Kapitel 2
Nachdem Nick noch eine ganze Weile auf das Wasser gestarrt und dabei festgestellt hatte, dass das Funkeln zu weit entfernt war um einfach ins Wasser zu springen und hin schwimmen zu können, hatte er den Anker gelichtet und die Motoren der Starshine angeworfen. Gemächlich tuckerte er nun durch die sanften Wellen. Der Wind blies ihm dabei das blonde Haar aus dem Gesicht, sein erhitzter Körper kühlte langsam wieder auf ein angenehmes Maß ab und seine Hände lagen locker um das Steuerrad aus dunklem Ebenholz.
Seine Augen suchten aufmerksam den Horizont ab, doch das Blitzen wiederholte sich nicht. Scheinbar war es nur in einem bestimmten Winkel und an einem bestimmten Ort zu sehen. Gerade als er begann sich damit abzufinden, dass er den Ursprung des verheißungsvollen Leuchtens nicht wieder finden würde, weil der Ozean vor ihm einfach zu groß und unübersichtlich war, blendete ihn das Funkeln erneut.
Sein Herz machte augenblicklich einen erfreuten Hüpfer in seiner Brust und seine Hände korrigierten den Kurs des Bootes ganz automatisch, bevor er die Motoren drosselte und sie schließlich wieder ganz abstellte. Sofort legte sich eine wohltuende Ruhe über das Meer, die lediglich von dem sanften Rauschen des Windes unterbrochen wurde.
Während er das sanfte Schaukeln der Planken unter seinen nackten Füßen spürte, glitt das Boot lautlos über die Wellen dahin und näherte sich damit immer weiter dem Ursprung des gleißenden Lichtes. Als er der Meinung war, die restliche Strecke nun alleine zurücklegen zu können, löste er mit einem Knopfdruck die Verriegelung des Ankers und mit einem lauten Rasseln rauschte gleich darauf die dicke Stahlkette in die Tiefe. Er vergewisserte sich, dass der Anker auch auf Grund getroffen war und dass somit das Boot fest verankert in den Wellen schaukelte und nicht davon driften konnte während er sich im Wasser befand, dann lief er aufgeregt und mit klopfendem Herzen nach hinten zum Heck des Schiffes.
Ihm war dabei durchaus bewusst, dass er diesen ganzen Aufwand womöglich nur für irgendwelchen Müll veranstaltete, den einer der Touristen ins Meer geworfen hatte, oder, noch schlimmer, er lediglich einer Spiegelung der Sonne auf den Wellen aufgesessen war. Und trotzdem fühlte er sich wie ein Entdecker auf Schatzsuche.
Seine Magenwände kribbelten vor Aufregung, als er die kleine Tür in der Reling öffnete und hinaus auf die schmale Plattform trat, an der eine Aluminiumleiter hinunter ins Wasser führte. Noch einmal überprüfte er die Position des seltsamen Funkelns, das inzwischen um einiges näher und damit gut zu erkennen war, dann stieß er sich vom Boot ab und hechtete mit einem gekonnten, kraftvollen Sprung ins Wasser.
Als die Wellen über ihm zusammenschlugen und sein Körper von der plötzlichen Kälte des Wassers augenblicklich überall zu prickeln begann, fühlte er, wie eine ordentliche Portion Glückshormone in seinem Körper ausgeschüttet wurde. Nick Carter und der Ozean waren schon immer untrennbar miteinander verbunden, Nichts und Niemand vermittelten ihm ein solch mächtiges Gefühl von Freiheit, und nachdem er jetzt auch noch den letzten, festen Grund unter den Füßen in Form der Starshine hinter sich gelassen hatte, wurde dieses Gefühl noch um einiges verstärkt.
Prustend tauchte er wieder an die Oberfläche, strich sich mit einer schnellen Handbewegung das tropfende Haar aus dem Gesicht und begann dann mit kräftigen, langsamen Stößen auf sein Ziel zu zu schwimmen. Mit jedem Zug den er machte, konnte er mehr von dem erkennen, was da so unschuldig auf den Wellen dahin schaukelte und ihn wie mit einem Spiegel geblendet hatte.
