit flüchtig das Gesicht.
Mit einer Gelassenheit, die sie nicht im mindesten empfand, schüttelte sie das Hemd gleich darauf kräftig aus und zog es sich anschließend wieder über den Kopf. Ihr Haar klebte nass und schwer auf ihrem Rücken, immer noch rann ihr Wasser in den Bund ihrer Jeans und noch immer stand Nick nahe bei der Hütte und rührte sich keinen Millimeter.
Noch nie eine nackte Frau gesehen? rief sie angriffslustig zu ihm hinüber und sein Zusammenzucken verriet ihr, dass sie ihn gerade aus seiner ganz eigenen Gedankenwelt gerissen hatte.
Mehr als du dir vorstellen kannst, gab er großspurig zurück und kam auf sie zugeschlendert, die Hände dabei tief in seinen Hosentaschen vergraben.
Ja, ja, schon klar. Der Popstar und seine Starallüren, schnaubte sie und stellte sich dabei vor, wie Nick einen weiblichen Fan nach dem anderen auf sein Zimmer schleppte.
Irgendwas muß ich ja auch davon haben, oder? grinste er, wirkte dabei aber noch nicht wirklich wach. Seine Kleider waren zerknittert und staubig, seine Haare standen ihm unordentlich in allen Himmelsrichtungen vom Kopf ab und in seinen Augenwinkeln nistete noch der Schlaf.
Wenn das alles ist, was einen ganz oben auf dem Popolymp erwartet, will ich da gar nicht hin, stellte Lacey fest und trat einen Schritt zur Seite, damit Nick sich ebenfalls waschen konnte.
Sagen wir ... , entgegnete und legte seine Stirn dabei in nachdenkliche Falten die Mädchen sind eine positive Begleiterscheinung.
Mann, du toller Hecht, gab Lacey augenrollend zurück und ließ Nick dann einfach stehen. Sie hatte überhaupt keine Lust sich am frühen Morgen mit ihm über seine Sexualpraktiken zu unterhalten. Wie waren sie überhaupt auf dieses Thema gekommen?
Das unvermittelte Brummen eines Dieselmotors hinderte sie daran, zu genau über diese Frage nachzudenken. Sie hörte, wie hinter ihr das Rauschen des Wassers augenblicklich verstummte und gleich darauf trat Nick neben sie. Wasser tropfte aus seinen Haaren und rann ihm über das Gesicht, während sich sein T-Shirt auf der Brust dunkel verfärbte.
Sag bloß, dieser Typ kommt uns tatsächlich abholen, hörte sie ihn murmeln und die Erleichterung war ihm dabei ganz deutlich anzuhören.
Scheint so, grinste Lacey, die ebenfalls froh war, diesem unwirklichen Fleckchen Erde entkommen zu können.
Schnell suchten sie ihre sieben Sachen zusammen und als sie schließlich aus der Hütte traten, lenkte Hank gerade sein kleines Motorboot an die Anlegestelle.
Guten Morgen, rief er schon von weitem und Lacey musste bekümmert feststellen, dass er heute nur noch halb so gefährlich und zwielichtig wirkte, wie am vergangenen Abend. Vielleicht hatten die Ereignisse der letzten Nacht ihre Wahrnehmung auch in ein anderes Licht gerückt. Mit einer Nachtwanderung durch die Sümpfe konnte es schließlich nicht jeder aufnehmen.
Und in diesem Moment traf sie die Erkenntnis wie ein Blitz. Natürlich! Sie hatte die Zeilen schon unzählige Male gehört und ehe sie es sich versah, summte sie leise vor sich hin.
There is a house in New Orleans
They call the Rising Sun
And it's been the ruin of many a poor boy
And God I know I'm one
Was? stieß Nick überrascht hervor und fuhr zu ihr herum.
New Orleans Baby! grinste sie.
Ich verstehe immer noch nicht ... , setzte er an, doch dann erstrahlte ein Leuchten auf seinem Gesicht, das seltsamer Weise auf Lacey unglaublich anziehend wirkte.
Sofort begann er ebenfalls zu singen. Seine noch leicht müde und kratzige Stimme zauberte sofort eine Gänsehaut auf Laceys Unterarme und fasziniert lauschte sie jedem einzelnen Ton.
My mother was a tailor
She sewed my new bluejeans
My father was a gamblin' man
Down in New Orleans
Die nächsten Zeilen sangen sie schließlich zusammen, während sie den ersten Schritt auf den Bootssteg machten.
Now the only thing a gambler needs
Is a suitcase and trunk
And the only time he's satisfied
Is when he's on a drunk
Das ist es! rief Nick schließlich aus und zog Lacey unvermittelt und vor den Augen des verdutzten Hank in eine überschwängliche Umarmung. Das ist es Lace! Du bist die Allergrößte!
Nein bin ich nicht, murmelte sie kaum hörbar, doch dies entging Nick ebenso, wie das plötzliche Verschwinden ihres Lächelns.