Kapitel 4
In dem Zimmer Nummer 13 des Paradise Motels, dem sich Nick gerade unaufhaltsam und mit überhöhter Geschwindigkeit näherte, war die eingeschaltete Nachttischlampe die einzige Lichtquelle in dem ansonsten abgedunkelten Raum.
Vor einer halben Stunde hatte Lacey Jenkins die dicken Vorhänge zum Schutz vor den immer noch kräftigen Strahlen der Abendsonne zugezogen, die Tür abgeschlossen und sich dann im Schneidersitz auf ihr Bett gesetzt. Im Hintergrund lief Musik, die aus einem Soundsystem kam, das sich erst seit heute Morgen in ihrem Besitz befand und in das sie einfach ihren iPod hatte einstecken können, um ihrer heiß geliebten Musik lauschen zu können.
Speak to me
So I can understand your tongue
You seem rather fragile
It's been said
It's cold beyond the sun
Have you ever been there?
Communicating thoughts of ways
To never have to speak again
Let me be the fire in your head
Für diesen heutigen, ganz besonderen Tag, hatte sie sich ihr schönstes Sommerkleid angezogen, ihr blondes, langes Haar gewaschen, gefönt und so lange gebürstet, bis es seidig glänzte, sorgfältig Makeup aufgelegt, so dass ihre großen, blauen Augen nun noch durchdringender und geheimnisvoller wirkten und sich zum Schluß das sündhaft teure Parfüm, das sie ebenfalls erst heute erstanden hatte, auf Halsbeuge und Handgelenke getupft.
Eigentlich, so hatte sie bei einem kurzen Rundblick durch das Zimmer befunden, passte dieser Ort nicht so ganz zu ihrem großen Vorhaben. Die Einrichtung war zwar praktisch und das Zimmer an sich sauber und ordentlich, trotzdem wirkten die beiden Einzelbetten, der Nachttisch dazwischen und das niedrige Sideboard mit dem Fernseher so unglaublich billig und unmondän. Doch in einem teuren Hotel wäre man vielleicht auf sie aufmerksam geworden und das zu einem Zeitpunkt, an dem sie hoffte, so lange wie möglich unentdeckt zu bleiben.
Also hatte sie schließlich mit einem kurzen Schulterzucken auf einem der Einzelbetten Platz genommen, mit akribischer Sorgfalt die kleinen Tablettenröhrchen aus ihrer Kulturtasche hervor geholt und sie ordentlich vor sich aufgereiht. Zum Großteil handelte es sich dabei um starke Schlafmittel, doch auch zwei Sorten von Antidepressiva befanden sich darunter, die sie in der Klinik immer Glückspillen genannt hatten.
Für einen Moment wandte sie sich von den Plastikröhrchen ab, beugte sich zum Nachtisch hinüber und klemmte sich gleich darauf die Flasche mit dem exklusiven Rotwein zwischen die Knie. Tatsächlich hatte sie knapp zwanzig Dollar für den Wein bezahlt, wobei ihr im Grunde Geld inzwischen mehr als egal war. Dort wo sie hinging, brauchte sie es schließlich nicht mehr.
Bring what's yours, I'll take what's mine
And meet you on the other side
We'll leave a sign so anyone can find us
A better place, a sweeter time
We won't need any wings to fly
A place beyond the sun.
Sie hatte einige Mühe den Korken zu entfernen und für einen winzigen Moment hatte sie Angst, dass sie auf diesen Punkt ihrer Liste verzichten musste. Doch als gleich darauf die dunkelrote Flüssigkeit in das extra für diesen Abend gekaufte Kristallglas floss, entspannte sie sich wieder. Es würde alles gut gehen. Immerhin plante sie diesen Abend schon seit einigen Wochen.
Eigentlich hatte sie keine Ahnung von Wein - ihr Gaumen entschied normaler Weise, ob ein Wein gut war oder nicht - doch heute Mittag hatte sie sich ausschließlich vom Preis für die Flasche leiten lassen. Als sie nun ihre Nase über das wunderschön geschliffene Glas hielt und tief den schweren, irgendwie angenehmen Duft des Weins einsog, schloss sie für einen Moment die Augen. Nobel geht die Welt zugrunde ging ihr in diesem Moment der alte Spruch ihrer Mutter durch den Kopf und tatsächlich zauberte dies ein leises Lächeln auf ihre feinen Gesichtszüge.
