Kapitel 10

Der Außenborder tuckerte gemächlich, während das kleine Motorboot langsam über das Wasser glitt. Lacey saß vorne im Bug, genoss den Fahrtwind, der ihre erhitzten Wangen kühlte und der hier auf dem Wasser angenehm nach feuchter Erde und saftigen Blättern roch.
Hinter ihr, in der Mitte des Bootes, hockte Nick mit seinem voll gepackten Rucksack zwischen den Knien und sie brauchte sich nicht herum zu drehen um seine angespannte und missmutige Miene zu sehen. Sie lächelte in sich hinein, als sie an den ängstlichen Ausdruck in seinen Augen dachte, während sie die Verhandlungen mit Hank führte. Da tat er immer so stark und unabhängig und kaum stand er ein paar abgerissenen Gestalten gegenüber, verließ ihn sein gesamter Mut. Sie fand dies beinahe rührend, was seine fruchtlosen Bemühungen, sich als ihr Beschützer aufzuspielen, noch verstärkt hatten.
Hank saß im Heck, hielt den Gasgriff des Außenborders in den Händen und steuerte sie sicher durch die verschlungenen Flussarme. Der breite Strom hatte sich nach und nach immer weiter verengt. Teilweise reichte die dichte Vegetation so nahe an das Boot heran, dass Lacey die Hand ausstrecken und das hohe Schilfgras durch ihre Finger gleiten lassen konnte. In den Kronen der knorrigen Mangrovenbäume sangen alle Arten von Vögeln, sie hatte sogar schon zwei Alligatoren gesehen, die sich in Ufernäher auf die Lauer gelegt hatten und die durch ihre vollkommene Regungslosigkeit beinahe mit ihrer Umgebung verschmolzen.
Erneut huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. Sie fühlte sich beinahe so aufgekratzt und geistig gesund wie früher. Michael hätte dieses Abenteuer geliebt und Aden und Trinity auch. Keiner von den dreien hätte sich in Flicks Taverne so angestellt wie Nick.
Schon immer waren sie unzertrennlich gewesen. Seit der Grundschule, als Michael ihr zu Hilfe geeilt war, als sie dieser kleine, dicke, widerliche Gavin Simons im Schulhof abgefangen und ihr Prügel angedroht hatte, wenn sie ihm nicht ihren Marsriegel abtrat, den sie sich gerade von ihrem nicht gerade üppigen Taschengeld gekauft hatte. Michael hatte sich neben sie gestellt, die Arme vor der Brust verschränkt und verkündet, dass er seinen besten Freund Aden rufen würde, falls Gavin sich nicht augenblicklich verzog. Erst als Lacey wenig später Aden kennen lernte, der schon damals beinahe einen Kopf größer als die anderen Kinder in seinem Alter gewesen war und später der Star in der Basketballmannschaft wurde, hatte sie verstanden, wie schlagkräftig Michaels Drohung wirklich gewesen war.
Trinity stieß dann in ihrem ersten Highschool Jahr zu ihnen. Aden verliebte sich Hals über Kopf in die lange, flachbrüstige Blondine und ab diesem Zeitpunkt traf man selten einen von ihnen alleine an.
Lacey seufzte verhalten, während sie einen Silberreiher am Ufer beobachtete, der regungslos darauf wartete, dass ein Fisch in seiner Reichweite auftauchte. Damals war ihr Leben perfekt gewesen. Perfekt und aufregend. Sie hatten zu viert so viel Unsinn angestellt, dass ihre Eltern beinahe verzweifelten. In schöner Regelmäßigkeit saßen sie gemeinsam beim Nachsitzen, während draußen die Sonne schien und sie sich ausmalten, wie sie sich an ihrer Lieblingsstelle an dem großen See vergnügten, anstatt in dem muffigen, viel zu warmen Klassenzimmer zu sitzen und Strafarbeiten zu schreiben.
Doch die Zeiten waren vorbei. Endgültig.
Lacey spürte, wie sich die Dunkelheit wieder ihres Herzens und Geistes bemächtigte. Michael, Aden und Trin waren fort, während sie immer noch hier saß und so tat, als könne sie tatsächlich das Ende ihres Lebens noch ein wenig hinaus zögern. Vielleicht würde Hank sie ja doch noch aus seinem Boot stoßen und sie würde im Magen eines Alligators enden. Das hätte durchaus etwas für sich. Allerdings würde es ihr für Nick leid tun. Er hatte sein gesamtes Leben noch vor sich und auch wenn sie selbst verzweifelt war, so wollte sie doch niemanden in ihren ganz persönlichen Abgrund mit hinab reißen.
