Kapitel 40

Das letzte, was Rachel noch bewußt mitbekam, waren AJs Lippen auf ihren und dann sein tränenüberströmtes Gesicht, das sich dicht über ihrem befand.
Dann verließ sie ihren Körper, ließ ihre sterbliche Hülle in seinen Armen zurück, verabschiedete sich mit einem stummen Gruß von den anderen vier Jungs, die dicht zusammen gedrängt und vollkommen fassungslos um sie herum standen und wandte sich dann ihrer neuen Bestimmung zu.
Sie fühlte, wie die Liebe zu AJ in ihrem Herzen versiegelt wurde und sich somit zu einem Teil ihrer Seele wandelte, die sich nun ihrem neuen Bestimmungsort näherte. Sie fühlte, wie sie herum gewirbelt wurde, fühlte unsichtbare Kräfte, die an ihr zogen und zerrten und schloss die Augen. Sie begab sich nun in die Hände einer anderen, weit mächtigeren Macht und sie war bereit für alles, was nun auf sie zukommen mochte.
Es schien eine ganze Weile vergangen zu sein, denn als sie die Augen wieder aufschlug, fühlte sie unter sich warmes, weiches Gras und über ihr spannte sich ein Himmel von so stechendem Blau, das sie für einen Moment überwältigt blinzeln mußte.
Ganz langsam richtete sie sich auf. Sie kannte diesen Ort, auch wenn er in ihrer Erinnerung etwas verblasst zu sein schien. Der See erstreckte sich vor ihr bis zum Horizont, vor dem sich die schroffe Silhouette einer massiven Bergkette abhob. Hohes Schilf und Sumpfgras wuchsen am Ufer. Etwas weiter zurück gesetzt standen Bäume und Büsche, die sich in dem klaren Wasser spiegelten.
Vorsichtig krabbelte sie etwas näher an den Rand des Sees heran und blieb schließlich auf den Knien davor sitzen. Langsam schob sie ihr Gesicht über das Wasser. Kleine Wellen verzerrten ihr Spiegelbild und ließen es unstet auf und ab hüpfen. Über ihrer Schulter bemerkte sie etwas weißes und als sie sich überrascht bewegte, erhoben sich zwei mächtige, schimmernde Schwingen mit einem leisen Rascheln.
“Also doch ein Engel,” flüsterte sie und sie sah, wie sich das Gesicht ihres Spiegelbilds zu einem glücklichen Lächeln verzog.
Sie beugte sich erneut etwas weiter nach vorne.
“Wo bist du?” flüsterte sie und konzentrierte sich auf den Grund des Sees, der nur im ersten Moment schlammig und mit Moos und Algen bewachsen schien.
Sie hatte eine Weile üben müssen, bis sie es schaffte die Welt dahinter zu erkennen. Manche Seelen in der Zwischenebene schafften es niemals. Man benötigte einen wirklich guten Grund, etwas, das einen mit der Welt der Lebenden so fest verband, dass man Raum und Zeit überwinden konnte.
Doch heute schien es auch bei Rachel nicht zu funktionieren. Angst überkam sie. Hatte sie die Fähigkeit zu sehen verloren? Undenkbar! Sie konnte unmöglich hier bleiben ohne zu wissen, wie es AJ ging, ob er sein Versprechen hielt und versuchte ein glückliches Leben zu führen.
Plötzlich fühlte sie einen ungeheuren Ruck, der durch ihren Körper ging und mit dem nächsten Wimpernschlag blickte sie plötzlich in Sein Gesicht.
Das erste Mal seit sie ihn kannte, konnte sie ihm direkt in die Augen sehen. Sie wirkten wie die Augen jedes beliebigen Menschens, mit dem einzigen Unterschied, dass sie tiefer und klarer zu sein schienen als alles, was sie bisher gesehen hatte.
Sein Gesicht schien alterslos. Keine Falte fand sich in seiner glatten, reinen Haut, sein Haar fiel im lang und kräftig bis auf den Kragen seines weißen Hemdes, das lässig über seine Jeans fiel. Er trug keine Schuhe und seine nackten Zehen wippten lustig auf und ab, während er sie amüsiert musterte.
