Kapitel 8
Lacey konnte nicht fassen, dass sie schlussendlich doch noch in Nicks Wagen gelandet war. Sie waren bereits eine halbe Stunde unterwegs, in der Nick ohne Punkt und Komma erzählte, was er gestern Nacht noch im Internet über den kleinen Ort in den Sümpfen und Boon Finley herausgefunden hatte. Viel mehr, als Ihnen die Spielführer bisher mitgeteilt hatten, war es allerdings nicht.
Lacey hörte nur mit halbem Ohr zu, während ihr Blick an der vorbeiziehenden Landschaft festzukleben schien und sich ihre Gedanken immer wieder überschlugen.
Warum war sie jetzt hier?
Diese Frage tauchte immer wieder in ihrem Kopf auf. Irgendwie war es Nick gelungen, dass sie ihre sorgsam aufgestellten Pläne komplett hinten an gestellt hatte und dieser Umstand machte sie mehr als nervös. War es etwas, was er gesagt hatte? Oder vielleicht doch der traurige Ausdruck in seinen Augen, der dort aufgetaucht war, nachdem sie ihm verkündete, dass sie nicht mitkam? Irgendwie wurde sie das Gefühl nicht los, dass hinter der Fassade des gutaussehenden, abenteuerlustigen und lockeren Popstars weit mehr schlummerte, als man auf den ersten Blick sehen konnte. Das und der Umstand, dass sie trotz allem von diesem Spiel wie magisch angezogen wurde, waren wohl Schuld daran, dass sie jetzt in diesem Auto neben ihm saß und ihr Herzschlag wie ein wild gewordener Hamster in seinem Laufrad davon jagte.
Vielleicht solltest du aufhören darüber nachzudenken, wie verdammt noch mal du hier gelandet bist, drang Nicks Stimme in diesem Moment zu ihr durch und sie zuckte erschrocken zusammen.
Als sie zu ihm hinüber blickte, lag ein verschmitztes Grinsen auf seinen Lippen, während seine Hände ruhig auf dem Steuer lagen und seine Augen die Straße vor sich fixierten.
Das ist leichter gesagt als getan, gestand sie.
Was ist denn so schlimm daran? Verpasst du etwas Wichtiges? Liegt es an mir? Ich meine ... , er verstummte, während sich sein Grinsen verflüchtigte. Wie konnte es sein, dass er so unsicher war, wo er doch von außen betrachtet unerschütterlich wie ein Fels wirkte?
Es liegt nicht wirklich an dir, gab sie also widerstrebend zu.
Nicht wirklich? Das ist nicht gerade aufbauend, schmunzelte er.
Vergessen wir das einfach. Wir sind jetzt hier und unterwegs in die Everglades und das nur, weil du eine Flaschenpost gefunden hast. Ich finde, das sollte uns viel mehr beunruhigen.
Stimmt, lachte Nick leise.
Was meinst du, welchen Sinn dieses Spiel hat? fragte sie weiter, einfach um ihn von sich abzulenken und wohl auch, um ihren eigenen Gedanken eine andere Richtung zu geben.
Ich habe keine Ahnung. Eigentlich klingt es so, als hätte jemand einen riesigen Spaß an Schnitzeljagten, antwortete Nick und warf ihr dabei einen schnellen, lächelnden Blick zu.
Aber macht das Sinn, wenn du als Spielmacher gar nicht mitbekommst, wie sich das Spiel entwickelt?
Wer sagt denn, dass die es nicht mitbekommen? Du hast es ja selbst gelesen: Wir werden überwacht.
Ja. Klingt wie in nem schlechten Spionagefilm, stellte Lacey fest und verschränkte unbehaglich die Hände im Schoß.
Ich liebe Spionagefilme, grinste Nick.
Im Ernst. Macht dich das nicht nervös?
Wieso sollte es?
Ich hasse einfach den Gedanken, dass ich überwacht werde und sich dabei irgendjemand ein Urteil über mich erlaubt. Und gerade du solltest doch wissen wie es sich anfühlt, wenn jeder Schritt beobachtet wird.