Sie nahm sich vor, diese erste Spielstation mit Nick noch hinter sich zu bringen und sich dann höflich aber bestimmt von ihm zu verabschieden. Sie musste hier raus, raus aus diesem Leben, raus aus dem Schmerz und raus aus dem Gefühl der Hilflosigkeit. Sie dachte an die kleine Aluminiumflasche in ihrem Seesack. Sie hatte sie, wie das meiste ihrer persönlichen Habe, im Wagen zurück gelassen und dieser Umstand brachte ihr Herz jetzt dazu, ängstlich schneller zu schlagen. Ihr war, als hätte sie ihren Haustürschlüssel vergessen und stehe nun vor der Eingangstür im strömenden Regen und käme nicht hinein. Ihr Sicherheitsnetz befand sich außerhalb ihrer Reichweite und sie verfluchte sich für ihre Gedankenlosigkeit.
„Da vorne ist es,“ hörte sie Hank plötzlich hinter sich und mit einiger Anstrengung schaffte sie es, sich wieder auf ihre Umwelt zu konzentrieren.
In der Ferne war ein kleiner Bootssteg aufgetaucht, dahinter klaffte eine Lücke in der ansonsten undurchdringlichen Vegetation und bildete damit einen kleinen Platz, der von Unkraut überwuchert wurde. Als sie langsam näher glitten, konnte sie eine winzige Hütte ausmachen, die sich windschief und morsch auf dem feuchten Boden zu ducken schien. Die Sonne war inzwischen tief gesunken und die letzten Strahlen brachen sich golden auf dem Wasser. Beinahe hätte diese Szene idyllisch wirken können, doch die Hütte strahlte trotz ihrer geringen Größe eine Art Feindseligkeit aus, die sich Lacey gar nicht erklären konnte. Das war ein Gebäude aus dicken aber morschen Holzbohlen mit einem, von Gras und Unkraut überwucherten Dach, zwei blinden, verstaubten Fenstern und einer Tür, die nur noch in einer Angel und wie ein gebrochener Flügel eines Vogels im Türrahmen hing. Nichts furchteinflößendes also.
Doch auch als sie schließlich an der kleinen Anlegestelle ankamen und vorsichtig aus dem gefährlich schwankenden Boot ausstiegen, verflüchtigte sich dieser Eindruck bei Lacey nicht und sie fühlte, wie es in ihr erneut zu kribbeln begann und der Drang beinahe übermächtig wurde, über den Platz zur Hütte zu rennen um zu sehen, was sich in ihrem Inneren verbarg.
„Bis morgen,“ hörte sie Hank sagen und überrascht fuhr sie zu ihm herum.
„Was soll das heißen?“ fragte Nick sofort, während er den kleinen Steg hinunter hastete an dessen Ende Hank das kleine Boot bereits wieder auf das Wasser zurück gelenkt hatte.
„Ich wünsche ihnen einen angenehme Nacht. Ich habe noch einen Termin, verstehen sie? Ich kann nicht auf sie warten,“ grinste Hank, hob noch einmal die Hand und drehte dann den Gashahn des Außenborders voll auf. Das Röhren durchschnitt die Stille, während das Boot nun wesentlich schneller dahin glitt und sich immer weiter von ihnen entfernte.
„He! Das können sie doch nicht machen,“ rief ihm Nick hinterher, der am Ende der Anlegestelle stand und Hank vollkommen entgeistert hinterher blickte.
„Doch kann er wohl,“ grinste Lacey, was dazu führte, das Nick zu ihr herumfuhr und sie wütend anfunkelte.
„Dir macht das auch noch Spaß, was?“ giftete er.
„Wieso nicht?“ entgegnete Lacey schulterzuckend. „Abgesehen davon war in deiner Nachricht ja wohl auch gestanden, dass uns die Nacht den Weg zum nächsten Hinweis zeigen wird und da es noch nicht dunkel ist, bleibt uns sowieso nichts anderes übrig als hier zu bleiben.“
„Ist mir doch scheißegal,“ stieß Nick hervor, bevor er sich, nach einem letzten Blick auf das Boot, das inzwischen nicht mehr als ein winziger Punkt auf dem Fluß war, herum drehte und mit ausgreifenden Schritten auf sie zumarschiert kam. Der Rucksack hing über seiner Schulter und sah ziemlich schwer aus, was sich bestätigte, als er ihn direkt vor ihren Füßen fallen ließ und dabei ihren großen Zeh traf.
