Kapitel 7

Nick und Lacey beschlossen, dass es sinnvoller war, erst am nächsten Tag aufzubrechen. Also hatte Nick sich wenig später verabschiedet und Lacey in dem leeren Zimmer mit dem vollen Weinglas alleine zurück gelassen. Damit sie es nicht dauernd anstarren musste, hatte sie schließlich den Inhalt in eine blaue Aluminiumflasche gefüllt und diese ganz unten in ihrem Seesack verstaut. Danach hatte sie den Rest des Weines direkt aus der Flasche getrunken und gehofft, dass sie dadurch endlich zur Ruhe kam.
Als sich nun die endlos lange Nacht ihrem Ende zu neigte, fühlte Lacey sich vollkommen ausgelaugt und müde. Sie hatte wirklich versucht zu schlafen, doch das war natürlich unmöglich gewesen. Es schien, als hätte die unplanmäßige Verschiebung ihres Ablebens sämtliche bösen Geister in ihrem Inneren wieder zum Leben erweckt. Die Träume waren wieder zurückgekehrt, nachdem sie sie gute zwei Wochen lang verschont hatten. Hinzu kam, dass sie noch stundenlang Nicks Gesicht vor sich sah und sich dabei fragte, wie sie nur auf die hirnrissige Idee gekommen war, ihn tatsächlich bei diesem Spiel zu begleiten.
Hatte sie nicht schon genug eigene Probleme? Mal ganz abgesehen davon, dass sie der Gedanke, sich auf solch ein Abenteuer einzulassen, das ganz sicher vollkommen unvorhersehbare Wendungen nehmen würde, ganz kribbelig machte. Im Grunde hatte sie die letzen Wochen nur überstanden, weil sie einen genauen Plan vor Augen hatte. Jeder Tag war bis ins kleinste Detail durchdacht, sie hatte sich feste Zeiten für Essen, Schlafen, Lesen und Einkaufen gesetzt und dazwischen den ultimativen Plan für ihren Tod aufgestellt. Dies hatte sie am Leben und die Träume zurück gehalten. Doch jetzt war alles auf den Kopf gestellt.
Für dieses Spiel gab es keinen Plan.
Und für Nick gab es auch keinen Plan.
Lacey wälzte sich in ihrem Bett auf die Seite und warf einen kurzen Blick auf ihre Armbanduhr, die auf dem Nachtisch lag. Noch drei Stunden, bis Nick hier auftauchen würde und sie aus ihrem sorgsam strukturierten Leben herausriss. Und nicht nur das. Er hatte sie damit auch gleich noch dem Tod entrissen und sie konnte sich im Moment noch nicht entscheiden, was schlimmer war.
Leise stöhnend zog sie sich die Decke über den Kopf. Ihr Körper fühlte sich bleischwer an und so, als könne sie ihn unmöglich aus dem Bett hieven, ihr Kopf schien mit Watte gefüllt zu sein, jeder Gedanke brauchte Ewigkeiten, bis er wirklich in der Schaltzentrale ankam und in ihrem Herzen schienen sich scharfkantige Splitter festgesetzt zu haben, die sie mit unbändigen Schmerzen quälten.
Warum tat sie sich das alles eigentlich an? Keine Ahnung war wohl die richtige Antwort. Was sie allerdings sicher wusste war, dass sie unmöglich mit Nick mitgehen konnte. Sie würde ihm also nachher die Tür öffnen, ihm klipp und klar erklären, dass sie nicht mit ihm mitfuhr und sobald er vom Parkplatz gebraust war endlich das Glas Wein trinken. Ja, genau so würde sie es machen.
Allerdings musste sie dafür erst einmal aufstehen.
Sie rollte sich unter der Decke auf die andere Seite und zu einem kompakten, menschlichen Ball zusammen und schloss die Augen. Vielleicht konnte sie ja noch eine Stunde schlafen und vielleicht würde sie danach die Kraft finden aufzustehen und sich dem neuen Tag zu stellen.
Der Sauerstoff unter der Decke wurde langsam knapp, also schlug sie den äußersten Zipfel ein Stück zurück und sog tief die abgestandene Luft des Motelzimmers ein.
Empfinden Sie ihr Leben bisweilen auch als zu langweilig? ging ihr der erste Satz aus Nicks Flaschenpost durch den Kopf. Gott, wie sie sich wünschte, dass ihr Leben langweilig und ereignislos wäre. Langeweile war vielleicht nervig, aber sie tat nicht weh.
