Kapitel 5

Eigentlich war das ja so was von klar gewesen. Nick seufzte verhalten, während er vor Zimmer Nummer 13 stand und wartete, dass man ihm öffnete. Natürlich war das Zimmer bereits vergeben. Was auch sonst?
Somit musste er jetzt nicht nur einen Raum durchsuchen ohne genau zu wissen, wonach er eigentlich Ausschau hielt, wo er anfangen sollte und ob er überhaupt im richtigen Motel gelandet war, nein, er musste jetzt auch noch dem Bewohner dieses Zimmers klar machen, dass er mal gerade eben vor hatte, die kompletten vier Wände auf den Kopf zu stellen. Prima.
Und der Schnellste schien der Bewohner dieses Zimmers auch nicht zu sein, denn Nick stand jetzt schon eine gefühlte Ewigkeit vor der pastellfarbenen Tür. Vielleicht war derjenige ausgegangen? Das würde natürlich zu seiner anhaltenden Pechsträhne passen.
Erneut hob er die Hand und klopfte noch einmal kräftig gegen das dünne Holz der Zimmertür. Gleich darauf brachte er sein Ohr so nahe wie möglich an den Türrahmen und lauschte. War das Musik? Aber warum rührte sich dann ...
In diesem Moment schwang die Tür vor ihm unvermittelt auf und erschrocken zuckte er zurück. Das Mädchen, das so urplötzlich im Türrahmen erschienen war, sah ungefähr genau so überrascht aus, wie er sich fühlte. Ihre Augen wurden bei seinem Anblick ganz groß, ihr Lippen teilten sich vor Ungläubigkeit ein kleines Stück und im selben Moment, in dem er ihr wunderhübsches Gesicht mit dem langen, dichten Haar wirklich registrierte, erkannte er den Song, der im Hintergrund lief.

