Kapitel 1

Wie eine strahlend weiße Insel schaukelte das Boot in den Wellen des Atlantiks. Die Sonne brach sich millionenfach auf dem Wasser, ein sanfter Wind wehte vom offenen Meer herein und vertrieb damit die unerträgliche Hitze des vergangenen Tages und ein paar Möwen kreisten in der Nähe auf der Suche nach einem schmackhaften Nachmittagssnack.
Nick Carter saß am Bug, ließ die Beine über den Rand des Schiffes baumeln und hatte die Arme auf der Reling verschränkt. Seine azurblauen Augen wanderten träge über die weit entfernte, gerade Linie des Horizonts und er unterdrückte ein Seufzen.
So friedlich wie die See im Moment war, sah es leider nicht in ihm aus und auch dieser Ausflug hatte daran nur unwesentlich etwas ändern können. Heute Morgen hatte er das noch für eine gute Idee gehalten: Ein paar Sachen packen, zum Hafen fahren und sein Boot, die Starshine, endlich mal wieder aufs offene Wasser hinauslenken. Irgendwie hatte er gehofft, dass er damit all seine Probleme an Land zurück lassen könnte und dass der Schmerz in seinem Herzen auf ein erträgliches Maß zusammen schrumpfen würde.
Doch – natürlich - war dem nicht so. Zum einen, und das wurde ihm eigentlich schon klar, kurz nachdem er die Kaimauern des Hafens hinter sich gelassen hatte, fehlte ihm Gesellschaft. Jemand, der seine rasenden Gedanken übertönen und ihn davon ablenken konnte. Zum anderen war es - natürlich - lächerlich zu glauben, dass lediglich ein bißchen Entfernung zum Festland an seiner Situation etwas ändern könnte. Vor sich selbst konnte man – natürlich - nicht davon laufen.
Er seufzte nun doch, schloss für einen Moment die Augen, fühlte den warmen, weichen Wind auf seinem Gesicht und ließ sich dann langsam nach hinten auf die warmen Holzdielen des Schiffs sinken. Er hielt die Augen weiterhin geschlossen, während die Sonne kleine, tanzende Punkte auf seine Netzhaut zauberte, und dachte noch einmal zurück an die letzten drei Wochen.
Angefangen hatte eigentlich alles mit dem Ende der Tour. Sieben Monate waren er und seine Freunde von der Band durch die halbe Welt gereist, hatten Konzerte vor ausverkauften Häusern und auch nur halbgefüllten Hallen gegeben, waren von Termin zu Termin gehetzt, hatten neue Erfahrungen und Eindrücke gesammelt, neue Bekanntschaften geschlossen, ihre Musik gelebt und sich damit für eine ziemlich lange Zeit in einer Art Paralleluniversum befunden.
Dann war er wieder nach Hause zurückgekehrt und hatte eigentlich angenommen, dass er sich damit wieder in die reale Welt begab. Zu Hause, das hatte er in den sieben Monaten schwer vermisst. Nicht nur sein Haus, das Meer oder Florida, sondern auch die Menschen, die dort auf ihn warteten.
Für gewöhnlich benötigte er drei bis vier Wochen um wieder in der Realität anzukommen, eine Realität, in der er morgens nicht von einem der Crewmitglieder oder der Rezeption eines Hotels geweckt wurde, in der er selbst zusehen musste, wie er etwas zu essen bekam und dass seine Wäsche gewaschen wurde und in der er sich seine Zeit selbst und völlig frei einteilen konnte.
Tja, und dann hatte ihn die Realität in nicht einmal drei Tagen eingeholt. So lange hatte seine Freundin nämlich gebraucht um ihm zum einen mitzuteilen, dass sie ihn nicht mehr liebte und zum anderen, aus dem gemeinsamen Haus auszuziehen.
Es schmerzte – natürlich - aber im Stillen hatte er ihr zustimmen müssen. Irgendwie hatten sie sich in diesen sieben Monaten so weit voneinander entfernt, dass er bei ihrer ersten Umarmung nach seiner Rückkehr ein ganz seltsames Gefühl in der Magengegend gespürt hatte. Noch eine ganze Weile nachdem sie die Schränke ausgeräumt und ein paar wenige Möbel mitgenommen hatte, grübelte er darüber nach, ob er einfach gespürt hatte, dass sie innerlich nicht mehr an seiner Seite war, oder ob er sich gedanklich und gefühlsmäßig in diesen sieben Monaten bereits von ihr entfernt hatte.
Er war – natürlich - zu keinem befriedigenden Ergebnis gekommen. Wahrscheinlich war es eine Mischung aus Beidem. Was es irgendwie nicht wirklich besser machte.
Als nächstes hatte er sich mit zwei seiner vier Geschwister getroffen. Seine Schwester Angel, die endlich nach langer Zeit einen waschechten Modelvertrag in der Tasche hatte und sein Bruder Aaron, der ebenfalls eine Gesangskarriere vorzuweisen hatte, die allerdings schon eine ganze Weile zurücklag.
Eigentlich wollten sie ihr Wiedersehen ausgiebig feiern, stattdessen hatten sie sich die ganze Zeit nur gestritten. Nick hatte versucht seinem Bruder klar zu machen, dass er endlich etwas auf die Beine stellen musste, wenn er nicht ewig in einem kleinen Studio hocken und Beats produzieren wollte, die sowieso niemals jemand zu hören bekam. Aber damit stieß er bei Aaron – natürlich – auf taube Ohren. Wie immer war das Ganze in eine Diskussion ausgeartet, wer über wessen Leben bestimmte und wer sich in dieses Leben des anderen einmischen durfte und Angel hatte zu guter letzt auch noch Aarons Partei ergriffen.