Erneut sah sie sich selbst, wie sie die Tür des Motelzimmers aufriss und sich urplötzlich Nick Carter gegenüber sah und zu ihrem Verdruss begann ihr Herz alleine beim Gedanken daran ein paar Takte schneller zu schlagen. Mal ganz abgesehen davon, dass es keinen Sinn machte sich zu einem Mann hingezogen zu fühlen, wenn man vorhatte, sich in absehbarer Zeit das Leben zu nehmen, stand ihr dies einfach nicht zu. Sie hatte ihr Pensum an Glück für dieses Leben bereits mehr als ausgeschöpft und daran änderte auch ein Popstar nichts.
Wieder bewegte sie sich unruhig, bis sie schließlich auf dem Rücken lag und verzweifelt an die Decke starrte. Sie konnte nicht hier liegen bleiben, aber aufstehen wollte sie auch nicht. Eigentlich war also alles wie immer: Sie befand sich in einer Patt-Situation, aus der sie nicht heraus kam.
Heiße Tränen begannen sich in ihren Augen zu sammeln und gequält kniff sie sie ganz fest zusammen. Nicht schon wieder heulen. Das machte auch nichts besser. Im Gegenteil. Meistens fühlte sie sich danach nur noch schwächer und verzweifelter.
„Okay,“ sagte sie schließlich mit rauer, krächzender Stimme. „Bei drei schwingst du deine verdammten Beine aus dem Bett und gehst duschen.“
Sie wünschte sich in diesem Moment verzweifelt, dass ihre Mutter bei ihr wäre. Auch wenn ihre resolute Fürsorge, die oftmals darin bestand ihr vor Augen zu führen, dass sie überhaupt keinen Grund dazu hatte, sich selbst zu bemitleiden, Lacey manchmal in den Wahnsinn getrieben hatte, so verfehlte sie doch selten ihre Wirkung. Sie hätte ihr schon längst die Decke weggezogen, sie dann mit diesem missbilligenden Blick angesehen und sie unmissverständlich darauf hingewiesen, dass sie noch anderes zu tun hatte, als ihre Tochter aus dem Bett zu scheuchen. Und wenn Lacey dann hinunter in die Küche gekommen wäre, hätte ihre Mutter mit einer dampfenden Tasse Tee und ihrem Lieblingsmüsli auf sie gewartet, sie in den Arm genommen und sie gefragt, wie sie sich heute fühlte.
„Mir geht es beschissen Mom,“ murmelte sie jetzt in die Dunkelheit ihres Motelzimmers. „Und daran wird sich auch nichts ändern.“
Dann zählte sie langsam bis drei, schob die Decke bis zu ihren Knien hinunter und schaffte es danach tatsächlich, die Beine über den Bettrand zu schwingen und sich aufzusetzen. Ihr Kopf schmerzte, ihre Kehle fühlte sich vollkommen ausgetrocknet an und ihre Hände zitterten.
„Willkommen zu einem weiteren Tag in der Hölle,“ murmelte sie, stemmte sich mit letzter Kraft in die Höhe und schlurfte dann ins Badezimmer.
Sie musste sich dringend überlegen, was sie zu Nick sagen sollte, wenn er hier auftauchte. Wie sie gestern ja bereits gesehen hatte, war er keiner, der sich so schnell abwimmeln ließ. Höchstwahrscheinlich war er es gewohnt, immer das zu bekommen, was er wollte. Es tat ihr beinahe leid, ihn in diesem Punkt heute enttäuschen zu müssen, aber auch das passte gut ins Schema. Sie war eine Meisterin darin, andere zu enttäuschen.

Als Nick leise pfeifend auf den Parkplatz des Motels einbog, fühlte er sich so gut wie schon lange nicht mehr. Die ganze Nacht hatte er über das Spiel und seine Regeln nachgegrübelt, hatte im Internet nach Informationen über Chepwick und Boon Finley gesucht und schlussendlich noch fünf Stunden geschlafen. Trotzdem fühlte er sich wach, ausgeruht und voller Tatendrang. Er war dermaßen gespannt, wohin ihn das Game of Life noch führen würde, dass er es kaum erwarten konnte endlich loszulegen.
Auch über Lacey Jenkins hatte er sich informiert, wobei „informiert“ in diesem Sinne nicht wirklich stimmte. Im Internet gab es hunderte von Lacey Jenkins’ und so konnte er auch nicht sagen, ob sie tatsächlich einen Magister in Philosophie hatte, dem Tierschutzverein in Tampa angehörte oder sich kürzlich eine Wohnung in Manhattan gekauft hatte. Nach einer halben Stunde war ihm die Lust vergangen und so hatte er beschlossen, sich lieber ein eigenes Bild von ihr zu machen. Immerhin hatten sie alleine heute eine mehrstündige Autofahrt vor sich und auch die nächsten Tage würden sie sehr viel Zeit miteinander verbringen.
