Kapitel 11
Nick hasste die Dunkelheit. Manchmal schien es ihm, als würde die Angst vor dem Unbekannten in ihm im gleichen Maße wachsen, wie seine Fähigkeit zu sehen abnahm. Er hatte keine Ahnung, wo diese Angst her kam. Vielleicht war in seiner Kindheit irgendetwas schief gelaufen nun ja, natürlich war da so einiges schief gelaufen, aber an ein besonderes Ereignis, das seine Angst vor der Dunkelheit erklärte, konnte er sich nicht erinnern.
Somit war er inzwischen mehr als nervös, nachdem die letzten Sonnenstrahlen verschwunden waren und der Himmel sich nur noch als sanftes Grau von dem inzwischen unheimlichen, schwarzen Dickicht um sie herum abhob.
Sie hatten die verbliebene Zeit genutzt, um jeden Winkel der Hütte genauestens zu untersuchen. Jede Diele, jede Holzbohle, jeden Gegenstand und sogar die ekelerregende, fleckige Matratze hatten sie unter die Lupe genommen, alles abgeklopft und trotzdem nichts gefunden. Dies hier war einfach eine alte, morsche Bruchbude, die nicht so aussah, als würde sie tatsächlich noch genutzt.
Inzwischen hatten sie sich noch einmal den Brief des G-o-L Komitees vorgenommen, doch auch das brachte sie nicht wirklich weiter. Zumindest konnte Nick auch dieser Anweisung keinen Hinweis entnehmen, wo sie genau nach dem nächsten Brief suchen sollten.
Lacey saß ihm an dem wackligen Tisch gegenüber, hielt das Blatt Papier näher an die Kerze, die er in weiser Voraussicht mitgenommen hatte und starrte mit gerunzelter Stirn auf die handgeschriebene Nachricht.
Der anonyme Informant riet dem Sheriff, in dem kleinen Mangroven-Wäldchen hinter Boons Haus nachzusehen, las sie gerade vor. Demnach würde ich mal vermuten, dass sich die nächste Nachricht nicht in dieser Hütte befindet, was meinst du?
Sie hob den Kopf und sah zu ihm hinüber. In dem flackernden Licht der Kerze wirkten ihre Gesichtszüge seltsam weich und um ihre Augen malte die Flamme dunkle Schatten, die sie beinahe unheimlich erscheinen ließ.
Nick zuckte mit den Schultern. Klingt zumindest logisch.
Ihre Aufgabe, lieber Mitspieler, las sie weiter liegt nun darin, eines dieser Beweisstücke in ihren Besitz zu bringen. Suchen Sie Boons Hütte in den Sümpfen der Everglades auf. Die Dunkelheit der Nacht wird Ihnen den Weg zu Ihrem nächsten Hinweis weisen. Meinst du, es ist jetzt dunkel genug?
Woher soll ich das denn wissen? gab er grimmig zurück, während ihm der Gedanke, hinaus in die ungeschützte, rabenschwarze Nacht zu müssen, eine eiskalte Gänsehaut über den Rücken jagte.
Hallo? Du hast dieses blöde Spiel schließlich angeschleppt, jetzt reiß dich gefälligst zusammen und hilf mir ein bisschen, entgegnete sie ärgerlich.
Ist ja schon gut, gab er mit abwehrend erhobenen Hände zurück und stand dann auf. Lass uns also draußen nachsehen, bevor es komplett dunkel ist und man die eigene Hand vor Augen nicht mehr sehen kann.
Hast du eine Taschenlampe mitgebracht? fragte sie hoffnungsvoll.
Die Taschenlampe! rief er aus und schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. Die liegt im Auto.
Na prima, seufzte sie, doch ein leichtes Lächeln spielte dabei um ihre Mundwinkel. Gib es zu, du wolltest nur die Spannung erhöhen.
Klar, nickte er und versuchte ebenfalls zu lächeln, damit sie nicht merkte, wie beunruhigt er eigentlich war.
Na dann mal los, grinste sie, rieb sich die Hände, stand vom Tisch auf und blies die Kerze aus.