Als Nick an diesem Abend nach Hause kam, hatte ihm Aaron lautstark erklärt, dass er ihn auch die nächsten sieben Monate weder hören noch sehen wollte und er auch nichts dagegen hätte, wenn Nick in dieser Zeit einfach tot umfiele. Auch das schmerzte – natürlich – und machte seine momentane Situation nicht gerade besser.
Und zu guter Letzt hatte er jetzt drei Wochen vergeblich versucht, seinen besten Freund Chris zu erreichen. Irgendwie war dieser auf einem Surftrip, an einem nicht näher bezeichneten Ort, mit einem Großteil ihrer gemeinsamen Freunde und ohne dabei auch nur einen Gedanken an den sich zu Hause – natürlich - tödlich langweilenden Nick zu verschwenden.
So sah das angeblich so erstrebenswerte Leben eines waschechten Popstars also aus: Freundin weg, mit der Familie verkracht, der beste Freund nicht zu erreichen und keine Aufgabe, nachdem er die letzten eineinhalb Jahre ununterbrochen mit dem neuen Album, der Tour und dem ganzen anderen Firlefanz drumherum beschäftigt gewesen war. Prima!
Wieder seufzte er, ließ dabei seine Hand über seinen von der Sonne aufgewärmten Brustkorb wandern und fragte sich, was er die kommenden Wochen oder vielleicht auch Monate tun sollte.
Er könnte sich wieder in die Musik stürzen, an einem Soloalbum arbeiten ... aber irgendwie hatte er darauf gerade im Moment nicht die geringste Lust. Die Musik hatte jetzt so lange sein Leben bestimmt, dass er unbedingt wieder etwas Abstand von ihr benötigte, um sich hinterher wieder mit Feuereifer hineinstürzen zu können.
Er könnte sich ja einen Job suchen. Nur so zum Spaß.
Er kicherte leise. Eher würde die Welt untergehen, als dass er sich einem geregelten Acht-Stunden-Tag unterwarf.
Also Party? War das die einzige Alternative? Raus aus der Eintönigkeit seines zu Hauses, neue Leute kennen lernen, neue Beziehungen knüpfen? Das hatte ja bisher auch nicht wirklich funktioniert, wie ihm gerade jetzt sehr schmerzhaft vor Augen geführt wurde. Außerdem fehlten ihm dafür im Moment sowohl der richtige Wille, die passende Einstellung und die nötige Energie.
Er könnte etwas Verrücktes tun.
Ein breites Grinsen legte sich bei diesem Gedanken auf sein Gesicht. Eigentlich war das seine Spezialität. Wenn man sich bereits in einer verrückten Welt befand, fielen die Aktionen und Dummheiten, die man sich ausdachte, immer etwas größer aus. Doch das Grinsen erlosch genau so schnell wieder, wie es gekommen war. Es machte einfach keinen Spaß etwas Verrücktes zu tun, ohne dass jemand dabei war, der es mit einem teilte.
Plötzlich fühlte er die Leere, die momentan in ihm und seinem Leben herrschte, ganz deutlich. Sein Kopf war wie ein schwarzes Vakuum, dafür war sein Herz angefüllt mit Millionen kleiner Splitter, die ihn langsam ausbluten ließen und seine Gliedmaßen schienen plötzlich eine Tonne zu wiegen und nicht mehr wirklich zu ihm zu gehören.
Er war nutzlos – natürlich.
Der große Nick Carter, Teenieschwarm Nummer eins, strahlender Popstar mit Millionen von Dollars auf der Bank - nutzlos und im Moment mehr als überflüssig.
Er seufzte erneut. Laut und anhaltend. Dann noch einmal und noch etwas lauter. Dann begann er ein bisschen zu schreien. Einfach nur so zum Spaß. Erst leise, dann lauter und zum Schluß saß er aufrecht am Bug seines tollen, ebenfalls nutzlosen Bootes und schrie sich die Seele aus dem Leib. Einfach, weil ihn erstens sowieso niemand hören konnte, zweitens ihm gerade danach war und drittens es sowieso für den Lauf der Welt egal war, was er tat oder nicht tat.
Auf dem Höhepunkt seines tatsächlich gewaltigen Schreis, der seine Stimmbänder bis kurz vorm Zerreißen anspannte und der ihm irgendwie wieder ein bisschen seiner Lebendigkeit zurück gab, wurde er von etwas geblendet. Das Blitzen hielt nur den Bruchteil einer Sekunde an, stach ihm schmerzhaft in die Augen und hinterließ tanzende Punkte in seinem Blickfeld. Sein Schrei erstarb nach und nach, bis er schließlich wieder ruhig an der Bugspitze saß und auf das Wasser starrte.
Interessiert hielt er nach der Ursache dieses gleißenden Lichts Ausschau, während er nach der Wasserflasche neben sich tastete, um seinen rauen Hals wieder etwas zu beruhigen.
Er nahm gerade einen kräftigen Schluck, als es erneut irgendwo vor ihm auf dem Wasser aufblitzte. Sein Interesse war geweckt und ihm war – natürlich – klar, dass ihn dieses Blitzen in jeder anderen Situation vollkommen kalt gelassen hätte. Doch heute ... heute war alles anders. Da kam ihm sogar ein reflektierter Sonnenstrahl wie ein großes Abenteuer vor. Natürlich.

Kapitel 2