Zu erst war da nur der verschwommene Umriss von Irgendetwas, dann erhielt das Ganze langsam Konturen und als er nur noch einige wenige Schwimmstöße davon entfernt war, konnte er den Hals einer grünen Flasche erkennen, der von einem Korken verschlossen wurde.
Er wendete mit einem kurzen, kraftvollen Schlag seiner Beine und trieb die schwimmende Flasche dann mit jedem rudernden Stoß seiner Arme vor sich her, immer weiter auf das Boot zu. Als er schließlich die Metallleiter erreicht hatte, fühlte er sich ein wenig außer Puste und nachdem er die Flasche unter einiger Anstrengung auf das Podest über sich abgestellt hatte, zog er sich mit gefährlich zitternden Armen und Beinen selbst wieder hinauf auf die rettende Plattform.
Mann, Mann, Mann. Er musste dringend etwas für seine Fitness und Kondition tun. So viel war sicher.
Ohne näher hinzusehen griff er nach dem Flaschenhals und schob sich schwer atmend an der Längsseite des Bootes entlang, wieder nach vorne an die Bugspitze. Vorsichtig stellte er die Flasche dort ab, wobei er sich auch jetzt noch weigerte, sie sich genauer anzusehen, weil er die Vorfreude noch ein wenig genießen wollte. Höchstwahrscheinlich befand sich sowieso überhaupt nichts darin. Vielleicht auch einfach nur ein ekelhafter Rest von irgendeiner Flüssigkeit oder stinknormales Meerwasser, und die ganze Aktion hatte ihm nicht mehr eingebracht, als ein erfrischendes Bad im Ozean. Aber daran wollte er jetzt erst einmal nicht denken.
Er griff sich das blaue Handtuch, das bis eben am Boden neben seiner Wasserflasche gelegen hatte, rubbelte sich über das Haar und trocknete dann notdürftig seinen Körper ab. Danach breitete er das Handtuch auf den warmen Holzbohlen aus und ließ sich gleich darauf wenig elegant darauf plumpsen.
Seine Shorts klebten an seinen Beinen und das salzige Meerwasser hatte ihn durstig gemacht. Während er also einen kräftigen Schluck von seinem Wasser nahm und dabei an seinen Hosenbeinen herumzupfte, schielte er das erste Mal ganz bewusst und äußerst angespannt auf die Glasflasche neben sich hinunter.
Sie sah aus, wie jede x-beliebige Weinflasche, allerdings ohne Etikett. Wahrscheinlich hatte sich dieses irgendwann dem aggressiven Salzwasser geschlagen geben müssen. Der gerade, schmale Körper verschlankte sich zu einem ebenfalls geraden Hals. Der hellbraune Korken war tief in die Flaschenöffnung hinein gedrückt worden und schien zudem mit irgendeiner Substanz beschmiert zu sein. Durch das dunkelgrüne Glas hindurch konnte er kaum etwas erkennen, doch es schien ihm so, als befände sich tatsächlich mehr darin als nur ein letzter, abgestandener Weinrest.
Entschlossen stellte er also schließlich seine Wasserflasche ab und griff sich die Glasflasche. Als er sie sich ganz dicht vor die Augen hielt, war er sich augenblicklich sicher. Irgendetwas Längliches befand sich darin und sein Herz trommelte bei dieser Erkenntnis aufgeregt gegen seinen Brustkorb. Sollte er tatsächlich so etwas wie eine Flaschenpost gefunden haben? Das wäre ja wohl der Hit!
Sofort machte er sich an dem Korken zu schaffen, doch dieser saß so fest und war zudem mit einer wachsartigen Masse versiegelt worden, so dass er mit seinen bloßen Händen überhaupt nichts ausrichten konnte. Er benötigte lediglich zwei Minuten, um hinunter in die kleine Küche zu flitzen und mit einem Korkenzieher wieder zurück zu hasten. Seine vor Aufregung zitternden Hände schafften es kaum, den Korkenzieher in den Korken zu drehen, doch schließlich stand er aufrecht, hatte die Flasche zwischen seine nackten Füße geklemmt und zog und zerrte an dem verflixten Korken, bis seine Arme zu schmerzen begannen und sein Gesicht vor Anstrengung feuerrot angelaufen war.