Nick folgte ihr langsam und mit klopfendem Herzen durch die schief in den Angeln hängende Tür hinaus in eine immer noch schwülwarme Nacht. Die Anzahl der herumschwirrenden Insekten hatte sich noch erhöht und das anhaltende, enervierende Summen um seine Ohren machte ihn noch kribbeliger.
Autsch, hörte er Lacey gleich darauf fluchen, gefolgt von einem lauten Klatschen, als sie versuchte das Insekt, das sie in den Arm gestochen hatte, noch zu erwischen.
Er konnte ihre Gestalt nur schemenhaft wahrnehmen. Es schien, als hätte die Dunkelheit sämtliche Konturen und Farben aus der Welt gesaugt und ließ damit seiner blühenden Fantasie mehr als genug Raum, um in die undurchdringlichen Schatten unter den Bäumen zähnefletschende Kreaturen zu projezieren.
Lass uns ums Haus herum gehen, hörte er Lacey sagen und am liebsten hätte er ihr geraten, nicht so laut zu sprechen. Wer wusste schon, wer sie hier draußen im abgelegenen Nirgendwo hören konnte? Doch er schwieg um sich nicht vor ihr lächerlich zu machen. Er war ein erwachsener Mann und von denen wurde nun einmal erwartet, dass sie sich vor nichts und niemandem fürchteten.
Er hielt sich trotzdem in ihrer Nähe, während er um die Hütte herum ging und sich damit einem kleinen Brunnen mit einer Handpumpe und einer dichten Mauer aus Sumpfgewächsen gegenüber sah.
Ich habe mich schon gefragt, ob wir uns morgen früh im Fluß waschen müssen, sagte Lacey mit einem kurzen Blick auf den Brunnen, dann stiefelte sie einfach weiter, direkt auf die schwarze Wand zu.
Sein Unbehagen steigerte sich, je näher sie dem Gestrüpp aus üppigen, fleischigen Blättern, Dornenranken und Bäumen kamen. Im Grunde erwartete er, dass sie gleich irgendetwas wildes, hässliches ansprang und sie bei lebendigem Leib zerfleischte. Wahrscheinlich lachten sich die Typen in Flicks Taverne jetzt schon tot über ihre Leichtgläubigkeit.
Sieht nicht so aus, als gäbe es hier einen Durchgang, oder? murmelte Lacey mehr zu sich selbst und begann den Rand des Sumpfes mit langsamen Schritten abzulaufen. Nick blieb wie versteinert stehen. Sein Herzschlag hämmerte unangenehm in seinen Ohren und wurde von dem immer noch anhaltenden Summen der Mücken untermalt, seine Hände fühlten sich eiskalt und feucht an, während sein restlicher Körper in sengenden Flammen zu stehen schien.
Nur keine Panik versuchte er sich gut zuzureden. Hier ist nichts, was dir Angst machen könnte. Es ist nur Dunkel, Herr Gott noch ....
In diesem Moment sah er es zum ersten Mal.
Sein Herz sprang ihm vor Schreck beinahe aus der Brust, während seine Eingeweide in die Tiefe rutschten und sich dort zu einem ängstlichen Ball zusammenzogen. Litt er jetzt schon an Halluzinationen? Das konnte doch unmöglich ...
Da! Da war es wieder. Ein Licht leuchtete für den Bruchteil einer Sekunde in dem undurchdringlichen Dickicht vor ihm auf und verschwand dann genau so schnell, wie es gekommen war.
Lacey? rief er und merkte erschrocken, dass kein Ton über seine Lippen gekommen war. Er räusperte sich und versuchte es noch einmal. Seine Stimme klang immer noch zittrig und leicht kratzig, aber immerhin schien sie Lacey diesmal zu erreichen.
Was ist? fragte sie aufgeregt und kam auf ihn zugelaufen.
Guck. Da, sagte er und deutete auf die dichten Büsche, die im Moment dunkel und bedrohlich vor ihnen aufragten.
Wo? Ich sehe nichts, entgegnete sie.
Warte, es müsste gleich wieder ... ,
In diesem Moment flammte das Licht erneut auf. Wie ein gleißender Stern durchschnitt es die Dunkelheit und zog sich gleich darauf wieder in sie zurück.