Mit diesem Satz fiel ihr wieder ein, wer da eigentlich tatsächlich neben ihr saß. Nick Carter. Mitglied der Backstreet Boys. Eine berühmte und reiche Persönlichkeit. Oh Mann!
Das mag sein. Ich versuche einfach nicht darüber nachzudenken, gab er schulterzuckend zurück.
Das ist natürlich auch eine Möglichkeit, nickte Lacey und starrte wieder hinaus aus dem Beifahrerfenster.
Sie hatten Orlando mittlerweile hinter sich gelassen und waren auf den Highway 41 eingebogen. Dieser würde sie direkt in den Nationalpark und damit nach Everglades City bringen.
Wo kommst du eigentlich her? fragte Nick unvermittelt und alles in Lacey zog sich unangenehm zusammen. Sie wollte nicht von zu Hause, ihrer Vergangenheit oder von sich selbst erzählen. Dieser Weg war mit so vielen Stolpersteinen gepflastert, dass es eigentlich unausweichlich war, dass sie irgendwann ins Bodenlose fiel.
Trotzdem antwortete sie wahrheitsgemäß. Ursprünglich komme ich aus Jacksonville.
Und was treibt dich hier nach Orlando?
Ich wollte mal raus, entgegnete Lacey, wohl wissend, dass dies nur ein sehr kleiner Teil der Wahrheit war.
Und dann bist du einfach losgefahren? bohrte Nick weiter. So ganz ohne Ziel? Oder wolltest du unbedingt nach Orlando?
Orlando war eher ... hm ... ein Zufall, gestand sie. Im Grunde war es ihr egal gewesen, wo sie schlussendlich ankam. Ich habe mich an den Straßenrand gestellt und den Daumen hochgehalten. Ein Truck hat irgendwann angehalten und mich bis Orlando mitgenommen. Ich dachte, dass das weit genug weg sei.
Und? Ist es weit genug?
Nicht weit genug für dich, gab Lacey trocken zurück und spürte, wie ihre Mundwinkel dabei in die Höhe zuckten.
Hey, war das ein Lächeln? stieß Nick in gespieltem Unglauben hervor, was Laceys Mundwinkel mit einem weiteren Zucken quittierten.
Ich gebe mir Mühe, schmunzelte sie leise.
Es steht dir gut. Solltest du öfter probieren, sagte Nick ernst, warf ihr einen kurzen aber intensiven Blick zu und konzentrierte sich dann wieder auf die Straße.
Je weiter sie sich von dem Motel entfernten, umso leichter wurde es Lacey ums Herz, was sie gar nicht wirklich verstehen konnte. Es war, als hätte sie sich Urlaub von dem Tonnengewicht genommen, das bisher auf ihren Schultern gelastet hatte und sie konnte sich noch nicht so recht entscheiden, ob sie sich darüber wirklich freuen sollte.
Vier Stunden später bogen sie vom Highway 41 auf die Bundesstraße 29 ab und befanden sich damit bereits in den ersten Ausläufern der Sümpfe. Die Umgebung hatte sich verändert. Dort, wo bisher Palmen und Ackerflächen ihren Weg gesäumt hatten, breiteten sich jetzt Sumpfgras, Mangrovenwälder und Zypressen aus. Das Wasser war allgegenwärtig und so schien die Straße auf der sie fuhren, nur noch aus einer Aneinanderreihung von Brücken zu bestehen. Außerdem schien die Außenwelt an Schärfe zugenommen zu haben und sämtliche Farben wirkten kontrastreicher. Lacey war noch nie so weit im Südwesten Floridas gewesen, somit konnte sie ihre Augen kaum von der faszinierenden Landschaft um sich herum abwenden.
Noch vierzig Meilen, informierte sie Nick gerade, der kein Bisschen erschöpft von der langen Fahrt zu sein schien.
Und dann? fragte Lacey.