„Aua du Rindvieh,“ brüllte sie, zog ihren Fuß zurück und hüpfte einen Moment hektisch hin und her.
„Dann pass doch das nächste Mal auf, wo du blöd herum stehst,“ giftete Nick zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.
Wie vom Donner gerührt hielt Lacey inne, immer noch mit ihrem pochenden Zeh in der Luft. Das hatte er jetzt nicht ernst gemeint, oder? ODER?
„Jetzt hör mir mal zu,“ zischte sie und machte einen humpelnden Schritt auf ihn zu. „Ich kann nichts dafür, dass wir jetzt hier festsitzen, klar? Du brauchst also nicht deine schlechte Laune und deine Frustration an mir auszulassen!“
„Du kannst nichts dafür?“ fragte Nick mit ungläubig in die Höhe gezogenen Augenbrauen. „Wer hat denn diesem Wirt und Hank schöne Augen gemacht, huh? Und wer hat für diese lächerliche Bootstour hundert Dollar hingeblättert?“
„Und wer wollte unbedingt dieses beschissene Spiel spielen?“ Sie schrie nun beinahe. „Falls du dich noch erinnern kannst ... ich wollte gar nicht mitkommen. Aber nein, der feine Herr war ja der Meinung, es ohne Gesellschaft nicht aushalten zu können!“
Sie wusste nicht wieso, aber mit irgendetwas hatte sie ihn gerade mächtig getroffen. Sein Gesicht, das sowieso schon von der Hitze und der Aufregung gerötet gewesen war, wurde nun noch eine Spur dunkler. Ohne ein weiters Wort griff er nach dem Rucksack, warf ihn sich über die Schulter und stiefelte mit einem vernichtenden Blick in ihre Richtung an ihr vorbei auf die Hütte zu.
Lacey warf einen verzweifelten Blick gen Himmel, der sich ganz langsam orange zu verfärben begann und stieß mit lautem Zischen die Luft aus, die sie bis eben vor unterdrückter Wut und Schmerzen angehalten hatte.
„Lass dich nicht provozieren,“ murmelte sie und dachte gleichzeitig daran, wie sie früher sein Konterfei auf den Postern in ihrem Zimmer angehimmelt hatte. Wenn sie damals schon gewusst hätte, was für eine selbstverliebte Memme er war, hätte sie die Poster sofort von der Wand und in lauter kleine Fetzen gerissen.
„Herr schenk’ mir Kraft,“ seufzte sie, schüttelte noch einmal den Kopf und humpelte dann langsam Nick hinterher, der inzwischen an der windschiefen Eingangstür stand und regungslos in das Dunkel dahinter starrte.
Ohne ihn zu beachten drückte sie sich an ihm vorbei und stand gleich darauf in einem winzigen, muffig riechenden Raum. Die beiden Fenster an der Forderseite ließen ein wenig Licht herein und erhellten damit in der hinteren Ecke eine fleckige Matratze, einen Tisch mit drei wackeligen Stühlen zu ihrer Rechten und ein Regal neben der Tür, das allerdings außer ein paar verbeulten Kochtöpfen und jeder Menge Staub nichts enthielt. In den Zimmerecken hingen Spinnweben, der Boden und das Mobiliar waren ebenfalls mit einer dicken Staubschicht bedeckt und es roch nach schimmeligen Laken und modrigem Holz.
„Ein Ort zum Wohlfühlen,“ murmelte Lacey ironisch, bevor sie sich den beiden Fenstern zuwandte und versuchte sie zu öffnen, allerdings mit wenig Erfolg.
„Hier bleibe ich keine Sekunde,“ hörte sie Nick von der Tür her sagen und sie fragte sich, ob er tatsächlich eine Antwort von ihr erwartete.
Sie schwieg weiterhin. Der sollte sich bloß nicht einbilden, dass er sie erst anschreien und beleidigen und dann so tun konnte, als sei nie etwas gewesen.
In einer Ecke der Hütte entdeckte sie einen Besen, dem allerdings die Hälfte der Borsten fehlte. Mit spitzen Fingern hob sie gleich darauf die Matratze an und wunderte sich nicht wirklich, als eine ganze Schar an Insekten unter ihr zum Vorschein kamen und sofort hektisch davon huschte. Mit einem leichten Übelkeitsgefühl in der Magengegend begann sie die Hütte auszufegen. Wenn sie sich wenigstens irgendwo hinsetzen konnte, ohne dass sie gleich in einer Wolke von Staub versank, wäre ihr schon viel geholfen.