Das Lächeln hielt sich hartnäckig, während sie vorsichtig an dem Wein nippte, das samtige Gefühl auf ihrer Zunge genoss und dann fühlte, wie der teure Alkohol ihre Kehle hinab rann.
In diesem Moment genoss sie es tatsächlich alleine zu sein und damit diese letzten Momente so ausgiebig und ungestört auskosten zu können. In den vergangenen Monaten war das natürlich anders gewesen, doch die Gedanken an die Vergangenheit schüttelte sie sofort vehement ab. Nicht, dass sie irgendetwas an ihrem Vorhaben geändert hätten oder sie, Gott bewahre, von irgendetwas hätten abhalten können, aber sie hatte sich fest vorgenommen, mit einem Lächeln aus dieser Welt zu scheiden und das konnte sie vergessen, wenn sie jetzt an den Vorfall zurück dachte.
Look for me
The way you would if you were blind
Don't be so resistant
I've been known
To travel much too fast
Is that you in the distance?
Communicating thoughts of ways
To never have to speak again
Let me be the fire in your head
Nach einem weiteren Schluck stellte sie das Glas schließlich zu der Flasche auf den Nachtisch zurück und wandte sich wieder den Tablettenröhrchen zu. Nacheinander schraubte sie die weißen Deckel ab, entnahm aus jedem Röhrchen zehn Tabletten und gab diese in ein kleines, weißes Keramikschälchen. Als sie den kleinen, ebenfalls aus weißer Keramik bestehenden Mörser zur Hand nahm, war die Schale bis knapp an den Rand gefüllt. Das sollte wohl reichen.
Mit der Hingabe und Sorgfalt, die sonst wahrscheinlich nur ein Kokainabhängiger bei der Zerkleinerung seiner Drogen an den Tag legte, begann sie damit, die Tabletten in feines, weißes Pulver zu verwandeln. Leise sang sie dabei diesen wunderschönen Song mit, der für sie im Moment mehr Bedeutung hatte, als es sich sonst wohl irgendjemand vorstellen konnte.
Bring what's yours, I'll take what's mine
And meet you on the other side
We'll leave a sign so anyone can find us
A better place, a sweeter time
We won't need any wings to fly
A place beyond the sun
(Shinedown Beyond the Sun)
Als sie schließlich einen letzten, genauen Blick in das Schälchen warf und entschied, dass sie die Tabletten nun zu ihrer vollsten Zufriedenheit in Staub verwandelt hatte, verklangen die letzten Gitarrenklänge, eine kurze Phase der Stille kehrte ein, bevor sich die unverkennbare Musik von Placebo über den Raum legte und jeden Winkel des Zimmers und ihres Herzens zu fluten schien.
Ganz sicher war dies nicht unbedingt einer ihrer besten Songs, doch als Lacey ihren ganz persönlichen Soundtrack für den heutigen Abend auswählte, fand sie den Text doch äußerst passend. Mal ganz abgesehen davon, dass Brian Molkos Stimme immer das Gefühl in ihr auslöste, dass er sie bis in den letzten Winkel ihrer Gedanken verstand. Das konnte man jedenfalls von keiner, ansonsten auf diesem Planeten lebenden Person behaupten.
Come on, baby, come on, come on, darling,
Let me steal this moment from you now.
Come on angel, come on, come on, darling,
Let's exchange the experience
And if I only could,
Make a deal with God,
And get him to swap our places,
Be running up that road,
Be running up that hill,
With no problems.
(Placebo Running up that Hill)
Erneut nahm sie das gefüllte Glas vom Nachtisch und lauschte dem Song, während sie in langsamen Schlucken den Wein trank. Eine erneute Pause leitete zum nächsten Lied über. Erneut huschte ein Lächeln über ihr Gesicht als sie daran dachte, wie seltsam ihr Musikgeschmack doch war. Vielleicht drückte er sogar am besten die Zerrissenheit aus, mit der sie nun schon ihr ganzes Leben lang zu kämpfen hatte und die in den dunklen Stunden der letzten Monate noch beträchtlich zugenommen hatte.
This one's for the mothers who have lost a child
And this one's for the gypsies who've left their hearts behind
This is for the strangers sleeping in my heart
Who take what they want and leave while it's still dark
No one is glamorously lonely
All by themselves (all by themselves)
Shinedown, Placebo und jetzt die Backstreet Boys Rock, Alternativ, Pop. Für manche ganz sicher eine unmögliche Kombination.