Erst jetzt bemerkte Rachel, dass sie nicht mehr am Rande des Wassers kauerte. Sie saß auf einer kleinen Holzbank, die sich wiederum in einem kleinen Ruderboot befand. Sie trieben auf dem Wasser dahin, das leichte Schaukeln beruhigte den Aufruhr in ihr und sie fühlte sich endlich in der Lage zu sprechen.
“Es war zu früh,” sagte sie und erschrak, dass sie ausgerechnet damit zu erst heraus geplatzt war.
“Wieso zu früh?” fragte er nachsichtig zurück. Seine Stimme klang angenehm dunkel und beruhigend und Rachel entspannte sich wieder etwas.
“Ich dachte, ich hätte noch bis zum Morgen Zeit. 40 Tage hieß es doch, oder etwa nicht?”
“40 Tage von dem Moment an, als du zurück auf die Erde gegangen bist,” erklärte er. “Du bist in der Nacht zurückgekehrt und in der Nacht wieder gegangen. Genau 40 Tage wie ausgemacht. Ich halte meine Versprechen.”
“Sicher,” nickte Rachel sofort und senkte den Blick. Aus irgendeinem Grund hatte sie wohl die Nacht, als sie AJ aus dem Autowrack rettete vergessen. Sie zählte eigentlich erst, seit er am darauffolgenden Morgen entgültig erwacht war. Ein Fehler, den sie teuer bezahlt hatte, wie sie fand.
Stille breitete sich zwischen ihnen aus, doch Rachel empfand dies nicht als unangenehm. Im Gegenteil. Sie hatte das Gefühl, das sie ganz langsam zur Ruhe kam, dass sich der Aufruhr und die Angst, mit der sie die letzten 40 Tage gelebt hatte, ganz langsam legte und sie sich das erste Mal nach einer unvorstellbaren langen Zeit wieder entspannen konnte.
Schließlich sprach er weiter. “Du hast deine Sache sehr gut gemacht.”
“Danke,” lächelte Rachel.
“Er wird es schaffen, denke ich.”
“Das ist gut zu wissen,” sagte Rachel und biss sich auf die Unterlippe. Wie gerne wäre sie jetzt bei ihm!
“Ich verstehe euch Menschen manchmal nicht,” sagte ihr Gegenüber und verständnislos sah sie zu ihm hinüber.
“Wie meint ihr das?”
“Das hier … ,” er machte eine ausholende Geste, die den See und alles dahinter mit einschloss “ … ist das Paradies. Ihr bekommt alles, was ihr euch nur wünschen könnt und trotzdem ist das manchen nicht genug. Erklär mir das.”
“Ihr meint, ich soll euch die Liebe erklären?” fragte Rachel verständnislos.
“Ich kenne die Liebe in sämtlichen Fassetten,” sagte Er und seine Stirn legte sich in missbilligende Falten. “Und trotzdem scheint es einen Aspekt daran zu geben, den ich nicht verstehe.”
“Habt ihr … sie nie … selbst erlebt?” fragte Rachel vorsichtig.
“Scheinbar nicht, denn ich verstehe nicht, dass ihr so sehnsüchtig hinunter in die Welt der Lebenden starrt und euch wünscht, ihr könntet dort sein. Dort unten herrscht Hass und Angst. Menschen töten ihresgleichen jeden Tag. Sie betrügen, lügen und quälen. Was ist daran so erstrebenswert?”
Rachel dachte einen Moment darüber nach. Wie sollte man Ihm die Liebe erkären? Ihm, der sie angeblich erfunden hatte.
“Die Liebe ist stärker als alle Vernunft,” begann Rachel also. “Sie kann Berge versetzten. Sie gibt Stärke, wo sie gebraucht wird und vermittelte Geborgenheit. Die Liebe macht eine Seele erst vollkommen.
Sicherlich kann sie auch zerstören und quälen, sie kann Menschen töten und Hass und Angst säen. Aber … ohne die Liebe, ist ein Leben nichts wert.”