Sie arbeitete schweigend, während sie der aufgewirbelte Staub immer wieder zum Husten und Niesen brachte, während Nick aus der Türöffnung verschwunden war und sich irgendwo außerhalb ihres Sichtsfeldes herumtrieb.
Als sie den Besen schließlich wieder in die Ecke stellte, entdeckte sie Nicks Rucksack, der noch im Türrahmen lehnte. Mit einem schnellen Blick vergewisserte sie sich, dass Nick nicht in der Nähe war, zog den Reißverschluss auf und untersuchte für einen Moment den Inhalt. Er hatte einen Teil der Lebensmittel eingepackt, die sie unterwegs besorgt hatten, außerdem zwei kleine Flaschen Wasser und eine karierte Decke, die allerdings kaum für ihren schmalen Hintern Platz bot. Nun ja, besser als nichts.
Als Nick schließlich wieder im Türrahmen erschien, hatte sie die Decke über dem Tisch ausgebreitet und ihre wenigen Habseligkeiten darauf verteilt.
„Home sweet Home,“ kommentierte er düster.
„Was ist eigentlich dein Problem?“ fragte sie und musste sich dabei beherrschen, um ihn nicht schon wieder anzuschreien.
„DAS hier ist mein Problem,“ entgegnete er und machte eine ausholende Geste, die die Hütte und den gesamten Sumpf mit einschloss.
„Was hast du dir denn bitte schön vorgestellt? Dass wir hier einen fünf Sterne Cluburlaub gebucht haben?“
„Nein, aber ich bin auch nicht davon ausgegangen, dass wir abgeschnitten von jeglicher Zivilisation mitten im Nirgendwo in einer verdreckten Hütte landen,“ gab er grimmig zurück.
„Tja, das ist aber nun nicht mehr zu ändern. Also sollten wir das Beste daraus machen,“ gab Lacey zurück und ließ sich vorsichtig auf einen der Stühle nieder, der unter ihrem Gewicht gefährlich knarzte.
„Pass bloß auf. Das Ding kracht dir doch gleich unter dem Hinter zusammen,“ meinte Nick und deutete auf ihren Stuhl, der bedenklich unter ihr wackelte.
„Ist ja niemand hier, der sich darüber beschweren könnte,“ entgegnete Lacey und konnte nicht verhindern, dass ein angedeutetes Grinsen auf ihren Lippen erschien.
„Hm,“ machte er unbestimmt und ließ seinen Blick erneut durch die Hütte schweifen. „Das ... mit vorhin ... also ... das ... tut mir leid, okay?“ sagte er dann kaum hörbar und vermied es dabei, sie anzusehen.
„Das hat jetzt richtig wehgetan, oder?“ grinste Lacey.
„Ein bisschen,“ gestand er, während seine Mundwinkel zu zucken begannen.
„Entschuldigung angenommen,“ entgegnete Lacey und deutete auf einen freien Stuhl am Tisch. „Pass das nächste Mal einfach auf, wo du dein Zeug abstellst.“
Er nickte und trat dann vorsichtig ein paar Schritte näher.
„Meinst du, der hält mich aus?“ fragte er skeptisch und stützte sich probehalber auf die Rückenlehne, die unter seinem Gewicht ächzte und knarrte.
„Probier es aus,“ schlug Lacey vor und beobachtete ihn dann, wie er sich in Zeitlupe und äußerst vorsichtig auf dem Stuhl nieder ließ.
„Jetzt nicht mehr bewegen,“ kicherte Lacey, während Nick mit halb erhobenen Händen ganz offensichtlich darauf wartete, dass das Holz unter ihm doch noch nachgab.
„Das kann ja ein netter Abend werden,“ bemerkte Nick schmunzelnd.
Dann richtete er den Blick seiner blauen Augen auf sie und wie auf Kommando begannen sie loszuprusten.
Lacey lachte so heftig, dass ihre Bauchmuskeln zu schmerzen begannen und ihr Tränen über die Wangen liefen. Es war ein ungewohntes Gefühl. Sie hatte schon beinahe vergessen, wie es sich anfühlte so herzhaft zu lachen und sie musste sich zusammen reißen, damit ihr Gelächter nicht in der nächsten Sekunde in haltloses Schluchzen überging.

Kapitel 11