This is a song for the unloved
This is the music for one last cry

„Hi,“ lächelte er und war beinahe stolz darauf, dass er seine Sprache als erster wieder gefunden hatte.
„H-Hi,“ kam es von dem Mädchen zurück.
„Wusstest du, dass ein stiller Alarm im Backstreet Hauptquartier ausgelöst wird, wenn jemand Song for the unloved spielt?“ grinste er.
Das Mädchen schüttelte, offensichtlich immer noch vollkommen perplex, den Kopf.
„Tja, das ist aber so. Und heute bin ich der Glückliche, der ausrücken durfte. Ich hoffe, das ist dir recht?“
Sie stand immer noch wie versteinert vor ihm, eine Hand lag auf dem Türknauf, die andere hatte sie um den Türrahmen gekrampft und blickte mit ihren riesigen, blauen Augen zu ihm auf.
„Darf ich reinkommen?“ wagte er sich einen weiteren Schritt vor.
Er sah, wie sich ihr Brustkorb unter ihren schnellen Atemzügen hob und senkte, er registrierte die feinen Linien ihrer Schlüsselbeine, die von dem tiefen Ausschnitt des roten Kleides umrahmt wurden und er hoffte im Stillen, dass ihm sein Name auch hier buchstäblich die Tür öffnen würde.
Doch scheinbar stand der falsche Backstreet Boy auf der Schwelle, denn sie schüttelte nun langsam den Kopf.
„Bitte. Nur ganz kurz,“ versuchte er es noch einmal und schenkte ihr dabei sein breitestes Kleinjungenlächeln, mit dem er bisher eigentlich noch alles bekommen hatte.
„Das geht nicht,“ entgegnete sie nun mit fester Stimme.
Scheinbar hatte sie sich nun wieder gefasst, denn sie richtete sich ein Stück im Türrahmen auf und sah dabei nicht so aus, als hätte er auch nur die geringste Chance, an ihr vorbei zu kommen.
Er seufzte verhalten und fuhr sich mit einer hilflosen Geste durch das Haar.
„Okay ... uhm ... ich fange, glaube ich, noch einmal von vorne an,“ sagte er und versenkte dabei die Hände in den Hosentaschen. „Mein Name ist Nick Carter und ich ... nun ja ... glaube, dass sich in deinem Zimmer etwas befindet, das ich ... sozusagen ... also ... verloren habe.“
Eine ihrer wundervoll geschwungenen Augenbrauen hob sich fragend in die Höhe.
„Es ist ein bisschen schwierig zu erklären,“ gestand er.
„Käme auf einen Versuch an,“ gab das Mädchen zurück und das erste Mal hatte er das Gefühl, dass sie hier tatsächlich eine Unterhaltung führten.
„Das könnte aber eventuell etwas dauern, von daher ... vielleicht könnten wir das drinnen besprechen?“ fragte er hoffnungsvoll.
„Nein,“ gab sie bestimmt zurück und verschränkte jetzt auch noch die Arme vor ihrer ansprechend gerundeten Brust.
Gott, die Kleine war schlimmer als jeder Türsteher.
„Also gut,“ seufzte er und beschloss, gleich mit den harten Fakten heraus zu platzen. „Ich habe eine Flaschenpost gefunden.“ Er beobachtete ihr Gesicht bei diesen Worten ganz genau, doch ihr war zumindest im Moment keinerlei Gefühlsregung anzusehen. „Darin befand sich eine Einladung für die Teilnahme an dem so genannten Game of Life. Was das genau ist, darfst du mich allerdings nicht fragen. Uhm ... sie haben mich hierher geschickt ... also zumindest ... zu einem Paradise Motel und dem Zimmer Nummer 13. Was das betrifft passt dein Zimmer also genau ins Schema,“ erneut warf er ihr einen schnellen Blick zu, doch sie reagierte immer noch nicht auf seine Worte. „Sie haben außerdem geschrieben, dass sie hier einen weiteren Hinweis hinterlassen haben und den würde ich gerne, mit deiner Erlaubnis natürlich, suchen.“
Sie schwieg, als erwarte sie, dass er noch mehr erzählen würde, doch er zuckte lediglich mit den Schultern. Mehr hatte er schließlich nicht zu sagen.
„Nur, dass ich dich richtig verstehe,“ sagte sie schließlich mit gerunzelter Stirn. „Du hast einen Brief gefunden, der dich hierher geführt hat und du willst jetzt in mein Zimmer und es komplett auf den Kopf stellen. Und dabei weißt du noch nicht einmal, ob du im richtigen Motel bist?“
„So ähnlich,“ gestand er.
„Das ist die verrückteste Geschichte, die ich jemals gehört habe,“ stellte sie fest.
„Ich weiß. Geht mir ähnlich. Aber wenn du mir nicht glaubst ... ,“ er griff in die Innentasche seiner Lederjacke, zog den Brief hervor und hielt ihn ihr entgegen. „ ... bitteschön.“
Sie zögerte einen Moment, so als sei sie sich nicht sicher, ob sie nicht einen Schritt zu weit ging, wenn sie den Brief jetzt tatsächlich an sich nahm, doch schließlich griff sie nach dem zusammengefalteten Stück Papier. Bevor sie zu lesen begann, warf sie ihm noch einen kurzen Blick zu, so als wolle sie ihn davor warnen, einfach an ihr vorbei zu stürmen wenn sie sich jetzt dem Brief zu wandte und damit die Tür nicht mehr ausreichend bewachen konnte, doch dann senkte sie schließlich doch den Blick auf das Papier hinunter.
Mit jedem Satz schienen ihre Augen ein bisschen größer zu werden und als sie schließlich wieder zu ihm aufsah und dabei die Nachricht zusammen faltete, schüttelte sie ungläubig den Kopf.
„Das ist abgefahren,“ stieß sie hervor.
„Ich weiß,“ grinste Nick. „Also ... uhm ... würdest du mich jetzt vielleicht herein lassen? Ich verspreche auch, dass ich in fünf Minuten wieder weg bin.“
Er konnte ihrem Gesicht ansehen, wie sehr sie mit sich kämpfte. Dabei konnte er das noch nicht einmal wirklich verstehen. Sie hörte seine Musik, er war höflich und vollkommen ehrlich zu ihr gewesen und jeder Fan, beziehungsweise jede andere Frau, hätte ihn wahrscheinlich mit Tränen der Rührung in den Augen in ihr Zimmer gebeten. Doch sie wirkte so, als befänden sich die Geheimnisse der gesamten Welt hinter ihrem Rücken, die es um jeden Preis zu schützen galt.
„Also gut,“ sagte sie schließlich zu seiner riesengroßen Erleichterung und trat einen Schritt zurück.
„Vielen Dank,“ gab er zurück, während er sich beeilte an ihr vorbei über die Schwelle zu treten.
Als erstes viel ihm auf, wie dunkel es hier drin war, danach registrierte er die Boxen, die auf dem Sideboard standen und aus denen mittlerweile ein neuer Song drang.