Wow! hauchte Lacey und trat dann langsam auf die Stelle zu, hinter der das Licht geleuchtet hatte.
Lacey, ich weiß nicht, ob wir da wirklich näher ran gehen sollten, gab er zu bedenken, folgte ihr allerdings mit schlurfenden Schritten.
Natürlich sollten wir da näher ran gehen, hörte er sie sagen und vermutete zu recht, dass dabei ein breites, glückliches Grinsen auf ihrem Gesicht lag. Das ist unser Hinweis Nick. Die Dunkelheit der Nacht zeigt uns gerade den Weg zur nächsten Botschaft.
Genau das ist es ja, was mir Sorgen macht, gestand Nick.
Hasenfuß, murmelte sie gutmütig und dann fühlte er, wie sich plötzlich ihre warmen Finger um seine schlangen.
Er wollte seine Hand zurückziehen, wollte sich nicht hier vor ihr so dermaßen zum Idioten machen, doch die Berührung tat so gut, dass er es nicht über sich brachte. Eigentlich war es lächerlich zu glauben, dass ihm nichts passieren konnte, wenn sie nur in seiner Nähe blieb. Einem realen Angreifer hatte diese schmächtige Person schließlich noch weniger entgegenzusetzen, als er selbst. Doch gegen die imaginären Gestalten in seinem Kopf hatte sie ziemlich gute Chancen.
Also schlichen sie wie zwei verirrte Kinder Hand in Hand noch näher an den dichten Dschungel heran. Das Licht blitze erneut vor ihnen auf, gerade, als sie die ersten, mannshohen Farne erreicht hatten.
Hey, sieh mal, meinte Lacey gleich darauf aufgeregt und drückte mit ihrer freien Hand das Gestrüpp zur Seite. Hier ist so etwas wie ein Pfad.
Innerlich stöhnte Nick auf. Sie wollte doch jetzt nicht wirklich noch tiefer ... und überhaupt ...
Doch da zog sie ihn bereits unaufhaltsam vorwärts und was er bisher für eine undurchdringliche Mauer gehalten hatte, entpuppte sich augenblicklich als Wand mit einem Tunnel aus grünen Blättern und knorrigen Ästen dahinter. Mit jedem Schritt ließen sie das schummrige Dämmerlicht immer weiter hinter sich, bis es schließlich tatsächlich so dunkel war, dass Nick nur noch anhand der Geräusche und Laceys festem Griff um seine Hand sicher sein konnte, dass sie noch da war.
Das Licht flammte in stetiger Regelmäßigkeit vor ihnen auf, leitete sie so durch den dichten Mangrovenwald, der sie von allen Seiten umschloss und der das Licht der Sterne und des Mondes komplett schluckte. Ihm kam es so vor, als irrten sie Ewigkeiten durch die Dunkelheit, doch wahrscheinlicher war eher, dass sie nicht einmal fünf Minuten unterwegs waren, bevor sich die Vegetation um sie herum langsam zurück zog und sich ausdünnte. Gleich darauf standen sie auf einem schmalen Grasstreifen. Der Tunnel lag irgendwo in ihrem Rücken und Nick hoffte, dass sie den Eingang später ohne Probleme wieder finden würden. Direkt vor ihnen wälzte sich ein weiterer, pechschwarzer Flussarm an ihnen vorbei. Jetzt endlich konnte er auch die Quelle dieses seltsamen Lichts ausmachen.
Ehrfürchtig stand er neben Lacey am Rand des Flusses und blickte hinüber zu dem kleinen Hügel, der sich mitten aus dem Wasser erhob und auf dem es weiterhin blinkte.
Das ist cool, hörte er Lacey flüstern.
Auf jeden Fall haben sie sich was einfallen lassen, gab Nick zu.
Ob wir da rüber schwimmen müssen?
Das hoffe ich doch nicht. Ich meine ... hier gibt es jede Menge Viehzeug, das nur darauf wartet uns als Mitternachtshappen zu verspeisen. Außerdem scheint das Wasser eine ordentliche Strömung zu haben. Ehrlich Lacey, du solltest nicht mal daran denken, da rein zu gehen.
Hm, machte sie nur und es beunruhigte ihn, dass sie seine Einwände so gar nicht zu beachten schien.