Jetzt komm schon, murmelte er zwischen seinen zusammengebissen Zähnen hindurch und als hätte ihn irgendeine höhere Macht gehört, löste sich der Korken in diesem Moment mit einem satten, lauten Plop aus der Flasche.
Yeah Baby! rief Nick triumphierend, ließ den Korkenzieher mit dem Korken daran achtlos zu Boden fallen und hockte sich dann wieder im Schneidersitz auf sein Handtuch.
Er drehte die Flasche auf den Kopf und schüttelte sie, doch der Inhalt wollte nicht so recht wie er wollte. Eine ganze Weile pulte er mit seinem Finger in dem schmalen Flaschenhals herum und dachte dabei beklommen, dass es zu seinem derzeitigen Pech wirklich gut passen würde, wenn er jetzt auch noch mit seinem Finger darin stecken blieb. Doch nichts dergleichen passierte.
Stattdessen bekam er schließlich ein Fitzelchen von etwas zu fassen, das sich wie eine Plastiktüte anfühlte und nach einigem Hin und Her schaffte er es schließlich, ein längliches, zusammengerolltes Etwas aus der Flasche hervor zu ziehen. Die Flasche immer noch in seinem Schoß entrollte er das durchsichtige Plastik und konnte es kaum glauben, als darin tatsächlich ein Stück Papier zum Vorschein kam.
Ill send an S.O.S to the world, begann er leise zu singen. Ill send an S.O.S to the world, I hope that someone gets my
I hope that someone gets my
I hope that someone gets my Message in a bottle, yeahhhh.
Vorsichtig schälte er das Papier aus der Plastikummantelung und hielt schließlich einen waschechten Brief in den Händen. Die Schrift war geschwungen, die einzelnen Buchstaben gerade richtig nicht zu groß und nicht zu klein - und füllten die gesamte Seite aus. Scheinbar hatten die Plastiktüte und der mit Wachs versiegelte Korken seine Wirkung getan, denn die Tinte war an keiner einzigen Stelle verwischt oder unleserlich.
Nick beugte sich noch etwas tiefer über das Schriftstück und begann aufgeregt zu lesen, während er gleichzeitig ein wenig traurig darüber war, dass er die Geschichte über seinen genialen Fund im Moment mit niemandem teilen konnte.
An den Finder dieser Flaschenpost
Empfinden Sie ihr Leben bisweilen auch als zu langweilig?
Jeder Tag scheint exakt nach dem gleichen Schema abzulaufen, Sie erleben die gleichen Dinge, treffen die gleichen Menschen und haben die immer gleich bleibenden Probleme?
Stress auf der Arbeit und damit keine Zeit für die wirklich wichtigen und angenehmen Dinge des Lebens?
Streit mit dem Partner, der Familie oder den Freunden?
Sie fühlen sich alleingelassen und unverstanden?
Wenn Sie drei dieser Fragen mit einem klaren Ja beantworten können, halten Sie hiermit die Möglichkeit in Händen, Ihr Leben zu ändern.
Herzlichen Glückwunsch und willkommen zum Game of Life.
Dies ist das Ticket für eine einmalige Reise. Eine Reise in die verborgensten Winkel dieses Landes und eine Reise in ihr eigenes Ich, das sich sind wir einmal ehrlich - schon seit langem mehr vom Leben erwartet.
Überlegen Sie nicht lange und greifen Sie zu. Und keine Angst: Die einzige Verpflichtung, die Sie hiermit eingehen, ist, sich ein paar Tage Ihrer kostbaren Lebenszeit für dieses Spiel zu nehmen. Kein Vertrag, keine Hintergedanken einfach ein bisschen Spaß und dem Alltag entfliehen.
Also entscheiden Sie sich jetzt: Stecken Sie diesen Brief zurück in die Flasche, werfen Sie sie wieder ins Meer und geben damit einem Anderen die Chance an diesem Spiel teilzunehmen, oder begeben Sie sich zum Paradise Motel, Zimmer No. 13. Dort finden Sie die nächsten Hinweise für Ihre Reise.