It's on your face, is it on your mind,
would you care to build a house of your own.
How much longer, how long can you wait,
It's like you wanted to go and give yourself away.

Heaven forbid you end up alone, and you don't know why
Hold on tight wait for tomorrow, you'll be alright
Heaven forbid you end up alone, and you don't know why
Hold on tight wait for tomorrow and you'll be alright
(The Fray – Heaven forbid)

Seine Augen huschten durch das Zimmer. Ein olivfarbener Seesack lehnte in der Ecke neben dem Sideboard, eine angebrochene Weinflasche stand auf dem Nachttisch und daneben ein halb gefülltes Glas. Ansonsten war hier alles beinahe beängstigend ordentlich.
„Scheint, als hätte ich ne Privatparty gestört, was?“ lächelte er und wandte sich dabei zu dem Mädchen um.
„So etwas ähnliches,“ nickte sie und zog dabei unsicher die Schultern hoch.
„Wie gesagt, ich bin bestimmt gleich fertig. Ich habe zwar keine Ahnung, wo ich anfange soll ... ,“ er zuckte hilflos mit den Schultern und kam sich nun doch etwas blöd dabei vor, vor ihren Augen das Zimmer zu durchsuchen.
„Würdest du ... also ... ,“ stammelte er deshalb. „ ... mir helfen?“
„In Ordnung,“ nickte sie.
„Ich das Bad, du hier?“ schlug er vor und sie nickte.
Also durchquerte er den Raum mit langen Schritten und war beinahe erleichtert, als er durch die schmale Tür ins Badezimmer trat und damit ihrem stechenden Blick entkam.
Das Motelzimmer war nicht sonderlich groß und so standen sie sich nach nicht einmal zehn Minuten wieder in der Mitte des Zimmers gegenüber, nachdem sie sämtliche Schubladen und Schranktüren geöffnet und sogar unter die Matratze und das Bett gesehen hatten.
„Das war wohl nichts,“ stellte Nick enttäuscht fest.
„Haben wir auch wirklich überall nachgesehen?“ hakte das Mädchen nach.
„Ich denke schon.“
„Hm ... wo würdest du einen Brief oder ähnliches verstecken, wenn du nicht willst, dass ihn jeder sofort findet?“ fragte sie weiter und drehte sich dabei einmal um sich selbst, während ihre Augen aufmerksam über jedes Möbelstück streiften.
„Keine Ahnung ... vielleicht eine lose Bodendiele?“
„Teppich,“ entgegnete sie knapp und deutete auf ihre Füße hinunter.
„Okay ... uhm ... ,“ er blickte hinauf an die Decke, doch diese war weiß verputzt und sah nicht so aus, als gäbe es dort irgendeinen Spalt oder eine lose Abdeckung.
„Vielleicht die Lüftung im Bad?“ schlug sie vor und er nickte aufgeregt. „Gute Idee!“
Er kehrte also noch einmal ins Badezimmer zurück und besah sich das kleine Gitter genauer, hinter dem ein dunkler Lüftungsschacht nach draußen führte. Vorsichtig balancierte er auf dem Badewannenrand, steckte versuchsweise die Finger zwischen die Metalllamellen und zog daran, doch die Abdeckung war fest verschraubt.
„Und?“ hörte er das Mädchen hinter sich.
„Wir könnten das hier abschrauben,“ stellte er abwesend fest, während seine Finger immer noch in den Lüftungsschlitzen herum tasteten „aber ich befürchte, da ist nichts dahinter. Zumindest kann ich von hier aus nichts erkennen.“
„Mist,“ hörte er sie murmeln, was ihm ein Lächeln entlockte. Dafür, dass sie ihn erst gar nicht herein lassen wollte, klang sie nun doch sehr neugierig.
„Und jetzt?“ fragte er, während er von dem Badewannenrand herunter sprang.
„Ich habe keine Ahnung,“ gestand sie, während sie ihm voraus wieder zurück in das Zimmer ging.
„Vielleicht bin ich einfach doch im falschen Motel,“ gab Nick zu bedenken und merkte selbst, wie enttäuscht er dabei klang.
„Wahrscheinlich,“ nickte sie.