“Und nun, da dein Leben vorbei ist … brauchst du sie immer noch?” fragte er nach.
“Ob ich sie brauche?” Rachel überlegte lange, bevor sie antwortete. “Ich kann mir mittlerweile vorstellen ohne AJ zu sein, weil ich weiß, dass er seinen Weg gehen wird und hoffentlich sein Glück findet. Aber ohne die Liebe … nein, ohne seine Liebe könnte ich nicht leben. Ich habe sie hier drin,” sie tippte auf die Stelle, unter der sich irgendwann einmal ihr Herz befunden hatte. “Und nicht einmal der Tod vermochte sie mir zu nehmen. Jetzt sagt ihr mir … wenn etwas so stark ist, wie kann es dann etwas schlechtes sein?”
“Ich habe nie gesagt, dass es etwas schlechtes ist. Ich … verstehe es nur nicht.”
“Und ich dachte, ihr wärt allmächtig, allwissend und sowieso der Größte,” schmunzelte sie, nur um es gleich darauf zu bereuen. Wer machte sich schon ungestraft über Ihn lustig?
Doch entweder hatte er sie nicht gehört, oder es war ihm egal.
“Glaubst du, die Menschen lieben mich?” fragte er unvermittelt und überrascht sah Rachel zu ihm hinüber.
“Ich würde sagen … sie sehen zu euch auf, das ist etwas anderes. Es mag sicherlich auch solche geben, die euch wirklich lieben. Lieben im Sinne von … sein Herz verschenken … aber … normaler Weise … ist es eher so eine Art … hm … blindes Vertrauen, das sie euch entgegen bringen. Ein Vetrauen in eure Stärke und eure Macht.”
Er nickte, so, als hätte er dies bereits gewußt und nur noch einmal eine Bestätigung von ihr gewollt.
“Als Alexander mit mir gesprochen hat,” sagte er “da war in seinem Herzen eine ähnliche Liebe, wie in deinem. Ich habe schon oft gehört, wie Menschen mich darum baten, ihnen ihre Liebsten zu lassen. Ob sie nun krank oder durch irgendetwas anderes dem Tode nahe waren.
Aber er war einer der wenigen, der … sein Herzen nicht vor mir verschlossen hat. Er hat sein Leben und sein Wohlergehen in meine Hände gelegt. Und das alles für dich. Seitdem denke ich darüber nach.”
“Worüber?” fragte Rachel verständnislos.
“Ob ich die Regeln brechen sollte.”
“Die Regeln?” piepste Rachel und wagte noch nicht zu glauben, was er da gerade eben angedeutet hatte.
“Ja, manchmal tue ich das. Die Regeln brechen, den Menschen beweisen, dass ich durchaus in der Lage bin ihre Welt zu verstehen.”
Rachel schwieg, weil sie nicht wußte, was sie sagen sollte. Wenn sie geglaubt hätte, dass es irgendetwas nützte, hätte sie sich vor ihm auf den Boden geworfen und hätte ihn angefleht sie wieder zurück zu schicken, doch sie hatte so eine Ahnung, dass sie nichts sagen oder tun konnte, was seine Entscheidung beeinflussen würde, also zog sie die Lippen zwischen ihre Zähne und wartete.
“Ich kann deine Gedanken hören,” lächelte er.
“Und was sagen sie?”
“Sie flüstern bitte schick mich zurück.” Sein Lächeln wurde breiter.
Rachel wagte nicht mehr ihn anzusehen. Sie hatte Angst irgendetwas falsches zu sagen oder zu tun.
Schließlich lies er einen tiefen Seufzer hören. “Also gut. Du bekommst noch eine Chance. Aber glaub nicht, dass ich es dir leicht mache. Du hast zwar bereits bewiesen, dass du durchaus ein würdiger Engel bist, aber wenn du dein Leben wieder aufnehmen willst, wird es etwas mehr brauchen.”
Rachel wagte noch nicht ihr Glück zu fassen, deshalb starrte sie weiterhin hinunter auf ihre Füße und wartete zum Zerreißen gespannt auf seine nächsten Worte.