Doch wenn die beiden erstgenannten ihren Sinn für Ästhetik, Dynamik und die dunkle Seite in ihr befriedigten, so wandte sie sich mit letzterem nun der Harmonie und letztendlich dem Frieden zu, den sie hoffte auf ihre ganz eigenen Art wieder zu finden.
Inzwischen hatte sie das Glas Wein vollständig geleert. Also goss sie erneut etwas von der rubinroten Flüssigkeit in ihr Glas, stellte dann die Flasche zurück auf den Nachtisch und nahm das Keramikschälchen auf. Mit einer gewissen Faszination sah sie dabei zu, wie das feine, weiße Gemisch aus den verschiedensten Psychopharmaka in ihr Glas rieselte. Der Wein begann zu prickeln und Blasen zu schlagen, als hätte sie ihm gerade etwas Mineralwasser beigemischt, und sie konnte erkennen, wie sich das Pulver am Grunde des Glases absetzte.
Doch damit hatte sie natürlich gerechnet. Mit dem kleinen, silbernen Kaffeelöffel, der ebenfalls vollkommen neu und unbenutzt war, rührte sie so lange und vorsichtig in ihrem Glas, bis sich auch der letzte Tablettenrest im Alkohol aufgelöst hatte.
This is a song for the unloved
This is the music for one last cry
This is a prayer that tomorrow will help me leave the past behind
It's a song for the unloved
Song for the unloved
(Backstreet Boys Song for the unloved)
Ein letztes Mal stellte sie das Glas beiseite, räumte die nun annähernd leeren Plastikröhrchen zurück in ihren Kulturbeutel und verstaute diesen wieder in ihrem Seesack. Die Keramikschale und den Mörser packte sie gleich daneben, vergewisserte sich noch einmal mit einem Rundblick, dass das Zimmer aufgeräumt und ordentlich war und warf dann noch einen letzten, prüfenden Blick in den Spiegel. Sie wollte wunderschön und glücklich aussehen, wenn man sie fand. Zumindest das war sie den Menschen schuldig, die sich bald mit ihrem frühzeitigen Ableben auseinander setzen mussten.
Schließlich blieb ihr nichts mehr weiter zu tun. Die Punkte auf ihrer Liste waren - bis auf den letzten natürlich - allesamt abgehakt und ihr großer Moment stand nun unmittelbar bevor.
Natürlich hatte sie sich in den letzten Tagen immer wieder gefragt, wie sie sich wohl fühlen würde, wenn sie endlich an diesem Punkt angekommen war. Irgendwie hatte sie Angst gehabt, dass sie im letzten Moment noch Zweifel überkommen könnten. Oder, was wahrscheinlich noch schlimmer gewesen wäre, sie tatsächlich ein letzter Rest Angst vor dem Tod von ihrem Vorhaben hätte abbringen können. Doch glücklicher Weise fühlte sie einfach nur eine unglaubliche Ruhe in sich und so etwas wie ... nun ja ... Vorfreude.
Der Tod, das hatten leider bisher die wenigsten verstanden, war nichts, vor dem man sich fürchten musste. Ganz im Gegenteil. Wenn man sich auf den Tod einließ, so wie sie es letztendlich tat, half es dabei, das Leben wieder in helleren Farben zu sehen und ihn als Übergang in eine bessere Welt zu begreifen. Heute würde ihre Vergangenheit endlich enden und sich die Zukunft vor ihr auftun.
Sie glaubte nicht an Himmel und Hölle, nicht an Gott oder den Teufel oder an solch absurde Dinge wie Wiedergeburt, Reinkarnation oder sonst irgendeinen Schwachsinn. Sie würde einfach aufhören zu existieren und damit würde auch ihre Schuld, die Trauer und der Hass dahin schmelzen, bis nichts mehr davon übrig war. Ein schönes Gefühl.
Also glättete sie mit einigen resoluten Handstrichen die Tagesdecke, ließ sich dann auf der Bettkante nieder und griff nach dem Weinglas auf dem Nachttisch. Wenn man ganz genau hinsah, konnte man einen letzten Rest des Tablettencocktails auf dem Grund erkennen, aber das war wahrscheinlich nicht zu ändern.
Sie hob das Glas, schloss für einen Moment die Augen und murmelte auf euch drei. Ich liebe euch.
Ein letztes Mal atmete Lacey tief ein und führte dann mit ruhiger Hand das Glas an ihre Lippen.
Und dann geschah etwas, was sie in ihrem Plan leider nicht berücksichtigt hatte: Es klopfte laut und nachdrücklich an ihre Zimmertür.