Dann sind wir in Everglades City. Dort werden sie uns hoffentlich sagen können, wie wir am besten nach Chapwick finden.
Kein Eintrag in deinem Navi? hakte sie überrascht nach.
Nein. Ich befürchte, das Städtchen besteht nur aus drei Häusern. Jedenfalls war es schwer, diesen winzigen Punkt überhaupt auf irgendeiner Karte zu finden.
Na, das macht Mut, seufzte Lacey.
Hey, das hier soll Abenteuer sein, schon vergessen? grinste Nick.
Ich erwähnte bereits, dass ich mit Abenteuern normaler Weise nicht so viel anfangen kann? brummte Lacey.
Ja, ich glaube du sagtest da mal was, schmunzelte Nick.
Die nächste Stunde schwiegen sie, bis sie schließlich tatsächlich das Ortsschild von Everglades City passierten und damit direkt in eine der Touristenhochburgen des Sumpfgebietes gelangten. An der langen Hauptstraße reihten sich Supermärkte, Souvenirshops, Restaurants und Bootsverleihe aneinander, die Bürgersteige waren bevölkert von Menschen, die die unübersehbare Gelassenheit von Touristen ausstrahlten und in ihren bunten Hemden, T-Shirts und kurzen Hosen wie ein wuselnder Haufen Ameisen wirkten.
Da vorne ist ne Tankstelle, informierte Lacey Nick und deutete auf das große Texaco Schild. Vielleicht können sie uns dort weiterhelfen.
Klingt gut, nickte Nick, bog gleich darauf von der Hauptstraße ab und hielt an einer der Zapfsäulen.
Als sie die Türen des Jeeps öffneten, schlug ihnen augenblicklich die heiße, feuchte Luft des Südens entgegen und Lacey hatte für einen Moment das Gefühl, als würde ihr die Luft zum Atmen genommen.
Wow, hörte sie Nick sagen, der gerade den Tankstutzen in den Tank rammte. Das nenne ich heiß.
Ich nenne das Folter, gab Lacey zurück, die bereits das Gefühl hatte, dass ihr die Kleider am Körper klebten und sie gerade dabei war zu schmelzen.
Du bist zu negativ, scherzte Nick, während er die Hände in den Hosentaschen versenkte und lächelnd auf sie hinunter sah.
Lacey zuckte nur mit den Schultern. Irgendwie hatte er ja durchaus recht damit.
Als Nick wenig später den Stutzen wieder zurück in die Zapfsäule hängte und dann zielstrebig auf den kleinen, flachen Tankshop zumarschierte, dachte sie immer noch an die Flasche mit dem Wein in ihrem Seesack. Irgendwie beruhigte es sie, dass sie jederzeit die Möglichkeit hatte, aus ihrem eigenen Game of Life auszusteigen, was wiederum ein ziemlich kranker Gedanke war, wenn man es mal so betrachtete.
Lacey sah Nick nach, überlegte kurz, ob sie ihm folgen sollte, entschied sich dann aber dagegen. Langsam schlenderte sie an das Ende des Gebäudes und bog dort um die Ecke. Der sengend heiße Asphalt erstreckte sich noch etwa vier Meter bis an den Rand einer saftigen Rasenfläche, die ein Stück weiter in sumpfiges Marschland überging. Insekten summten in der Luft, vom Sumpf wehte der Geruch nach fauligem Wasser herüber und ihr war unglaublich warm.
Schnell trat sie also in den Schatten eines Baumes, lehnte sich an dessen raue Rinde und starrte hinaus auf die riesige Wasserfläche, die sich endlos vor ihr auszubreiten schien, immer wieder von Inseln aus Schilfgras und Mangrovenbäumen unterbrochen. Irgendwie war es hier friedlich, befand sie. Vögel kreisten über dem Sumpf, nicht weit entfernt konnte sie einen Silberreiher ausmachen, der majestätisch im seichten Wasser herumstakste und nach Nahrung suchte und über allem schwebte ein Gefühl von Unendlichkeit. Hier gab es so unglaublich viele Flecken, die noch nie ein Mensch betreten hatte, Rückzugsorte für seltene Pflanzen und Tiere, so dass sich Lacey hier sofort zu Hause fühlte. Sie mochte einfach den Gedanken alleine und ungestört zu sein.