Stattdessen ließ sie seine Hand los, was ihn zusätzlich nervös machte, und trat näher an die Kante der Rasenfläche heran. Dahinter ging es einen halben Meter steil bergab, direkt in das leise gluckernde Wasser hinunter. Ein kleiner, knorriger Busch klammerte sich, wie es schien mit letzter Kraft, in die Grasnarbe und daran war mit einem dicken Seil, ein winziges Ruderboot befestigt, das sanft in den Verwirbelungen das Flusses schaukelte.
Also schwimmen müssen wir nicht, kicherte Lacey und schickte sich bereits an, den Abhang hinunter und in das Boot zu steigen.
Lacey warte, rief Nick und bekam gerade noch ein Stück ihres T-Shirts zu fassen, an dem er sie resolut zu sich zurückzog. Vielleicht sollten wir uns das hier alles erstmal ein bisschen genauer ansehen, meinst du nicht? gab er zu bedenken, nachdem ihn ihr wütender Blick traf.
DU kannst gerne noch ein bisschen hier herum stehen. ICH werde mich jetzt in dieses Boot setzen und da rüber paddeln, dabei deutete sie zu der kleinen Insel hinüber, deren pulsierendes Licht sie wie die Stimme einer Sirene zu rufen schien.
Und wie willst du das machen ohne Paddel? fragte Nick nachsichtig.
Laceys Blick fiel auf das Boot. Tatsächlich befand sich lediglich eine schmale Sitzbank darin. Von Ruder keine Spur.
Dann müssen wir eben mit den Händen nachhelfen, schlug sie vor.
Wenn du darauf stehst, dass dir die Alligatoren einzeln deine Finger abbeißen, gab er schulterzuckend zu bedenken.
Was schlägst du also vor? fragte sie. Mittlerweile klang sie leicht genervt.
Uhm ... , Er hatte eigentlich auch keine genaue Vorstellung, wie sie den Fluß überqueren sollten, aber so ganz langsam machte sich auch in ihm so etwas wie Abenteuerlust breit. Sie waren ihrem Ziel so nahe, es hatte sie noch kein Angreifer angesprungen und seine Augen hatten sich mittlerweile an die Dunkelheit gewöhnt.
Entschlossen drehte er sich also einmal im Kreis und besah sich die Umgebung genauer. Wo er hinsah nur dunkle Bäume, Farne und Sumpfgras. Mit wenigen Schritten hatte er den Waldrand erreicht und streifte dort eine Weile entlang.
Was suchst du? fragte Lacey und gesellte sich zu ihm.
Irgendetwas, das ... , setzte er an, doch da hatte er schon gefunden, wonach er suchte.
Ein langer Ast war von einem der Bäume abgebrochen und lag, halb verborgen unter verfilztem Moos und Gestrüpp, auf dem Boden. Mit einiger Anstrengung und durch Laceys tatkräftige Unterstützung schafften sie es schließlich, ihn heraus zu ziehen.
Nick stellte ihn auf und blickte an dem gut zwei Meter langen Ast hinauf.
Damit könnte es gehen, nickte er versonnen.
Singst du mir auch ein Lied, wie das die italienischen Gondoliere angeblich tun? neckte sie ihn.
Kommt darauf an was du bereit bist zu zahlen, grinste er zurück.
Leise Kichernd liefen sie zurück ans Flussufer und zu dem Boot, das immer noch einen halben Meter unter ihnen dahindümpelte.
Hoffentlich ist es einigermaßen dicht, gab Nick zu bedenken, während er mit seinem Ast ein paar Mal auf den Schiffsboden klopfte und damit einen dumpfen Laut erzeugte.
Nun, wir werden es nie erfahren, wenn wir es nicht ausprobieren, entgegnete Lacey verschmitzt grinsend und diesmal konnte er sie nicht mehr zurück halten.
Sie klammerte sich an dem verkrüppelten Busch fest und ließ sich langsam in das Boot hinab sinken. Erde und Steine rutschten davon, Lacey schwankte einen Moment gefährlich, so dass Nick schnell ihren Arm packte und sie dann vorsichtig weiter hinunter ließ. Als sie schließlich in dem schwankenden Boot stand, eine Hand ausgestreckt um das Gleichgewicht nicht zu verlieren und mit der anderen immer noch seine festhaltend, lächelte sie glücklich. Also mich hält es aus.