Der Gedanke war ihm gekommen, was er tun sollte, wenn er irgendwann feststellte, dass er sie eigentlich nicht leiden konnte. Immerhin kannte er sie überhaupt nicht und wenn er ehrlich war, war sie gestern schon ein bisschen seltsam gewesen. Er kannte sich zwar durch seinen Job in der Band und dem Aufenthalt im Musikbusiness mit seltsamen Menschen bestens aus, aber sie schien ein ganz anderes Kaliber zu sein. Sie hatte für seinen Geschmack fiel zu wenig gelächelt, und gelacht hatte sie überhaupt nicht. Sie wirkte so ernst und in sich gekehrt, eigentlich Eigenschaften, mit denen er nur sehr schwer klar kam. Auch ihre offensichtliche Ordnungsliebe, die beinahe an Pedanterie grenzte, machte ihn nervös. Mit solchen Menschen kam er normaler Weise nur schwer aus, weil ihnen seine Unordnung und die Lässigkeit, mit denen er auf Probleme in seinem Leben zuging, ein Dorn im Auge waren.
Aber nun gut. Er wollte sie nicht schon vorher verurteilen. Wenn es mit ihnen nicht klappte, konnten sie sich immer noch trennen. Immerhin hatte er gestern seine gesamten Überzeugungskünste anwenden müssen, um sie überhaupt zum Mitkommen zu bewegen.
Da war er noch der Meinung gewesen, dass er mehr Spaß haben würde, wenn er das Spiel nicht alleine spielen musste. Inzwischen plagten ihn dann allerdings doch ein paar Zweifel und er fühlte sich demnach etwas nervös, als er an ihre Zimmertür klopfte.
Diesmal brauchte sie nicht so lange um ihm zu öffnen. Als sie im Türrahmen erschien wurde ihm dann doch noch ein weiterer Grund klar, warum er sie gerne auf diesen Trip mitnehmen wollte: Sie war einfach unglaublich süß. Sie trug heute eine enge Jeans, ein rot-schwarz geringeltes, ebenfalls enges Polo-Shirt und eine Kette, an der ein Anhänger in Form einer Gitarre baumelte. Ihr Haar hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebunden und enthüllte damit ihr hübsches Gesicht mit den weichen Linien.
„Guten Morgen,“ lächelte er.
„Ebenfalls guten Morgen,“ gab sie zurück, lächelte aber auch heute nicht.
„Alles gepackt und abfahrtbereit?“ fragte er und rieb sich die Hände.
„Uhm ... nein,“ entgegnete sie und sein Lächeln erstarb. „Ich komme nicht mit.“
„Wie ... du kommst nicht mit? Gestern hast du noch gesagt ... ,“
„Ich weiß, was ich gestern gesagt habe,“ unterbrach sie ihn und klang dabei unsagbar müde. „Aber ich habe es mir anders überlegt.“
„Warum?“
„Weil ... ,“ begann sie und verstummte dann wieder, nur um gleich darauf erneut anzusetzen. „Das würde einfach nicht funktionieren.“
„Was meinst du mit Das? Das Spiel? Uns zwei?“
„Beides,“ gab sie zurück und senkte den Blick hinunter auf ihre Schuhspitzen.
„Ich gebe ja zu, dass wir nicht gerade das ideale Paar abgeben,“ hörte er sich sagen und fragte sich dabei, ob er mit seiner unverschämten Offenheit eigentlich glaubte, wirklich weiter zu kommen. „Aber wenn wir es nicht ausprobieren, werden wir es nie erfahren.“
„Ich möchte es gar nicht erst ausprobieren,“ entgegnete sie und fügte dann mit etwas festerer Stimme hinzu „und du auch nicht.“
„Doch, ich möchte schon. Komm schon, gib dir einen Ruck. Nimm deinen Seesack, steig zu mir ins Auto und alles andere wird sich schon zeigen.“
„Genau das ist das Problem,“ sagte sie, inzwischen wieder so leise, dass er sich ein Stück in ihre Richtung beugen musste, um sie verstehen zu können „ich hasse es, wenn ich nicht weiß, auf was ich mich einlasse.“
Auf diesen Satz fiel ihm leider nichts Passendes ein. Er konnte ihr nicht versprechen, dass alles reibungslos und glatt lief, er konnte ihr noch nicht einmal definitiv sagen, dass sie sich blendend verstehen würden. Und trotzdem beharrte eine leise Stimme in seinem Kopf darauf, dass er sie zum Mitkommen bewegen musste. Irgendwie ärgerte er sich darüber, auf der anderen Seite wollte er aber auch nicht alleine ins Auto steigen und in die Everglades fahren.