Es wunderte sie nicht wirklich, dass ihr ausgerechnet in diesem Moment das Bild von Michael wieder deutlich vor Augen trat: Die vereinzelten Sommersprossen auf seiner Nase und den Wangen, die tiefen, dunkelblauen Augen, die kleinen Fältchen in den Augenwinkeln wenn er lachte, sein anziehendes, warmes Lächeln und seine großen, schlanken Hände. Seltsam, dass sie gerade diese am meisten vermisste - oder wohl vielmehr das Gefühl, das sie immer in ihr hervorgerufen hatten.
Wenn er sie umarmte, ihr durch das Haar strich oder sie sanft im Nacken streichelte, hatte sie sich immer so unglaublich beschützt und geliebt gefühlt. Er hatte die Angewohnheit besessen, oftmals unvermittelt und ohne jeden Grund mit seinen Gedanken abzuschweifen. Meist so weit, dass sie ihn mehrmals ansprechen musste, bevor er wieder zurück in die Realität fand. Er war ein Träumer gewesen, immer mit dem Kopf in den Wolken. Doch seine Hände und damit ein Teil von ihm, hatten immer den Kontakt zu ihr gehalten, sei es in einer kleinen, liebevollen Geste, wie das Streicheln ihres Knies oder in dem seine Finger ruhig, unerschütterlich und sehr präsent auf ihren Schultern lagen.
In diesem Moment konnte sie beinahe seine Stimme hören, fühlte sie seine Präsenz beinahe körperlich und die Sehnsucht schien ihr das Herz aus dem Leib zu reißen und ihre Gliedmaßen taub werden zu lassen. Michael war fort und zusammen mit seinem hinreißenden Lächeln und seiner warmen Stimme, waren auch seine Hände unerreichbar in dem tiefen Grab verschwunden, aus dem es für niemanden ein Entrinnen gab.
Ach hier bist du, hörte sie plötzlich Nick hinter sich. So viel also zu dem Thema alleine sein.
Und? Konnten sie dir weiter helfen? fragte Lacey, während sie sich nur mühsam von der Vergangenheit los riss und sich Nick zuwandte. Er gesellte sich zu ihr unter den Baum, wobei er den Kopf einziehen musste, um unter den herunterhängenden Ästen hindurchtauchen zu können.
Ja, konnten sie. Sie haben zwar ziemlich entgeistert gefragt, was ich in dem Kaff will, aber sie konnten mir eine ganz gute Wegbeschreibung geben, erklärte er und zog ein Blatt Papier aus seiner Hosentasche hervor.
Lacey warf einen langen, ganz genauen Blick darauf und versuchte sich alles einzuprägen. Ein paar Linien waren scheinbar ohne größeren Sinn und Zweck darauf gemalt worden und sie hoffte in diesem Moment mit allem was sie hatte, dass Nick wusste, was er zu tun hatte. Schon wieder musste sie sich von dem Gedanken eines genauen Plans und der damit einhergehenden totalen Kontrolle verabschieden und sie spürte, wie sich ihre Magenwände schmerzhaft zusammenzogen.
Ich bin dafür, dass wir uns hier noch mit ein paar Lebensmitteln eindecken und dann direkt weiter fahren, was meinst du? fragte er, während er das Stück Papier wieder zusammen faltete und in der Hosentasche verstaute.
In Ordnung, nickte sie, wenn es sie auch noch nervöser machte, dass sie bereits hier ihr Proviant besorgten. War Chapwick so abgelegen, dass es dort weder eine Restaurant noch einen Supermarkt gab?
Aber vielleicht sollte sie darüber nicht näher nachdenken. Das alles hier war sowieso jenseits aller Realität, da störten vernünftige Gedanken nur.