Beruhigend, murmelte Nick.
Er reichte ihr den Ast, dann tastete er sich ebenfalls vorsichtig den abschüssigen Abhang hinunter. Beinahe hätte er es geschafft, wenn nicht plötzlich die Erde unter ihm nachgegeben hätte. Mit rudernden Armen und einem erschrockenen Ausruf verloren seine Füße den Halt, er knallte unsanft auf seinen Allerwertesten und mit einem lauten Platschen landete er gleich darauf im Wasser. Er schnappte nach Luft, begann unkontrolliert mit den Armen um sich zu schlagen und wartete jeden Moment darauf, dass ihn das riesige Maul eines Alligators schnappte und unter Wasser zog.
Hey! drang Laceys Stimme durch den roten Schleier aus Angst und Panik. Hey Nick! Stell die Füße auf den Boden. Nick!
Füße? Boden?
Im selben Moment ertasteten seine Füße festen Grund und als er die Knie durchdrückte, schoss sein Körper aus dem nicht einmal hüfthohen Wasser. Schwer atmend tastete er nach dem Rand des Bootes, in dem Lacey auf der schmalen Bank saß und sich vor Lachen gar nicht mehr einkriegte.
Hauptsache du hast deinen Spaß, grummelte er, während ihm der Schlamm vom Grund des Flusses in die Schuhe quoll und ihm seine Kleider unangenehm am Körper klebten.
Ich ... ha, ha ... finds einfach nur ... hi, hi ... also ... , prustete sie, bekam aber scheinbar noch keinen vernünftigen Satz heraus.
Irgendwie war ihr Lachen ansteckend und so kicherte er leise vor sich hin, während er vorsichtig ein Bein über den Rand des Bootes schwang und sich gleich darauf vor Lacey auf dem Boden im Heck niederließ.
Es dauerte noch eine kleine Weile, bis sie sich beide wieder einigermaßen beruhigt hatten.
Das war echt filmreich, kicherte Lacey schließlich und reichte ihm dann den Ast. Na komm schon Mister Baywatch. Bring uns sicher ans andere Ufer.
Er schenkte ihr einen gespielt, vernichtenden Blick, dann stemmte er sich vorsichtig in die Höhe und stabilisierte sein Gleichgewicht.
Machst du das Boot los Pam? grinste er.
Eye, eye Sir, salutierte sie und machte sich an dem Seil zu schaffen.
Gleich darauf stemmte er den Ast gegen das Flussufer und stieß sich mit viel Kraft ab. Das Boot glitt langsam in die Flussmitte, wo es sofort von der Strömung erfasst wurde und flussabwärts driftete.
Zurück! rief Lacey, während sie hinter Nick und auf die Insel deutete.
Stell dir vor, das war mir bewusst, stieß Nick zwischen seinen zusammen gebissen Zähnen hervor, während er versuchte das Boot mit Muskelkraft und der Hilfe des Astes in die richtige Richtung zu steuern.
Er kämpfte ewig mit der Strömung und als die Spitze des Bootes schließlich die Insel erreichte, fühlte er sich vollkommen erledigt. Seine Arme zitterten von der ungewohnten Anstrengung, er schwitzte wie ein Tier und aus seinen Kleidern stieg der moderige Geruch des Wassers zu ihm auf.
Lacey sprang in diesem Moment geschickt aus dem Boot und zog es mit Hilfe des Seils näher an die Insel heran. Leider gab es hier keinen Strauch, Busch oder ähnliches, an dem sie das Boot hätten festmachen können.
Ich bleibe hier und du suchst nach dem Brief, in Ordnung? schlug Lacey vor, während sie ihre Füße in das hohe Gras stemmte, damit das Boot nicht einfach davon schwamm.
In Ordnung, nickte Nick, überwand mit einem Schritt die Kluft zwischen Boot und Insel und stand gleich darauf neben Lacey auf dem kleinen Hügel.