“Ich wünsche dir viel Glück Rachel. Ich denke, du hättest es verdient und vielleicht ist das auch mit ein Grund, warum ich jetzt das tue, was ich tue.”
Sie hatte kaum noch Zeit ihren Kopf zu heben und ihm ein strahlendes Lächeln zu schenken, da kam bereits ein heftiger Wind auf und riss an ihren Kleidern und ihrem Haar. Das kleine Boot begann gefährlich zu schwanken und etwas ängstlich klammerte sie sich mit beiden Händen am Rand fest.
“Du solltest lernen loszulassen,” grinste ihr Gegenüber, dann bekam sie einen gewaltigen Stoß vor die Brust, der unmöglich von Ihm hatte kommen können und mit einem erstickten Schrei fiel sie hinten über und schlug mit einem lauten Platschen im Wasser auf.
Sofort wurde sie nach unten gezogen, ihre Kleider fühlten sich an, als wögen sie eine Tonne und unaufhaltsam driftete sie dem Grund des Sees entgegen. Mit geschlossenen Augen ergab sich Rachel in ihr Schicksal. Sie hoffte nur, dass sie am Ende auch tatsächlich dort landete, wo sie sich hinwünschte: In AJs Arme, mit dem beruhigenden Wissen, dass sie jede Menge Zeit hatten ihr Leben gemeinsam zu verbringen.
Doch als die Wirklichkeit mit einem Ruck vor ihrem geistigen Augen einrastete, war ihr kalt und ihr Herz fühlte sich bleischwer an. Sie war unendlich traurig und ein übermenschlicher Druck lastete auf ihren Schultern. Was war nur passiert?
Ängstlich sah sie sich um. Sie befand sich in einem dunklen Garten auf einer Schaukel, auf der sie sachte hin und her schwang. Von weit her drang der Lärm von vielen Menschen und Musik zu ihr und orientierungslos fragte sie sich, ob Er vielleicht einen Fehler gemacht hatte. Befand sie sich vielleicht in der Zukunft? An einem Ort, den sie noch nie vorher betreten hatte?
In diesem Moment raschelte vor ihr ein Busch und eine Gestalt kam in ihr Blickfeld gewankt.
“Oh mein Gott,” entfuhr es ihr, als ihr endlich aufging, wo sie hier gelandet war. Ein Lachen stieg in ihrer Kehle auf und Tränen des Glücks sammelten sich in ihren Augenwinkeln. Mit einer schnelle Bewegung schob sie den Ärmel ihres Pullovers nach oben. Keine Narbe. Die weiche Haut ihres Unterarms war unversehrt und schimmerte hell im Mondlicht.
Sie sah wieder auf und bemerkte AJ, der gerade seinen Hosenstall schloss und einen befriedigten Seufzer von sich gab. Dann entdeckte er sie und ein strahlendes Leuchten erhellte sein Gesicht.
“Hey,” sagte er und kam auf sie zugetorkelt.
“Hallo,” entgegnete Rachel und konnte ihr wie wild schlagendes Herz kaum im Zaum halten. Er sah furchtbar aus. Furchtbar betrunken, aber das alles war ihr im Moment egal. Wie durch ein Wunder war sie zurück gekehrt in die Nacht, in der sie AJ das erste Mal begegnet war und diesmal würde sie diese Chance nicht so einfach verstreichen lassen.
“Ne schöne Nacht, was?” sagte er, griff nach einem der Seile, mit dem die Schaukel am Baum befestigt war und hielt sich daran schwankend aufrecht, so dass Rachel beinahe herunter gefallen wäre.
“Ja, wunderschön,” hauchte sie, dann stand sie auf und schlang ihre Arme um den völlig verdutzten AJ. “Ich habe dich soooo sehr vermisst,” murmelte sie.
“Kennen wir uns?” fragte AJ hörbar verwirrt und versuchte sie ein Stück von sich zu schieben.
“Noch nicht,” lächelte Rachel und trat ein Stück zurück. “Aber wenn du mich lässt, bin ich das beste, was dir jemals passieren ist. Und umgekehrt genau so.”

Epilog