„Okay, hör zu,“ versuchte er es also ein letztes Mal. „Weißt du noch, wie wir gestern nach dem Brief gesucht haben?“
Sie nickte langsam und hob nun endlich den Blick. Ihre Augen wirkten unsagbar müde und ein trauriger Zug lag darum. Ihre vollen Lippen waren fest aufeinander gepresst, so als wappne sie sich innerlich gegen das Argument, das er gleich vorbringen würde und ihre Arme hatte sie fest um ihre Taille geschlungen.
„Du warst Feuer und Flamme, während wir dein Zimmer auf den Kopf gestellt haben und das kannst du nicht leugnen,“ setzte er noch schnell hintendran, weil er ihrem Gesicht ansehen konnte, dass sie ihm innerlich widersprach. „Es hat dir gefallen, da bin ich mir hundertprozentig sicher. Vielleicht solltest du also mal darüber nachdenken, ob es sich für dieses Gefühl lohnt, deine Höhle zu verlassen und mit mir mitzukommen.“
Er schob noch ein breites, sanftes Lächeln nach und hoffte, dass das reichen würde. Ansonsten würde er eben in seinen Wagen steigen und alleine losziehen. Er musste doch schließlich niemanden anbetteln, um ein bisschen Zeit mit ihm zu verbringen!
Im selben Moment fiel ihm wieder der Streit mit seinem Bruder ein, und seine Freundin, nein, EX-Freundin, die jetzt wer weiß wo saß und wahrscheinlich auf ihn schimpfte, und Chris, der wahrscheinlich gerade die Welle seines Lebens ritt und dabei keine Sekunde an ihn dachte. War es denn eigentlich zuviel verlangt, dass irgendjemand auf diesem beschissenen Planeten gerne mit ihm zusammen sein wollte?
Sie öffnete den Mund für eine Erwiderung, schloss ihn dann aber wieder, als sie seinen düsteren Blick bemerkte. Verdammt, er sollte sich doch nun wirklich besser unter Kontrolle haben.
„Dir liegt ziemlich viel daran, kann das sein?“ sagte sie leise, während sich ihre Gesichtszüge entspannten und dabei heute das erste Mal weich und zugänglich wirkten.
„Sagen wir, ein bisschen nette Gesellschaft könnte mir im Moment nicht schaden und irgendwie glaube ich, dass es dir ähnlich geht,“ gab er widerstrebend zu.
Er hörte, wie sie seufzte, während er einen schnellen Blick zurück zu seinem Jeep warf, der quer über zwei Parkplätze stand. Er sollte jetzt einfach gehen, ihr noch ein schönes Leben wünschen und sie auf dem schnellsten Wege vergessen. Das hier brachte doch nun wirklich nichts.
„Also gut ... ,“ hörte er sie plötzlich sagen und überrascht drehte er sich wieder zu ihr herum. „Ich befürchte zwar, ich werde es noch bereuen, aber ... ,“ sie verstummte, zuckte mit den Schultern, verschwand dann für einen Moment im Inneren des Motels, bevor sie mit dem Seesack in ihrer Hand wieder auftauchte. „Lass uns fahren.“
„Klar,“ nickte er strahlend, nahm ihr das Gepäckstück ab und warf es sich über die Schulter.
Eigentlich konnte jetzt ja nichts mehr schief gehen. Den größten Kampf hatten sie schließlich bereits ausgetragen.
Als er seinen Wagen erreichte und sich zu ihr herum drehte, stand sie immer noch an der Tür zu ihrem Motelzimmer. Sie spähte ins Innere, als wolle sie sich vergewissern, ob sie auch nichts vergessen hatte, doch für seinen Geschmack dauerte das viel zu lange.
Er sah, wie sie die Tür zuzog, sie dann aber doch noch einmal aufschob und erneut ins Zimmer blickte.
„Lacey?“ rief er und er konnte selbst auf die Entfernung sehen, wie sie heftig zusammen zuckte.
Mit einem lauten Knall schloss sie schließlich die Tür und kam mit schlurfenden Schritten auf ihn zu, die Hände in den Hosentaschen versenkt. Na, das konnte ja heiter werden.

Kapitel 8