Die Insel schien nicht viel größer als ein Abwurfplatz beim Baseball zu sein. Aufgeschwemmter Sand und Felsbrocken hatten im Laufe der Jahre einen natürlichen Hügel geschaffen, den man mit gerade mal fünf Schritten überqueren konnte.
Das Gebilde in der Mitte war allerdings garantiert nicht natürlich entstanden. Im ersten Moment wirkte dieses Ding wie ein überdimensionales Vogelhäuschen, doch als Nick etwas näher trat, sah er sich einem kunstvoll geschnitzten Schrein gegenüber. Auf dem spitzen Dach thronte eine Lampe, die in regelmäßigen Abständen ein gleißendes Blinken von sich gab und Nick nun blendete. Nach kurzem Suchen hatte er den Knopf zum Ausschalten gefunden und er atmete auf, als er seine Umgebung endlich wieder einwandfrei erkennen konnte.
Gleichzeitig schoss ihm der beunruhigende Gedanke durch den Kopf, dass irgendjemand die Lampe hatte einschalten müssen. Zumindest konnte er sich nicht daran erinnern, das Licht schon vorher gesehen zu haben. Misstrauisch ließ er seinen Blick über das andere Flussufer schweifen. Ein breiter Streifen Wasser trennte auch hier die Insel vom Festland und auch auf dieser Seite deutete nichts darauf hin, dass menschliche Wesen diesen Abschnitt jemals betreten hatten.
Hey, könntest du dich ein bisschen beeilen? erinnerte ihn Laceys Stimme wieder daran, warum sie eigentlich hier war. Das Boot wird langsam schwer.
Kleinen Moment noch, rief er zurück und ging vor dem kleinen Häuschen in die Hocke.
Es ruhte auf vier schmalen Pfählen und zwei, mit Schlangen und anderem Getier verzierte Flügeltüren verbargen das Innere. Ein kleiner Haken hielt die Türen geschlossen. Er klappte ihn beiseite, fasste nach den winzigen Türgriffen und zog die Flügel auseinander. Das wenige Licht des Mondes schaffte es leider nicht, das Innere zu erhellen und so sah sich Nick erneut einer pechschwarzen Dunkelheit gegenüber. Wenn jetzt irgendetwas in dem Kasten saß und nur darauf wartete, dass er seine Hände hinein steckte?
Nick! mahnte Lacey erneut, während ihre Stimme bereits mehr als angespannt klang.
Ich mach ja schon, murmelte er mehr zu sich selbst, rieb sich kurz die Hände und schob sie dann mit klopfendem Herzen immer weiter in den Schrein hinein.
Als erstes berührte er zitternd die Rückseite des Kastens, dann tastete er vorsichtig weiter darin herum, bis sich seine Finger schließlich um einen kleinen Gegenstand schlossen, der sich wie ein Schmuckkästchen anfühlte. Gleichzeitig erfasste seine andere Hand ein Stück Papier.
Beides zog er blitzschnell hervor, warf einen flüchtigen Blick darauf und fuhr dann hektisch in die Höhe. Nichts wie weg! Doch dann hielt er noch einmal einen Moment inne. Vielleicht hatte er etwas übersehen? Nicht auszudenken, wenn sie noch einmal hierher zurückkommen mussten, nur weil er nicht genau nachgesehen hatte.
Also ließ er sich noch einmal auf die Knie sinken und tastete jeden Zentimeter des Innenraums ab. Doch er fand nichts weiter außer Staub und Sand.
Zufrieden mit sich und seiner Ausbeute lief er zu Lacey zurück, die mittlerweile mit hochrotem Kopf an dem Seil zog und dabei die Füße fest in den Boden stemmte.
Ich habs! rief er triumphierend und schwenkte die gefundenen Gegenstände über seinem Kopf.
Hm, konnte sie nur von sich geben und seufzte dann erleichtert auf, als Nick ebenfalls nach dem Seil griff.
Er war gespannt wie ein Flitzebogen, was wohl in der nächsten Nachricht stand und was sich in dem kleinen Kästchen befand, doch da sie hier nicht genug Licht hatten, musste dies wohl warten, bis sie zurück in der Hütte waren. Gott, wie er das hasste!