Mit freundlichen Grüßen
Das G-o-L Komitee
Mit gerunzelter Stirn ließ Nick den Brief sinken und sah blinzelnd hinaus aufs Wasser. Sein Herz schlug viel zu schnell in seiner Brust und in seinen Fingerspitzen kribbelte es unangenehm.
Ein Spiel des Lebens. Wie seltsam. Und noch dazu in einer Flaschenpost. Außerdem klang der Text wie ein billiges Werbeprospekt für eine Last-Minute-Reise.
Noch einmal laß er die Fragen am Anfang des Briefes.
Empfinden Sie ihr Leben bisweilen auch als zu langweilig? Nun ja ... wie auf Kommando drehte er sich herum und warf einen ausgiebigen Blick über sein Boot. Ja, Langeweile traf es wohl ganz gut.
Jeder Tag scheint exakt nach dem gleichen Schema abzulaufen, Sie erleben die gleichen Dinge, treffen die gleichen Menschen und haben die immer gleich bleibenden Probleme? Das wohl eher nicht. Wenn das Leben eines Popstars nicht aufregend und abwechslungsreich war, wusste er aber auch nicht.
Stress auf der Arbeit und damit keine Zeit für die wirklich wichtigen und angenehmen Dinge des Lebens? Im Moment konnte man davon wohl auch nicht sprechen, aber gelegentlich hatte er sich unterwegs, wenn sie mal wieder stundenlang in einem der, trotz ihrer Größe viel zu engen Tourbusse befanden gefragt, warum er sich diesen Stress eigentlich antat. Er wertete das zumindest als halbes Ja.
Streit mit dem Partner, der Familie oder den Freunden? Ha! Hier konnte er zumindest zwei der drei Punkte mit einem definitiven und klaren Ja beantworten.
Sie fühlen sich alleingelassen und unverstanden? Ja, ja, ja. Ganz klar und eindeutig.
Somit kam er auf erstaunliche sechseinhalb Jas, was, wie er fand, gar kein schlechter Schnitt war.
Und auch wenn dieses Schreiben doch mehr als merkwürdig anmutete ... nun ja ... ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht und weitete sich nach und nach zu einem breiten Grinsen aus, während er immer wieder den Kopf schüttelte ... mit ihm war auf jeden Fall jemand auf dieses Spiel gestoßen, der im Moment jede Menge Zeit, genug Geld und die gehörige Portion Abenteuerlust für diese Unternehmung vorzuweisen hatte. Game of Life ... eigentlich hatte dieser Gedanke schwer was für sich. Er hätte damit zumindest irgendetwas zu tun und er musste sich dabei nicht all zu sehr mit seinen eigenen Problemen beschäftigen.
Andererseits war es natürlich durchaus möglich, dass sich hier Jemand lediglich einen albernen Scherz erlaubte. Eigentlich war es doch vollkommener Blödsinn, dass es so etwas wie ein G-o-L Komitee tatsächlich gab. Er stellte sich vor, wie ein paar Kinder oder Jugendliche einen halben Tag damit verbrachten, sich diesen haarsträubenden Brief aus den Fingern zu saugen und danach fröhlich kichernd das Schreiben in die Flasche und diese dann ins Meer geworfen hatten. Er sollte sich wohl nichts vormachen: Dass dieses Spiel tatsächlich einen reellen Hintergrund hatte war absolut unwahrscheinlich.
Aber wenn doch ... könnte er durchaus seinen Spaß damit haben.
Ja, irgendwie gefiel ihm das. Entschlossen schob er also alle negativen Gedanken und Bedenken beiseite und konzentrierte sich wieder auf das Blatt Papier in seinen Händen. Noch einmal las er den Brief ganz genau, achtete auf jeden, eventuell versteckten Hinweis und starrte dann die leere Flasche an.
Tut mir leid, murmelte er dann. Ich hätte ja gerne jemand anderem die Chance gegeben, sich auf große Abenteuerfahrt zu begeben, aber ich glaube, in diesem Fall mache ich das mal schön selbst.
Gott, es tat so gut wieder eine Beschäftigung und ein Ziel vor Augen zu haben. Ja, das gefiel ihm. Das gefiel ihm sogar sehr. Natürlich.