Kapitel 3
Die Fahrt nach Hause schien Ewigkeiten zu dauern. Obwohl er das Letzte aus der Starshine und danach aus seinem Mercedes Coupè holte, benötigte er ganze drei Stunden bis er die Haustür aufschließen konnte. Für den Bruchteil einer Sekunde schoss ihm dabei der Gedanke durch den Kopf, dass heute nicht wie sonst ein hübsches Mädchen dahinter auf ihn wartete, sondern dass er alleine und verlassen und noch vor ein paar Stunden darüber sehr traurig gewesen war. Doch die unangenehmen Bilder wurden sofort von dem Gedanken an das Abenteuer beiseite gewischt, das so unverhofft in Form einer Flaschenpost in sein Leben getreten war.
Seinen Rucksack ließ er unbeachtet direkt hinter der Tür neben die, unter den unzähligen Jacken und Mänteln kaum noch zu erkennende Garderobe fallen, auf dem Weg durch den lang gezogenen Flur entledigte er sich seiner Schuhe und schaltete dann in seinem Arbeitszimmer den Computer ein.
Während dieser hochfuhr, was heute doppelt so lange zu dauern schien wie sonst, holte er sich aus dem Kühlschrank seiner, von der Putzfrau gerade heute morgen blitzblank geputzten Küche, ein eiskaltes Bier und ließ sich während des ersten Schlucks auf den ausladenden Ledersessel vor seinem Schreibtisch fallen.
Seine Haut spannte unangenehm von dem Salzwasser und der vielen Sonne, der sie heute ausgesetzt gewesen war, sein Haar stand ihm in allen Himmelsrichtungen vom Kopf ab und er konnte ganz schwach den Geruch nach Meer und Algen an sich riechen. Doch jetzt zu duschen brachte er einfach nicht über sich. Gerade als sich der Computer mit einem leisen Ping betriebsbereit meldete fiel ihm ein, dass er das Wichtigste vergessen hatte.
Also hastete er noch einmal zurück zu seinem Rucksack und zog die Einladung zum Game of Life aus der vorderen Tasche. Gleich darauf saß er erneut vor dem erwartungsvoll leuchtenden Bildschirm.
Während er einen weiteren Schluck aus der Bierflasche nahm, klickte er die Seite von Google an und verharrte dann einen Moment mit klammen Fingern auf der Tastatur. Wie viele Paradise Motels gab es wohl in den gesamten USA? Sicherlich unglaublich viele und garantiert konnte er gar nicht so alt werden um diese alle abzufahren.
Vielleicht sollte er die Suche also gleich eingrenzen. Somit gab er als erstes Paradise Motel USA Ostküste ein. Nach nicht einmal zwei Sekunden zeigte ihm die Internetseite ganze zehn Seiten mit Treffern an. Nicht gut.
Als nächstes setzte er Florida hinzu und als die Trefferquote immer noch nicht nennenswert absank, versuchte er es schließlich noch mit dem Hinweis Orlando.
Innerhalb von einer halben Stunde klickte er sich durch für ihn vollkommen nutzlose Informationen von Sehenswürdigen rund um seine Heimatstadt, Hotels und Lodges, die seltsamer Weise trotz seiner doch wirklich sehr spezifischen Suchworte angezeigt wurden und kritzelte schließlich drei Adressen von Paradise Motels auf einen kleinen Block neben der Tastatur.
Drei Motels, alleine im Umkreis von Orlando. Irgendwie bremste dies seinen Enthusiasmus um einiges. Hätte dieses blöde G-o-L Komitee nicht wenigstens einen Ortsnamen dazu notieren können? Oder am besten gleich die ganze Adresse aufschreiben. Es konnte doch denen auch nicht recht sein, wenn er erst einmal zu einer falschen Adresse fuhr. Mal ganz abgesehen davon, dass sie diese verflixte Flasche durchaus auch in der Nähe von New York, Washington oder Atlanta hätten ins Meer werfen können und er somit an der komplett falschen Stelle suchte.
Oder meldete sich eine hämische Stimme in seinem Kopf das Spiel existiert gar nicht und irgendjemand lacht sich jetzt über dich und deine kläglichen Versuche kaputt.
Enttäuschung machte sich in ihm breit, während er auf die drei Adressen in seiner krakeligen Handschrift hinunter sah. Vielleicht war es doch besser den Brief wieder in die Flasche zu stecken und ihn dem Meer zurück zu geben. Sollte sich doch jemand anderes mit den halbgaren Hinweisen dieses Spiels auseinander setzen.
Als er die Bierflasche erneut zum Mund führte, stellte er genervt fest, dass diese leer war. Während er also zurück in die Küche schlurfte, die leere Flasche neben dem Spülbecken abstellte und die Kühlschranktür öffnete, überlegte er, was er nun tun sollte.
Im Grunde gab es nur zwei Möglichkeiten.
Möglichkeit eins: Er machte sich auf den Weg und fuhr jedes der drei Motels ab in der Hoffnung, in irgendeinem der drei Zimmer mit der Nummer 13 einen weiteren Hinweis auf das Spiel zu finden.
Möglichkeit zwei: Er warf die Flasche gleich zurück ins Meer, verbannte damit alle Gedanken an das Game of Life und die ihm somit entgangene, aufregende Erfahrung aus seinem Kopf und widmete sich wieder seinem öden, sinnentleerten Leben.
Selbst ihm wurde dabei recht schnell klar, dass Möglichkeit zwei alles andere als erstrebenswert war. Mit der noch verschlossenen Bierflasche in der Hand lehnte er an der Granitarbeitsplatte und starrte zu der Küchenuhr an der Wand hinauf. Wenn er sich ranhielt, hatte er noch gute vier Stunden, bis es dunkel wurde.
Dann fahre ich eben sinnlos durch die Gegend, sagte er laut in die Stille der Küche hinein. Immer noch besser als hier herum zu hocken und nicht zu wissen, was ich mit meiner Zeit anfangen soll, oder? Und nach einer kurzen Pause fügte er ein nachdrückliches Genau! hinzu.
Die Bierflasche wanderte ungeöffnet zurück in den Kühlschrank, danach machte er sich mit federnden Schritten auf den Weg ins Badezimmer um zu duschen und sich für die bevorstehende Erkundungstour vorzubereiten.
Und wenn er in den drei Motels nichts fand, konnte er immer noch aufgeben. Wobei er sich gerade im Moment nicht ganz sicher war, ob er das dann tatsächlich noch konnte. Wahrscheinlicher war eher, dass er die nächsten Wochen durch das halbe Land fuhr, nur um das erwähnte Paradise Motel zu finden, das sich bei seinem Glück wahrscheinlich in Grönland oder Timbuktu befand oder gar nicht existierte.