„Nun gut ... bleiben noch zwei auf meiner Liste. Danach gebe ich wohl auf,“ stellte er fest.
Er war überrascht, wie groß die Enttäuschung in ihm tatsächlich war. Was hatte er denn bitteschön erwartet? Dass es wirklich so etwas wie ein G-o-L Komitee gab, die ihn auf eine Reise schickten? Dass das Spiel des Lebens tatsächlich existierte? Wie lächerlich.
„Tja ... dann mal noch viel Glück,“ sagte das Mädchen und er stellte etwas irritiert fest, dass er zum Einen noch nicht einmal ihren Namen kannte und dass er zum Anderen gerne noch eine Weile hier geblieben wäre. Doch das ging natürlich nicht.
„Danke,“ nickte er also und machte sich auf den Weg zur Zimmertür.
Er hatte den Türknauf bereits in der Hand, als ihn ihre Stimme noch einmal zurück hielt.
„Nick?“
„Ja?“ Interessiert drehte er sich zur ihr herum.
Sie bedeutete ihm mit einer kurzen Handbewegung zu warten, nahm dann die Weinflasche und das Glas von dem Nachttisch, stellte diese vorsichtig auf dem Sideboard ab und griff dann beherzt nach dem kleinen, bereits etwas altersschwachen Möbelstück.
Unter einiger Anstrengung schaffte sie es, das Tischchen von der Wand zu rücken und mit aufgeregt klopfendem Herzen trat er näher. Zwischen den Betten war leider nicht genug Platz um sich zu ihr zu gesellen, als verharrte er am Fußende und beobachtete jede ihrer Bewegungen. Seine Augen klebten förmlich an ihrem Rücken fest, bis sie schließlich von einem schnellen Blick auf ihr wohlgeformtes Hinterteil abgelenkt wurden und gleich darauf weiter zu ihrem verführerisch schimmerten Nacken wanderten, der freigelegt wurde, als ihr Haar über ihre Schultern nach vorne auf ihre Brust glitt
„Ha!“ rief sie in diesem Moment und sein Herz machte einen stolpernden Satz in seiner Brust, bevor es in doppelter Geschwindigkeit weiter schlug.
„Hast du etwas gefunden?“ fragte er aufgeregt und trat nun doch hinter sie in die schmale Bettenflucht.
Sie fummelte noch einen Moment an der Rückseite des Schränkchens herum, dann richtete sie sich wieder auf und strich sich mit einer fahrigen Bewegung das Haar hinter die Ohren, wobei ein dicker, brauner Umschlag in ihrer Hand sichtbar wurde, an dessen vier Ecken noch die Reste von Klebestreifen hingen.
„Nein!“ hauchte er und konnte es noch gar nicht wirklich fassen. Sollte er tatsächlich so viel Glück haben? Das erste Motel, das erste Zimmer und sofort ein Volltreffer? Das konnte eigentlich nicht sein. Oder etwa doch?
„Doch!“ strahlte sie wie zur Bestätigung seiner rasenden Gedanken und streckte ihm damit den Umschlag entgegen.
„Du bist die Größte,“ grinste er und nahm den Brief vorsichtig an sich.
„Ach, Kleinigkeit,“ winkte sie ab.
Mit dem Umschlag in seinen überraschend kalten Fingern ließ er sich langsam auf die Bettkante sinken, während sich das Mädchen ihm gegenüber auf das andere Bett nieder ließ.
„Uhm ... bevor ich das hier jetzt auf mache,“ lächelte Nick sein Gegenüber an. „Verrätst du mir noch deinen Namen?“
Sie senkte kurz den Blick und ein feines Lächeln erschien auf ihren Lippen, was ihre Gesichtszüge plötzlich wesentlich sanfter erscheinen ließ.
„Lacey,“ sagte sie schließlich leise. „Lacey Jenkins.“
„Angenehm, Nick Carter,“ grinste er und streckte ihr die Hand entgegen.
Sie zögerte einen Moment, bevor sich ihre ebenfalls kalten Finger um seine schlossen und sie kurz schüttelten.
„Okay ... bereit?“ fragte er schließlich.
„Klar,“ nickte sie.
Mit inzwischen leicht zitternden Händen begann er den Umschlag zu öffnen und fragte sich dabei aufgeregt, was er wohl darin vorfinden würde.

Kapitel 6